Ein Kyoto-Protokoll für die Pille?

Die Antibabypille ist in den USA als Krebs auslösende Chemikalie gebrandmarkt worden. Wie werden wir damit fertig?

Im 2-Jahres-Rhythmus erstellt das Environmental Toxicology Program, eine Gruppe des NIEHS, ihren Bericht mit den neuesten Erkenntnissen zu Krebs erregenden Stoffen. Weibliche Geschlechtshormone, die zur Kontrazeption und zur Behandlung nach den Wechseljahren verordnet werden, sind nun pauschal als Karzinogene ("known human carcinogens") eingestuft.

Damit vollziehen die amerikanischen Gesundheitsbehörden einen Schritt, der sich bereits im Sommer ankündigte. Die US National Institutes of Health hatten eine umfangreich angelegte Untersuchung zur Hormontherapie in der Menopause vorzeitig abgebrochen, weil die Nebenwirkungen aus dem Ruder liefen (vgl. Conspiracy in der Medizin). Nun folgt der zweite Streich. Die in der Antibabypille verabreichten Hormone werden uneingeschränkt als Krebs auslösende Arzneimittel eingestuft. "Ein wichtiger und notwendiger Schritt," erklärt Christopher Portier, der Direktor vom Environmental Toxicology Program, "nach Durchsicht der wissenschaftlichen Literatur gehören alle synthetischen Östrogene in die Kategorie mit dem größten Schadenspotential. Die Erkenntnis beruht keineswegs nur auf den Ergebnissen der Menopause-Studie. Unsere Experten haben vielmehr alle Daten aus den letzten zwei Jahren kritisch gewürdigt und daraus die Schlussfolgerungen gezogen."

Nachdem sich die erste Überraschung gelegt hat, werden die Befürworter der Antibabypille ihr Rückzugsgefecht mit der Argumentation führen, die US-Liste habe informatorischen und keinen rechtlich bindenden Charakter. Schließlich sei es Sache jeder Frau, darüber zu entscheiden, ob sie die persönlichen Risiken bei Einnahme der Antibabypille eingehe.

Dieser Standpunkt wird langfristig nichts am Ausstieg aus der Hormontherapie ändern. Die Voraussetzungen für das Umdenken sind mächtiger und tief greifender als der individuelle Wunsch nach hormonaler Kontrazeption.

Langzeiteffekte der Behandlung mit weiblichen Geschlechtshormonen (Bild: newscenter.cancer.gov)

Als Behandlung zur Familienplanung sind Geschlechtshormone seit Anbeginn strittig. Katholische Kirche und Islam ziehen an einem Strang, wenn es darum geht, die gebärfähigen Frauen an ihre Mutterpflichten zu erinnern. Aus ärztlicher Sicht ist die Therapie mit weiblichen Geschlechtshormonen mit vielerlei Veränderungen des Stoffwechsels verbunden. Die Pillen der dritten und vierten Generation erzeugen längst keinen schwangerschaftsähnlichen Zustand mehr. Dennoch: Hormone sind Vermittler, die Aktionen und Reaktionen auslösen und unterhalten. Dass der körperliche Zustand ohne Vorwarnung einen bösen Streich spielen kann, beweisen jährlich zahlreiche Frauen, die an einer Thrombose mit irreversiblem Gefäßverschluss sterben. Da die Arzneimitteltherapie zunehmend vom Wunsch nach maximaler Sicherheit begleitet wird, greifen die Argumente der Kritiker heute mehr denn je.

Was zunächst auf die Frauen in den USA gemünzt ist, bedeutet in Wirklichkeit ein weltweites Problem. "Kein Kontakt mehr mit dem schädlichen Stoff," gehört zur Devise der vorsorgenden Gesundheit. In den USA müssen alle staatlichen Behörden darauf einwirken, dass die Bevölkerung vor kanzerogenen Stoffe bewahrt wird. Das beginnt mit der Berufskrankheit bei der Herstellung von Antibabypillen. Besondere Sicherheitsbedingungen im Umgang mit den Arzneimitteln werden die Produktionskosten in die Höhe treiben. Böse Zungen behaupten gar, Transport und Lagerung der Arzneimittelpackungen müssen jetzt der Sicherheitsstufe von Giftstoffen gleichgestellt werden. Weiteres Ungemach zeichnet sich bereits am Horizont ab: die ersten juristischen Auseinandersetzungen wegen der Menopause-Problematik. Somit reihen sich die Hormon produzierenden Pharmahersteller in die Gruppen der Zigarettenproduzenten und Fast-Food-Ketten, weil Schadenersatzklagen wegen Gesundheitsschäden in Millionenhöhe attraktiv werden. Das wiederum bindet den Ärzten die Hände und verringert ihre Bereitschaft, die Antibabypille zu verordnen. Schon jetzt ist in den USA der Markt für Hormone in der Menopause zusammengebrochen.

Kanzerogen bedeutet aber auch, dass der Umweltschutz darauf eingehen muss. Geschlechtshormone in der Tierzucht stehen seit dieser Woche auf derselben Stufe wie Arsen oder E 605: es sind Gifte, und die Verabreichung ist ein krimineller Delikt.

Muss man die Umwelt noch mehr schützen? Bei den täglich eingenommenen Hormonpillen helfen weder "Raucherecke" noch Isolierung. Die Frauen scheiden Tag für Tag mit ihrem Urin die eingenommenen Wirksubstanzen wieder aus, und mehr noch, nämlich Abbauprodukte, die ihrerseits hormonaktiv und zum Teil schädlicher sind als die verabreichten Stoffe. Die Auswirkungen sind hinlänglich bekannt: an den Mündungen der großen Flüsse sind die Hormonkonzentrationen unnatürlich angestiegen. Männliche Fische mit Eierstöcken gehören zu den alltäglichen Funden der Forscher.

Allerdings sind die wissenschaftlichen Untersuchungen bisher nicht hochgespült worden und noch nicht ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen. Viele in der Wasserwirtschaft Tätige verschließen die Augen oder finden keine Unterstützung, wenn es darum geht, die Hormonkonzentrationen durch aufwändige und kostenintensive Laborverfahren zu ermitteln.

Weil die synthetischen Hormone durch die Kläranlagen nicht gefiltert werden und Tiere und Pflanzen gleichermaßen in Mitleidenschaft ziehen, gelten sie als "endocrine disrupting chemical`s". Ihre Auswirkungen richten auf ihre Weise ebensoviel Schaden an wie Schädlingsbekämpfungsmittel und Abgase. Um die Veränderungen im statu nascendi zu verfolgen, prüft die kanadische Umweltbehörde an einem geheim gehaltenen See seit zwei Jahren den Einfluss einer einzigen Östrogenkonzentration auf Fische und Amphibien. Die bisher im ökologischen Schatten betriebene Forschung bekommt mit der amerikanischen Entscheidung kräftigen Auftrieb und lässt im Kampf gegen die kanzerogenen Hormone kein Verständnis mehr für die bisherige Sorglosigkeit.

Die kanadische Umweltbehörde untersucht die Auswirkungen von wenigen Nanogramm Östradiol auf Fische und Frösche im ELA Lake 260 (Bild: University of Manitoba)

Das Frauen und Männer gleichermaßen berührende Thema ist die Versorgung mit Trinkwasser. Die Hormonkonzentrationen werden bald ein zusätzliches Kriterium zu den Verunreinigungen durch Bakterien und Schwermetalle sein. Die US-Behörden pflegen seit Jahrzehnten die Zero-Toleranz (0 Prozent) für kanzerogene Stoffe im Trinkwasser. Der neue Report wird dieses Prinzip auf die weiblichen Geschlechtshormone ausdehnen. Tatsächlich entlohnen die USA ihren Nachbarstaat Kanada großzügig für die Zulieferung sauberen Wassers, und noch besteht keine aktuelle Not. Anders sieht es in den Ländern aus, die wegen der klimatischen Umstände oder mehrjähriger Trockenheit ihre Wasserreservoirs durch die Wiederaufbereitung aus Flüssen und Staubecken gewinnen.

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