Ein Intermezzo zur Produktion von Wissen in den Wissenschaften

Ergänzung des dringenden Aufrufs des Herzchirurgen Prof. Dr. Markus Heinemann von der Uniklinik Mainz über das Problem mit der "wissenschaftlichen" Wahrheit

Im Wissenschaftsticker tummeln sich Tag für Tag Meldungen über erschienene Studien, neue Forschungsprojekte oder Auszeichnungen. Zwei Highlights von Donnerstag: Auffälligere Affen haben kleinere Hoden und Frauen masturbieren häufiger, als man dachte. (Nein, es wurde kein Kausalzusammenhang suggeriert. Wir sind hier nicht in der Sendung von Professor S. aus U.)

Eine seltene Ausnahme stellt der am 9. April von der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie e.V. veröffentlichte Aufruf Markus Heinemanns dar, den man wohl am besten als "offenen Brief" bezeichnen könnte. In diesem begibt sich der Arzt auf das Gebiet von Wissenschaftssoziologie und -philosophie, also im Jargon des Telepolis-Forums von "linksversifftem Gedöns". Ich würde mich freuen, wenn mehr Forscher dem Beispiel Heinemanns folgten und diese Themen in die Aufmerksamkeit brächten, denn sie sind sehr wichtig.

Es wäre naiv anzunehmen, dass die Bedingungen, unter denen Wissen entsteht, beispielsweise der Hyperwettbewerb in manchen Disziplinen, nicht auch den Entstehungsprozess beeinflussen. Dennoch kassierte ich sogar schon einmal auf einer Podiumsdiskussion meiner eigenen Tagung von internationalen Kollegen die Bemerkung, das seien doch "soziologische" Fragen. Ohne die Systemeigenschaften zu verstehen, wird man aber kaum das System verbessern können.

Stichwort: evidenzbasierte Medizin

Heinemanns offenen Brief möchte ich im Folgenden an einigen Stellen ergänzen. Dafür wähle ich den Stil eines Chats, wo sich gegenüber und ich abwechseln:

"Aufgabe der 'Wissenschaft' ist es, wie es das Wort schon nahelegt, Wissen zu schaffen. Dazu bedient sie sich etablierter Methoden, die die Gültigkeit neu gewonnener Erkenntnisse sicherstellen sollen. In der Medizin spricht man auch von 'evidence based medicine'."

So weit so gut. Nur beim Thema "evidenzbasierte Medizin" - warum eigentlich nicht im Deutschen bleiben? - möchte ich anmerken, dass das ein sehr vager Begriff ist. Heute will alles und jeder evidenzbasiert sein, schlicht weil sich damit Gelder, sei es zur Forschung oder für Therapien, einwerben lassen. In einem interessanteren Sinne müsste man ausformulieren, was denn als Evidenz zugelassen ist und was nicht. Darüber diskutieren Wissenschaftsphilosophen - und nicht nur diese - schon seit über Jahrzehnten.

Unkontrollierte Kanäle

"Dieses Schaffen von Wissen ist in Gefahr. Zum einen ermöglichen es die 'Sozialen Medien' jedermann, sich ungefragt zu Themen zu äußern, für die eigentlich das tiefere, fachliche Verständnis fehlt."

Das nennt man auch "Meinungsfreiheit", deren Ausübung heute eben in zunehmendem Maße auf Online-Plattformen stattfindet. Das geht sogar so weit, dass manche Gerichte bestimmte Grundrechte für den öffentlichen Raum unter Umständen auf privatrechtliche Beziehungen übertragen (Meinungsfreiheit und das "Hausrecht" im Zeitalter des Internets).

Früher äußerten sich die Menschen vielleicht vor allem im Wohnzimmer, auf dem Stammtisch oder, gemäß dem Idealbild der Demokratie, auf dem Marktplatz, der Agora. Das Problem liegt meiner Meinung nach für Heinemann nicht darin, dass Menschen sich äußern, das tun sie nämlich ständig, sondern dass diesen Äußerungen zu wissenschaftlichen und anderen Themen nun mehr Aufmerksamkeit zukommt als früher.

Dem liegen andere Steuerungs- und Kontrollmechanismen zugrunde als zum Beispiel in den klassischen Medien oder wissenschaftlichen Publikationsorganen. Damit kommt es zu Machtverschiebungen, die nicht jedem gefallen.

"Beispielsweise sind segensreiche Impfungen leichtfertig ins Gerede gekommen, weil u.a. verunsicherte Eltern befürchteten, ihr Kind könne nach einer Masernimpfung autistisch werden. Ein weiteres Beispiel: Eine Überbewertung von möglichen Nebenwirkungen der fettsenkenden Statine hat unlängst die Herausgeber internationaler wissenschaftlicher Fachzeitschriften der Herz-Kreislaufmedizin zu einer gemeinsamen klärenden Stellungnahme veranlasst. Das Stichwort: 'fake news' ist in der Medizin angekommen."

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Anzeige