Ein Großteil des Leidensdrucks kommt von der Bespitzelung

Syrien: Gespannte Erwartung, wohin das Ganze kippen wird. Ein Gespräch mit Fabian Helms von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Aleppo

Als Anfang dieses Jahres in Tunesien und Ägypten Massenproteste stattfanden, war es in Syrien relativ ruhig geblieben. Erst im März kam es zu größeren Protesten, die eskalierten, nachdem die syrischen Sicherheitskräfte in der Stadt Daraa auf Demonstranten schossen. Hunderte von Menschen, die gegen das Regime von Präsident Bashir Assad protestierten, sollen mittlerweile getötet worden sein.

Aufgrund der ungewissen Sicherheitslage, ließ die Deutsche Botschaft in Damaskus alle offiziellen Mitarbeiter ausfliegen. Darunter auch Fabian Helms, der seit über einem Jahr für die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Aleppo ein Wasserprojekt leitete. Telepolis sprach mit ihm.

Zu uns war man nett

Wie ich hörte, mussten Sie von einem Tag auf den anderen abreisen. War die Situation so gefährlich?
Fabian Helms: Für mich gab es keinen sichtbaren Anlass. Die Botschaft erhöhte die Gefahrenstufe, was Ausreise für Teile des Botschaftspersonals, aber auch für Organisationen der Entwicklungs- und Kulturzusammenarbeit bedeutet. Zudem gab es Spekulationen, dass Syrien nach dem gewaltsamen Vorgehen gegen Demonstranten mit Sanktionen bedacht würde.
Sie haben in Aleppo gearbeitet. Was hat man dort von den Unruhen gemerkt?
Fabian Helms: Eigentlich nicht sehr viel. Im Norden Syriens ist noch kaum etwas passiert. In Aleppo sind einige mit Schildern gegen die Regierung auf die Straße gegangen, was kurz darauf von Sicherheitskräften in Zivil unterbunden wurde, aber ohne Anwendung von Gewalt.
Sie konnten sich frei bewegen, es gab keinerlei Einschränkungen?
Fabian Helms: Ja, wir konnten uns vollständig frei bewegen. Zu uns war man nett, auch an den Straßensperren und Checkpoints, die es seit letzter Woche öfters gab. Wir haben nur unsere Pässe gezeigt und wurden durch gewunken.
Sind das alles Armeeposten?
Fabian Helms: Wer da kontrollierte, konnte man nicht genau zuordnen. Da standen weiße Pick-Ups mit zivilen Nummernschildern, hatten aber auf der Ladefläche Maschinengewehre montiert. Die Leute trugen auch keine Militäruniformen, sondern eine Art Fantasiekleidung im Militärstil. Einige waren auch ganz normal angezogen, mit Hose, T-Shirt und Dreitagebart. Sie sahen nicht wie Regierungssoldaten aus, müssen aber offiziell gewesen sein.
Etwas unorthodoxes Personal mit Fantasieuniformen konnte man auch in Libyen beobachten. Wahrscheinlich Leute vom Geheimdienst?
Fabian Helms: Das nehme ich an. Die normale Polizei zieht sich zurück und spezielle Sicherheitsdienste übernehmen.
Von gewalttätigen Auseinandersetzungen haben Sie nichts mitbekommen?
Fabian Helms: Im Norden Syriens nicht, aber in Damaskus. Kurz vor meiner Abreise konnte man deutlich Schüsse in der Hauptstadt hören. Es hatte Proteste in einem Viertel namens Duma gegeben. Dort war man mit Gewalt gegen Demonstranten vorgegangen.

Ein bisschen Hoffnung, gepaart mit Angst

Wie beeinflussen derartige Vorgänge die Bevölkerung, das Ambiente in der Stadt?
Fabian Helms: Das merkt man natürlich erheblich. Normal sind die Einkaufsstraßen voll von Menschen. Diesmal konnte man nur wenige Leute sehen und die hetzten quasi durch die Stadt. Gut ein Drittel aller Geschäfte waren geschlossen, selbst am Samstagabend, an dem die Syrier gerne shoppen gehen. Man merkte es deutlich, die ganze Stimmung wirkte gedrückt. Bei den Menschen, die ich kannte, herrschte eine gespannte Erwartung, wohin das Ganze kippen wird. Ein bisschen Hoffnung, gepaart mit Angst.
Was erzählen die Menschen, welche Meinung haben sie zu den Vorgängen?
Fabian Helms: Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt welche, die erzählen, was in der staatlichen Presseagentur gesagt wird.
Nämlich?
Fabian Helms: Die Aufstände werden durch Infiltranten geschürt. Alles ist eine Verschwörung aus dem Ausland.
Für diese gibt es also keinen Grund gegen das Regime zu protestieren.
Fabian Helms: Nein. Sie nehmen die Reformversprechungen von Präsident Bashir Assad für bare Münze und haben keinen Grund auf die Straße zugehen.
Und die anderen?
Fabian Helms: Ich kenne Syrier, die gegen das Regime sind und sehr frei darüber gesprochen haben.
Man muss sich mit seiner kritischen Meinung nicht verstecken? Nur darüber zuhause im privaten Kreis auslassen?
Fabian Helms: Nein, bei den Leuten, die ich sprach, hatte man nicht den Eindruck.

30 Jahre Überwachungsstaat

Was kritisieren sie?
Fabian Helms: Sie sagen, dass es ihnen nach 30 Jahren Assad-Regime einfach reicht. Sie wollen gerne Veränderungen, wissen aber nicht, in welche Richtung, sie gehen könnten. Vorstellungen, wie es nach Bashir Assad aussehen könnte, haben die Leute nicht. Allerdings traf ich niemanden, der an den Protesten teilgenommen hat. Bei denen müsste es wohl anders sein.
Wenn Menschen auf die Straße gehen und dabei in Kauf nehmen, dass sie verhaftet, verprügelt oder sogar erschossen werden können, muss es einen Leidensdruck geben, der sie zum Protestieren bringt. Wie sieht der in Syrien aus? Worüber beklagen sich die Menschen?
Fabian Helms: Ich denke, ein Großteil des Leidensdrucks kommt von der Bespitzelung. Das haben auch Leute gesagt, denen es wirtschaftlich gut geht. Dass Grundnahrungsmittel wie Brot, Zucker oder Heizmaterial im Winter subventioniert wird, findet man natürlich prima. Aber diese ständige Überwachung, von Leuten, die man sehen kann und zum Teil kennt, diese Dauerpräsenz von Sicherheitsbehörden und Geheimdiensten stinkt den Menschen.
Der übliche Überwachungsstaat, der seinen Bürgern misstraut und sie bespitzelt.
Fabian Helms: Was noch hinzukommt, ist das Gefühl der Unsicherheit. Viele von meinen Bekannten haben Freunde oder Verwandte, die schon einmal ins Gefängnis gesteckt wurden und das ohne jeden sichtbaren Grund. Die meisten kamen zwar nach ein paar Tagen wieder frei, waren aber verprügelt oder sogar gefoltert worden.
Das Gefühl der totalen Rechtsunsicherheit.
Fabian Helms: Ja, zu wissen, dass einem das auch jeder Zeit passieren könnte.
Syrien ist ein Einparteienstaat mit behäbiger Bürokratie und Korruption. Haben Sie davon etwas bei Ihrer Arbeit gespürt?
Fabian Helms: Ehrlich gesagt, kaum. Es gibt langsame bürokratische Prozeduren, die ich aber auch aus anderen Ländern kenne. Ich habe vorher in verschiedenen Staaten Lateinamerikas gearbeitet und dort ist die Bürokratie noch wesentlich byzantinischer als in Syrien. Nur ein einfaches Beispiel: Will man in einem dieser Länder ein Auto anmelden, brauchte man dafür einen Agenten, denn ohne den geht nichts. In Syrien kann man das einfach selbst machen.

Die große Unterstützung für die Bevölkerung läuft über staatliche Subventionen

Korruption?
Fabian Helms: Wir haben nur alle darüber reden hören, aber selbst keine Erfahrungen gemacht.
Konnte man auf einem Amt mit einem Geldschein in den Papieren nichts beschleunigen? In einigen anderen arabischen Ländern funktioniert das manchmal sehr gut.
Fabian Helms: Ich muss sagen, da wurde korrekt gearbeitet. Bei der Verkehrspolizei soll es anders sein.
Bei der Unzufriedenheit mit dem Regime, über die wir vorher sprachen, spielt da auch das Gefühl sozialer Ungerechtigkeit eine Rolle? Gibt es verarmte, slumähnliche Vorstädte, wie etwa in Marokko, ohne fließendes Wasser und Elektrizität?
Fabian Helms: Ich will es mal so sagen: Jeder in Syrien hat ein Dach über dem Kopf, fließend Wasser, Elektrizität und eine Satellitenschüssel. Die meisten haben auch ein Handy.
Gibt es staatliche Unterstützung für Arbeitslose?
Fabian Helms: Ja, die gibt ist. Aber man versucht, ihnen Arbeit zu geben. Meist bei der Regierung. Da verdienen sie zwar nicht viel, aber es reicht, sich selbst und die Familie durchzubringen. Die große Unterstützung für die Bevölkerung läuft, wie schon gesagt, über staatliche Subventionen von Grundnahrungsmittel. Beispielsweise Brot ist sehr, sehr billig.
Welche Rolle spielt der Propagandaapparat in Syrien? Ist Anti-Israel-Propaganda nicht allgegenwärtig? Schließlich befindet man sich noch im Kriegszustand.
Fabian Helms: Ich habe fürchterlich wenige Plakate gegen Israel gesehen. Gegen Juden schon gar nicht, denn offiziell hat man nichts gegen sie. Jüdisches Leben hat in Syrien eine große Tradition. Heute wohnen jedoch nur mehr wenige da. Angeblich wurden sie von Israel mit Willkommensgeldern zur Ausreise animiert.

Ein Informationsproblem haben die Syrier nicht

Was ist mit dem syrischen Staatsfernsehen, das Tag für Tag eine regimetreue Propaganda liefert? Geht das die Menschen nicht auf die nerven?
Fabian Helms: Sie haben ja Alternativen. Sie sehen Al Jazeera oder Al Arabiya. Die bekommt man über Nilesat mit fast 1000 weiteren Kanälen aus der ganze Welt. Ein Informationsproblem haben die Syrier nicht.
Aber dann weiß man ja Bescheid über das brutale Vorgehen der syrischen Armee gegen Demonstranten, über die vielen Toten, die es gegeben hat.
Fabian Helms: Ja, man kann das im Fernsehen sehen. Aber, wie schon gesagt, gibt es zwei Gruppen. Die einen sagen, der Staat muss sich gegen ausländische Provokateure, gewalttätige Demonstranten und Terroristen wehren. Die anderen berichten von Bekannten, Freunden, Verwandten, die bei einer Protestveranstaltung geschlagen oder erschossen wurden. Das geht meist über acht Ecken, über Hörensagen.
In deutschen Zeitungen kann man lesen, Internet und Telefon funktionieren kaum oder gar nicht mehr in Syrien. Stimmt das?
Fabian Helms: Früher waren facebook, youtube oder Twitter in Syrien verboten. Kurz vor Beginn der Proteste wurden sie freigegeben. Plötzlich konnte man Videos auf youtube sehen, eine facebook-Seite aufmachen oder an Twitter-Kommunikation teilnehmen. Vorher ging das nur illegal über technische Tricks. Das wurde seitdem generell nicht eingeschränkt.
Ich kann meine syrische E-Mail jederzeit einsehen und mit meinen Kollegen in Damaskus uneingeschränkt telefonieren. Ausnahmen sind die Städte, in denen es Auseinandersetzungen gab und die von den Sicherheitskräften eingekreist wurden. Da kappte man die Kommunikationssysteme. (Alfred Hackensberger)