Ein Tagesordnungspunkt namens Karl Marx

Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz. Bild: self/CC BY-SA-3.0

Zögerlich stimmte der Stadtrat in Trier dem chinesischen Angebot zu, der Stadt eine Marx-Statue zu schenken

In Trier ist schon oft Weltgeschichte geschrieben worden. Von den Römern als Augusta Treverorum vor mehr als 2000 Jahren gegründet, hat hier unter anderem Kaiser Constantin residiert, der dem Christentum zum Durchbruch als Staatsreligion verhalf. Und vor bald 200 Jahren erblickte ein gewisser Karl Marx hier das Licht der Welt, der es zum "einflussreichsten Theoretiker des Kommunismus im 19. Jahrhundert" (Wikipedia) brachte. Die Stadt begeht den Geburtstag des Philosophen 2018 mit einer großen Ausstellung.

Einen Vorgeschmack auf das Jubiläum gab diese Woche der Stadtrat von Trier. Das formell immer noch kommunistische China hat Trier eine Marx-Statue als Geschenk angeboten. Und der Stadtrat musste darüber entscheiden, ob er das Geschenk annimmt.

Karl Marx auf der Tagesordnung - das ist in deutschen Kommunalparlamenten dann doch recht selten. Und zunächst schien es, als würde der Stadtrat die Gelegenheit zu einer besonderen Ratssitzung verstreichen zu lassen: Zwar war dem Rat schon aufgefallen, dass sich außergewöhnlich viel Presse eingefunden hatte. Ton- und Videoaufnahmen wurden mehrheitlich genehmigt. Auch eine außerplanmäßige Sitzungsunterbrechung wurde angekündigt, damit die Ratsleute Interviews geben konnten. Aber dann folgten Einwohnerfragestunde und die üblichen Tagesordnungspunkte. Ratsroutine eben.

Doch spät am Abend wurde es dann doch noch spannend. TOP 17.1 hieß der Tagesordnungspunkt, bei dem es um Karl Marx und sein Werk und seine Würdigung in Trier ging, aber auch um das heutige China und schließlich auch um Städtepartnerschaften, denn die Schenkung kommt aus Xiamen, Triers chinesischer Partnerstadt.

Trier habe die jetzige Lage in gewisser Weise selbst zu verantworten, konstatierte Richard Leuckefeld (Grüne): "Jahrzehntelang haben die Verantwortlichen in dieser Stadt es vermieden, Karl Marx zu würdigen, zum Beispiel auch durch die Präsenz im Stadtbild", kritisierte er. In diese Lücke stoße jetzt China rein. Er plädierte für die Annahme, die Trierer sollten "unverkrampft mit ihrem großen Sohn umgehen". Und auch Nikolay Stöckle-Jacob (SPD) erinnerte daran, wie er sich als Zugezogener vor 30 Jahren gewundert habe, weder einen Karl-Marx-Platz noch eine Straße noch ein Café dieses Namens gefunden habe.

Karl-Marx-Haus in Trier. Bild: Berthold Werner/CC BY-SA-3.0

Wie die neue Statue aussehen soll, konnte man übrigens schon sehen. Anfang März stand eine zweidimensionale Silhouette aus Holz am geplanten Standort, dem Simeonstiftplatz. Die Statue soll 4,90 Meter groß werden und auf einem 1,40 Meter hohen Sockel stehen. Entworfen wurde sie von dem chinesischen Bildhauer Wu Weishan.

Dass die Statue schon jetzt solche Diskussionen auslöse, zeige, dass die Annahme richtig ist, argumentierte die SPD. "Genau dafür ist Kunst da: Sie soll anregen, Positionen ermöglichen, Debatten schaffen. Von diesem Punkt aus war die Statue bereits sehr erfolgreich", konstatierte Markus Nöhl (SPD). Die SPD, deren Parteistiftung, die Friedrich-Ebert-Stiftung, auch das Karl-Marx-Haus in Trier unterhält, plädierte für die Statue.

Und auch die anderen Parteien aus dem Lager der alten Arbeiterparteien, die Linke und die lokale SPD-Abspaltung UBT: "Karl Marx ist einer der großen Söhne unserer Stadt, der lange Zeit nicht angemessen gewürdigt worden ist", befand Hermann Kleber (UBT). Trier sollte die Größe haben, zu einem ihrer bekanntesten Bürger zu stehen, meinte Theresia Görgen (Linke). Sie lobte Marx für seine "treffende Analyse des Kapitalismus" und sprach sich für eine kritische Auseinandersetzung mit Marx aus.

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