Ein Viertel geschenkt

Foto: Karl Kollmann

Vom Nutzen und Zusatznutzen sowie den Tricks der Indizes amtlicher Statistik

Drei "große" amtliche Statistiken beherrschen heute politische und wirtschaftliche Diskussionen und die Medien. Letztere verlautbaren im Regelfall nur die amtlichen Presseaussendungen, abgeschlossen im besten Fall mit einem sparsamen eigengedanklichen Räsonnement oder einer kleinen Stichelei über die Untätigkeit der Tagespolitik. Kritisch hinterfragt oder aufgeklärt wird dabei kaum noch.

Die drei großen immer wiederkehrenden statistischen Zahlen, um die sich heute fast alles in Wirtschaft, Politik und Medien dreht, sind die Arbeitslosenquote, der Verbraucherpreisindex (VPI) und das BIP (Bruttoinlandsprodukt) bzw. das daraus errechnete "Wirtschaftswachstum", oder die daran gemessene öffentliche (= staatliche) Verschuldung eines Landes.

Diese Fetische der Politik sind allesamt fixer Bestandteil braver Medienberichterstattung, werden aber von den Menschen vor den Fernsehern oder Tablets und hinter den Tageszeitungen auch gern geschmäht. Zum Teil, aber eben nur zum Teil ist eine solche Skepsis gerechtfertigt, dazu später, zuerst zurück zu den Menschen.

Zum einen muss man leider davon ausgehen, dass ein großer Teil der Menschen diese Indizes genau so wenig begreift, wie etwa das ganz einfache Prozentrechnen. Dieses macht schon weit mehr als einem Drittel der deutschen Erwachsenen große Schwierigkeiten, wie Studien dazu offenlegen.1 Darüber hinaus spielt die subjektive Wahrnehmung den Menschen selbst oft Streiche, wie die Psychologie vielfach belegen kann, etwa die Verlustaversion (monetäre Nachteile wiegen weit schwerer als Vorteile). Dazu gehört auch, das alles rasant verstärkend, eine weitverbreitete Selbstüberschätzung (griffiges Beispiel: Andere sind durch Werbung verführbar, ich aber nicht, usw.).

Zum zweiten kommt hinzu, dass diese Indizes von staatlichen Einrichtungen verwaltet werden. Und die Verwaltung (wie übrigens ebenso die Wissenschaft) neigt dazu, derartige Dinge immer genauer, mithin komplizierter machen zu wollen, um das fachlich zu sagen: methodisch ausdifferenzierter. Die Statistikämter legen das zwar offen, es ist praktisch alles nachprüfbar, aber man muss dabei halt auch etwas sperrige Texte lesen können.

Berechnen lässt sich Vieles. Wenn man dabei seriös bleiben will und schlau ist, dann legt man einfach alles offen, wer nachvollziehen möchte, der kann es, einerseits. Andererseits, behandelt man die Medien gut, berichten sie auch meist wie gewünscht, und in temporeichen Zeiten schaut dann keiner mehr in die Details, denn das ist meist zu mühsam und zeitaufwendig.

Fast drei Millionen Arbeitslose im Deutschland, an das hat man sich im Lauf der Monate und Jahre gewöhnt. Und dann kommt zu Ende oder am Anfang jedes Monats zuverlässig die aktuelle Quote: für den August 2014 sind es amtlich festgestellt 6,7 Prozent. Das schreckt nicht sehr.

Das sind die "offiziell" registrierten Arbeitslosen in Deutschland. Dazu kommt noch eine zweite Quote, die sogenannte ILO-Quote, die - nach EU-Vorgaben - aus Umfragen gewonnen wird. Sie liegt für den August 2014 bei beruhigenden 4,8 Prozent. Beides wird in den Medien oft munter vermischt.

Die ILO-Quote rechnet jeden, der in der Erhebungswoche beispielsweise eine Stunde gelegenheitsjob-mäßig bezahlt gearbeitet hat, nicht mehr als arbeitslos, dazu kommen andere Einschränkungen, daraus ergibt sich die wundersame Verkleinerung.

Erstens, Basis für beide Quoten sind nicht, wie das früher einmal üblich war, alle sozialversicherten Arbeitnehmer und Beamte, sondern alle "Erwerbspersonen", also auch Unternehmer (und deren im Betrieb mithelfenden Angehörigen). Zweitens, damit nicht genug, auch die Arbeitslosen selbst werden dazu gezählt.

Auf der anderen Seite wiederum werden, drittens, als "Unterbeschäftigte" jene Menschen nicht zu den Arbeitslosen gezählt, die von einer sogenannten "arbeitsmarktpolitischen Maßnahme" betroffen sind, also einen von der Arbeitsagentur vorgeschriebenen Kurs bzw. eine Förderungsmaßnahme machen (müssen), die kurzfristig arbeitsunfähig (krank) sind oder mit kleinen Stundenzahlen geringfügig beschäftigt sind (vgl. auch Wer in der Jugendhilfeeinrichtung ist, ist automatisch erwerbstätig). Das ergibt dann die erwähnten 6,7 Prozent, bzw. wenn man genau an den veröffentlichten Zahlen rechnet, sind es 6,8 Prozent.

Ohne die Basisvergrößerungen und die Arbeitslosenverkleinerungen wären es:

  • 9,1 Prozent - wenn man Arbeitslose an Arbeitnehmern (einschließlich Beamten) misst, und
  • 11,7 Prozent - wenn man die Unterbeschäftigten auf Arbeitnehmer (+ Beamte) bezieht.

6,7 statt 9,1 das ist, wenn seriös vom oberen Wert her gerechnet wird, ein Viertel gespart. Bei den 11,7 sind es bald zwei Viertel, die man sich durch eine gute Gestaltung der Bezugsgrößen schenken konnte. Und damit ist die Welt wieder in Ordnung, die Medien und die Menschen sind beruhigt, alles bleibt im Lot.

Nicht alle Menschen müssen (noch) arbeiten, aber alle Menschen sind heutzutage zwangsläufig Verbraucher, da sie ihre Lebens-Mittel kaufen müssen. Für die meisten ist Geld auch eine knappe Angelegenheit, der Blick auf den Preis deshalb notwendig und der Ärger über den VPI (Verbraucherpreisindex), der offiziell angibt, wie wenig oder wie kräftig die Lebenshaltungskosten steigen, deshalb ausgeprägt.

Die meisten Menschen lieben nur ganz kleine Teuerungsraten - die EZB (Europäische Zentralbank) mag eine größere Inflationsrate, so knapp 2 Prozent, aber das ist eine ganz andere Geschichte und das bleibt hier auch beiseite.

Viele fühlen sich getäuscht, wenn sie hören oder lesen, dass von Juli 2013 auf Juli 2014 das Preisniveau in Deutschland nur um 0,8 Prozent gestiegen sei. Die persönliche Erfahrung, das subjektive Gefühl sieht ganz anders aus, heißt es dann häufig und ärgerlich. Ökonomen, die wissen, was in den Medien gut ankommt, haben extra für diese verärgerten Konsumenten (das war übrigens bei der Euroeinführung 2002) den Nonsens-Ausdruck "gefühlte Inflation" erfunden. Ja - es gibt, sagen wir es einmal so: humorvolle Wirtschaftswissenschafter, und die subjektive Erfahrung ist oft ein krummer Hund.

Foto: Karl Kollmann

Nüchtern betrachtet sind die Verbraucherpreisindizes in den Ländern der EU eine hoch verlässliche Sache, allerdings mit einer kräftigen Schwachstelle. Aber zuvor ein Blick auf den Anfang dieses Index.

Alle fünf Jahre werden in einer umfassenden Konsumerhebung (Einkommens- und Verbrauchsstichprobe bei rund 60.000 deutschen Haushalten) die Konsumausgaben der privaten Haushalte erfasst. Ihr Durchschnitt bildet das Grundgerüst für den Verbraucherpreisindex. Monatlich werden dann in mehr als 600 Positionen (vom Tablet über das Druckerpapier bis zur Friedhofsgebühr) die Preise (insgesamt 0,3 Millionen Daten) erhoben, nach den Durchschnittskonsumausgaben gewichtet und so dann der aktuelle Preisindex gebildet. Genauer und transparenter geht es an sich nicht.

Natürlich: das bildet immer nur den durchschnittlichen Haushalt ab, nicht jene, die etwa kein Auto oder keinen Computer haben, oder jene mit Schlösschen und Yacht.2

Nun zur wirklichen Schwachstelle des Index: Das Waren- und Dienstleistungsangebot verändert sich rasch, heute weit rasanter als vor 20, 30 Jahren. Preis-Mengenveränderungen, beliebt bei Markenartikelindustrie und Handel (alte Packung 300, neue 250 Gramm, bei gleichem Preis), sind da noch kein Problem für die Statistik. Jedoch Qualitäts- und Pseudo-Qualitätsveränderungen machen große Probleme. Bringt der technische Fortschritt einen Qualitätssprung, dann "ist es notwendig, qualitative Verbesserungen der Produkte bei der Preismessung zu quantifizieren und aus der Preisentwicklung herauszurechnen".3 Im Prinzip klingt das stimmig.

Höhere "Qualität", also der besser ausgestattete Computer, das mit dem einen oder anderen Assistenzsystem beglückte Auto oder der größere Fernseher, wird damit (virtuell und für die Indexrechnung) preiswerter. Jedoch bleibt das unabhängig davon, ob die betroffenen Verbraucher dies auch so sehen oder es für gut und wünschenswert finden oder nicht. Qualitätsanpassungen (etwa die Hälfte des Komponentenpreises geht a conto Preisminderung) oder aufwendiger, mit statistischen Verfahren gerechnete, sogenannte "hedonische" Anpassungen, senken die Verbraucherpreise, auch wenn sich für den Verbraucher nichts ändert, er etwa den "Lustzugewinn" (= Hedonismus) nicht realisieren kann, da ihm die größere Festplatte egal oder das neue Assistenzsystem möglicherweise sogar hinderlich ist.

Sarkastisch könnte man sagen, dass mit den Qualitätsanpassungen bzw. den "hedonischen" Verfahren erstmals "Luststeigerungen" von Menschen in Zahlen, in Preise umgesetzt wurden. Das ist natürlich nicht so.

Grundsätzliches Problem ist, dass Qualitätsverschlechterungen, vor allem im Servicebereich (Do-It-Yourself-Zwänge, etwa bei Banken, selbst zusammengeschraubte und transportierte Möbel, Haushaltsgeräte ohne Anschluss und Aufstellung, schlechtere Qualität bei Flugreisen, kürzere Lebensdauer bei Produkten, usw.) und damit mehr Konsumarbeit, praktisch nicht erfasst werden.

Grundsätzlich ist überhaupt keine empirische Evidenz da, wie Verbraucher nun tatsächlich mit diesen Dingen (Qualitätsverbesserungen und -verschlechterungen, Lustgewinnen, Lusteinbußen) umgehen. Und es gibt auch wenig an kritischer Sichtung dazu: Die universitären Wissenschaftler scheinen solche Dinge nicht zu interessieren.

Erstens, die mitteleuropäischen Statistikämter halten den Einfluss ihrer Anpassungen (Qualitätsverbesserung) für vergleichsweise gering, etwa in der Größenordnung von 0,1 Prozent auf den VPI jährlich. Mit den unberücksichtigten Verschlechterungen kann allerdings solches Kleinvieh über die Jahre auch merkbaren Mist machen.

Folgt man US-amerikanischen Beobachtern, sieht das, zumindest für die USA (die aber im "Biegen" offizieller Statistiken wesentlich beherzter sind), bedeutend dramatischer aus. In der Grafik ist die rote Kurve der amtliche Index, die blaue der alternative Index ohne Tricks.

Quelle: John Williams Shadow Government Statistics, Grafik

Zweitens, von jeder Verringerung des VPI profitieren natürlich in erster Linie die jeweiligen Nationalstaaten. Das Wirtschaftswachstum wird mit sinkendem VPI größer (da es damit deflationiert, auf sogenannte "reale" Werte kunstgerechnet wird), damit steigen etwa auch die Staatsverschuldungsmöglichkeiten. Und viele andere (auch staatliche) Ausgaben sind an den Verbraucherpreisindex gebunden oder zumindest daran orientiert, dazu Mieten, Löhne (auch Beamtengehälter), Sozialausgaben und natürlich die Stimmung in der weniger zahlenskeptischen Bevölkerung, die einen kleinen Index liebt.

Das Bruttoinlandsprodukt ist ein dritter Fetisch in Ökonomie und Politik. Es gibt den Wert aller in einem Land erzeugten Güter an. Güter, das wären also alle innerhalb eines Jahres geschaffenen Waren und Dienstleistungen.

Schön klingt das, wenn man es hört, aber nur auf den ersten Blick, denn nicht einbezogen sind alle inoffiziell, also außerhalb des Markts erzeugten Güter, zum Beispiel in den privaten Haushalten. Die von der Mama erbrachten Leistungen beim Abendessen oder Wäschewaschen sind ebenso wenig enthalten wie die Arbeitsleistung des Papa bei der neuen Badverfliesung oder das zugegeben ziemlich vernachlässigbare Müllentsorgen des dazu angehaltenen Junior. Mehr als die Hälfte fehlt im BIP, das sind die in den Haushalten geschaffenen Güter, ebenso wie die Arbeitsleistungen der Freiwilligen Feuerwehr und anderer ehrenamtlicher (wertschöpfender) Tätigkeiten in einem Land.

Bislang fehlte auch die Schwarzarbeit oder der mit unerfaßten (Prostitution) oder kriminellen Aktivitäten (Drogen, Schmuggel, etc.) geschaffene Wert in einem Land. Das hat sich nun durch neue EU-Statistik-Vorgaben nach "bewährtem" USA-Vorbild geändert. Die drei Bereiche werden ab jetzt zugeschätzt. Damit wird das BIP noch irrealer, denn auch schon bei der alten Berechnung musste viel an Daten hypothetisch eingerechnet werden.

Eines der vielen Probleme mit dem BIP ist, dass etwa für die heute besonders wichtige Staatsverschuldung als Basis eben nur die marktwirtschaftliche und offiziell erfasste (oder irgendwie zugerechnete) Wertschöpfung einer Volkswirtschaft genommen und die öffentliche Verschuldung daran bewertet wird, anstatt die Schulden an den realen Staatseinnahmen eines Landes zu messen.

Das ist so, als wenn jemand, der einen Bankkredit für eine neue Wohnungseinrichtung braucht, nicht mehr nur sein eigenes Einkommen als Maßstab heranzieht, sondern die Einkünfte aller zehn Mieter oder Eigentümer im gemeinsamen Wohnhaus. Also statt der eigenen 25.000 Euro jährlich, sagen wir 200.000 von allen zehn zusammen.

Wenn jemandem so etwas einfiele, der würde blanken Hohn bei den angefragten Banken ernten. Aber bei Nationalstaaten geht das seit Langem problemlos durch, da hat man sich per Konvention darauf verständigt: Mit 60 Prozent des Einkommens aller Mieter darf man sich verschulden, das wäre schon ok, und wirkt weit weniger bedrohlich - denn Deutschland hat dann nur 82 statt 182 Prozent Schulden.

Überall wird getrickst. Manchmal notgedrungen, die Verschönerungen scheinen auf den ersten Blick beim VPI eher nicht so dramatisch. Für den Arbeitsmarkt sind die Verbiegungen schon deutlich größer. Bei den großen nationalen Finanzdaten (vgl. Wie die Finanzdaten der Euroländer manipuliert werden) werden sie mehr als abenteuerlich.

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