Ein Loch ist im Kondom

Oder im Kopf? Man frage die katholische Kirche

Gestern wurde in Berlin der Weltbevölkerungsbericht der Vereinten Nationen vorgestellt, diesmal unter dem Titel "Junge Menschen - Schlüssel zur Entwicklung".

Laut Bericht ist fast die Hälfte der Weltbevölkerung unter 25 Jahre alt, davon leben 87 Prozent in so genannten Entwicklungsländern. Alle 14 Sekunden infiziere sich ein Jugendlicher mit dem HIV-Virus - das sind täglich 6000 Neuinfektionen, die Mehrzahl davon ist weiblich. 44 der 107 untersuchten Länder bieten an den Schulen keine AIDS-Aufklärung an. Man wisse, dass allein 350 Millionen Paare in Entwicklungsländer nicht verhüten können. Und es werde dramatische Folgen für das Wachsen der Weltbevölkerung haben, dass gerade die Generation der zukünftigen Eltern so stark von dem Virus betroffen ist. Im Jahr 2050 leiden, so der Bericht, geschätzte 278 Millionen Menschen an der tödlichen Immunschwäche.

Botswana hat die erste "Miss HIV Stigma Free" gewählt, ein Mittel im Kampf gegen die Stigmatisierung einer Krankheit, die in Botswana fast 40 Prozent der Bevölkerung befallen hat.

HIV/Aids ist eine Krankheit der Jungen geworden; junge Erwachsene zwischen 15 und 24 machen die Hälfte der 5 Millionen Neuinfektionen weltweit aus...Dieser Bericht ist ein Aufruf an die Regierungen, ihre Bemühungen zu erhöhen, um Informations- und Hilfsdienste für junge Menschen einzurichten. Wenn wir das nicht tun, stehen wir vor einer globalen Katastrophe.

Die Vereinten Nationen

Der dringende Ruf nach Sexualaufklärung und Verhütungsmitteln kommt zeitgleich mit einer Meldung im Guardian ("Vatican: condoms don't stop Aids"), der zufolge die katholische Kirche in Aids-gefährdeten Ländern ausdrücklich vor dem Gebrauch von Kondomen warnt: Kondome hätten kleine Löcher, durch die das HIV-Virus hindurchschlüpfen könne.

In der Dokumentation, Sex and the Holy City, die kommenden Sonntag auf BBC1 ausgestrahlt wird, erklärt ein Sprecher des Vatikans, dass das Aids-Virus etwa 450mal kleiner sei als das Spermatozoon, welches auch leicht durch das Netz des Kondoms gelangen könne. Der Erzbischof von Nairobi - in Kenia sind etwa 20 Prozent der Bevölkerung infiziert - hat laut BBC gesagt: "Aids...konnte sich so schnell verbreiten, weil die Menschen Zugang zu Kondomen haben." Manche Priester sollen sogar predigen, dass Kondome mit dem Virus bestrichen seien. Nicht nur in Afrika, sondern auch in Asien und Südamerika würden Vertreter der katholischen Kirche mit dem Schreckensbild des löcherigen Kondoms aufwarten, um ihre Schäfchen auf Linie (= sexuelle Enthaltsamkeit) zu bringen.

Die Weltgesundheitsorganisation hat diese Propaganda mit den Worten verurteilt, dass derartige "falsche Behauptungen über Kondome und HIV gefährlich" sind, zudem angesichts einer Krankheit, die bereits mehr als 20 Millionen Menschen getötet hat. Die Kirche setze Menschenleben aufs Spiel.

Bild aus "Popetown", einem Cartoon der BBC

Die BBC hat wegen ihres Programmes anlässlich des 25. Jahrestag des Pontifikats von Johannes Paul II. schon im Vorfeld Wut und Kritik von Seiten der katholischen Kirche geerntet. Ihre Vertreter warfen dem Sender Voreingenommenheit und Feindseligkeit vor, die BBC plane eine anti-katholische Kampagne.

Johannes Paul II gilt bei der morgigen Bekanntgabe des Friedensnobelpreisträgers neben dem brasilianischen Präsidenten Luis Inácio Lula da Silva und dem früheren tschechischen Präsidenten Vaclac Havel als aussichtsreichster Anwärter. Im eher fortschrittlich denkenden Norwegen ist seine Aids-und Verhütungspolitik jedoch sicherlich zumindest ein Handicap. (Michaela Simon)

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