Ein Drittel Spaniens droht zur Wüste zu werden

Neben der Klimaerwärmung sind dafür zahlreiche hausgemachte Faktoren verantwortlich, jetzt schon herrscht eine extreme Trockenheit

Zum Weltwüstentag am 17. Juni hatten Klimaexperten vor einer fortschreitenden Wüstenbildung auf der Welt gewarnt. Zwei Milliarden Menschen seien von der fatalen Entwicklung bedroht. Das Phänomen kann nicht nur in der sogenannten Dritten Welt beobachtet werden, sondern tritt auch in Europa deutlich auf der iberischen Halbinsel auf. Zwei Drittel Spaniens seien von Wüstenbildung betroffen. Das zudem unter einer extremen Dürre leidet. Notmaßnahmen sollen Wasser sparen helfen und einer modernen Form der "Brandrodung" soll mit einem "Berggesetz" begegnet werden.

"Die Zahl der Menschen, die von der Wüstenbildung betroffen ist, ist wohl größer als die von jedem anderen Umweltproblem betroffenen", heißt es in dem Bericht zum Weltwüstentag. Er basiert auf Daten des Millennium Ecosystem Assessment, einer 22 Millionen US-Dollar teuren Studie, an der rund 1.300 Forscher aus 95 Ländern beteiligt waren (Die meisten Ökosysteme im roten Bereich). "Wüstenbildung ist ein enormes globales Problem, das direkt zwei Milliarden Menschen in Tockengebieten betrifft", heißt es in der Studie des Internationalen Netzwerks Wasser, Umwelt und Gesundheit (INWEH). Sie warnt davor, dass die "Desertifikation" eine Welle von Umweltflüchtlingen nach sich ziehe. Schon jetzt sei das Phänomen für viele Gesundheitsprobleme verantwortlich.

Die Zunahme der mit der Desertifikation zusammen hängenden Staubstürme wird verbreitet als Urheber von Krankheiten (Fieber, Husten und geschwollenen Augen) in der Trockenzeit angesehen.

Jedes Frühjahr stiegen dicke Staub- und Sandwolken aus der Wüste Gobi in Zentralasien auf und legten sich nicht nur über weite Teile Chinas, Koreas und Japans. Sie beeinträchtigten sogar die Luftqualität in Nordamerika, heißt es in der Studie. 10 bis 20 Prozent der Trockengebiete und produktives Agrarland seien von Desertifikation bedroht. Die UNO befürchtet sogar, weitere 30 Prozent der Landfläche würden sich in Wüsten verwandeln, wenn die Entwicklung nicht gestoppt werde. Verantwortlich dafür macht sie das Bevölkerungswachstum, die Erderwärmung, aber auch der Globalisierungsprozess.

Dieses Umweltproblem ist längst bekannt. Schon vor fast 30 Jahren hatten sich 95 Staaten während einer UN-Konferenz auf Aktionspläne geeinigt. Doch ähnlich wie die Verminderung des Klimagases CO2 wurde das Ziel nicht erreicht, 30 Millionen Quadratkilometer Land vor der Wüstenbildung retten. Argumentiert wird gerne, den betroffenen Staaten fehle es an Geld.

Doch das ist zu einfach. Denn letzte Woche hat das spanische Umweltministerium einen Bericht vorgelegt, wonach ein Drittel des Landes von Desertifikation betroffen sei. Verantwortlich dafür seien: Entwaldung, Erosion und nicht zuletzt die vielen Brände. Nach Angaben der zuständigen Direktion im Umweltministerium kämen dazu "falsche landwirtschaftliche Praktiken, starker Einsatz landwirtschaftlicher Produkte und eine falsche Anwendung von Bewässerung", sagte die Direktorin des Sekretariats für Forstpolitik und Desertifikation María Jesús Rodríguez de Sancho.

Die verschiedenen Faktoren spielen zusammen. Das Land, so sagen Klimaforscher, werde die Klimaveränderung besonders hart treffen. Die derzeitige Dürre sei der Anfang einer Entwicklung. Ende des Jahrhunderts könnten die Temperaturen im Jahresdurchschnitt auf der um drei bis fünf Grad höher liegen. Was das für den Wasserhaushalt bedeutet, lässt sich anhand der Daten für dieses Jahr ausmalen.

Die sind alarmierend. So gab es nach Angaben des Meteorologischen Instituts (INM) in den ersten Monaten dieses Jahres, in denen es sonst stark regnet, 22 Prozent weniger Niederschlag als in den Jahren 1993 und 1995, als Spanien die heftigste Dürre der letzten 15 Jahre erlebte. Im "hydraulischen Jahr", das am 1. September 2004 begonnen hat, lägen die Niederschläge 37 % unter dem Durchschnitt. Das INM erklärte nun, man erlebe eine "extreme Trockenheit", wie seit 1947 nicht mehr.

Die fehlende Niederschläge zeichnen sich auch in den fast 900 Stauseen des Landes ab. Deren Wasserstand liegt bei 57 %, im letzten Jahr lag er noch etwa 15 % darüber. Einige Seen, wie in den Tälern des Segura, weisen nur noch 16% der möglichen Füllmenge auf. Dabei hat Spanien schon die Wassermenge reduziert, welche über die Grenze nach Portugal fließt, um selbst mehr Wasser zu haben (Iberische Flüsse in Not). Portugal hat den Nachbarn nun auf Schadensersatz von sechs Millionen Euro wegen der Nichteinhaltung vertraglich zugesicherter Wassermengen verklagt. Denn auch Portugal wird von der heftigsten Dürre seit 60 Jahren heimgesucht.

Die spanische Regierung ergreift Maßnahmen. Schon im Frühjahr begann sie die Bevölkerung aufzufordern, Wasser zu sparen. An vielen Stränden wurden die Duschen stillgelegt und vielerorts wurde der Wasserdruck reduziert, das Befüllen von Swimmingpools und die Autowäsche verboten. Die spanische Hauptstadt Madrid, in der mehr als drei Millionen Menschen leben, rüstet sich für die drohende Katastrophe und schließt Beschränkungen für die Verbraucher nicht mehr aus. Die Umweltministerin Cristina Narbona hofft nur noch auf ein Regenwunder und fleht die 43 Millionen Landsleute an: "Bitte sparen Sie Wasser."

Der Verantwortliche für Wasser im Umweltministerium, Jaime Palop, setzt in dem Land, das in Europa zu den Spitzenverbrauchern zählt, auch auf die Schaffung von Bewusstsein. "Wir müssen die Leute zu einem rationalen Umgang mit Wasser erziehen". So könnte man weitere Beschränkungen vermeiden, gibt sich Palop noch optimistisch.

Die sozialistische Umweltministerin macht die konservativen Vorgänger für die Lage verantwortlich. Die Volkspartei (PP) habe nichts zur Vorbeugung unternommen, klagte Narbona. Nur 15 Prozent der Bewässerungssysteme arbeiteten effizient, in den anderen werde Wasser verschwendet. Offene Kanäle ließen es ungehindert verdunsten, allein hier könnten mehr als zehn Prozent des Verbrauchs gespart werden. Mit 300 Millionen Euro werden nun Kanäle und Wasserspeicher modernisiert, denn nur etwa ein Drittel des eingespeisten Wassers kommt beim Verbraucher an.

Auch an anderer Stelle hat die PP gepatzt, weshalb sich die Sozialisten seit der Machtübernahme im letzten Jahr auch damit herumschlagen müssen, dass Spanien ganz oben auf der Liste der Klimasünder steht (Spanien liegt an der Spitze beim Verstoß gegen Kyoto). 2004 stieg der Ausstoß von CO2 um 45,61 %. Wegen einer nachholenden Entwicklung war dem Land ein Zuwachs von 15 Prozent zugebilligt worden.

Fehlende Niederschläge, falscher Wassereinsatz und mangelnde forstwirtschaftliche Maßnahmen tragen wiederum dazu bei, dass es schon vor Sommerbeginn an allen Ecken brennt. Auch dagegen will die Regierung nun Maßnahmen ergreifen. Eigentlich sollte das "Berggesetz" schon zum Jahresende als Reaktion auf die vielen Brände im letzten Jahr fertig sein. Es sieht weniger Prävention und Löscheinheiten vor, der wesentliche Punkt ist, dass abgebrannte Flächen in den folgenden 30 Jahren nicht als Bauland oder Anbaufläche umgewidmet werden können.

Denn die meisten Brände werden vorsätzlich gelegt. So setzt die Regierung hier den Hebel an. Eigens soll eine Staatsanwaltschaft zur Verfolgung dieser Verbrechen gegen die Umwelt eingerichtet werden. Bisher mussten Brandstifter nicht fürchten, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Nicht einmal fünf Prozent der Fälle werden aufgeklärt. Das soll sich über den "Superstaatsanwalt" ändern, der die Koordination zwischen den verschiedenen Regionen übernimmt und die Strafverfolgung vorantreiben soll.

Die Tendenz zu einer modernen Form der "Brandrohdung" ist mit der sich aufblähenden Immobilienblase in den letzten Jahren gestiegen (Spanien schlittert weiter in Richtung Abgrund). Mindestens 60 % der Brände im vergangenen Jahr gehen auf das Konto von Brandstiftern. Von 26 Millionen Hektar Wald und Buschland, 51 Prozent der gesamten Fläche in Spanien, waren in den letzten zehn Jahren fast zwei Millionen Hektar Fläche von Bränden betroffen.

"Das Wichtigste ist, dass es erst gar nicht zu Bränden kommt. Und wenn sie entstehen, müssen sie so schnell wie möglich gelöscht werden", erklärte die Umweltministerin ihren Plan, alle Wälder zu schützen. Vorgesehen ist auch eine "nachhaltige Bewirtschaftung". Das viele Unterholz, das sich durch fehlende Bewirtschaftung angehäuft hat, birgt die Gefahr, dass sich kleine Brände sehr schnell ausbreiten. Aber auch eine falsche, noch dazu subventionierte Aufforstung mit Monokulturen aus Nadelholz ist dafür verantwortlich. Das wächst zwar schnell, bietet bei der Trockenheit den Flammen aber viel Nahrung.

Doch nicht nur die Dürre wird 2005 zu einem Rekordjahr für Waldbrände machen. Da das Berggesetz erst zum Jahresende in Kraft treten kann, es muss zuvor noch das Parlament passieren, werden Spekulanten die Dürre noch für ihre Ziele nutzen, bevor die Umwidmung in Bau- oder Ackerfläche nach einem Brand unmöglich wird. (Ralf Streck)

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