Ein Judenverbrenner als Schutzpatron der Anwälte

Die katholische Kirche verehrt Giovanni da Capistrano als Heiligen

Giovanni da Capistrano wurde 1386 geboren. Sein Vater war ein deutscher oder französischer Adliger, der im Gefolge eines Feldzuges des ungarisch-polnischen Königs Ludwig I. nach Italien gelangte und sich ein Weib aus der Ortschaft Capistrano nahm. Nach dem Studium der Rechte in Perugia sollte er dort eigentlich eine politische Karriere einschlagen. 1415 oder 1416 vereitelte allerdings der Städtekrieg seine diesbezüglichen Ambitionen, und er landete in dessen Folge in einem feindlichen Kerker, aus dem er sich jedoch mit Geld freikaufen konnte.

Danach verstieß da Capistrano (je nach Quelle) entweder seine Braut oder sein Weib, trat in den Franziskanerorden in Monteripido ein, studierte Theologie, ließ sich zum Priester weihen und wurde ab etwa 1420 zu einem ausgesprochen erfolgreichen Wanderprediger, dem ein Ruf als Wunderheiler vorauseilte. Aufgrund seiner Erfolge in diesem Bereich machten ihn erst Königin Johanna II. von Neapel und später Papst Nikolaus V. zum "Inquisitor gegen die Juden". "Als solcher", vermerkt das 1858 erschienene Vollständige Heiligenlexikon von Johann Evangelist Stadler ohne sonderliche Kritik an dem "großen Volksprediger", "verfuhr er mit großer Gerechtigkeit". So soll er etwa 1450 auf einen Streich den Rabbi Gamaliel zusammen mit 40 anderen Juden "zum Christenthume bekehrt" haben.

Giovanni da Capistrano in einem Bildnis von Bartolomeo Vivarini (1495)

In seinen jüngeren Darstellungen werden die an Juden vollbrachten Werke des Heiligen nicht mehr so gerne geschildert. Im Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon von 1992 etwa wird dieser Teil seines Wirkens überhaupt nicht mehr erwähnt - dort konzentriert man sich stattdessen auf seine "Rückführung von 16.000 Hussiten zur katholischen Kirche". Auch im Ökumenischen Heiligenlexikon kommen die Judenverfolgungen Capistranos nicht vor, stattdessen heißt es dort:

Johannes [von Capestrano] predigte 40 Jahre lang täglich, die Menschen hingen an seinen Lippen. Er gründete Krankenhäuser, organisierte Sozialarbeit, war ein gefragter Beichtvater und immer wieder einflussreicher Ratgeber für verschiedene Herrscher.

Ganz anders gewichteten da Capistranos frühe Biographen wie Nikolaus von Fara, Christoph von Varese und Girlamo von Udine. Allerdings sind nicht alle neueren Lexika so zurückhaltend: In Richard S. Levys Antisemitismus-Enzyklopädie1 wird durchaus noch ausgeführt, wie der Prediger, der damals als "Geißel der Juden" galt, diese nicht nur zwang sich Bekehrungspredigten anzuhören.

Giovanni da Capistrano betet zur Muttergottes. Gemälde von Giovanni Stefano Doneda (1689/1690)

Capistranos Antisemitismus war zwar religiös begründet, nahm aber in zweierlei Hinsicht den der Nationalsozialisten vorweg: Zum einen stützte er sich in seinen Predigten häufig auf Wuchervorwürfe, zum anderen betrieb er intensiv eine erzwungene räumliche Trennung von Juden und Nichtjuden. Angeblich hatte er großen Einfluss auf die 1447 ausgefertigte päpstliche Bulle von Nikolaus V., welche die Juden stärker unter die Obhut des Kirchenrechts zwang und sie dazu verpflichtete, besondere Gewänder zu tragen, an denen man sie erkennen sollte. In jedem Fall wurde er damit beauftragt, die Bulle durchzusetzen, womit er in Italien begann und sich ab 1451 in den Norden vorarbeitete. Dort verwiesen die bayerischen Herzöge Ludwig und Albert die Juden 1452 des Landes, ebenso handelte Bischof Gottfried IV. von Würzburg.

In Breslau beschuldigte da Capistrano die örtlichen Juden der Hostienschändung. Unter diesem Vorwand wurden ihre Führer gefoltert und deren Eigentum beschlagnahmt. Im Sommer 1453 ließ er 41 von ihnen verbrennen. Den Rest der Breslauer Gemeinde vertrieb man aus der Stadt. Ihre Kinder allerdings mussten die Juden dort zurücklassen. Sie wurden unter Bruch des Kirchenrechts getauft. Besiegelt wurde dieser Akt 1455 mit einem kaiserlichen "Privileg zur Nichtduldung der Juden".

In Polen warf Capistrano König Kasimir IV. vor, dass die dortigen Sonderrechte für Juden Kirchenrecht verletzen würden und deshalb zurückgenommen werden müssten. Nachdem der Prediger 1454 eine polnische Niederlage gegen den Deutschen Ritterorden als Strafe Gottes für diese "Verstocktheit" des Königs darstellte und sich Kasimir darauf hin dem Willen des Heiligen beugte, kam es im ganzen Land zu Pogromen.

Bußprediger Johannes Capistranus. Fränkische Tafelmalerei um 1470-1480

Nicht alle, über die Capistrano vom Papst beauftragt urteilen sollte, traf es so hart wie die mosaischen Gemeinden: Die aus einer Laienbewegung entstandenen Jesuaten des Heiligen Hieronymus erklärte er 1437 für im katholischen Sinne koscher, so dass diese keine Verfolgungen fürchten mussten. Weniger gut erging es den Hussiten und der, so Stadlers Heiligenlexikon, "sehr gefährlichen Sekte der Fraticelli", den "damaligen Communisten und Socialisten", die man heute vor allem aus Umberto Ecos Roman Der Name der Rose kennt.

Bereiste der Fanatiker (der selbst der franziskanischen Sekte der besonders strengen "Observanten" angehörte) eine Stadt, dann waren allerdings nicht nur Minderheiten betroffen, sondern potentiell alle Bürger. In einer Art Vorwegnahme des Calvinismus ließ er beispielsweise auf dem Breslauer Salzring nicht nur Bücher, sondern auch Luxusgegenstände vernichten. Und alleine in Augsburg, so der Benediktinermönch Johannes Frank in seinen Annalen, wurden auf seine Veranlassung hin sechzig oder siebzig Fastnachtschlitten, ein ganzer Wagen voller Spielkarten, 1.300 Brettspiele und zahllose Würfel verbrannt.2

Capistrankanzel im Wiener Stephansdom (Bild: Herwig Reidlinger Das Bild "Capistrankanzel_Vienna.JPG" steht unter der Link auf /tp/r4/buch/buch_gnu.html. Der Urheber des Bildes ist Herwig Reidlinger.)

1455 ging Capistrano nach Ungarn und rief zum Kreuzzug gegen die Türken auf, in dessen Verlauf er bei Vukovar am 23. Oktober 1456 eines natürlichen Todes starb. 1690 wurde er von Alexander VIII. heilig gesprochen und Schutzpatron der Juristen. Die Urkunde über die Kanonisation wurde aber erst 1724 von Benedikt XIII. ausgestellt, einem der Päpste, die dem heutigen Vorbild sind. (Peter Mühlbauer)

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