Ein Fünftel der Niederländer glaubt, ihre Regierung würde bei MH17 etwas vertuschen

Ein Drittel könne nach einer Umfrage oft nicht zwischen wahren und falschen Nachrichten unterscheiden, Regierungs- und Medienmisstrauen ist bei den Rechtspopulisten am höchsten

Die niederländische Zeitung Volkskrant hat am 23. Dezember eine Umfrage über Fake News sowie den MH-17-Fall veröffentlicht, der von dem Gemeinsamen Ermittlungsteam unter Leitung des niederländischen Staatsanwalts Westerbeke aufgeklärt und nach niederländischem Recht vor einem niederländisches Gericht verhandelt werden soll.

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Gerade machte wiedereine Fake News die Runde. Ausgerechnet ein russisches Medium dient als Quelle für ukrainische Medien, die die angebliche Nachricht verbreiten, dass das JIT die Namen von 120 Verdächtigen veröffentlichen werde, die für den Abschuss der MH17 zur Verantwortung gezogen werden.

MK.ru hatte gestern berichtet, dass die Namen heute bekannt gegeben würden und beruft sich dabei wieder auf eine anonyme Quelle aus dem ukrainischen Außenministerium. Garniert wird der Bericht mit einem Gerücht eines "Anti-Maidan"-Aktivisten, dass die Ukraine eine erneute "blutige Provokation" begehen könnte, die mit dem Abschuss der MH17 vergleichbar sei.

Der stellvertretende ukrainische Generalstaatsanwalt Yevhen Yenin wies die Meldung als "feindliche Propaganda" zurück. Die Namen würden veröffentlicht, wenn die Verdächtigen offiziell angeklagt werden. Es gehe auch nicht um 120 Personen. "Moskau", so strickt Yenin selbst wieder ein Gerücht, wolle mit dieser Information nur die Aufmerksamkeit von der Smolensk-Tragödie ablenken. Vermutlich spielte er damit auf Flugzeugabsturz bei Smolensk am 10. April 2010 an, bei dem alle 96 polnischen Insassen getötet, darunter auch Polens Staatspräsident Lech Kaczyński. Dessen Bruder ist weiter davon überzeugt, dass es sich um einen russischen Anschlag handelte.

Über MH17 kursieren weiter zahlreiche Theorien, das Gemeinsame Ermittlungsteam hat sich aber bereits darauf festgelegt, dass das Buk-System, mit dem die MH17 von einem von den Separatisten kontrollierten Gebiet abgeschossen wurde, aus Russland kam und anschließend wieder dorthin zurückgebracht wurde. Als neue Variante erklärte gerade Westerbeke, man müsse auch berücksichtigen, dass die Maschine irrtümlich abgeschossen worden sein könnte (MH17: Kehrtwende bei der Untersuchung des Abschusses?).

Nach der repräsentativen Umfrage für Volkskrant sind größere Teile der Niederländer offensichtlich verunsichert. Ein Drittel weiß nicht mehr, was wahr und was falsch ist, nur 29 Prozent sagen, sie wüssten, wie sie "echte von gefälschten Nachrichten" unterscheiden könnten. Dabei spielt wahrscheinlich nicht nur die Verbreitung von Fake News eine Rolle, sondern auch die Diskussion über die angebliche Verbreitung und von Desinformationskampagnen.

Dass 40 Prozent der Niederländer mit geringer Bildung sagen, sie wüssten nicht, was wahr oder falsch ist, aber nur 23 Prozent der besser Gebildeten, ließe darauf schließen, dass sich die besser Gebildeten sicherer sind, Fake News erkennen zu können. Immerhin sagen das 41 Prozent, bei denjenigen mit geringerer Bildung nur 19 Prozent. Allerdings werden Nachrichten in der Regel von Akademikern oder Menschen mit höherer Bildung gemacht, so dass sich womöglich darin auch ein größeres Vertrauen in die Journalisten als Angehörige derselben Schicht spiegelt, während das Misstrauen der Unterschicht von vorneherein höher sein könnte.

Auch die niederländische Regierung geht offenbar davon aus, dass die Bürger nicht selbst in der Lage seien, Fake News zu erkennen, was immer das genauer heißen mag. Daher wird vom Innenministerium ein Anti-Fake-Programm gestartet, um die Verbreitung von Desinformation zu bekämpfen. Innenministerin Kajsa Ollongren hatte vor einer Bedrohung der Demokratie durch Desinformation gewarnt und dabei auf Russland sowie auf eine russische Website hingewiesen, die unwahre Informationen über MH17 verbreite.

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Nach der Umfrage sind 82 Prozent der Meinung, Fake News seien eine Gefahr für die Demokratie und den Rechtsstaat. Zweidrittel geben der Ministerin auch darin recht, dass die Russen mit gefälschten Nachrichten versuchen würden, den demokratischen Prozess und die Aufklärung über den Abschuss von MH17 zu beeinflussen. Allerdings ist auch jeder fünfte Niederländer überzeugt, dass die niederländische Regierung hier an einer Vertuschung beteiligt sei, näher gefragt wurde allerdings nicht. Bei den Wählern der rechten PVV (Partij voor de Vrijheid) von Geert Wilders und der rechtsliberalen FvD (Forum voor Democratie) glauben 51 bzw. 45 Prozent, dass die Regierung beim MH17-Fall etwas vertuschen will, bei den Anhängern anderer Parteien sind es zwischen 6 und 10 Prozent.

Nachrichten aus Sozialen Netzwerken wie Facebook nehmen 71 Prozent mit Skepsis auf, traditionellen Medien wie NOS News, NRC Handelsblad und Volkskrant wird dagegen großes Vertrauen entgegengebracht. 62 Prozent vertrauen ihnen, 9 Prozent nicht. Allerdings sagen gleichzeitig 44 Prozent, dass die Zeitungen politisch korrekt und damit einseitig berichten, weil sie beispielsweise nicht alle negativen Nachrichten über Asylbewerber berichten. Den Mainstreammeiden misstrauen am meisten die Anhänger von PVV, FvD, der religiös-konservativen Staatkundig Gereformeerde Partij (SGP) und der Seniorenpartei 50PLUS. (Florian Rötzer)

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