Ein Drittel der Deutschen kann mit dem Wort Nachhaltigkeit nichts verbinden

Das eigentlich längst zum Unwort zu erklärende Wort ist nun der Hauptbegriff des Wissenschaftsjahres 2012

Das Wissenschaftsjahr 2012 steht nicht, wie man erwarten könnte, unter der Perspektive, wie sich Wirtschafts- und Finanzsysteme krisenfester und sozial- sowie umweltfreundlicher gestalten ließen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung setzt da schon höher an und thematisiert gleich einmal das Zukunftsprojekt Erde. Das ist vielleicht auch politisch besser vermittelbar, da zwar dramatischer, aber mit allen guten Projekten und Absichten auch eher im Ungefähren verbleibend.

Und wenn es um die Ausgestaltung des Themas geht, so fällt inflationär der Begriff der Nachhaltigkeit, den jeder gerne ausspricht, um etwas zu adeln, als ob mit Nachhaltigkeit von diesem und jenem das grüne Raumschiff Erde zu retten wäre: "Forschung für nachhaltige Entwicklungen" soll das Wissenschaftsjahr herausstellen: "Sie ist der Schlüssel für die Zukunft. Dabei richtet sich der Blick im Wissenschaftsjahr 2012 auf die Forschungsansätze, die wirtschaftliche, ökologische und soziale Aspekte gleichzeitig umfassen, also alle Aspekte der Nachhaltigkeit." Es wird auch angehoben, den "Modebegriff" zu klären oder zu definieren, den zwar jeder schon mal gehört hat, aber nur wenige verstehen und den viele auch missbrauchen, um sich das grüne Mäntelchen des Zeitgeistes umzuhängen. Schließlich könnte nachhaltig auch bedeuten, irgendeine Struktur zu bewahren.

Verwiesen wird auf die aus dem Jahr 1987 stammende Definition einer UN-Kommission unter der Leitung der damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland:

Den Bedürfnissen der heutigen Generation zu entsprechen, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.

Daraus macht man aber im Ministerium dann den Sprung zu dem, was die nationale Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung sein soll:

Kreative Lösungen und technische Innovationen sollen dazu beitragen, umweltverträgliche und ressourcensparende Produktions- und Konsummuster voranzutreiben.

Das ist dann schon eher Wirtschafts- und Forschungsförderungspolitik. In die Nachhaltigkeitsstrategie gehört irgendwie aber auch der Afghanistan-Einsatz. Da muss dann die erwünschte Stabilität mit der erwarteten Zukunft Afghanistans einhergehen: Afghanistan "muss als gleichbe­rechtigtes Mitglied der Staatenge­mein­schaft nachhaltig zu Frieden und Stabilität in der Region beitragen". Das macht deutlich, dass die Bundesregierung selbst zur Vieldeutig- und Undeutlichkeit beiträgt und das Wort gerne und häufig gebraucht, weil es vermeintlich gute Intentionen vermittelt.

Zum Wissenschaftsjahr hat man, um dem zentralen Begriff mehr Bedeutung zu verleihen, im Januar vom Meinungsforschungsinstitut Forsa eine Umfrage durchführen lassen. Es wurde danach gefragt, was die Menschen mit dem Begriff Nachhaltigkeit verbinden.

36 Prozent gaben an, dass sie damit gar nichts verbinden können. Interessant ist, dass bei den 18-29-Jährigen sogar 43 Prozent mit dem Begriff nichts verbinden - was sie mit den Über-60-Jährigen gemeinsam haben. 42 Prozent von diesen sagt der Begriff auch nichts. Am ehesten vertraut ist er der mittleren Generation, die vermutlich auch die Hauptschicht der grünen Wähler bildet. Allerdings haben hier viele auch nur eine ungefähre Ahnung. So verbinden wie in den anderen Altersgruppen mehr als 20 Prozent den Begriff nur mit "Beständigkeit, Dauerhaftigkeit, Langfristigkeit".

22 Prozent von denen, die mit Nachhaltigkeit überhaupt etwas verbinden können, fällt aber beispielsweise wieder zu "nachhaltiger Stadtentwicklung" nichts ein. 18 Prozent stellen sich dabei nur eine überhaupt "zukunftsorientierte Stadtgestaltung bzw.-planung" vor. Die übrigen nennen dies und jenes, was eigentlich weniger auf die Unwissenheit der Menschen, sondern auf Defizite des Begriffs verweist, der in den letzten Jahren verschlissen und ausgehöhlt wurde. Er wurde immer mehr zum Abnickbegriff, ohne den eine anspruchsvolle Erklärung nicht auskommt.

Den Kauf von "ökologischen Produkten" finden die wenigsten wichtig für eine "nachhaltige Gestaltung der Welt". Da ist den meisten am wichtigsten: Sicherung bzw. Schaffung eines guten Bildungssystems, Ausbau erneuerbarer Energien, Abbau der Staatsverschuldung, klimaschonende und umweltfreundliche Industrieproduktion oder Vermeidung und Wiederverwertung von Abfällen.

Wie ernst man das alles nehmen kann, zeigt etwa, dass die Hälfte der Befragten sagt, sie würden "immer (12 %) oder meistens (38 %) Produkte aus fairem Handel oder biologischer Herstellung bevorzugen". Da verstecken sich die meisten hinter einem schicken grünen Mäntelchen, was wohl auch bei Geldanlagen der Fall ist, wo 10 Prozent immer und 22 Prozent meistens darauf achten, "dass soziale Aspekte und Aspekte des Umweltschutzes beachtet werden".

Die Verantwortlichen für das Wissenschaftsjahr leiten aus dem Ergebnis die Existenzberechtigung des Projekts ab, also die "gesellschaftliche Debatte über die Ziele, Herausforderungen und Aktionsfelder einer nachhaltigen Entwicklung" zu fördern und diese nachhaltige Entwicklung einer "breiten Öffentlichkeit zugänglich" zu machen, wobei besonders die jungen Menschen im Visier stünden, "bei denen - wie die Forsa-Umfrage zeigt - Nachhaltigkeitsziele weniger verankert sind als bei älteren Befragten".

Aus welchen und wahrscheinlich anderen Gründen als die alten Menschen die jungen Menschen die Nachhaltigkeitsrhetorik ausblenden oder für nicht so wichtig erachten, wäre für den Zweck vielleicht wichtiger zu beantworten gewesen, als ihnen die nachhaltige Entwicklung mitsamt den gängigen Diskursen einzubläuen. Aber dann hätte man nicht nachhaltig das einmal gestartete Projekt durchziehen können, sondern es vielleicht teilweise mit anderen Fragestellungen verändern müssen. (Florian Rötzer)

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