Ein Preis für Dr. Strangelove

Thomas Schelling, der vor kurzem den Nobelpreis für Ökonomie erhalten hat, durfte seine Spieltheorie im Bombenkrieg in Vietnam und in der "kontrollierten Eskalation" im nuklearen Wettrüsten im Kalten Krieg ausprobieren

Der diesjährige Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften wurde Robert J. Aumann und Thomas C. Schelling verliehen, die „durch spieltheoretische Analysen unser Verständnis von Konflikt und Kooperation“ befördert haben. Ein Artikel widmet sich der weniger bekannten Rolle Thomas C. Schellings als Stratege des Bombenkriegs in Vietnam. Fred Kaplan beschreibt in Slate die Rolle Schellings bei der Formulierung der Strategien der „kontrollierten Eskalation“ und von „Strafbombardements“.

Thomas C. Schellings Domäne ist die methodische Untersuchung alltäglicher, manchmal fast banal anmutender Situationen – mit teilweise verblüffenden Erkenntnissen. Er demonstrierte z.B., wie man durch Selbsteinschränkung vorhandener eigener Alternativen paradoxerweise Vorteile gewinnen kann. Sein Effekt des „Brückenverbrennens“ wird heute gern anhand des Motivationsexperten Hernán Cortés illustriert: Dieser soll einer Legende zufolge bei der Eroberung Mexikos seine Flotte in Brand gesteckt und so die Option „Heimfahrt“ ausgeschlossen haben. Als einzige Alternative für ihn und seine Männer blieb der Kampf – bis zum erfolgreichen Ende der Mission.

Schelling, der in der Zeit des Kalten Kriegs unter anderem mit Aspekten des atomaren Wettrüstens befasst war, versuchte auch auf diesem Gebiet zu zeigen, wie man seine Verhandlungsposition stärkt, indem man eine gewisse strategische Inflexibilität schafft. Resultat war die Doktrin des Kalten Krieges, die auf gegenseitige Abschreckung setzte – bei wechselseitig zugesicherter Zerstörung.

Diese Strategie brachte ein fundamentales Glaubwürdigkeitsproblem mit sich: Wie kann ein Land nun ernsthaft mit Sanktionen drohen, die in ihrer Folge den eigenen Untergang bedeuten würden? Da sich in diesem Falle kein Staat physisch vor einem gegnerischen Angriff schützen kann, ist die Wahrscheinlichkeit einer Eskalation bis hin zur gegenseitigen Vernichtung in jeder Krisensituation gegenwärtig. Das Risiko der Einmündung in einen zufälligen oder ungewollten nuklearen Konflikt ist der Schlüssel zur Lösung des Glaubwürdigkeitsproblems und zum Verständnis der Dynamik von ausgeübtem Zwang. Die Kontrahenten können nicht glaubwürdig mit einem absichtlichen nuklearen Angriff drohen. Nach Schelling sollten ihre Führer gelegentlich Drohungen ausstoßen, dass sie die eine oder andere Sache „dem Zufall überlassen“ würden – ein gefährliches Spiel, bei dem Führer, die leicht (aber nur leicht) außer Kontrolle scheinen und exzessiv auf Provokationen reagieren, mitunter bevorteilt sind.

Schellings Buch „The Strategy of Conflict“ (1960) wird als eines der 100 Bücher gehandelt, die die westliche Zivilisation seit 1945 am meisten beeinflusst haben. Während der Entstehung des Buchs war er Stratege der RAND Corporation, einer von der US-Air Force begründeten Denkfabrik, die in dieser Zeit Magnet für zahlreiche Verteidigungsexperten war.

Er sah den Krieg im Wesentlichen als eine gewalttätige Form von Verhandlungen an. Der Aufstieg der Sowjetunion zur Nuklearmacht forderte eine neue Strategie, weg vom massiven Vergeltungsschlag, der für den Fall einer sowjetischen Invasion in Westeuropa vorgesehen war – immer die Möglichkeit des Umschlagens eines konventionellen in einen Nuklearkonflikt vor Augen. Schelling schlug stattdessen Vergeltung in einem „bestrafenden Sinn“ vor: Begrenzte oder abgestufte Vergeltungsschläge sollten den Druck auf die Sowjets erhöhen. Diese „Signale“ stellten für Schelling nichts anderes als die Erhöhung der Einsätze in einer Verhandlungsrunde dar – sie sollten den Gegner einschüchtern und zum Rückzug bewegen.

In seinem nächsten Buch „Arms and Influence“ ging er noch weiter. Mit markigen Worten beschwört er das Zufügen von bloßem Schmerz und Zerstörung als hauptsächliches Droh- Instrument der Kriegsführung (coercive warfare):

The power to hurt can be counted among the most impressive attributes of military power. … To inflict suffering gains nothing and saves nothing directly; it can only make people behave to avoid it. […] War is always a bargaining process [...]

1964 suchten der damalige US- Präsident Lyndon B. Johnson und sein Verteidigungsminister Robert McNamara nach Wegen, um militärische Aktionen gegen Nordvietnam einzuleiten. Sie nahmen Schellings Konzept auf. McNamaras engster Berater war John McNaughton, ein Mitarbeiter im Verteidigungsministerium. Er war mit Schelling seit ihrer gemeinsamen Arbeit am Marshall-Plan in Paris befreundet. Beide lehrten in Harvard. McNaughton bereitete einen politisch- militärischen Plan für abgestufte Aktionen gegen Nordvietnam vor, der die Handschrift Schellings trägt:

The theory of this plan is that we should strike to hurt but not to destroy, and strike for the purpose of changing the North Vietnamese decision on intervention in the south. [...] A pound of threat is worth an ounce of action - as long as we are not bluffing.

Später kam McNaughton auf Schelling zurück, als der US-Administration an einer Eskalation des Konflikts gelegen war. Ein Luftkrieg erschien als geeignetes Mittel, doch welcher Art die Bombardierungen sein sollten, war schwer zu empfehlen. Schelling erlebte eine erste Überraschung bei der Umsetzung seiner Theorie. Ihre Übertragung auf einen realen Krieg erwies sich als problematisch. Er schied von McNaughton mit einem Ratschlag: Gleich, welcher Art die letztendlich eingeleitete Bomberkampagne sein würde – sie sollte nicht länger als drei Wochen dauern. Sie hätte dann ihre Ziele verwirklicht – oder sie würde sie nie erreichen. Die Operation Rolling Thunder begann Anfang März 1965.

Nach verstrichenen drei Wochen sandte McNaughton die erste einer Reihe von pessimistisch klingenden Mitteilungen an McNamara. Am Verhalten der Nordvietnamesen hatte sich nichts geändert, sie zeigten sich unbeeindruckt von den ausgesandten Drohsignalen. McNamara legte zusehends seine Illusionen ab, auch wenn er nach außen hin noch immer „Licht am Ende des Tunnels“ sah. Er verließ sein Amt im November 1967 und wechselte zur Weltbank. John McNaughton kam im gleichen Jahr bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. „Rolling Thunder“ wurde bis zum Oktober 1968 fortgesetzt.

Im Vietnamkrieg fielen mehr Bomben als im gesamten 2. Weltkrieg. Mit der Einnahme Saigons am 30. April 1975 durch die Nordvietnamesen fand dieser Krieg sein Ende. Mehr als 58.000 Amerikanern starben, die niedrigsten Opferschätzungen auf vietnamesischer Seite liegen bei 1,5 Millionen Menschen.

Our power, therefore, is a very vital shield. If we are driven from the field in Vietnam, then no nation can ever again have the same confidence in American promise or protection. We did not choose to be the guardians at the gate, but there is no one else.

Lyndon B. Johnson, 28.Juli 1965

Thomas C. Schelling hat danach nicht mehr viel zum Thema Krieg geschrieben. Er hat die Beschränkungen seines Handwerks erkannt. Die Schattenseite von Thomas C. Schelling ist zugleich die Schattenseite seiner Zunft – die dreiste Annahme, dass hübsche Theorien die wirkliche Welt nicht nur wiedergeben, sondern auch ändern können, und zwar auf eine exakt vorhersehbare und messbare Weise. Das Erbe dieser Auffassung ist momentan im Irakkrieg zu sehen.

Heute ist Schelling z.B. aktiv an der Diskussion über die globale Erwärmung beteiligt, deren befürchtete Auswirkungen er für überbewertet hält. Aufgrund seiner Arbeiten zum Thema wurde er von Bjørn „Global Leader for Tomorrow“ Lomborg (Scientific Dishonesty!) zur Mitwirkung am Copenhagen Consensus 2004 eingeladen. Führende Ökonomen versuchten sich hier an einer Kosten-Nutzen-Analyse der wichtigsten anstehenden Herausforderungen der Menschheit. Unangenehm stieß neben der Tatsache des Fehlens von jeweiligen Gebiets-Fachleuten die durchgehende Besetzung mit Verfechtern des freien Marktes auf. (Bernd Schröder)

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