Ein Versuchslabor, um heiße Luft abzulassen

Das Triple Play Lab in Dornach bei München soll feststellen, ob die tollen Versprechungen der Provider auch wirklich technisch funktionieren

In den Dotcom-Boomjahren reichte es, eine tolle Idee zu verkünden und schon strömten Finanziers und Interessenten en masse herbei. Heute ist das nicht mehr ganz so einfach, es wird mittlerweile bedauerlicherweise auch ein funktionierendes Produkt erwartet. Die Konvergenz der Netze, neudeutsch Triple Play genannt, klingt in der Theorie einfach und hat in der Praxis ihre Tücken. Ein Versuchslabor soll dabei helfen, spätere Blamagen vor Ort zu vermeiden.

“Triple Play“ ist ein typisches Buzzword, das modern klingt, doch dessen Bedeutung und Sinn nicht auf Anhieb klar werden. Gemeint ist, dass Telefonie, Internet und Fernsehen über dieselbe Leitung laufen können (Die Telekommunikationsnetze wachsen zusammen). Welcher Art diese Leitung ist, bleibt dabei offen: es kann jeder der drei erwähnten Dienste die Grundlage bilden – die Kupferdoppelader des Telefonanschlusses, die auch DSL bringt, über das dann auch ferngesehen werden soll; der Internetanschluss auf Glasfaserbasis, über den auch telefoniert (Voice over IP) und wie zuvor ferngesehen wird (IP-TV) oder auch der Kabelfernsehanschluss mit Rückkanal, über den auch Telefon und Internet angeboten werden. Sogar ganz andere Kombinationen sind denkbar, wie das wegen Unrentabilität, geringer Datenraten und Funkstörungen ein Nischendasein fristende Powerline, die Datenübertragung über die Stromleitung.

"Bullshit-Bingo" oder ernsthafte Sache? (Bild: W.D.Roth)

Es ist dabei eigentlich immer ein gewisser Klimmzug, die anderen beiden Dienste mit auf das Kabel zu pfropfen, das eigentlich nur zum Fernsehen oder Telefonieren gedacht war. Manche Kombinationen wie Fernsehen über Internet sind dabei sehr ressourcenfressend und technisch erst dann tragbar, wenn fast unbegrenzte Bandbreite zur Verfügung steht, also ab dem zweistelligen MBit/s-Bereich.

Es fragt sich also, was der Kunde eigentlich von „Triple Play“ hat? Er ist ja üblicherweise bereits mit Fernsehen, Telefon und Internet versorgt, das erste beispielsweise per Satellit, das zweite von der Telekom und das dritte von 1&1, also wird er wenig Interesse daran haben, neue Hardware anzuschaffen, nur um jetzt alles von einem Anbieter zu haben: Selbst wenn das Ergebnis etwas preiswerter ausfällt, ist die Zuverlässigkeit geringer und wenn mit dem Anschluss einmal etwas nicht stimmt, fällt gleich alles auf einmal aus. Auch unerfreulich: Wenn zwei TV-Sendungen angeschaut und eine dritte aufgezeichnet werden, wird auf einmal das Internet lahm oder das Telefon kommt ins Stottern.

Musterzusammenstellung unterschiedlichster Modems für Powerline, Kabel, Glasfaser… (Bild: W.D.Roth)

Anders sieht es aus, wenn der Kunde gerade erst einzieht und mit einem einzigen Anbieter statt deren drei so weniger Papierkram abzuwickeln hat. Auch die Anschlussgebühr und die Verkabelung fällt in diesem Fall nur einmal an und es muss auch nur einmal auf die Monteure gewartet und dafür ein Urlaubstag geopfert werden – so sie denn allerdings tatsächlich alles problemlos zum Laufen bekommen. Von daher hat die Idee, zukünftig nur noch an einen Anbieter zahlen zu müssen, dann doch etwas Verlockendes. Allerdings besteht dann auch keinerlei Möglichkeit mehr, an den Gebührenansprüchen von ARD und ZDF für den Internetanschluss vorbei zu kommen, wenn man dieses über Kabelanschluss oder mit IP-TV-Angeboten gekoppeltes VDSL bezieht.

Zunächst einmal ist jedoch klar, dass Triple Play nicht etwas ist, das der Kunde unbedingt braucht, sondern etwas, das der Anbieter unbedingt will. Für den ist es natürlich schon interessant, wenn er seinen Kunden neben dem bisherigen Angebot – Telefon, Internet oder Fernsehen – auch noch die zwei anderen verkaufen kann. Umso ärgerlicher dann oft das Erwachen, wenn die vollmundigen Werbeversprechen nicht eingehalten werden. Und irgendwelche Dinge nicht so funktionieren, wie sie sollen.

Muster einer Glasfaserbündels mit 100-Meter-Trommel (Hintergrund links) und Spleißarray (rechts) (Bild: W.D.Roth)

Die Provider sind dabei – insbesondere im Internetbereich, doch auch beim Festnetztelefon (teils Ersatz durch Mobilfunk) und Kabel-TV (Ersatz durch Satellit) – auch deswegen in der Krise und auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern, weil der Privatbereich inzwischen nicht mehr kostendeckend ist und selbst im Geschäftskundenbereich mit dem reinen Internetzugriff gerade mal die eigenen Kosten abgedeckt werden können.

Erst mit den Dingen, die "eigentlich niemand braucht", wie Video on demand und IP-TV – warum sollte schließlich jemand, der Kabelanschluss oder Satellitenschüssel hat, plötzlich das Bedürfnis haben, ausgerechnet über das Internet fernzusehen, und das Programm wird davon auch nicht besser? – besteht die Chance, weiter Gewinne zu machen.

Detailaufnahme der Glasfaser-Spleißarrays (Bild:W.D.Roth)

Doch wie man an den gegenwärtigen Kämpfen um die Fußballrechte ("Stell Dir vor, es läuft Fußball - und keiner schaut zu") ebenso wie bei den Entwicklungen in Sachen digitales Radio (Plattgefahren: Nullen und Einsen auf der Straße) sieht, entscheidet die Inhalte: Wenn es die Fußball-Bundesliga eines Tages nur noch auf Mobiltelefonen zu sehen gibt, würde sich sogar Handy-TV plötzlich verkaufen (Mobil mitfiebern?). Und erst ein solches Komplettpaket kann den Kunden dazu verführen, seine bislang eigentlich gut funktionierende Telefon- oder Fernsehanlage technisch unnötigerweise umzubauen und auf ein neues System umzusteigen.

Oft sind diese neuen Triple-Play-Provider nur auf dem Stammgebiet ihres Geschäfts wirklich fit. Wenn es dann bei einem Kabelfernsehanbieter mit dem Telefon klemmt oder beim Internetanbieter das Fernsehen streikt, ist guter Rat teuer – sowohl für den Kunden, der sich mit einer überforderten Hotline herumplagt wie auch für den Anbieter, dessen Ruf in Gefahr ist. Eine Allianz aus Providern und Technikunternehmen hat deshalb jetzt das Triple-Play-Lab in Dornach bei München gegründet.

Detailaufnahme eines Glasfaser-Spleißarrays aus dem Stapel (Bild:W.D.Roth)

Dort sind typische Verteileranlagen aller denkbaren Techniken aufgebaut, ebenso Bridges, Switches, Hubs, Ringnetzwerke und neben etlichen Kilometern verlegter Glasfaser auch einige 100 Meter Glasfaserkabel zuschaltbar auf Rollen, so dass jede denkbare Verteiler-Infrastruktur nachgebildet werden kann. Der technische Schwerpunkt liegt dabei auf Glasfaser, da Fibre to the home am ehesten zur praktischen Umsetzung von Triple Play geeignet zu sein scheint. Allerdings finden sich auch Nischentechnologien wie Powerline Access mit entsprechenden Starkstromschaltschränken wieder. Damit können die Provider mit ihrem System samt Hard- und Software anrücken, das Labor mieten und ausprobieren, ob die Technik in der Praxis auch so funktioniert, wie es Theoretiker und Marketingleute sich ausgedacht hatten.

In Südkorea ist 100 MBit/s-Internet in jedem Haushalt über Glasfaser völlig normal, in Deutschland wurden dagegen die wenigen Glasfasernetze, die in Ortsverteilungen gelegt wurden, unverständlicherweise auf Sprachtelefonie beschränkt („OPAL“), weswegen sie als DSL-Bremse einen eher schlechten Ruf haben (Die Glasfaser in ihrem Lauf ... hält DSL im Osten auf). Stattdessen wird versucht, aus den alten Kupfer-Doppeladern des Telefonnetzes immer höhere Datenraten zu quetschen – von ADSL mit einem bis sechs MBit/s über ADSL2+ mit gegenwärtig 16 MBit/s bis zum Telekom-VDSL, das noch einmal das Doppelte bieten soll und damit echtes IP-Fernsehen ermöglicht.

Powerline-Modem im Triple Play Lab in einem Bau-Stromanschlusskasten (Bild: W.D.Roth)

Doch erhöhen sich mit den Datenraten auch die zu übertragenden Frequenzen und damit die Abstrahlung der Kabel immer mehr. Die Anbieter der als Funkstörer ersten Ranges (Daten aus der Steckdose - Müll im Funk) bekannt gewordenen Powerline-Technik betonen deshalb, dass VDSL den Kurzwellenfunk weit mehr stören wird als ihr System, das inzwischen mit vielen Relaisstationen in den Verteilerkästen dafür sorgen will, dass die Pegel auf den Leitungen nicht mehr so hoch sein müssen wie früher und so zumindest die deutsche Norm NB 30 eingehalten werden soll, die allerdings Funkamateuren, Kurzwellenhörern und anderen von Powerline beeinträchtigten Funknutzern noch viel zu großzügig ist.

Dennoch wurde diese Norm inzwischen über die EU-Vereinheitlichung ausgehebelt, wofür die Powerline-Anbieter die Telekom verantwortlich machen, deren exklusives VDSL-Angebot mit einer noch existierenden NB 30 so nicht realisierbar wäre. Allerdings kann Powerline dennoch nicht die Datenraten von VDSL bieten, da sich selbst bei dem schwer am ruinierten Image von Powerline Access feilenden Unternehmen Power Plus Communications zwanzig Kunden eine Zuführung teilen müssen und dem einzelnen von den insgesamt 14 MBit/s Übertragungskapazität dann in der Praxis gerade noch eines bleibt, im Extremfall noch weniger.

Kennt man eigentlich nur aus der Automobiltechnik: Stromanschluss eines Powerline-Modems über „Stromdiebe“ im Verteilerkasten (Bild: W.D.Roth)

Das Problem beim IP-Fernsehen sind übrigens nicht einmal alleine die hohen Datenraten, die sich mit HDTV noch steigern werden. Ein größeres Problem ist das Zuschauerverhalten, das Zapping, der nervöse Finger auf der Fernbedienung: Kommt in einem viel gesehenen Programm ein Werbeblock und alle Zuschauer schalten gleichzeitig andere Programme ein, so bricht das Netzwerk plötzlich zusammen, weil eigentlich alle Daten in IP-Netzwerken irgendwo zwischengespeichert (gepuffert) werden und die Videostreams nun neu aufgebaut werden müssen. Die Wettbewerber der Telekom sehen auf diese hier noch ein großes Problem zukommen, da ihr heutiges IP-Angebot ganz erheblich auf Zwischenspeichern von Daten setzen soll.

An bestimmten Orten könnte Triple-Play tatsächlich auch den Kunden Vorteile bringen, beispielsweise im Krankenhaus. Wer dort heute mehr oder weniger freiwillig landet, muss oft unter (mangelnder) Telekommunikation und (zu vieler) Medienversorgung ziemlich leiden. Schließlich kosten sowohl Telefon als auch Fernsehen Geld, was zu teilweise recht rüden Sitten führt.

So konnte eine verunglückte Arbeitskollegin erst nach einer Woche angerufen werden, da im betreffenden, im Westen von München gelegenen, Krankenhaus mit Telefonkarten gearbeitet wird, die an einem Automaten zu ziehen sind. Wer aber mit gebrochenem, geschientem und aufgehängten Bein im fünften Stock des Krankenhauses im Bett liegt, kann nun einmal nicht am Automat im Erdgeschoss eine Telefonkarte erstehen und die Schwestern haben auch anderes zu tun. Ohne Telefonkarte, von der auch ohne eigene Anrufe die tägliche Grundgebühr abgezogen werden soll, sind jedoch auch eingehende Gespräche nur wenige Sekunden möglich, bis die Anlage unerbittlich die Verbindung trennt. Erst ein Besucher eines anderen Patienten beschaffte schließlich die fehlende Telefonkarte. Selbst im Kittchen hat man einen Anruf frei, im Krankenhaus aber nicht.

Ebenso desolat ist die Situation beim Fernsehen: Krankenhäuser müssen zwar eigentlich keine Rundfunkgebühren zahlen, doch dies gilt nur, wenn sie die Fernsehgeräte selbst aufstellen. Lassen sie das dagegen durch einen Dienstleister erledigen, der dafür auch entsprechend Gebühren von den Patienten verlangt, doch die Krankenhauskassen und -verwaltung entlastet, fallen auf einmal ganz normal Rundfunkgebühren pro Gerät an, was dann zur Folge hat, dass ein Fernseher ohne Kopfhörer zwei, drei oder vier Patienten beschallt, auch wenn von diesen eigentlich nur einer fernsehen will – natürlich meist genau der, der nicht mehr gut hört – und der Rest lieber seine Ruhe hätte, um ein Buch zu lesen oder zu schlafen. Doch schon der Anschluss einzelner Kopfhörer würde mehrere Gebührenpflichten begründen, so die Klage eines Krankenhaus-Fernseh-Ausrüsters gegenüber Telepolis.

Muster-Krankenhauslösung für Telefon und Fernsehen über IP und Chipkarten zur Abrechnung von Avaya (Bild: W.D.Roth)

Mit Triple-Play-IP-Systemen stünde dagegen ein LC-Bildschirm an jedem Krankenhausbett, der gleichzeitig auch Telefonfunktionen, interne Nachrichten, den Speiseplan und in der Luxusversion auch Internet bietet. Wird diese Ausrüstung vom Krankenhaus selber gestellt, fallen keine Rundfunkgebühren an, aber außerdem vereinfacht sich die Abrechnung: die Telefon- und TV-Kosten werden nun ganz normal auf der Krankenhausrechnung erscheinen und es werden keine Telefonkarten mehr benötigt. (Wolf-Dieter Roth)