Ein Vorname und der Untergang des französischen Nationalstaats

Eric Zemmour, der rechte Polarisierungs-Experte in der französischen Medienlandschaft, sorgt für einen Eklat

"Ihr Vorname ist eine Beleidigung für unser Land!" Mit solch' Aufsehen erregenden Sprüchen rief in jüngster Zeit der Journalist und Polemiker Eric Zemmour, um den es zwischenzeitlich ein paar wenige Jahre lang relativ ruhig geworden war, mal wieder einige Aufmerksamkeit hervor. Der rechte Polarisierungs-Experte in der französischen Medienlandschaft hatte dabei zwar viele Kritiker gegen sich, doch er stand wieder im Mittelpunkt.

Der Vorname, um den es ging, ist jener der 37-jährigen prominenten Unternehmerin und Fernsehkommentatorin Hapsatou Sy, einer Französin senegalesischer Herkunft. Diese hat mittlerweile Strafanzeige wegen "rassistisch motivierter Beleidigung" erstattet.

Ginge es nach Eric Zemmour, müsste sie sich einen anderen Vornamen zulegen bzw. hätte man ihr einen solchen bei ihrer Geburt geben müssen und zwar einen, der im christlich-französischen Kalenderblatt vorkommt. Zemmour machte sogar einen konkreten Vorschlag dafür: "Corinne".

Der dadurch ausgelöste Eklat in einer Talkshow, Mitte September dieses Jahres in der Sendung Les terriens du dimanche ("Die Erdbürger vom Sonntag") beim Privat-TV-Sender Canal +, ist nun genau einen Monat her. Die heikelste Stelle war bei der Ausstrahlung zunächst herausgeschnitten worden.

Dieses Mal lösten die Tiraden des Polemisten etwas mehr Reaktionen aus als bei Ausfällen in jüngerer Vergangenheit, und eine durch Frau Sy gestartete Petition gegen die ständige Medienpräsenz Eric Zemmours erhielt binnen einer guten Woche stattliche 200.000 Unterschriften seit Anfang dieses Monats sind es nun über 300.000.

Wie eine Faust aufs Auge passt dazu, dass Zemmour just in diesen Tagen seinen vermeintlich überparteilichen Status hinter sich lässt, um in Bälde einer parteipolitisch markierten Persönlichkeit einen Besuch abzustatten. Es handelt sich um die frühere rechtsextreme Politikerin und Parlamentsabgeordnete in den Jahren 2012 bis 2017, Marion Maréchal-Le Pen.

Zwar wird es sich darum gehen, dass Zemmour am 14. November einen Vortrag an der in diesem Jahr durch Marion Maréchal-Le Pen gegründeten und im September eingeweihten Privathochschule ISSEP in Lyon halten wird. Bei ihr handelt es sich jedoch um eine erklärte rechte Kaderschmiede. Ein Aufritt dort ist ungefähr so unabhängig und überparteilich, wie es eine Rede vor der künftigen Parteistiftung der AfD sein könnte.

Doch wer ist dieser Eric Zemmour überhaupt, der in gewisser Weise den personifizierten Rechtsruck in der französischen Medienöffentlichkeit verkörpert, wo er als Kommentator und Talkshowteilnehmer bei verschiedenen Sendern häufiger Gast ist, ebenso wie er in der Printpresse bei der konservativen Tageszeitung Le Figaro vertreten ist?

Erstmals machte er im Jahr 2010 auf polemisch-zuspitzende Weise in einer breiteren Öffentlichkeit von sich reden. Anfang März jenes Jahres publizierte er sein Buch "Mélancolie française", das in den ersten Wochen seines Erscheinens vorübergehend zu den Top Ten der Beststeller-Liste zählt. Darin schildert er den Aufstieg und den - aktuell von ihm diagnostizierten - Niedergang des französischen Nationalstaats als den eines "neuen Römischen Imperiums".

Eine kleine Kostprobe daraus:

Frankreich liegt nicht in Europa; es ist Europa. Frankreich vereinigt alle äußerlichen, geologischen, botanischen, klimatischen Eigenschaften Europas. Es ist, wie vor über einem Jahrhundert der Geograph Vidal de la Blache schrieb, das einzige Land, das gleichzeitig im Norden und im Süden, im Westen und im Osten liegt. (....) Zu viel Talente, zu viel Reichtümer, zu viele Ressourcen. Zu viel Wahlmöglichkeiten. Zu viele Männer, Ideen, Raffinessen. Dies war vielleicht letztendlich das Unglück Frankreichs. England hatte nur das Meer; Deutschland hatte nur den Kontinent/das Festland.

Wir sind das einzige Land Europas, das gleichzeitig eine Land- und eine Seemacht ist. (....) Frankreich liegt nicht in Europa; es ist Europa. Was lange Zeit seine Stärke ausmachte, ist nunmehr seine Schwäche. Sein Schicksal war es, das kontinentale Europa/Festlandeuropa zu sammeln; die vermeintlich leuchtende Zukunft, die man ihm nun bietet, ist es, ein Texas oder Kalifornien der Vereinigten Staaten von Europa abzugeben.

Die Anhänger der heutigen Europaidee zitieren, in ihrem Sinne ausgelegt, das berühmte und flammende Plädoyer von Victor Hugo … (Anm.: für ein vereinigtes Europa). Sie vergessen nur, zu sagen, dass das Europa von Victor Hugo zur Hauptstadt Paris hat; dass die Sprache dieses Europas nur Französisch sein kann, diese Sprache, die er so liebt und mit Talent handhabt; es ist das Pendant in Poesie und Roman zum französisch beherrschten Europa unter dem Stiefel Napoléons.

Im Geiste des Kaisers (Anm.: Napoléon) sollte Paris das neue Rom sein. (....) Die Gleichsetzung unseres Landes mit dem Römischen Reich erscheint unseren Zeitgenossen unangemessen, ja lächerlich. (....) Dennoch trug die französische 'Grande Nation' Jahrhundert lang den Anspruch/die Ambition, Europa die 'Pax Romana' zu geben. Ihren Erben wollen es nicht mehr wissen.

Sie ignorieren es oder schämen sich dafür. Frankreich ist diese stets bedrohte Synthese, diese immer wieder zerstörte Einheit, diese Frucht des politischen Willens, die unverhoffte Begegnung aus Geographie und Politik, diese Nostalgie des Empire, von Einheit und Größe. (....)

Frankreichs historisches Schicksal sei es, so führte Zemmour es in der ersten Aprilwoche 2010 bei einem seiner Fernsehauftritte aus, eine "beherrschende Stellung" in einem geographischen Raum von Köln und dem Rheinland über Paris bis nach Norditalien einzunehmen.

Ganz in diesem Sinne sprach Zemmour sich in derselben Woche für eine Spaltung Belgiens aus, das als Staat längst nur noch eine künstliche Realität sei, und eine Annäherung von dessen französischsprachiger Südhälfte (Wallonien) an Frankreich - ein Auftritt, der in Brüssel zu aufgeregten Medienreaktionen Anlass gab.

Ungefähr zur selben Zeit entdeckte die Öffentlichkeit ein weiteres Hobby Eric Zemmours: Es besteht darin zu beklagen, dass durch Feminismus und Überwindung tradierter Männer- und Frauen-Rollen eine Verwirrung in der Aufteilung der Geschlechter eingetreten sei.

Deshalb auch seien die männlichen Abstammungsfranzosen heutzutage benachteiligt, da die Französinnen oder Europäerinnen sich - auf der Suche nach echter, urtümlicher Männlichkeit - an die jedenfalls in dieser Hinsicht relativ unverdorbenen Afrikaner oder Araber ("unsere früheren Domestiken") hielten.

Im selben Zeitraum sprach Zemmour sich ferner für "die Konterrevolution der Jungs/Knaben gegen die obligatorische gemischtgeschlechtliche Erziehung" in den Schulen aus; ja, doch, dies war ernst gemeint und bar jeglicher Ironie.

Am 1. Oktober 2014 erschien, viereinhalb Jahre nach dem vorausgehenden, ein neues Buch Eric Zemmours unter dem Titel Le suicide français ("Der französische Selbstmord").

Vom Inhalt her ähneln Zemmours Thesen in mancher Hinsicht denen Thilo Sarrazins. Hatte Letzterer ein Aussterben der deutschen Bevölkerung, zu geringe Kinderzahlen, einen Werteverfall sowie eine Überflügelung der Bildungseliten durch soziale Gruppen mit geringerem Intelligenzquotienten geklagt, so geht es bei Zemmour um den Untergang des französischen Nationalstaats, die schädliche Feminisierung respektive das idiotische Verlangen nach Frauenemanzipation, sowie ebenfalls sehr stark umso genannten Werteverfall.

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