Ein Verfassungsschützer während der Tat am Tatort

Grafik: TP

Mit dem Mord an Halit Yozgat in Kassel endet die Ceska-Serie - Warum? Teil 3 der Telepolis-Serie zum "NSU"

Auf den Tag genau ein Jahr nach dem Nagelbombenanschlag in Köln vom 9. Juni 2004 setzte sich die Mordserie, die dem NSU zugeschrieben wird, fort: Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Yasar erschossen, bereits das dritte Opfer in Nürnberg. Nicht einmal eine Woche später, am 15. Juni 2005, traf es in München den Griechen Theodoros Boulgarides. Der einzige der getöteten Männer ohne türkische Wurzeln. Nur wenige Meter von Boulgarides' Laden entfernt um die Ecke wohnte einmal der bekannte und mehrfach verurteilte Neonazi Martin W., der wie das NSU-Trio aus Ostdeutschland stammte.

Die Morde Nummer sechs an Yasar und Nummer sieben an Boulgarides waren eine Art Doppelmord. Genauso wie ein Jahr später die Morde acht und neun.

Am 4. April 2006 wurde in Dortmund Mehmet Kubasik in seinem Kiosk erschossen. In derselben Straße wohnt einer der bekanntesten Neonazis der Stadt, Siegfried B. Nur zwei Tage später, am 6. April 2006, starb in Kassel Halit Yozgat in seinem Internetcafé.

Neun Morde an Männern mit Migrationshintergrund durch mehrere Schüsse in Gesicht und Kopf aus ein und derselben Waffe der Marke Ceska. Zweimal wurde zusätzlich eine italienische Bruni-Pistole verwendet: Beim ersten Mord an Enver Simsek in Nürnberg und beim dritten an Süleyman Tasköprü in Hamburg.

Jede Tat hat ihre Besonderheiten. Die neunte in Kassel gleich mehrere. Es war der letzte Mord, der mit der Ceska-Pistole begangen wurde. Und es war ein Verfassungsschutzbeamter zugegen. Seine Rolle - passiv oder aktiv - ist bis heute nicht aufgeklärt. Sein Name: Andreas Temme. Der Mord von Kassel ist einer der Schlüsselfälle des NSU-Mysterium - wie auf ihre Weise die Nagelbombe von Köln, der Polizistenmord von Heilbronn oder auch der 4. November 2011, als mit den Toten von Eisenach der NSU aufgedeckt wurde.

Namen dominieren dessen undurchsichtige Geschichte: Die der mutmaßlichen Täter Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe oder des Angeklagten Ralf Wohlleben. Die von V-Leuten des Geheimdienstes im Umfeld des NSU, wie Tino Brandt, Ralf Marschner, "Corelli" oder "Piatto". Und mit Andreas Temme gehört auch ein Hauptamtlicher des Verfassungsschutzes (VS) zu dieser Nomenklatur.

Doch in den vergangenen fünf Jahren ist der Fall Temme vor allem zum Symbol für den Widerstand des Sicherheitsapparates gegen die Aufklärung der Mordserie geworden. X-mal ist Temme mittlerweile befragt worden, im Zschäpe-Prozess wie in Untersuchungsausschüssen, doch die staatliche Mauer um ihn herum scheint höher und höher zu werden. Der Fall ist die Nagelprobe, das Exempel, an dem sich erweist, ob der Komplex aufgelöst oder weiterhin unterdrückt werden kann. Er steht wie kaum ein anderer für die politische Dimension des NSU-Skandals.

Dass der VS-Beamte während der Tat in dem Internetcafé anwesend war, kann inzwischen als gesichert gelten. Das hat auch die Bundesanwaltschaft eingeräumt. Damit ist der Kreis um den Mord wie um Temme enger gezogen.

6. April 2006: Kurz nach 17 Uhr fand Ismail Yozgat seinen 21jährigen Sohn tot hinter dem Tresen in seinem Internetcafé in der Holländischen Straße in Kassel. Als Tatwaffe wird die Ceska-Pistole identifiziert, die schon bei acht Morden verwendet wurde, zuletzt nur zwei Tage zuvor in Dortmund. Im November 2011 wird diese Pistole zusammen mit anderen Schusswaffen im Brandschutt der Wohnung in Zwickau gefunden, wo das Trio Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe gelebt hatte.

Ismail Yozgat hatte sich um ein paar Minuten verspätet. Er wollte seinen Sohn um 17 Uhr ablösen. Möglicherweise wäre er dann das Opfer geworden. Das sorgt bis heute für Spekulationen, ob der Anschlag vielleicht Ismail Yozgat galt. Daran hängt die grundsätzliche Frage nach dem Motiv der Morde und der Auswahl der Opfer. Sollten konkrete Individuen getroffen werden oder Vertreter gesellschaftlicher Gruppen, zum Beispiel Türken? Dass wir das immer noch nicht wissen, gehört zu den Unheimlichkeiten der Geschichte.

Ein Mord wie in einem Kammerspiel, wie in Szene gesetzt. Während der Tat waren sechs Menschen in dem kleinen Laden: Der Iraker Hamadi S. telefonierte in einer Zelle im Vorraum nur wenige Schritte vom Opfer entfernt. Die Türkin Hediye C. saß mit einem Kleinkind im separierten Familienraum und telefonierte. Die Jugendlichen Emre E. und Ahmed T. surften im hinteren Raum im Internet.

Die sechste Person war der Beamte des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz (LfV), Andreas Temme, der ebenfalls im hinteren PC-Raum saß. Er hatte sich um 16:51 Uhr ein- und kurz vor 17:02 Uhr wieder ausgeloggt. Als Vater Yozgat seinen Sohn fand, war Temme nicht mehr da. Als einziger hatte er das Geschäft verlassen. Die anderen Zeugen geben an, ein dumpfes Geräusch gehört zu haben, wie wenn etwas zu Boden fällt. Hamadi S., der nicht mehr in Deutschland lebt, sagte der Polizei, er habe schattenhaft einen großen Mann wahrgenommen, der an seiner Zelle vorbeiging, zum Tresen geschaut und dann in Eile das Lokal verlassen habe. Temme misst 1.90 Meter. Ahmed T., damals 15 Jahre alt, sagte aus, den großen blonden Mann, eben Temme, mit einer Plastiktüte in der Hand rausgehen gesehen zu haben. In der Tüte habe sich ein schwerer Gegenstand abgebildet.

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