Ein bisschen Message und viel Massage

Die wirkliche Berichterstattung im Heiligen Land

Folgende Schlagzeile schaffte es am 4. Februar auf Platz zwei der deutschsprachigen Yahoo! Nachrichten: „Israelische Frau bei Selbstmordanschlag in Israel getötet“. Am selben Tag eröffneten israelische Soldaten auf libanesischem Territorium das Feuer und töteten einen Libanese. Dieser „Vorfall“ war keine Schlagzeile wert.

Ein Sinnbild für die „vorsichtige“ Berichterstattung in punkto Israel? Sicher. Und es ist nicht das einzige. Auch ist die Berichterstattung keineswegs nur hierzulande so „vorsichtig“, wie ein Blick in die israelische Tageszeitung „Haaretz“ zeigt: ihren Rechnungen zufolge wurden im 33-Tage-Krieg zwischen Israel und der Hizbollah im Jahr 2006 „zwischen 1035 und 1191 libanesische Zivilisten und Kämpfer getötet“, während auf israelischer Seite exakt „119 Soldaten und 40 Zivilisten“ umkamen. Verdienen es israelische Zivilisten mehr, gezählt zu werden? Soll verschleiert werden, wie viele libanesische Zivilisten durch israelische Angriffe umkamen? Die Antwort bleibt dem aufmerksamen Leser überlassen.

Doch welcher Leser hat die Zeit und den Nerv, ständig aufmerksam zu sein? Man könnte doch von einer Berichterstattung erwarten, dass sie wirklich über die Wirklichkeit berichtet. Diesen Traum gab auch so mancher Nahostkorrespondent längst auf. Etwa der Holländer Joris Luyendijk, der nach fünf Jahren seinen Job schmiss und mit ihm noch in dem erfrischenden Buch „Wie im echten Leben. Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges“ abrechnete. Darin legt Luyendijk jeden Maulkorb ab und nennt die Dinge beim Namen. Dass es derer so viele gibt, macht die Sache nicht einfacher, aber doch klarer:

Ägypten heißt überall einfach Ägypten. Aber Israel heißt auch die ‚zionistische Entität’ und ‚besetztes Palästina’. Waren es die ‚besetzten’, die ‚umstrittenen’ oder die ‚befreiten’ Gebiete, oder doch Westjordanland oder Judäa und Samaria oder die Palästinensergebiete?(...) Soll ich von Juden, Zionisten oder Israelis sprechen? Nicht alle Zionisten sind jüdisch, nicht alle Juden sind israelisch, und nicht alle Israelis sind jüdisch. Waren es Araber, Palästinenser oder Muslime? Nicht alle Araber sind palästinensisch, nicht alle Palästinenser sind muslimisch, und nicht alle Muslime sind palästinensisch.“ Man könnte sich, so Luyendijks Schluss, allenfalls so aus der Affäre ziehen: „Heute sind in Ramallah im besetzten beziehungsweise umstrittenen beziehungsweise befreiten Westjordanland beziehungsweise in Samaria zwei Palästinenser beziehungsweise Muslime beziehungsweise arabische Neuankömmlinge beziehungsweise Terroristen beziehungsweise Freiheitskämpfer von israelischen Soldaten beziehungsweise der Israelischen Verteidigungsarmee beziehungsweise den zionistischen Besatzungstruppen getötet beziehungsweise massakriert worden(...)

Um die Fülle der Standpunkte darzulegen, wäre eine solcher Ausdrucksweise wohl die einzig adäquate. Zudem könnte sie, weil so betont politisch korrekt, den Ausschnitt erweitern – hin zu den palästinensischen, generell arabischen Sichtweisen. Wie sehr diese unterrepräsentiert sind, würde deutlich, wenn man anfinge, den „anti-westlichen“ arabischen Regimen die Bush-, Merkel- und Sarkozy-Regierungen als „anti-arabisch“ gegenüberzustellen. Oder wenn nicht nur von der „anti-jüdischen“ Haltung der „radikal-islamistischen“ Hamas die Rede wäre, sondern auch von der „anti-palästinensischen“ Haltung der „radikal-orthodoxen“ jüdischen Siedler.

Medien bauen auf Worte und entsprechend der Wahl eröffnet sich dem Rezipienten die Welt. Entscheidend dabei ist der Sympathiefaktor. Je mehr mit einer Partei mit gelitten wird, desto besser ihre Karten. Israel erkannte das spätestens Anfang der Achtziger, als sein Image infolge der Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila weltweit Schaden genommen hatte. Die intensive Marketingstrategie, die es damals ausarbeitete und die seine Lobbyisten direkt in den Chefetagen der internationalen Medienkonzerne verkauften, hatte unter anderem folgendes Memorandum von CNN an sein Nahost-Team zur Folge: Man möge nicht mehr von israelischen Siedlungen oder Kolonien im besetzten Palästina sprechen, sondern von „jüdischen Nachbarschaften“.

“A settlement, an Israeli settlement, is built for Jews and Jews only on Arab land, and it’s illegal against international law. A neighborhood is just a nice friendly place”, erklärt Nahostveteran Robert Fisk den kleinen Unterschied und setzt nach:

So by pressuring journalists into changing the use of words, by making them alter their lexicon, by linguistically changing the narrative story, not only are the journalists kept in line, this is the language, this is the system of linguistics you must use, but it also successfully takes away from one side of the dispute, the Palestinians’, the reasons why they act in the way they do, whether we approve of it or say that it’s a wicked thing.

Wie hervorragend die Strategie funktioniert, zeigte sich unter anderem an der “Entführung” der beiden israelischen Soldaten durch die „radikal-islamistische“ Hizbollah im Jahr 2006. In nahezu allen Sprachen der Welt – sogar im Arabischen – war von „Entführung“ die Rede. Doch seit wann ist für Zivilisten vorbehaltenes Vokabular auf Soldaten anzuwenden, die gemeinhin “gefangen genommen” werden? Und was suggeriert uns ihre „Entführung“? Wehrlosigkeit, Selbstverteidigungsnöte, Existenzängste? Dass sie persönlich Angst haben, ist menschlich, verständlich und bedauerlich, steht aber auf einem ganz anderen Blatt als der klare (und weltweit gelungene) Versuch, Berufssoldaten als „Underdogs“, wie es Luyendijk treffend formuliert, zu vermarkten, mit denen es zu mitzuleiden gilt.

Der größte Triumph dieser PR-Strategie aber liegt zweifelsohne darin, dass sie wie ein Blitzableiter vom Kern aller Konflikte ablenkt: die israelische Besatzung fremder Gebiete ist keine Nachricht wert. Jeder einzelne Selbstmordanschlag aber schon.

Man könnte angesichts dessen fragen, worauf die palästinensische Seite wartet, um nachzulegen? Eine Frage, die sich Nahostbeobachter wiederholt stellen. Etwa Michael Lüders, der sich dem Trupp von Nahostkorrespondenten anschloss, um von Yassir Arafat ein Interview zu erhalten, in dem dieser über die Belagerung seines Amtssitzes in Ramallah durch das israelische Militär in 2004 Auskunft gibt. Tagelang, so erinnert sich Lüders, hätten die Journalisten darauf gehofft. Welche Chance für den Palästinenserpräsidenten vor der Weltpresse seine persönliche Unterdrückung und die seines Volkes in Szene zu setzen. Tatsächlich gelang es ihm auch, die Journalisten zu emotionalisieren: als er die erhofften Interviews nicht gab, rauschte die Mehrheit wieder ab – wutentbrannt über die in den Sand gesetzte Reise.

Mehr Geschicklichkeit lässt sich auch der Hamas nicht nachsagen. Rammbockartig und ohnedies mit dem denkbar schlechtesten Image vor der „internationalen Gemeinschaft“ ausgestattet, wiederholt sie, Israels Existenzrecht nicht anerkennen zu wollen und hat es implizit längst getan: ihre Zustimmung zur Zwei-Staaten-Lösung im Juni 2006 bedeutet die faktische Anerkennung des Nachbarn in den Grenzen von 1967. Weshalb also betont sie zur Abwechslung nicht einmal das und setzt mit dem Satz nach, den beispielsweise der mit dem Aachener Friedenspreis 2003 ausgezeichnete Israeli Reuven Moskowitz Journalisten auf den Kopf zusagt: Israel erkennt das Existenzrecht der Palästinenser nicht an.

Auf die Frage nach palästinensischer PR-Logik dürfte es mehrere Antworten geben. Die interessanteste findet sich abermals in Luyendijks Buch:

Ein israelischer Politiker möchte an die Macht kommen und dann in die Geschichte eingehen. Also versucht er, es möglichst vielen Menschen recht zu machen, eine gute Medienstrategie wirkt Wunder. Für Arafat bestand die erste und einzige Priorität darin, nicht gestürzt zu werden.

Genau aus diesem Grund sei beispielsweise „die charismatische Hanan Aschrawi, die Frau, die den palästinensischen Standpunkt Anfang der neunziger Jahre so eloquent vertreten hatte“, wieder vom CNN-Bildschirm abgedrängt worden. Und das von Arafat selbst: eine attraktive, radikal-unislamistische und fließend Englisch sprechende Frau - „so jemanden will das Publikum näher kennen lernen“, schreibt Luyendijk. Für den Palästinenserboss aber bedeutete soviel Kompetenz eine Bedrohung. In seinem Regiment habe nicht Talent, sondern Ergebenheit gezählt. Die Hamas scheint sich darin in nichts zu unterscheiden.

Die Quittung zahlt die palästinensische Bevölkerung, deren komplexe Realität durch ihr Image als todessüchtige, gottesfanatische, Juden hassende Bomber ausgeblendet wird. Das drückt sich allein schon in der Disproportionalität zwischen den zahlreichen „Was-tun-gegen-den-Terror?“-Foren gegenüber den kaum existenten „Was-tun-gegen-die-Besatzung?“-Foren aus.

Und es drückt sich in der Frage aus, die Luyendijk stellt: „Was, wenn mal, abgesehen von Manipulationen, eine israelische Fernsehminute viel mehr bewegt als eine palästinensische Fernsehminute?“

Joris Luyendijk: „Wie im echten Leben. Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges“, erschienen 2007 im Tropen-Verlag

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