Ein Virus für die Nato

Bild: Марьян Блан | @marjanblan/unsplash

Die transatlantische Freundschaft ist in Zeiten von Corona nicht mehr viel wert. Wird sie dauerhaft leiden?

Die globale Corona-Krise treibt zunehmend einen Keil in die transatlantische Allianz. Sichtbar wird das vor allem im Verhältnis zwischen Deutschland und den USA.

Während führende Vertreter des Berliner Senats der US-Regierung Ende der Woche vorwarfen, sich eine dringend benötigte Lieferung von Schutzmaterialien für Polizei und Gesundheitseinrichtungen in der Bundeshauptstadt unter den Nagel gerissen zu haben, ging US-Präsident Donald Trump mit einem historisch bemerkenswerten Vergleich auf Distanz zur Bundesregierung.

Beide Episoden zeigen, wie das Agieren von Staaten in der Sars-CoV-2-Pandemie die globale Ordnung verändern könnte.

Wenig Beachtung in Deutschland fand in diesem Zusammenhang ein wie üblich launiger Kommentar Trumps gegenüber dem Fernsehsender Fox. Der US-Präsident deutete dabei an, seine Regierung könne Deutschland ja auch als feindliche Macht behandeln, weil die Regierungen in Washington und Berlin im Zweiten Weltkrieg gegeneinander gekämpft hatten.

Russland hingegen sei damals ein Alliierter der USA gewesen, so Trump, der seine Einlassungen mit den üblichen Anschuldigungen verband, Deutschland profitiere vor allem im Nato-Verband von den USA. Trump im Wortlaut:

Russland kämpfte schließlich auch im Zweiten Weltkrieg. Sie haben 50 Millionen Menschen verloren. Sie waren unser Partner. Deutschland war unser Feind. Aber Deutschland soll jetzt großartig sein. Dabei profitieren sie seit Jahren von uns im Handel. Sie zahlen viel zu wenig an die Nato. Aber wir sprechen nicht mit Russland, wir sprechen mit Deutschland. Wie kommt es, dass wir mit Manchen reden, aber mit andern nicht, wo endet das?

Donald Trump

Im Grunde ein typischer Trump also: Die Zahl von 50 Millionen ist völlig aus der Luft gegriffen und historisch in keiner Weise fundiert. Zugleich distanzierte er sich in einem bekannten rhetorischen Muster von dem eigenen provokanten Gedankenspiel, indem er auf seine deutsche Abstammung zu sprechen kam: "Sehen sie, das ist in Ordnung, ich möchte auch mit Deutschland sprechen", fügte er an. Vorn dort stamme schließlich seine eigene Familie.

Würde er seine spontane Bemerkung in konkrete Außenpolitik umsetzen, so revidierte Trump die gesamte Machtdynamik, wie sie seit dem Zweiten Weltkrieg besteht, merkte die britische Zeitung The Independent an. Dies würde aber wohl auch innerhalb der Republikaner und des republikanisch geführten Senats auf erbitterten Widerstand stoßen.

Die Haltung Trumps ist Ausdruck bereits länger währender Schwierigkeiten in den amerikanisch-deutschen Beziehungen, die nun im Stress der Corona-Krise offener zu Tage treten. Trump hatte schon vorher keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel gemacht, die dem ehemaligen Präsidenten Barack Obama nahestand und seit dem Regierungswechsel in Washington mehrfach offen auf Distanz zu dessen Nachfolger gegangen ist.

Die Possen in Berlin und Washington mit ihren falschen Zahlen, schrägen Vergleichen und vorschnellen Anschuldigungen werden wohl keine konkreten Folgen haben. Sie zeigen aber die Bruchstellen im globalen Gefüge auf.

Denn während Berlins Innensenator Andreas Geisel den USA - übrigens offenbar vorschnell - einen "Akt moderner Piraterie" vorwarf und der Regierende Bürgermeister Michael Müller die Anwürfe flugs aufgriff, nur weil eine Bestellung von Schutzmasken zu spät geliefert wurde, kam Trumps Weltkriegstirade unmittelbar vor einer Lieferung russischer Hilfsgüter in die USA. Transatlantische Freundschaft sieht anders aus. (Harald Neuber)