Ein Viertel der Westeuropäer soll "stark" antisemitisch sein

Die Anti-Defamation League hat eine weltweite Umfrage durchgeführt, nach der in vielen Ländern der Antisemitismus ansteigt

Grundlage der ADL-Umfrage sind 11 Fragen, aus denen sich eine antisemitische Haltung ablesen lassen soll. Bei den Fragen geht es vornehmlich darum, ob den Juden mehr Macht und Einfluss zugeschrieben wird, als sie haben, aber auch, ob sie nicht genügend nationalistisch gegenüber dem Land, in dem sie leben, eingestellt sind: "Juden sind gegenüber Israel treuer als gegenüber dem Land, in dem sie wohnen."

Ansonsten wird gefragt, ob Juden zu viel Macht auf den Finanzmärkten, in der Wirtschaft, über die US-Regierung und über die internationale Politik oder die globalen Medien haben. Ob sie sich besser als andere fühlen, für die Kriege auf der Welt verantwortlich sind, ihnen alle anderen Menschen gleichgültig sind, die Menschen Juden aufgrund ihres Verhaltens hassen oder zu viel über das sprechen, was ihnen während des Holocaust geschehen ist.

Die ADL behauptet, über eine Milliarde Menschen hegen antisemitische Einstellungen. In Deutschland seien dies 15 Prozent der Bevölkerung oder über 10 Millionen Menschen. Stärker ausgeprägt bei Männern als bei Frauen, bei älteren Menschen als bei jüngeren, die noch zu 12 Prozent antisemitische Einstellungen haben. Auch bei der Hälfte der Muslime, 14 Prozent der Christen und 12 Prozent der Atheisten seien diese zu finden. Die meiste Zustimmung gab es als "wahrscheinlich richtig" mit 49 Prozent: "Juden sind Israel gegenüber treuer als dem Land, in dem sie leben", und mit 42 Prozent: "Juden sprechen zu viel darüber, was ihnen im Holocaust geschehen ist." 31 Prozent stimmen zu, dass Juden wegen ihres Verhaltens gehasst werden, und 22 Prozent, dass die Juden zu viel Einfluss auf die US-Regierung haben. Allerdings hatte dieselbe Umfrage 2014 noch ganz andere Werte ergeben. Damals hätten 27 Prozent antisemitische Einstellungen gehabt.

Nach der ADL blieb in den westeuropäischen Ländern der Antisemitismus in etwa gegenüber 2015 konstant, in Osteuropa würde er aber stärker werden. Besonders wird geglaubt, dass die jüdische Macht in der Wirtschaft zu groß sei und es eine doppelte Loyalität gebe, aber auch dass Juden zu viel über den Holocaust sprechen. 42 Prozent der Ungarn hätten eine antisemitische Einstellung und 48 Prozent in Polen. Zugenommen habe der Antisemitismus auch in der Ukraine, in Südafrika, Brasilien, Russland und Argentinien, in Italien, Österreich und Kanada ist er allerdings weniger geworden, in Italien und Österreich trotz der starken Präsenz rechter Parteien.

Gefragt wurde auch, ob Juden die nationale Kultur durch Immigration schwächen wollen. Auch wenn sich viele bedroht fühlen, vor allem in Österreich, Dänemark, Ungarn und den Niederlanden, wo das mehr als die Hälfte sagen, aber den Juden wird das kaum angelastet. Nur die Südafrikaner neigen dazu, den Juden die Schuld zu geben. Auch die Boykottbewegung BDS gegen Israel wird, abgesehen von Südafrika, von wenigen unterstützt, in Europa sind es 15 Prozent oder weniger, nur in Belgien stehen 18 Prozent dahinter.

In Saudi-Arabien sollen 74 Prozent antisemitisch eingestellt sein, in der Türkei (2015) sind es 71 Prozent, im Iran (2015) "nur" 60 Prozent, in Jordanien oder im Libanon ist die Abneigung oder das Misstrauen noch höher. Muslime in Europa sind allerdings schon weniger antisemitisch, entweder aufgrund der Entfernung oder vielleicht, weil sie selbst unter Ressentiments leiden.

Zum Antisemitismus siehe auch von George Meggle Genau wann bin ich Antisemit? und Test der "Arbeitsdefinition Antisemitismus". Ergebnis: Mangelhaft, sowie von Richard Falk und Hans von Sponeck: An die eigene Vergangenheit gekettet.

(Florian Rötzer)