Ein Masterplan für mehr Bildungsgerechtigkeit?

Der Aktionsrat Bildung hat sein erstes Jahresgutachten vorgelegt und damit eine kontroverse Diskussion ausgelöst. Detlef Müller-Böling, Leiter des Centrums für Hochschulentwicklung, äußert sich zur umstrittenen Studie

Vor zwei Jahren rief die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft den Aktionsrat Bildung ins Leben, ein mit sieben renommierten Wissenschaftlern besetztes Expertengremium, das die komplexe Situation in Deutschland analysieren und neue Impulse für das Bildungssystem entwickeln sollte. Seit gut einer Woche liegt nun ein erstes, knapp 200 Seiten umfassendes Gutachten vor, das eine Reihe substanzieller Reformvorschläge enthält und gezielte Tabubrüche offenbar als Voraussetzung für eine erfolgreiche Sanierung betrachtet.

Der „Masterplan für mehr Bildungsgerechtigkeit“ sieht eine Kindergartenpflicht nach dem vierten Lebensjahr und die Abschaffung der Hauptschule vor. Schulen sollen in Zukunft weitgehend autonom arbeiten und Lehrer nicht mehr im Beamtenverhältnis eingestellt werden, sondern eine leistungsbezogene Bezahlung und befristete „Lizenzen“ erhalten. Überdies plädiert der Rat für einen Rechtsanspruch auf Kindergartenplätze, eine größere Durchlässigkeit der Schulformen und den flächendeckenden Ausbau von Ganztagsschulen.

Der Vorstoß stieß bundesweit auf ein geteiltes Echo und provozierte mitunter heftige Kritik. Die Forderungen vertieften die soziale Spaltung in Deutschland, befand die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und bezeichnete die Pläne insgesamt als „widersprüchlich und unausgegoren“.

Ludwig Eckinger, der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung, wurde noch deutlicher. Für die Lehrerinnen und Lehrer bedeuteten die Vorschläge nichts anderes als „Lohndumping und Sozialabbau“, und der Ruf nach mehr Bildungsgerechtigkeit sei deshalb nur ein „Deckmantel für fragwürdige Wirtschaftsphantasien“. Schließlich könne es nicht Aufgabe der Schulen sein, „passgerechte Schablonen“ zu produzieren.

Eckinger belebte damit eine alte Feindschaft, denn sein Verband hatte dem Vorsitzenden des Aktionsrats und derzeitigen Präsidenten der FU Berlin, Dieter Lenzen, vor einem Jahr bereits den „Nassen Schwamm“ für den bildungspolitischen Tiefschlag des Jahres verliehen.

Im Expertengremium des Aktionsrats ist auch Detlef Müller-Böling vertreten. Er leitet das Centrum für Hochschulentwicklung, das sich als „Reformwerkstatt für das deutsche Hochschulwesen“ versteht und mit seinen Studien und Rankings regelmäßig im Zentrum kontroverser Diskussionen steht. Müller-Böling hatte in den 80er und frühen 90er Jahren einen Lehrstuhl für Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung inne und war von 1990 bis 1994 Rektor der Universität Dortmund.

Deutschland ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in nahezu allen Bildungssektoren weit hinter die skandinavischen und eine Reihe anderer Länder zurückgefallen. Worin sehen Sie die wesentlichen Ursachen dieses deutschen „Sonderwegs“?
Detlef Müller-Böling: Wir sind im Denken nicht flexibel genug und zu selten bereit über den Tellerrand hinauszuschauen. Wenn wir aber gar nicht wissen, wie es in der Welt aussieht und nicht bereit sind, gute Ideen auch anzunehmen und umzusetzen, werden die Strukturen immer starrer und unbeweglicher. Man sieht das sehr schön an der aktuellen Diskussion über das Gutachten des Aktionsrats. Die Situation von Kindern und Jugendlichen und die Frage, wie man ihre Bildungschancen erhöhen und gerechter gestalten kann, spielt doch kaum eine Rolle. Aber mögliche Änderungen und Einschränkungen für Lehrer sind ein großes öffentliches Thema. Da spielt jeder seine eigenen Belange in den Vordergrund, und es geht oft einzig und allein um die Verteidigung von Besitzständen.
Sehen wir uns einige Ausbildungsbereiche genauer an. Der Rat fordert eine Kindergartenpflicht nach dem vierten Lebensjahr. Welchem Ziel dient eine solche Maßnahme?
Detlef Müller-Böling: Alle Vorschläge drehen sich um das Thema Bildungsgerechtigkeit, von der wir im Moment noch sehr weit entfernt sind. Es geht in Deutschland wirklich nicht gerecht zu, aber wir haben viele Hinweise aus anderen Ländern, dass die frühzeitige Einbindung von Kindern – etwa in Kindergärten oder Vorschulen – ihre Chancen, einen erfolgreichen Bildungsweg zu durchlaufen, deutlich verbessert. Insofern ist es sinnvoll, in diesem Bereich so früh wie möglich aktiv zu werden.
Über die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems wird seit geraumer Zeit kontrovers diskutiert. Zuletzt plädierte der UN-Berichterstatter Vernor Muñoz (Deutsches Schulsystem: "Extrem selektiv") dafür, die extrem selektiven Strukturen noch einmal zu überdenken. Ist das Ende der Hauptschule nur noch eine Frage der Zeit?
Detlef Müller-Böling: Das kann man so nicht sagen, denn es geht hier nicht um die Frage „ja“ oder „nein“. Die Frage lautet vielmehr: Ist ein Konzept aus dem 19. Jahrhundert, das homogene Gruppen gemeinsam zum Lernerfolg führen wollte, heute noch zeitgemäß? Da haben wir unsere Zweifel. Wir müssen uns also überlegen, welche Konsequenzen wir aus der Erkenntnis ziehen, das heterogene Klassenverbände erfolgreicher arbeiten und wie wir neue Schulformen finden, um Kinder und Jugendliche individuell besser zu fördern.
Man darf Sie trotzdem als Gegner des dreigliedrigen Systems bezeichnen?
Detlef Müller-Böling: Ja, sicher, wir plädieren in dem Gutachten für ein zweigliedriges Schulsystem, das aus Gymnasien und Sekundarschulen besteht. Das bedeutet aber nicht, dass – wie verschiedentlich behautet wurde – nun die Realschullehrer ausgedient hätten. Fusionieren heißt nicht abschaffen, aber solche Feinheiten gehen in der ideologisch geprägten Debatte leider schnell verloren.
Davon abgesehen muss man sich doch einmal Gedanken machen, wie wir mit der mangelnden Durchlässigkeit unseres jetzigen Schulsystems umgehen wollen. Es gibt doch nachweislich Hauptschüler, die bessere Leistungen erbringen als manche Gymnasiasten, dann auf dem Arbeitsmarkt aber praktisch keine Chancen haben. Die frühe Verteilung auf die einzelnen Schulformen engt den Handlungsspielraum viel zu sehr ein.
Der Vorschlag, Lehrerinnen und Lehrer nicht mehr im Beamtenverhältnis zu beschäftigen, ist ja bereits auf den energischen Widerstand der Betroffenen gestoßen, mag gesamtgesellschaftlich aber noch konsensfähig sein. Aber Sie wollen noch weitergehen. Wie stellen Sie denn eine leistungsbezogene Bezahlung der Lehrer sicher, und was hat es mit den befristeten „Lehrlizenzen“ auf sich?
Detlef Müller-Böling: Das Prinzip, Arbeit nach Leistung und nicht nach Lebensjahren zu bezahlen, ist doch überhaupt nicht ungewöhnlich und kann deshalb ohne weiteres auf die Beschäftigungsverhältnisse von Lehrerinnen und Lehrern übertragen werden. Natürlich müssen wir uns zunächst über die Kriterien für eine Leistungsentlohnung im Klaren werden. Für mich wären das: die Lernerfolge der Kinder und Jugendlichen sind der Erfolgsmaßstab.
Zur Idee der Lizenzen ist anzumerken, dass es uns überhaupt nicht darum geht, Lehrerschelte zu betreiben. Wir wissen sehr wohl, dass ein Großteil der Pädagogen seinen Aufgaben sehr gut, verantwortungsbewusst und engagiert nachgeht. Wenn aber deutlich wird, dass Lehrer mit den Anforderungen und ihren Schülern nicht zurechtkommen, muss man ihnen die Chance geben, etwas anderes zu machen. Der Schutz und die Förderung der Kinder stehen für uns absolut im Mittelpunkt.
Sie plädieren für die flächendeckende Einführung der Ganztagsschule, die sich durch hohe Systemqualität, eine lern- und schülergerechte Zeitrhythmisierung und einen gemischten Lehrkörper auszeichnen soll. Welche Probleme können so behoben werden?
Detlef Müller-Böling: Auch hier geht es wieder um Gerechtigkeit. Wenn der Professorensohn in der Schule Schwierigkeiten bekommt, hat er die Möglichkeit, diese Defizite außerhalb der Schule, also etwa durch Nachhilfeunterricht oder den Beistand der Eltern, auszugleichen. Bei den Kindern einer allein erziehenden Putzfrau sieht die Sache ganz anders aus.
Ganztagsschulen können hier ausgleichen, und zwar nicht in der Weise, dass morgens nur unterrichtet wird und nachmittags jemand die Hausarbeiten betreut. Es geht uns dabei um einen gesamtpädagogischen Ansatz, der den Unterricht, aber auch Lern-, Spiel und Entspannungsphasen umfasst. Ein solches Konzept sollte von einem professionellen Betreuungsteam umgesetzt werden, aber das müssen nicht unbedingt und ausschließlich Lehrerinnen und Lehrer sein.
Auch die deutsche Hochschullandschaft ist eine einzige Reformbaustelle. Dabei hat der Forschungsbereich in letzter Zeit einige Unterstützung erfahren, aber eine Exzellenzinitiative für die Lehre steht noch aus. Rechnen Sie hier noch mit wesentlichen Fortschritten?
Detlef Müller-Böling: Ich hoffe das sehr, denn wir brauchen dringend eine solche Exzellenzinitiative. Allerdings ist durch die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge auch schon einiges bewegt worden. Mit anderen Worten: Es gibt bereits erkennbare Verbesserungen in der Lehre, aber mit Blick auf die studentenstarken Jahrgänge, die uns bevorstehen, werden sie keineswegs ausreichen.
Der Staat kann die Rahmenbedingungen für eine möglichst optimale Ausbildung schaffen, und die Bildungseinrichtungen, für die Sie mehr Autonomie fordern, haben selbst nur bedingt Einfluss auf das Engagement ihrer Kinder, Schüler und Studenten. In beiden Bereichen gibt es bekanntlich eklatante Defizite, aber trägt nicht auch jeder Einzelne eine erhebliche Verantwortung für ihren/seinen individuellen Bildungsweg?
Detlef Müller-Böling: Doch, hier sind viele gefragt, vor allem auch die Familien, die Lehrer, Dozenten, Professoren und natürlich auch die Schüler und Studenten selbst. Doch der Staat muss die zentrale Rolle spielen und die Rahmenbedingungen nicht nur schaffen, sondern auch dauerhaft finanzieren. Die Politik ist deshalb verpflichtet, eine wirklich umfassende Bildungsgerechtigkeit im Sinne von Chancengleichheit herzustellen.
Die Studie ist von verschiedenen Bildungswissenschaftlern, Institutionen und Verbänden zum Teil sehr harsch kritisiert worden. Könnte es nicht doch sein, dass durch Ihre Vorschläge das Gegenteil der behaupteten Wirkung erreicht, die soziale Spannung verschärft und eine Elitebildung vorangetrieben wird? Befürworten Sie also im Grunde eine Bildungspolitik, die an den Grundsätzen des Neoliberalismus ausgerichtet ist?
Detlef Müller-Böling: Vor Fehlinterpretationen ist niemand gefeit. Aber der Begriff Neoliberalismus ist doch mittlerweile zum Label geworden. Da haben sich manche Leute ein Schutzschild zugelegt, um sich nicht mit anderen Ideen auseinandersetzen zu müssen.
Dabei gibt es ganz konkrete Herausforderungen, wenn wir uns ein großes Vorbild wie Finnland und aufstrebende Wettbewerber wie China, Indien oder auch Pakistan anschauen. Was da in Bildung investiert wird, ist einfach unglaublich! Und dann dürfen wir uns doch nicht hinstellen und denken, die Probleme würden sich von selbst erledigen und wir könnten immer und ewig so weitermachen.
Hinter dem Aktionsrat steht die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, hinter dem von Ihnen geleiteten CHE der Großkonzern Bertelsmann. Können Sie da eine unmittelbare Interessengemeinschaft zwischen den Autoren von Studien und Gutachten auf der einen und ihren Geldgebern auf der anderen Seite ernsthaft ausschließen?
Detlef Müller-Böling: Ich möchte diese Frage mal ganz individuell beantworten. Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft hat den Aktionsrat initiiert. Ich habe die Fahrtkosten für die Reisen nach München erstattet bekommen und dort sicherlich auch einen Kaffee getrunken. Aber ich darf guten Gewissens sagen: Das hat mich nicht korrupt gemacht!
Übrigens ging die Initiative direkt vom VBW-Präsidenten Randolf Rodenstock aus, der das Thema nach meiner Einschätzung in keiner Weise instrumentalisiert, sondern mit großem persönlichen Engagement voranbringt. Was meine Arbeit hier beim CHE angeht: Wenn ich diese Möglichkeit, meine eigenen Ideen und Pläne umzusetzen, nicht hätte, wäre ich längst wieder an der Uni Dortmund.
Trotzdem ist die Verbindung von Wirtschaft und Wissenschaft natürlich ein schwieriges Thema, und dem angedeuteten Vorwurf kann man nur durch klare Aussagen und eine offene Diskussion begegnen. Es wäre aber sicher von Vorteil, wenn sich die Kritiker an den inhaltlichen Vorschlägen abarbeiten und nicht nur damit beschäftigen würden, aus welcher Richtung sie vermutlich kommen.
Wie begegnen Sie dem Vorwurf, den Bildungsbegriff als solchen zu verengen und vorrangig an den Interessen der Wirtschaft auszurichten? Kommen da Aspekte, die weniger verwertbar und ökonomisch effizient sind, also künstlerische, kreative oder soziale Bereiche, nicht deutlich zu kurz?
Detlef Müller-Böling: Nein, das sehe ich überhaupt nicht so. Das Gutachten des Aktionsrats basiert explizit auf einem sehr breiten und umfassenden Bildungsbegriff, und auch hier beim CHE geht es nicht um wirtschaftliche Interessen, sondern um akademische Leistungen.
Sie haben Ihrem Vorstoß wohl nicht zufällig den Namen „Aktionsrat“ gegeben. Wie beurteilen Sie denn nun die Chancen, dass die zahlreichen Vorschläge umgesetzt werden und dem deutschen Bildungssystem in der Realität neue Impulse geben können?
Detlef Müller-Böling: Das ist im Einzelfall schwer zu beurteilen. Unsere vordringliche Aufgabe bestand darin, Ideen und Vorschläge zu entwickeln, und das haben wir nun getan. Viele Überlegungen sind übrigens gar nicht neu und schon im Begriff umgesetzt zu werden. Da mahnen wir in erster Linie eine schnellere Schrittfolge an.
Ansonsten hoffen wir, dass Politiker und die Verantwortlichen vor Ort unsere Anregungen positiv aufgreifen und werden die Gesamtsituation natürlich weiter beobachten. In einem Jahr erscheint ein neues Gutachten – nächste Woche fangen wir mit der Arbeit an. (Thorsten Stegemann)
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