Ein Hobbit: flugunfähig - aber schwimmtüchtig

Die Neuseeländer bezeichnen sich selbst als Kiwis. Bild: Tom Appleton

Einige bisher übersehene Erkenntnisse über den neuseeländischen Kiwi

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Der Kiwi ist ein vielfältig verwertbarer Vogel. Sein Konterfei ziert eine bekannte Schuhpolitur. Er taugte dem Verlag Kiepenheuer und Witsch lange Jahre als Wappentier seiner KiWi-Reihe. Den Neuseeländern dient er als Identitätsstifter, sie nennen sich daher selber "Kiwis". Und die berühmte chinesische Stachelbeere, als Frucht aus dem Lande der Kiwis vermarktet, wird nun selber weltweit als "Kiwi" bezeichnet.

Der Vogel selbst ist bei alledem ein wenig dem Bewusstsein entglitten. So hörte ich einen jungen Deutschen den Spruch von sich geben: "Die Neuseeländer bezeichnen sich selbst als Kiwis." Was ihm offensichtlich irrsinnig komisch vorkam, weil er unmittelbar darauf in einen erstickungsträchtigen Lachanfall verfiel. Ich vermute, da entstand über seinem Kopf eine bildliche Sprechblase mit der Gleichung "Neuseeländer ist gleich kleine kugelige Frucht" - kicher, röchel, prust.

Aber nein. Es ist wie beim Dada. Bevor Dada da war, war bekanntlich Dada da. So auch hier. Bevor die Kiwi (grammatisches Geschlecht weiblich) da war, war der Kiwi (grammatisches Geschlecht männlich) da. Der Kiwi ist der Vogel, die Kiwi ist die Frucht. Beide sind interessant, aber aus verschiedenen Gründen. Der Vogel ist interessant, weil er einzigartig ist.

Zunächst einmal ist er flugunfähig, wobei sich die straußenähnlichen Laufvögel auf der ganzen Welt darin unterscheiden, dass einige noch kleine Stummelflügelchen haben, mit denen sie in der Luft wedeln können, und andere haben nicht einmal das. Es fehlt ihnen auch das Brustbein, der Kiel, an dem die Flugmuskulatur sich einst festkrallen konnte. Sie waren also vermutlich immer schon flugunfähig. Zu dieser letzteren Sorte gehört auch der Kiwi. Womit sich die Frage erübrigt, ob seine Vorfahren wohl irgendwann einmal von Übersee angeflogen kamen.

Den Kiwi gibt es nur auf Neuseeland, allerdings kannten die Maori, als sie vor 750 Jahren auf diesem Inselreich anlegten, einen polynesischen Vogel, der den gleichen Ruf ausstieß: "Ki-vi." So nannten sie denn diesen Vogel nach dem anderen, "Kiwi". Es gibt ihn in unterschiedlichen Schattierungen und Größen, grundsätzlich sind es drei, manche sagen fünf, verschiedene Arten, die sich indessen nur selten in der freien Natur begegnen, und sich deswegen auch nicht sonderlich vermischt haben. Bzw. nicht einmal die Gelegenheit dazu bekommen, weil sie schon so gut wie ausgestorben sind.

Als Schuhcreme weltbekannt

Ich kommunizierte letzthin mit einem neuseeländischen Professor (Geoffrey K. Chambers) an der Victoria University in Wellington über ein völlig anderes Thema, und wir kamen ganz nebenher auch auf den Kiwi. Ein Doktorand des Profs (Alan Cooper) hatte eine genetische Studie über den Vogel verfertigt, an der auch Allan Wilson beteiligt war. Wilson war der Begründer der Out-of-Africa-These, wonach alle heutigen Menschen von einer afrikanischen Ur-Mutter abstammen (was heute als gültige Doktrin allgemein akzeptiert wird). Wilson war ein Neuseeländer - und das genetische Forschungsinstitut in Wellington ist nach ihm benannt, auch wenn er zu Lebzeiten eher als amerikanischer Wissenschaftler gelten konnte. Diese Arbeit über den Kiwi war die letzte, an der er vor seinem Tod noch mitwirkte. Überraschenderweise gehörte auch Svante Pääbo zu den Mitautoren - der Schwede, der in Deutschland hochkarätige DNA-Studien betreibt und von den Schweden noch immer nicht mit einem Nobelpreis geehrt worden ist. Man vermutet dort, wie mir scheint, dass jeweils ein Nobelpreis pro Familie völlig ausreicht. (Sein Vater hatte auch schon einen bekommen.)

Ich bat also um eine Kopie dieser Studie aus dem Jahr 1992, nach der eigentlich kein Hahn mehr kräht, denn sie ist mittlerweile historisch geworden und von neueren Arbeiten überlagert.1

Das relevante an der Geschichte war nun aber dieses: Der Kiwi, und der mittlerweile (d.h. seit Ankunft der Maori) ausgestorbene (weil ausgerottete) Moa (den es in 11 verschiedenen Varianten gab) ebenso wie der australische Emu, der papuanische Kasuar und der südamerikanische Nandu scheinen alle auf jenem Urkontinent Gondwanaland beheimatet gewesen zu sein, der sich schließlich in die Landmassen von Südamerika, Australien/Tasmanien, Papua, und Neuseeland aufspaltete. Lange Zeit galt es für ausgemacht, dass Kiwi und Moa (wenn sie schon nicht verwandt waren) wenigstens beide seit Urzeiten auf Neuseeland gelebt hätten.

Stilisierter Kiwi auf dem Straßenpflaster in Whakatane, wo der seltene Whakatane-Kiwi nachts über die Straße rennt und leicht einmal überfahren wird. Der Photograph (Tom Appleton) kam in diesem Fall unvermeidlich mit aufs Bild.

Das Überraschende an der Studie, zu der auch fossiles Material (wie so oft in Pääbos Arbeiten) hinzugezogen wurde, war, dass Moa und Kiwi erstens mal gar nicht eng miteinander verwandt waren. Die genetische Aufspaltung ist ungefähr vergleichbar der zwischen, einerseits dem Gorilla (das wäre der Moa) und auf der anderen Seite den Schimpansen und Bonobos (das wären die Kasuaren, Emus und Kiwis). Der afrikanische Strauß (oder auch der Nandu) wären dann vielleicht der Orang Utan. (Obwohl sie miteinander gar nicht verwandt sind, und an der Stelle hinkt der Vergleich dann ein bisschen. Ich will hier auch nur aufzeigen, wie Kiwi und Moa, obwohl geographisch zusammengepfercht, auf dem molekularen Level gar nicht zueinander gehören.)

Die Frage stellt sich jedenfalls, wie kamen Kiwi und Moa vor 80 Millionen Jahren auf die neuseeländische Landmasse? Oder war der Moa zunächst alleine dort und der Kiwi kam später? Konnte der Ur-Kiwi noch fliegen, und entwickelte er dann seine charakteristische Flugunfähigkeit erst auf Neuseeland? Das scheint mir unwahrscheinlich, denn es fehlt ja das Brustbein. Gewiss hätte die Evolution des Kiwis über 50 oder 60 Millionen Jahre einen flugfähigen tagaktiven Vogel zu einem flugunfähigen und komplett nachtaktiven Quasi-Säugetier umwandeln können. Aber wieso hat der Kiwi dann an seinen nutzlosen Flügelstummeln noch immer die Krallen hängen, die beim Kasuar wenigstens als Nahkampf-Waffen dienen? Beim Kiwi sind sie komplett redundant. Das heißt also, die Umwandlung zur Flugunfähigkeit geschah bereits beim Vorfahren von Kiwi, Emu und Kasuar.

Der entscheidende Satz in dieser Arbeit, den in Neuseeland offenbar jedermann geflissentlich überhört hat, lautet: Die unwahrscheinlichere Alternative (wohlgemerkt zur Flugfähigkeit des Ur-Kiwis) wäre, dass der Kiwi-Vorfahre erst später schwimmend in Neuseeland eintraf.2

Also, ich behaupte nicht, dass das eine Erfindung von mir sei. Ich zitiere nur die ursprünglich von den Autoren selbst in den Raum gestellte - aber dann angezweifelte -Hypothese, dass der Kiwi ursprünglich schwimmend in Neuseeland eintraf. Und ich halte das nun umgekehrt für gar nicht so unwahrscheinlich, eben, weil ich die angeblich wahrscheinlichere Version, dass der Ur-Kiwi fliegen konnte, für noch unwahrscheinlicher halte.

Feine Krimis mit KIWI-Symbol

Die Lösung dieses Rätsels bedarf keines besonderen detektivischen Scharfsinns. Bedenken wir einmal, dass allein in den letzten 20 Millionen Jahren das Mittelmeer drei oder vier Mal komplett ausgetrocknet ist, und dass der Meerespegel aller Ozeane immer wieder mal bis zu 150 Meter absank, dann verringern sich auch die Distanzen zwischen den verschiedenen Landmassen, insbesondere, wenn sie noch nicht soweit auseinandergedriftet waren wie heute.

Andererseits wissen wir seit den Tagen der Pril-Ente, dass man beispielsweise ein Huhn einfetten müsste, wenn es schwimmen sollte. Und selbst dann wären seine nicht mit Schwimmhäuten versehenen Krallenfüße nicht eben hilfreich beim Padeln. Der Kiwi hat, so besehen, die falschen Flossen und ist auch ungefähr so groß wie ein Huhn. Dieses Tier, so wie es ist, hat keine Chance als Schwimmvogel.

Wiederum andererseits wissen wir seit Thor Heyerdahls Kon-Tiki-Expedition von 1947 (bzw. seit dem dazugehörigen Bestseller mit einer Auflage von 50 Millionen oder dem dazugehörigen Film von 2012), dass alle möglichen Dinge auf den Ozeanen herumdriften und irgendwann mal auch auf Land stoßen. Die kleinen Pazifikinseln, oft vulkanischen Ursprungs, mussten erst Millionen Jahre lang mit dem Guano der Seevögel begossen werden, bis die Pflanzen, die dort eintrafen, auch eine Chance hatten, Wurzeln zu schlagen. Ich persönlich finde Heyerdahls Bücher sehr lesenwert, aber die Rolle des Menschen scheint mir bei der Begrünung des Pazifiks eher nebensächlich gewesen zu sein.

Wir haben die Gegenbeispiele heute vor Augen. Die gigantischen schwimmenden Müllinseln im Nord-und Südatlantik, im Nord-und Süd-Pazifik und im Indischen Ozean. Einer dieser Müll-Strudel allein ist größer als Indien und wird als "Siebter Kontinent" bezeichnet.

Der Müll aus Fukushima treibt heute bereits an der Küste von Kalifornien und Oregon und wird dort Jahrzehnte lang ein Problem darstellen.

Und das historische Beispiel ist das Sargassomeer, auch als "Insel der Verlorenen Schiffe" bekannt, ein Algenwald von der Größe des Mittelmeers. Wo sich heute noch zusätzlich der Plastikmüll verfängt und Jahrhunderte lang vor sich hin köcheln wird.

Trotzdem sind gerade dies Beispiele dafür, wie wir uns die Naturereignisse vorstellen müssen, die den Kiwi nach Neuseeland brachten. Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche fegten über die ursprüngliche Heimat des Vogels hinweg und schwemmten ganze Biotope ins Meer. Das solcherart entstandene Floß trieb so lange, bis es an irgendeinem Punkt an die Küste Neuseelands stieß.

Man mag sich diesen Prozess des Andockens des Ur-Kiwis an der Küste des Landes so ähnlich vorstellen, als zöge man am Starterseil eines motorbetriebenen Rasenmähers. Üblicherweise springt er beim dritten Versuch an. Aber auch wenn es 2000 Versuche gewesen wären, irgendwann hätte es klappen müssen. Wenn ein solches Ereignis nur einmal alle tausend Jahre passiert wäre, hätte es gerade eben zwei Millionen Jahre gebraucht, um zu funken. Einmal alle zehntausend Jahre, und es wäre nach 20 Millionen Jahren endlich passiert. Oder es wäre in 20 Millionen Jahren mehrfach passiert.

Ein schönes Beispiel für diesen Prozess war die Ankunft des Südpol-Pinguins "Happy Feet", der im Juni 2011 in Neuseeland, fern der Heimat, an Land ging. Nachdem die Tierärzte ihm den Sand und anderen Müll aus dem Magen operiert hatten, den der Vogel irrtümlich für Essbares gehalten hatte, dauerte es noch einige Wochen, bis man das wieder erstarkte Tier an Bord eines Forschungsschiffes in Richtung Südpol transportierte. Der Forschungsaufwand beschränkte sich auf Fernsehaufnahmen und ein Implantat, das kurze Zeit später nicht mehr zu orten war. Der Pinguin ist tot, hieß es. Ein Haifisch oder Killer-Wal könnte ihn gefressen haben. Anfang dieses Jahres kam dann der nächste "Happy Feet" angetrudelt, ein noch junger Vogel, der ebenfalls den Trip vom Südpol bis zur Nordinsel Neuseelands geschafft hatte. Diesmal wollte man ihn (sinnvollerweise) in einem Zoo behalten.

Robert Crumbs "Cheap Suit Serenaders" mit dem Kiwi Bump. Ein Tanz, bei dem offenbar die Popos aneinander klatschen sollen

Die interessante Frage wäre meiner Ansicht nach gewesen, ob ein Pinguin vom Südpol mit irgendeinem der ansässigen Pinguinvarianten fruchtbare Nachkommen produzieren könnte? Wäre diese Geschichte also vor tausend Jahren passiert, bevor Neuseeland von Menschen und Plastikmüll besiedelt war, hätte die Geschichte so ausgehen können, wie sie möglicherweise (noch deutlich früher) im Fall des Kiwis ablief. Auch damals wäre die Küste Neuseelands vielleicht schon dicht besiedelt gewesen - von Robben. Der Ankömmling aus dem Süden hätte beim Landgang eine Phalanx hungriger Pinguinfresser passieren müssen. Trotzdem haben sich auch andere Pinguine in Neuseeland bis heute halten können - allen Frettchen, Ratten, Katzen, Autos und sonstigen (seit dem 13. Jahrhundert angekommenen) Gefahren zum Trotz.

Beim Kiwi gab es keine Robben. Und die auf vielen Pazifikinseln existierende Möwen-Barriere, die einem halbverhungerten Kiwi den Garaus gemacht hätte, ließ sich ebenfalls umgehen. Neuseeland war als Absprengsel eines ehemaligen Kontinents mit einem dichten Urwald überzogen, in den der Kiwi (um so mehr, falls er damals schon nachtaktiv war) im Schutze der Dunkelheit hätte entweichen können. Ich denke, das wird der Grund gewesen sein, weshalb der Kiwi sich in Neuseeland halten konnte: Es gab den schützenden Wald und der Vogel war nachtaktiv.

Präparierter Südlicher Streifenkiwi im Canterbury Museum in Christchurch. Bild: M. Falk, Public Domain

Trotzdem ist es auffällig, dass der Kiwi, im Vergleich zum Kasuar und zum Emu, seinen nächsten Verwandten, so viel kleiner ist. Wie gesagt, etwas größer als ein Huhn. Ein rundliches, in sich geschlossenes Gebilde. Dagegen war der Moa - besonders, wenn man nur das Skelett betrachtet - dem Strauß ähnlich, und - gigantisch. Der relativ kleine Kopf schwebte irgendwo oben, in 3,50 Meter Höhe. Ein Mensch reichte dem Vogel eben bis an die Brust.

Es wird behauptet, dass der Kiwi, weil er (relativ zu seiner Größe) unter allen Vögeln der Erde das größte Ei legt (es ist etwa so groß wie sechs normale Hühnereier zusammen) ursprünglich sehr viel größer war als heute. Der äußere Schrumpfungsprozess mag stattgefunden haben, aber das Ei blieb groß. Das Leben auf einer Insel bewirkt oft, dass größere Tiere kleiner werden, und kleinere größer. So der Zwergelefant in Griechenland, so der Homo erectus auf Flores der als "Inselverzwergung" bzw. Hobbit bekannt geworden ist. Wenn man so will, ist auch der Kiwi eine Art Hobbit, eine Inselverzwergung.

Umgekehrt, gibt es die Riesenratte von Sumatra - oder eben den neuseeländischen Moa.

Zweimal Moa auf Neuseeland, mit 3.50 Kopfhöhe der größte Straußenvogel der Welt; dazu der neuseeländische Adler, der nach dem Bonner Naturforscher Julius von Haast benannt ist; der einst größte Flugvogel der Welt. Bild: John Megahan. Lizenz: CC-BY-3.0

Nimmt man das Ei als Messgröße her, so zeigt sich dass die Eier vom Kasuar Länge mal Breite mit 13,9 x 9,3 cm und Emu mit 13,7 x 8,8 cm zu Buche schlagen - und das Kiwi-Ei mit 12,0 x 8,0 cm. Der größte Kiwi (das Weibchen ist normalerweise etwas größer als das Männchen) erreicht eine Höhe von 50 cm, beim Kasuar ist wieder das Weibchen das größere und reicht bis 1,90 m in die Höhe, der Emu wird bis zu 2 m groß. Man könnte also sagen, der Kiwi ist auf 25 Prozent seiner ursprünglichen Größe geschrumpft, das Ei auf 80 Prozent. Der körperliche Schrumpffaktor ist also 75 Prozent, der des Eis nur 20. Die Moas waren bis zu doppelt so groß wie Kasuar und Emu, und ihre Eier schwankten von der Größe des Kiwi-Eis (sechsmal so groß wie ein Hühnerei) bis zur 90fachen Größe eines Eis vom Huhn.

Relative Größe eines Kiwi-Eies. Bild: Shyamal. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Es ist also immerhin möglich, dass Moa und Kiwi zu Beginn ihrer Bekanntschaft sehr ähnliche Vögel und von praktisch gleicher Größe, waren. Da es keine Feinde in Neuseeland gab, und beide Vogelarten jahrelang brauchten, bis sie endlich geschlechtsreif wurden, sich mit dem einen Lebenspartner zusammen taten und jeweils ein oder gelegentlich auch zwei Eier ausbrüteten, mag es eine Weile gedauert haben, bis sich die Notwendigkeit zur Aufteilung ihrer gemeinsamen Lebenswelt ergab. Beide waren Waldvögel, aber der gigantische Moa tappte dort bei Tag umher und schnitt mit seinem Schnabel wie mit einer Heckenschere alle möglichen ungenießbaren Pflanzenteile herunter, die dann von teils faustgroßen Mahlsteinen in seinem Bauch zerrieben wurden. Der Kiwi wurde nachtaktiv und lief im niederen Gebüsch umher. Er stützte sich, wie auf einen Spazierstock, auf seine lange Nase mit ihren großen Nasenlöchern, die ihm halfen, Insekten am Geruch zu erkennen. Außerdem besitzt er, wie die Katze, an der Nase Schnurrbarthaare - die in Wirklichkeit Federn sind. Er stößt ein grollendes Knurren aus, das an einen Hund erinnert, und das Kiwi-Ehepaar bleibt im Dunkeln ständig durch subaurale Rufe in Kontakt.

Richard Owen, späterer Direktor des London’s Museum of Natural History neben dem Skelett eines Moa-Weibchens. bild: Public Domain

Das eine große Ei, das das Weibchen legt, muss vom Männchen ausgebrütet werden, weil das Weibchen nach dem Legen derart K.O. ist, dass es erst einmal etwas zu Fressen finden muss. In dieser Hinsicht erinnern die Kiwis stark an die "Happy Feet"-Truppe der Kaiserpinguine in der Antarktis, deren mühsame Brutpflege fast jeder aus dem Film Die Reise der Pinguine (2005) kennt. Aber - komischerweise - nachdem sie dann diesen langen Ausbringungs- und Ausbrütungsprozess hinter sich haben, treten die Eltern das kleine Wurm nach drei Wochen unsanft aus dem Nest. Und Tschüss.

Über Millionen von Jahren lebten Moa und Kiwi auf diese Weise im gleichen Habitat, ohne sich sonderlich in die Quere zu kommen. Dann flog aber doch von irgendwo her der Teufel im Paradies ein, der Haast-Adler, der größte Flugvogel der Welt. Dem hätte es vermutlich super getaugt, wenn die heutigen Bewohner des Landes bereits da gewesen wären, vor allem die Schafe und Lämmer. Stattdessen gab es die Fellrobben, die durchaus wehrhafte Burschen sind und auch mit Geschwindigkeiten von 40 km/h spurten können. Da macht das Beuteschlagen keine rechte Freude mehr. Den nächtlichen Kiwi erwischte dieser Riesenteufel nicht, blieb also der Moa. Fossilfunde zeigen, dass die Krallen des Adlers die Knochen des Moas buchstäblich durchbohrten. Die Attacke erfolgte natürlich von hinten, aber der Moa hätte in jedem Fall das Hintertreffen gehabt. Diese beiden Vögel befanden sich in einer einzigartig unglückseligen Verkettung, und tatsächlich dauerte es nicht lange, nachdem die Maori in Neuseeland eingetroffen waren, bis sie den letzten Moa gejagt, geschlachtet und gegessen hatten. Der Haast-Adler war damit seinerseits dem Untergang geweiht.

Er war aber auch der einzige Beutejäger in Neuseeland gewesen. Wie Moa und Kiwi hatten alle anderen Vögel Neuseelands bis zur Ankunft des Menschen und seiner Begleiter keine natürlichen Feinde gehabt und entwickelten sich, auch wenn sie sich die Fähigkeit zum Fliegen bewahrten, zu ausgesprochen flugfaulen Vögeln. In den Abendstunden, wenn man die Vögel selber nicht mehr klar erkennen kann, identifiziert man sie trotzdem noch immer an ihren Flugmustern. Sie zeichnen sich aus durch einen energiesparenden Wechsel von Flattern und Gleiten, nach dem Motto: Nur nicht überanstrengen. Der Tui beispielsweise neigt dazu, in einem faulen Hängematten-Muster von einem Punkt A zu einem Punkt B zu gleiten, was deutlich an das Logo der Reisefirma Tui erinnert, das ja auch lässige Hängemattenfreuden auf der Urlaubsreise symbolisieren soll.

Der einzige Vogel Neuseelands, der ein Meister der Luftakrobatik ist, ist der Fantail mit dem fächerartigen Schwanz, der bei der Insektenjagd in der Luft regelrechte Purzelbäume schlägt. Und ausgerechnet der gilt als Bote aus dem Totenreich. (Tom Appleton)