Ein Produkt des Dschungels

Der größte Drogenbaron des 20. Jahrhunderts wird 70 Jahre alt

Während der Amtsperiode von Ronald Reagan (1981-89) konnte Khun Sa seine Macht maximal ausdehnen und dabei zu einer historischen Figur werden. Mit Reagans Tod (und der damit verbundenen Verklärung seiner Amtszeit) sowie Khun Sas bislang unbeachtet gebliebenem 70. Geburtstag, bietet sich gegenwärtig somit ein zweifacher Anlass, um einen kritischen Blick auf den mächtigsten Drogenbaron des 20. Jahrhunderts zu werfen.

Seit geraumer Zeit ist das Verhältnis von Angebot und Nachfrage ein Grundsatzproblem der Wirtschaftstheorie. Im Falle von Rauschgiften ist dieses Verhältnis besonders komplex. Allein das Angebot, also die Gesamtheit der vom Verkäufer auf den Markt gebrachten Güter, muss auf eine mehrschichtige Struktur zurückgeführt werden. Der "Verkäufer" als solcher existiert hier nämlich nicht mehr. Vielmehr handelt es sich um eine Verkäuferkette, die sich von dem Herstellerland, über unterschiedliche Stationen in jenes Land erstreckt, in dem das Rauschgift seine Endabnehmer findet.

Diese Kette wurde in Bezug auf das globale Angebot von Heroin während des von US-Präsident Ronald Reagan fortgeführten War On Drugs nicht nur auf eine Station, sondern sogar auf einen einzigen Verkäufer reduziert: Khun Sa, der in dieser Zeit quasi-absolute Herrschaft über das so genannte "Goldene Dreieck" innehatte - also jene Region kontrollierte, die sich in Myanmar entlang der Grenzen zu Thailand, Laos und China erstreckt und in der bisweilen 70% der weltweiten Produktion von Opium abgewickelt worden ist. Doch hatten es die Informationskampagnen, die im Zuge des "War On Drugs" im nationalen wie im globalen Maßstab implementiert worden sind, nicht leicht das öffentliche Meinungsbild dahin gehend zu manipulieren.

Khun Sa ist zwar als globale Schreckensikone in der vor allem auch dieser Tage verklärten Reagan-Ära hervorgegangen, sein Image ist jedoch wesentlich komplexer, als es sich die Informationskrieger im Pentagon jemals erhofft haben dürften. Der primäre Grund: An der Entstehung des Medienmythos Khun Sa waren nicht nur (großenteils westliche) Massenmedien beteiligt, die die Propaganda freilich auch nicht immer ungebrochen reproduzieren, sondern in erheblichem Masse Khun Sa selbst: Im Glauben die Medien für seine Belange nutzen zu können, ergriff er in zahlreichen Momenten die Initiative. Dieser Dialogizität gilt es auf den Grund zu gehen.

Während der Heroinkonsum seit Mitte der 1980er Jahre in den USA unter mehr als 600.000 Hardcore-Süchtigen eine Renaissance erlebte, hatte sich Khun Sa als mächtigster Akteur im "Goldenen Dreieck" etabliert: Seine Kampforganisation, die Shan United Army (SUA), wurde 1985 mit den zwei anderen zentralen Mächten des aufständischen Shan Staates zusammengeschlossen (Khun Sa kämpfte fortan unter dem Banner des Tai Revolutionary Coucil (TRC), deren militärischer Arm mit der Mong Tai Army (MTA) eine 10.000 bis 20.000 Mann starke Truppe geworden war); die Opiumproduktion schoss in ungekannte Höhen.

Gleichzeitig tat Khun Sa einen unerwarteten Schritt: 1987 wendete er sich an die Weltöffentlichkeit. Nachdem er lange Zeit in medienfeindlicher Abgeschiedenheit zwischen seines gleichen in der vom mittlerweile knapp drei Dekaden währenden Bürgerkrieg zersplitterten Grenzregion verweilt hatte, begann er Pressekonferenzen und Feste zu geben, zu denen auch ausländische Journalisten eingeladen waren. Ihnen präsentierte er sich als Freiheitskämpfer, der für die Unabhängigkeit des im "Goldenen Dreieck" gelegenen Shan Staates eintrat und als Träger einer neuen Anti-Drogenpolitik: Das Opium, das Khun Sa zu Folge bislang lediglich der Finanzierung des Widerstandskampfes gegen die Militärregierung von Myanmar gedient haben sollte, würde durch eine andere Einnahmequelle ersetzt werden. Diese Botschaft kommunizierten auch die zahlreichen Broschüren, die er damals mit Titeln wie "Freedom's Way" oder "General Khun Sa: His Life and Speeches" in englischer Sprache veröffentlichen ließ.

In den folgenden Jahren erschienen zahlreiche Beiträge in asiatischen und europäischen Printmedien (darunter dem selbsternannten "quality women's magazine" "YOU", das als Beilage von "The Mail on Sunday" ein Millionenpublikum erreichte). Eine dichte Berichterstattung zeichnete sich vor allem auch in US-Medien ab, so unterschiedlich wie dem Businessmagazin "Regardie's", der linksliberalen Wochenzeitschrift "The Nation", dem damals monatlich erscheinenden New Yorker Männermagazin "M Inc.", der Tageszeitung "New York Times", dem traditionsreichen Nachrichtenmagazin "Newsweek" und der Sendergruppe "ABC Television".

Wie bereitwillig die Medien auf die Öffentlichkeitsarbeit der selbsternannten Freiheitskämpfer eingingen, zeigt sich nicht zuletzt an der kontinuierlichen Berichterstattung im Asia Magazine, das in den 1980ern bis zu seiner Einstellung im Jahre 1997 von dem Medienunternehmer Cyril D. Pereira herausgegeben wurde, der heute u.a. Vorsitzender der Society of Publishers in Asia ist.

So veröffentlichte Asia Magazine bereits kurz vor der Eingliederung der SUA in die TRC am 27.01.1985 mit "Politics in the poppy fields" einen mehrseitigen Bericht. Der Anlass dafür war die symbolträchtige Verbrennung von 70 Kilogramm Heroin. Eine Aktion, mit der die Rebellen ihr Image in der Weltöffentlichkeit aufbessern und darüber hinaus ihr eigentliches Kampfziel kommunizieren wollten: Die Unabhängigkeit des Shan-Staates. Als Zeitpunkt wählten sie dafür den 4.Juli, den US-amerikanischen "Independence Day".

Der neuseeländische Fotograf Terence White, der damals für Asia Magazine über diese Aktion berichtete, war zwei Jahre später für das selbe Medium bei der ersten Pressekonferenz des TRC zugegen. Ein sechsseitiger, reichlich bebildeter Artikel entstand, der versprach, die private Welt des Khun Sa aus der Innenperspektive zu beleuchten - ein Thema, das dem Magazin immerhin die Titelgeschichte wert war.

Während die den Text illustrierenden Fotos Khun Sa und seine Organisation in den unterschiedlichsten Situationen des Alltags abbildeten, zeigte ihn das Cover in einer heroischen Einzelkämpferpose: Mit der Uniform seiner Privatarmee gekleidet, seitlich zum Betrachter stehend, ließ er offenbar recht zuversichtlich und zielstrebig seinen Blick in die Ferne schweifen. Es schien, als wollte man damit sagen, dass nur die Zukunft eine Antwort auf die Frage der Titelüberschrift liefern würde, die da lautete: "Opium King or Freedom Fighter?".

Endes des Jahres 1992 stellte das "Asia Magazine" Khun Sa wieder in den Mittelpunkt. Dieses Mal war es ein Rückblick auf das auslaufende Jahr in Bildern. Während an den Rändern einige kleinformatige Bilder platziert waren - neben einer Aufnahme von George Bush mit dem japanischen Kaiser, einem Foto der Friedensnobelpreisträgerin Mutter Teresa, sowie Bildern von der Eheschließung des japanischen Sumo-Ringers Konishki und der Eheannulierung des britischen Prinzen Andrew, sollte ein historisches Gemälde an die Entdeckung Amerikas 1492 gemahnen - füllte ein großformatiges Bild von Khun Sa die Mitte dieser Doppelseite.

Es war das strahlende Portrait eines Mannes in Uniform, der im gesetzlosen Dschungel sein Vorhaben scheinbar doch noch verwirklichen konnte: Auf einer internationalen Pressekonferenz hatte er sich im Februar als Vorsitzender einer Interimsregierung des unabhängigen Shan Staates präsentiert, der in einem Statut und zwei Resolutionen des aus TRC-Kräften zusammengesetzten Shan State People's Representatives Assembly (SSPRA) erstmals Konturen anzunehmen begann. Ein Vorstoß, der übrigens nicht gänzlich einer Grundlage entbehrte: Die Unabhängigkeitserklärung bezog sich auf die myanmarische Verfassung von 1947, in der ein Austrittsrecht des Shan Staates zwar zugesichert, jedoch nach einer Frist von 10 Jahren nicht in Anspruch genommen worden war.

Dass das "Asia Magazine" in den kommentierenden Bilduntertiteln Khun Sa trotz seiner edlen Ziele als "drug warlord" referierte, ist ein Anzeichen für die nachhaltige Ambiguität seiner Figur. Eine Ambiguität, die in den Jahren zuvor auf unterschiedliche Weise von den Medien angelegt worden war. Hatte er sich 1976 nach seiner sechsjährigen Haft und der zwei Jahre darauf folgenden Rückkehr ins Goldene Dreieck mit Khun Sa ("wohlhabender Prinz") einen nationalistisch anmutenden Namen aus dem Shan-Kanon gegeben - bürgerlich hatte er bis dahin Zhang Qifu geheißen -, so sollte er von seinen Kritikern und Beobachtern fortan viele Namen verliehen bekommen.

Großenteils entsprachen diese Branding-Versuche der Linie, die im Zuge des "War On Drugs" erschaffene Drug Enforcement Agency (DEA) ausgegeben hatte. Für sie symbolisierte Khun Sa schlichtweg das personifizierte Böse: "The worst enemy the world has", wie ein US-Diplomat einmal sagte. Und so war es nicht überraschend, dass ein US-Staatanwalt, der Khun Sa wegen Heroinschmuggels anklagte, ihn bei seiner Amtshandlung als "Prince of Death" bezeichnete und Khun Sas Ruf als "Pablo Escobar of Asia" zum geflügelten Wort wurde (was insofern ironisch ist, als der Kolumbianer, der ebenfalls in den 1970er Jahren sein Drogenimperium aufzubauen begann und 1993 liquidiert wurde, bis heute bekannter ist als Khun Sa, der noch lebt und aktiv ist).

Auch die Titulierungen der Massenmedien lesen sich über weite Strecken wie Hollywoodfilmtitel: "Prince of Darkness" (Asia Week, 1987), "The King of Heroin" (ABC Television, 1989), "King of the Jungle" (M Inc., 1991), "Kingpin of the Golden Triangle", "Mass Murderer" (You Magazine, 1992) bis hin zu "Warlord" (Asia Magazine, 1992). Allein das "Asia Magazine" ließ einen begrifflichen Spielraum offen, als es Terence White 1987 schreiben ließ, Khun Sa wirke mitunter wie eine Mischung aus "Dr. Jekyll und Mr. Hyde". Tatsächlich entsprach diese Namensgebung den Medienportraits dieser Zeit am meisten.

Auf der einen Seite wurde seine Primitivität herausgestellt. Kuhn Sa erscheint hier als ungehobelt und roh. Er wird als proletarischer Gesell beschrieben, der, des Schreibens und Lesens nicht mächtig, mit besonderer Vorliebe rauschhafte Feste feiere, bei denen derbe Sprüche nicht fehlen dürfen. An das Animalische schien Khun Sas Erscheinung vor allem dann zu grenzen, wenn seine physische Präsenz beschrieben wurde: "He is a spectre whose presence is felt rather than seen", wie Terence White notierte. Was dort zu Tage trat, waren Instinkte eines Raubtiers: Eroberungslust, Überlebens- und Machtwille. Das hier evozierte Sozialisationsmodell des Dschungels ließ das darwinistische Gesetz des Stärkeren als Naturgesetz erscheinen und Khun Sa als skrupellosen, äußerst brutalen Herrscher, der vor keinem Mittel zurückschreckt, um seine Macht zu erhalten.

Auf der anderen Seite wurde ein Bild von Khun Sa gezeichnet, dass ihn als distinguierten Herren darstellt. Beispielsweise hat sich der ehemalige US-Drogenbeauftragte Joseph L. Nellis eine Dekade nach seinem Besuch des Goldenen Dreiecks Ende der 1970er an die guten Manieren von Khun Sa und seiner Untergebenen erinnert. Er spach von "well-mannered soldiers" mit "oriental grace" und notierte:

They wore clean shirts and freshly pressed trousers and spoke in soft Burmese, frequently pausing to press their palms together in friendly greeting.

Auch der Autor und Abenteurer William Hodding Carter IV, der Khun Sa für "M Inc." besuchte, hat ihn als fein und seine Lebensumstände als tendenziell asketisch beschrieben: "It is a simple room", schrieb Carter über dessen Behausung. Auch ein anderer Besucher aus dem Westen, der Berichterstatter des "YOU"-Magazins, hat Khun Sas feine Art und Bescheidenheit bemerkt. Sein Gehabe beschrieb er als geradezu imperial und beobachtete, dass sich an Khun Sa, außer einer Rolex, keine Anzeichen von Wohlstand feststellen lassen.

Symptomatisch für Khun Sas Ambiguität ist, dass der "YOU"-Journalist nach einer Woche Aufenthalt in Khun Sas Reich die Frage, ob jener ein "opium warlord" oder ein "freedom fighter" sei, nicht beantworten konnte. Sein Fazit, "I was unable to penetrate the facade", ist dabei besonders bezeichnend. Denn was alle, die Khun Sa kennengelernt haben, immer wieder in ihren Aufzeichnungen festgehalten haben, ist, dass er besonderes Feingespür für Inszenierungen habe.

Beispielsweise soll Khun Sa Mitte der 1980er Jahre eine erfolgreiche Expansion im "Goldenen Dreieck" mit einer ausgesprochen dramatischen Geste kundgetan haben. Wie Bertil Lintner in seinem Klassiker "Burma in Revolt" (Westview Press, 1994) berichtet, soll er veranlasst haben, dass ein mit Sprengstoff beladener Lieferwagen das Hochsicherheitsanwesen seines Erzrivalen in Chiangmai in einen Krater verwandelt - eine spektakuläre Attacke, die an die Arbeitsweisen des "medienbewussten" Terrorismus erinnert, andere Beobachter aber auch zu Vergleichen mit chinesischen Kriegsherren bewegt hat, "whose prestige rested not so much on the achievements of his men in the field but on the large number of soldiers confined to barracks who could be counted on for grand dispaly of marching and parade manoeuvers."

Terence White, der diesen Vergleich gezogen hat, beschreibt Khun Sa ferner als "a genius with the media, displaying a brilliance in public relations that would make a political hopeful envious". Auch andere haben diesen Eindruck bestätigt. Beispielsweise DEA-Chef Glennon Cooper, der "M Inc." zu Protokoll gab, dass Khun Sa die Prinzipien der Öffentlichkeitsarbeit versteht. Wie es auch immer wieder hieß, sei Khun Sa einer, der eine natürliche Gabe zur Selbstinszenierung besitze - selbst von seinen Anhängern werde er als "Showman" beschrieben ("YOU"). Und in den Jahren, in denen er auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, setzte er sich am liebsten - die vielen Vorwürfe wegen Drogenhandel weit von sich weisend - als ein Mann des Volkes und als Shan-Nationalist in Szene.

Gleichzeitig, und das konstituiert die paradoxe Struktur seines Images, hat er in den Medien augenscheinlich ganz von selbst die Position eines unberechenbaren Feindes gewählt. Wie die langjährige Newsweek-Redakteurin Melinda Liu schrieb, sei Khun Sa vor allem in seinen eigenen Augen "leading enemy of the United States" gewesen. "I can be the worst enemy in the world", wie Liu Khun Sa ferner zitierte. Das "ABC Television"-Interview, das Khun Sa im gleichen Jahr inmitten des bewaffneten Alltags gab, stimmte einen ähnlichen Ton an. Darin bestätigte Khun Sa westliche Stereotypen eines Bösewichts aus dem asiatischen Dschungel mit den folgenden Worten:

President Bush may have the button for nuclear weapons, but I have the button for opium. My opium is stronger and more potent than your nuclear bombs. I just should feed you this poison. Why should I do anything else?

Khun Sa spielte damals auf diese Weise nicht nur mit seinem eigenen Image. Er spekulierte auch ganz offensichtlich auf die politische Macht des Opiums, das er Newsweek gegenüber als "the Shan's passport to independence" bezeichnet hatte. In diesem Sinne hatte er auch schon seit geraumer Zeit Briefe an die US-Regierung geschrieben, die Verhandlungsvorschläge zum Inhalt hatten. Das Angebot, das er 1990 unterbreitete, war der US-Führung in Washington hinlänglich bekannt: Stopp des Opiumanbaus gegen eine internationale Anerkennung der Unabhängigkeit des Shan-Staates.

Doch standen Drohgebärden und selbstherrliche Prahlerei auch schon früher auf Khun Sas Tagesordnung. Und zwar zu einer Zeit, als ein solches Auftreten noch nicht politisch motiviert gewesen sein könnte. So hatte Khun Sa bereits Anfang der 1980er eine spontane Medienoffensive in Bangkok eingeleitet. Sehr zum Leidwesen der thailändischen Regierung, mit der er damals in einem symbiotischen Verhältnis stand, gab er der Bangkoker Presse Interviews, in denen er sich als "King of the Golden Triangle" bezeichnete und für Titel-Schlagzeilen wie "I Can Stop the Drug Flow" sorgte.

Während man Khun Sa auf Grund solch geradezu erratisch wirkenden Handlungen Unberechenbarkeit unterstellen kann, scheint sein mitunter so schwer zu deutender Wille nicht zuletzt in der von ihm erschaffenen Stadt Ho Mong einen ziemlich eindeutigen Ausdruck gefunden zu haben. Was wäre schließlich ein König ohne seine Festung?

Als Khun Sa sich 1982 im Shan Staat niederließ, nachdem ihn die thailändische Armee von seiner Operationsbasis in Nord-Thailand vertrieben hatte, war Ho Mong nicht mehr als eine Siedlung im Dickicht der unzugänglichen Grenzregion. Über die Zeit konnte sie sich jedoch zu einer Stadt mit über 10.000 Einwohnern entwickeln. Und so fehlen in kaum einem der Medienberichte Beschreibungen von Ho Mong, bei denen meistens die beachtliche Entwicklung der Stadt im Vordergrund stand.

Ho Mongs Infrastruktur, zu der immerhin auch ein Wassersystem gehört haben soll, wurde als sehr fortschrittlich beschrieben. So haben die sichtlich beeindruckten Besucher zahlreiche soziale Einrichtungen genannt (eine Schule, ein Kloster, ein Zoo, ein Krankenhaus, Teehäuser, eine Karaoke Bar, etc.) und einige Anzeichen von relativem Wohlstand ausgemacht: Thailändisches Bier und BBC-Kabelfernsehen, sowie Videogeräte, auf denen Kriegsfilme wie "The Battle of Doi Lang" zu sehen gewesen sein sollen. Das übergreifende Design der Stadt wurde als sehr übersichtlich und organisiert beschrieben. Sogar von einer disziplinierten Gesellschaftsordnung war hin und wieder die Rede - und von einem Khun Sa, der in Ho Mong strenge Regeln walten lässt.

Vom Alltag der Zivilbevölkerung war jedoch wenig zu lesen. Was nicht zuletzt daran liegen mag, dass Ho Mong in erster Linie weniger als zivile, sondern als militärische Stadt definiert werden müsste: Schützengraben, Schutzwälle, Bunker-ähnliche Bauten sowie andere Anlagen zur Verteidigung von Ho Mong erhärten diesen Eindruck genau so wie die Tatsache, dass die sich dort herausbildende Gesellschaft in der Armee ihre zentrale Institution gefunden hatte. Dabei haben die Berichte über den Alltag von Kindern in Ho Mong, die ungeachtet ihres Alters in Khun Sas Privatarmee eingegliedert worden seien, weniger das moralisch verwerfliche Moment hervorzuheben versucht, sondern vielmehr Perspektiven und Chancen aufgezeigt. So wurden beispielsweise in dem "The Nation"-Artikel von 31.03.1991 Kindersoldaten portraitiert, die sich über die Armee eine Bildung gesichert haben (sie lernten in der Armee lesen und schreiben) und eine Existenzgrundlage (ein geringes "Einkommen" sowie eine Bleibe). Die Schlussfolgerung, dass die Kinder darüber hinaus durch die Armee Teil einer Gemeinschaft werden konnten, sowie einen Lebenssinn bekommen haben, liegt damit nahe.

Wenn die Armee dort als zentrales Sozialisationsmodell erschien, so waren es Verwaltungseinrichtungen, die Ho Mong den Anstrich des Privatstaates gaben. Augenzeugen berichten von einer Einwanderungs- und Steuerbehörde, sowie von Flaggen und anderen staatsähnlichen Legitimationsmitteln, die mit nationalistischen Symbolen eines unabhängigen Shan Staates versehen waren. Wahrhaftig, ein "capital in exile" hatte hier Gestalt angenommen, wie Melinda Liu Ho Mong im besagten Newsweek-Artikel bezeichnete. Schließlich hatte Khun Sa auf der Höhe seiner Macht seinen finanziellen Erfolg in einer gebauten Struktur abgebildet, die in symbolische Konkurrenz zum Sitz der myanmarischen Zentralregierung zu treten schien.

Doch konnte Melinda Lius Rede vom "capital in exile" nicht nur so gedeutet werden. In einer anderen Lesart stellte Ho Mong für Rangun keine Konkurrenz dar. Vielmehr war Ho Mong die eigentliche Hauptstadt von Myanmar und Khun Sa deren Schattenpräsident. Hatte dieser nicht seit geraumer Zeit als einflussreicher Financier und spendabeler Unterstützer der Zentralregierung gegolten, mit der er laut Liu einen "secret non-aggression pact" abgeschlossen hatte? Während Carter zwei Jahre später von einem "working agreement" sprach, das zumindest ihm selbst erklärte, warum es in so langer Zeit zu keinen Ausschreitungen zwischen Khun Sas Truppen und denen der myanmarischen Zentralregierung gekommen war, wurde der "politische Offizier" von Khun Sa im "YOU"-Magazine mit den folgenden Worten zitiert: "The Burmese don't consider us a threat. They think our MTA is just to guard the opium business." "You can infer what you like, but we have many friends within the Burmese government", wie ein anderer Sprecher Khun Sas zu Protokoll gab.

Die Journalisten hatten allen Grund, die These vom "working agreement" aufzustellen. Wer Khun Sa Laufbahn studierte, stieß bald darauf, dass dieses Arbeitsverhältnis, das sich sogar auf das Jahr 1967 zurückdatieren ließ (damals führte Khun Sa im Rahmen des von der Zentralregierung initiierten KKY-Programms eine lokale Miliz an, die rebellische Gruppierungen bekämpfte und durfte dafür im Gegenzug Opiumgeschäfte betreiben), selbst in den 1980er Jahren zum Tragen kam, als Khun Sa mit seiner Armee dem myanmarischen Militär bei Angriffen auf andere Kampforganisationen zur Seite gestanden hat. Was die Journalisten damals nicht wissen konnten, ist, dass Khun Sa selbst nach seiner Kapitulation in Zusammenarbeit mit der Zentralregierung seinen Ruhestand absichern würde: Heute lebt er als geläuterter Drogenbaron im Herzen von Rangun, den Status der Immunität genießend und offiziell befugt, seine im Rauschgifthandel erwirtschafteten Gelder in zivile Projekte zu investieren: Straßenbau, Teakholz-Export, Edelsteinförderung, etc.

Vor diesem Hintergrund muss der Titel von Melinda Lius "Newsweek"-Beitrag heute als ungemein weitsichtig erscheinen: Er bezeichnete Khun Sa schließlich als "Burma's 'Money Tree'". Vor diesem Hintergrund wird jedoch auch nachvollziehbar, wie Khun Sa in den Augen der Weltöffentlichkeit zu einer globalen Ikone avancieren konnte, die das System, das seinen Aufstieg, wenn nicht ermöglicht, so doch bedingt hat, zwar repräsentierte, letzten Endes jedoch obskur erscheinen ließ. Schließlich verhalten sich beide auf repräsentativer Ebene komplementär zu einander: Khun Sa als Ikone ist sichtbar/psychologisierbar/auf kausale Zusammenhänge zurückführbar/angreifbar. Das Bild der Gemengelage Myanmar als Netzwerk von staatlichen, para-militärischen und ethnischen Akteuren, mafiösen Rauschgiftorganisationen, Guerillakampfgruppen, benachbarten Mächten, ausländischen Geheimdiensten, etc.1 ist undurchschaubar/wirkt in seiner Netzwerkstruktur nicht greifbar/nicht angreifbar.

Die Berichterstattung der ausländischen Medien während Khun Sas Höhenflug trug dieser Gemengelage selbst dann Rechnung, wenn sie diese nicht explizit beim Namen nannte. Häufiger als die Verweise auf das Netzwerk der Macht, das Khun Sa umgeben hat, geschah dies zwischen den Zeilen. Vor allem dann, wenn die Narration zwischen Standpunkten wechselte.

So schwankten die Berichte häufig zwischen Innen- und Außenperspektive. Beispielhaft dafür ist ein Beitrag aus dem Jahre 1987, der in "Asiaweek" erschien, ein englischsprachiges Magazin mit Sitz in Hong Kong, das 2001 aufgelöst und in seinen Teilen von "Time" und "Fortune" übernommen worden ist. In der Sektion "Eyewitness" konnten sich "Asiaweek"-Leser über eine Strecke von 12 Bild-Seiten an Khun Sas Fersen heften. Schritt für Schritt konnten sie dem Drogenbaron bei einer privaten Feier folgen, seine Freunde, Begleiter, Besucher und Untergebenen kennen lernen. In den Bildunterschriften wurden die Momentaufnahmen sogar auf seine Gefühle und Reaktionen hin verwortet. Dieser intimen Innenperspektive standen distanzierende Zuordnungen von Khun Sas Absichten gegenüber, die ganz offensichtlich eine Außenperspektive aufgedrängt haben. Im Bildkommentar hieß es beispielsweise, er inszeniere sich als "Shan Nationalist"; man bezeichnete ihn dort stigmatisierend als "Poppy Man".

Dieses subtile Spiel zwischen Innen- und Außenperspektive bekam dann eine neue Qualität, wenn neben Khun Sa auch andere Personen zu Wort kamen: Beobachter, Beteiligte und Betroffene, die über ihn sprachen. Sie erlaubten nicht nur alternative Einblicke. Sie führten den Leser darüber hinaus an andere Orte. Scheinbar mühelos wechselte die Erzählsituation der Berichte zwischen Khun Sas Stützpunkt im Goldenen Dreieck und anderen urbanen Knotenpunkten dieser Welt hin und her. Mit Handlungsorten so unterschiedlich wie New York, Bangkok, Florida, Rangun, Ho Mong und London entstand ein Koordinatensystem im Weltmaßstab. Standen diese Punkte symbolisch für jene Stationen der Verkäuferkette, die bei der Erschaffung der globalen Ikone Khun Sa unterschlagen worden waren? Oder vielleicht sogar noch abstrakter: für das komplexe Verhältnis von Angebot und Nachfrage? Zumindest so viel ist sicher: Obgleich Khun Sa in den Berichten immer im Mittelpunkt gestanden hat, scheint auf erzähltechnischer Ebene jene Gemengelage kompensiert worden zu sein, in die er bis heute eingebettet bleibt.

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