Ein deutscher James Bond in Kabul

Im Namen des deutschen Kaisers sollte ein deutscher Gesandter Afghanistan zum Dschihad gegen den Erzfeind England in Indien mobilisieren

Es fehlte der vergiftete Stachel in der Schuhspitze, der Zeitzünder in der Armbanduhr, es fehlte die Lizenz zum Töten. Die Waffen des Spions waren andere: die guten Manieren des Diplomaten, die Erfahrung des Juristen, der Weitblick des Staatsmannes. Aber sonst war die Sache allemal so kompliziert wie nur je bei James Bond. Und mindestens so abenteuerlich. Denn die Schauplätze des Geschehens wechselten in rascher Folge rund um den Globus. Und wie in alten Spionage-Filmen üblich, fing die Geschichte zunächst ganz harmlos an - mit einer Eisenbahnreise.

Es war 1915, kurz nach Beginn des ersten Weltkriegs. Eine etwas operettenhafte Gestalt war, aus der Schweiz kommend, in Berlin angereist. Es handelte sich um einen jungen indischen Adligen namens Mahendra Pratap. Er war ein schwärmerischer Weltverbesserer und hatte einige Zeit vor Kriegsausbruch seine Herrschaft als Kumar, oder Lehnsherr, von Hatras und Mursan (zwei schäbigen kleinen Dörfern in Indien, die man nur auf hochauflösenden Landkarten entdecken konnte) freiwillig aufgegeben. Sein Vermögen hatte er für Schulen und das Volkswohl gespendet und war nach den USA verzogen, um für seine "Happiness Party" zu werben. Er trat ein für "inter-marriage without distinction of race and creed" und versprach: "We shall print and mint our own money!" Nun hatte er auch für den Weltkrieg eine Patentlösung. Er wollte im Namen des deutschen Kaisers den König von Afghanistan veranlassen, in Indien einzufallen. Dann würden - so behauptete Pratap - alle indischen Fürsten sich dem Emir anschließen und die Engländer in Indien besiegen.

Verblüffend bei alledem ist nicht nur, dass Mahendra Pratap in Berlin überhaupt eine Audienz bei Kaiser Wilhelm dem Zweiten erlangte, weit erstaunlicher ist, dass dieser seinerseits für den weitliegenden und hochfliegenden Plan des Inders, die Afghanen in den Krieg mit hineinzuziehen, sofort Feuer und Flamme war und seine Zustimmung erteilte. Sucht man nach Erklärungen, so muss die erste wohl lauten, dass in Deutschland zu diesem Zeitpunkt so gut wie gar nichts über Afghanistan bekannt war. Eine weitere ist eher persönlicher Natur: der deutsche Kaiser war ein Enkel der britischen Königin Viktoria, er war als Kind und junger Mann unzählige Male in England bei der Großmutter zu Besuch gewesen, zuletzt 1901 zu ihrem Begräbnis. Er liebte England und alles, was mit England zu tun hatte.

Einzig das Verhältnis zu seinem Onkel, Viktorias Sohn Edward, dem gegenwärtigen englischen König, war getrübt. Onkel und Neffe hassten einander voller Inbrunst und sicher aus intimer gegenseitiger Kenntnis. Vielleicht hatte Edward den kleinen Wilhelm einst wegen seines verkrüppelten linken Arms gehänselt. Jedenfalls nannte Wilhelm seinen Onkel Edward einen "Teufel" und verstärkte die Aussage sogar noch mit einem "Sie wissen ja gar nicht was für ein Teufel" - und Edward sagte über seinen deutschen Neffen: "Er ist durch und durch falsch und der erbittertste Feind, den England besitzt!"

Nur so läßt es sich erklären, dass dem Kaiser offenbar jedes Mittel willkommen war, um dem verhassten Rivalen auf dem britischen Thron eins auszuwischen und ihm das größte und farbenprächtigste Juwel aus seiner Krone - die Kronkolonie Indien - herauszubrechen. Zudem hatte Königin Viktoria immer zahlreiche indische Bedienstete gehabt und sie alle hoch geschätzt. Auch von daher mag es Wilhelm dem Zweiten so vorgekommen sein, als ob hier nun ein Bote der Großmutter aus dem Totenreich zu ihm geeilt wäre, um ihm ihre Unterstützung zuzusagen. Wie auch immer: Er sorgte dafür, dass in aller Eile eine Delegation nach Afghanistan entsandt wurde.

Im heißen Sommer 1915 quälten sich die Abgesandten des Kaisers bereits durch die große Salzwüste des Iran (Daschte Kawir), deren Durchquerung damals, selbst mit Kamelen, für unmöglich gehalten wurde, und ritten auf die afghanische Westgrenze zu. Angeführt wurde diese Gruppe, die man sich wie eine Film-Crew in den Phantasie-Landschaften eines Karl May vorstellen mag, von dem deutschen Diplomaten, Dr. Werner Otto von Hentig. Er ist der Held unserer Geschichte. (Und, nebenbei bemerkt, der Vater des heute bekannteren Pädagogen und Bestseller-Autors, Hartmut von Hentig.)

Mit von der Partie waren: der inzwischen mit dem Roten Adlerorden 2. Klasse geehrte, aber aus eigener Kraft zum Radscha oder Fürsten empor gestiegene Pratap mit dem Brief des Kaisers, dazu der indische Nationalist Professor Molwi Barakatullah, ein Kenner der islamischen Vorschriften (und, kein Gegensatz, ein heimlicher Trinker), der ebenfalls aus der Schweiz herangereist war, sowie zwei Hodschas oder islamische Geistliche. Diese drei, so hatte man sich in Berlin ausgerechnet, würden schon hinreichen, um den Dschihad, den heiligen Glaubenskrieg, zu predigen und in ganz Indien die Revolution auszurufen.

Die Tatsache, dass nur eine Minderheit der indischen Bevölkerung dem islamischen Glauben frönte, während die Mehrheit dem Hinduismus anhing, und dass die islamische Minderheit nicht unbedingt zu den England-Gegnern gehörte, weil sie auf den Schutz der englischen Kolonialmacht angewiesen war, hielt man dabei offenbar für vernachlässigenswert.

So verstärkte sich die Unkenntnis auf beiden Seiten. Denn auch Afghanistan hatte sich bis tief ins 19. Jahrhundert hinein in einer sogenannten Dschahilija, einer Periode der Unkenntnis, befunden. Weder konnte man als Fremder das Land bereisen, noch durfte ein Afghane es selber verlassen. In beiden Fällen hätten strengste Strafen gedroht. Afghanistan blieb für die Umwelt ein verschlossenes, geheimnisvolles Land.

Nachdem die Engländer zweimal, 1839 und 1879 vergeblich (und verlustreich) versucht hatten, Afghanistan zu unterwerfen und an ihre Kolonie Indien anzugliedern, begnügte die britische Politik sich fortan damit, den König des Landes - den Emir Abdur Rahman - vertraglich, wie es bildhaft genannt wurde, an eine "silberne Kette zu legen". Er bekam jährliche britische Subsidien von zwei Millionen silbernen indischen Rupien gegen die Verpflichtung, mit keinem fremden Lande - außer durch Vermittlung des britischen Vizekönigs - Verbindungen zu unterhalten. Der Emir wurde ein Vasall der britischen Krone.

Habibullah

Zugleich begann er jedoch, wir schreiben das Jahr 1880, mit unnachgiebiger Härte sein Land in das moderne Zeitalter zu zerren. Ein starkes Militär hielt die untereinander vielfach verfehdeten Stammesfürsten in Schach, gleichzeitig wurden in großer Zahl ausländische Ärzte, Ingenieure (insbesondre für den Bergbau), Geologen und Drucker ins Land geholt. Abdur Rahman ließ Maschinen importieren und kleine Fabriken zur Herstellung von Seife, Kerzen und Lederwaren errichten. Der klarste Beweis seines politischen Erfolges war indessen, dass die Thronfolge nicht in der Form geregelt wurde, die bis dahin in Afghanistan üblich war, durch Vatermord. Stattdessen starb der "eiserne Emir" Abdur Rahman im Oktober 1901 friedlich in seinem Bett. Und der älteste Sohn, Habibullah, übernahm ordungsgemäß die Leitung der Geschäfte. Die zahlreichen anderen Söhne waren, fern vom Zentrum der Macht, unter väterliches Kuratel gestellt worden.

Als der erste Weltkrieg begann, hatte König Habibullah nun seinerseits bereits viele Jahre hindurch Zeit gehabt, sich an seine Rolle als britischer Taschengeldempfänger zu gewöhnen. Er verbrachte seine relativ sorglosen Tage damit, in Zeitschriften zu blättern oder auf die Jagd zu gehen. Zeitgenössische Fotos zeigen ihn und die Mitglieder seines Hofs als moderne, europäisch wirkende Menschengruppe, kaum zu unterscheiden vom russischen Zarenhof oder britischen Königshaus. Nichts lag ihm ferner, als mit seinen britischen Wohltätern einen Krieg anzuzetteln. Die britische Kolonialmacht in Indien garantierte stabile Verhältnisse. Nur mit britischem Geld ließ sich der Hofstaat des Emirs in seiner weltabgeschiedenen Insel der Glückseligen aufrechterhalten.

Die Ankunft der deutschen Delegation wurde Habibullah schon von langer Hand vorab vermeldet. Denn der britische Geheimdienst war allerorten in dieser Region und somit auch im Iran aktiv und beobachtete das Treiben aufmerksam, aber die Schilderungen seiner einheimischen Agenten gingen im Detail weit auseinander. Die Anzahl der Deutschen und ihrer Begleiter wurde einmal mit 179, ein anderes mal sogar mit 243 Personen angegeben, davon 29 Deutsche, 16 Österreicher, 26 Inder, 146 Iraner und 26 "Begleitpersonen". Hentig selber erwähnte später insgesamt 14 Reisende, die er mit Namen aufzählte, und "einige Österreicher", die aber rätselhafter Weise alle namenlos blieben.

Die unterschiedlichen Zahlenangaben verdankten sich jedoch weniger einer orientalischen Neigung zur Phantastik als den konkreten Veränderungen der jeweiligen Lage. Denn das deutsche Oberkommando hatte, nachdem die Türkei unter Führung ihres Kriegsministers Enwer Pascha ins Kriegsgeschehen mit eingestiegen war, eine zweite, separate Gruppe von deutschen Militärinstrukteuren auf den gleichen Weg nach Afghanistan geschickt, unabhängig von der ersten diplomatischen Mission unter Hentigs Leitung.

Diese zweite Gruppe, die einige Kameltreiber und eine Anzahl aus russischer Kriegsgefangenschaft geflüchtete Österreicher um sich geschart hatte, stand unter der Führung des bayerischen Artillerieoffiziers Oskar Niedermayer. Er war bereits vor dem ersten Weltkrieg zu geographischen Studien in der nordost-iranischen Provinz Chorassan umhergereist und konnte sich, wie man später sehen sollte, leicht als Einheimischer ausgeben. Was jedoch weder den orientalischen noch den europäischen Begleitern behagte, war Niedermayers aufbrausendes Temperament. Noch bevor man Afghanistan erreichte, hatte sich der Großteil der Truppe durch nächtliche Flucht dem Kommando Niedermayers entzogen. So kam es auch zu den unterschiedlichen Zahlenangaben der lokalen Spione.

Unterdessen hielt der britische Vizekönig und Generalgouverneur von Indien, Lord Hardinge of Penshurst, den Emir durch Eilbriefe jeweils auf dem Laufenden und warnte ihn vor den "gefährlichen Deutschen". Der Vizekönig hatte natürlich einen erstklassigen persischen Stilisten, einen sogenannten Munschi, und einen Schönschreiber oder Mirza, die sich in einem Stil ausdrückten, wie es der jahrhundertealten Pflege persischer Literatur im indischen Subkontinent entsprach.

Die blumige Anrede, ganz im traditionellen persischen Hofkanzleistil, lautete: "Möchte es zur Freude des gnädigen Herrn Emir, Seiner Hoheit, der Leuchte der Nation und der Religion, gereichen und die Freundschaft vermehren..." Bis zum sechsten Brief hatte sich die Anredeformel verkürzt auf ein schlichtes "Mein lieber, verehrter Freund, Hoheit, Leuchte der Nation und der Religion." Der Inhalt der Briefe folgte stets dem gleichen Tenor. Lord Hardinge mahnte den Emir, sich als Neutraler und als Vasall der britischen Krone zu keinen Abenteuern verlocken zu lassen. Und er warnte: die Deutschen planten in Kabul einen Putsch zum Sturz des Emirs.

Dennoch gelang es Hentigs Delegation, inklusive Niedermayers versprengter Truppe, entgegen den Wünschen des Vizekönigs in der Nacht vom 20. zum 21. August 1915 die afghanische Grenze zu überschreiten und in der Folge ungehindert nach Kabul einzureisen. Seine Mission wurde in der afghanischen Bevölkerung lebhaft diskutiert. Es hieß, Kaiser Wilhelm und das gesamte deutsche Volk seien zum Islam übergetreten - was dem Dschihad sicherlich neuen Auftrieb gegeben hätte, wenn es denn wahr gewesen wäre. Der ganze Weltkrieg hätte sich dann zum islamischen Glaubenskrieg ausgewachsen. (Der Kaiser, viele Jahre später, bereits im holländischen Exil, von dem Gerücht informiert, nahm es, wie nicht anders zu erwarten, ohne jegliche Belustigung zur Kenntnis.) Ein weiteres Gerücht, das heimlich in Afghanistan verbreitet wurde, besagte, dass die wenigen Deutschen nur der Vortrupp einer im Aufbruch befindlichen, stattlichen deutsch-türkischen Armee seien.

Natürlich war an alledem nichts dran. Und Afghanistan selbst hatte keine Armee, die einen solchen Namen verdient hätte. Hentig erkannte bald, dass irgendeine verschworene Handlung, die Afghanistan zum "Losschlagen" bringen sollte, auf jeden Fall zum Scheitern verurteilt war und den Afghanen nur Unglück bringen würde. Dennoch verweilte die Delegation rund zehn Monate lang zu Gast in Kabul in einem Palast des Emirs Habibullah und löste sich dann, im Mai 1916, praktisch über Nacht auf. Die untereinander völlig zerstrittene Gruppe war zu keinerlei gemeinsamer, koordinierter Aktion mehr fähig.

Hentig wanderte zu Fuß durch ganz China bis an die Küste des Pazifischen Ozeans und kehrte, zu diesem Zeitpunkt, 1916, noch problemlos, über Amerika nach Deutschland zurück. (Amerika trat erst 1917 in den Weltkrieg ein.) Niedermayer zog in Verkleidung, als persischer Bettler mit hennarot gefärbten Haaren und Fingernägeln, über Turkmenistan und Persien bis zur türkisch-deutschen Front und gab sich in Hamadan, mit leicht bayrisch gefärbtem Tonfall, einem deutschen Offizier zu erkennen. Wieder daheim wurde er für seine Leistungen mit dem militärischen Max-Josef-Orden ausgezeichnet und durfte sich fortan Oskar Ritter von Niedermayer nennen. Auch Pratap schaffte es noch einmal, Ende 1918, mit einer Grußbotschaft des Emirs von Kabul nach Berlin zurückzukehren und wiederum vom Kaiser empfangen zu werden. Da hatte sich freilich die frühere Operette schon ein wenig zur Klamotte gewandelt. Prataps weitere Karriere führte ihn im Zweiten Weltkrieg nach Japan, danach gab er bis in die Siebzigerjahre (er wurde weit über 90) in Indien einen wöchentlichen Newsletter heraus, den er an Abonnenten in aller Welt verschickte.

Aber was hatten die Mitglieder der deutschen Delegation während ihrer Zeit in Kabul tatsächlich erreicht? Den Zweck ihrer Mission, Afghanistan zum Krieg gegen Indien aufzuwiegeln, erfüllten sie nicht. Radscha Pratap wähnte sich zwar bereits als zukünftiger "Kaiser" seines Heimatlandes bzw als Präsident einer provisorischen indischen Exilregierung. Er entwarf für sich die Flagge und Verfassung eines neuen indischen Reichs und schrieb von Kabul aus Nachrichten in alle Welt, beispielsweise nach Moskau, auf echtgoldenen Tafeln, die aus der Reisekasse der deutschen Delegation bezahlt wurden. Zugleich erwartete er, von allen Menschen seiner Umgebung als "Your Highness" angesprochen zu werden. Davon angeregt, entwarf auch Niedermayer für den Herrscher der Afghanen eine Karte eines ersonnenen künftigen großafghanischen Reichs, wie es der Emir als Kampfgefährte des Deutschen Reiches sich erobern sollte. Ernst genommen wurden sie von niemandem.

Hentig, der eigentliche Held, blieb, wie in so vielen Spionage-Geschichten, auch hier unsichtbar. Um sich in Kabul überhaupt irgendwelche Ziele zu setzen, bedurfte es einer Ausnahmepersönlichkeit, und Hentig war eine solche. Er allein arbeitete zielgerichtet auf eine zukünftige Veränderung Afghanistans hin. Ganz nebenbei erteilte er einheimischen Mitgliedern seiner Delegation Deutschunterricht, ebenfalls en passant machte er sich ein Vergnügen daraus, den britischen Geheimdienst zu verwirren. Er war, wenn man so will, an dieser Stelle ein intellektueller James Bond, der den Palast mit dem Sprengstoff moderner Ideen verminte, indem er gezielt mit bestimmten Mitgliedern der königlichen Familie Gespräche führte.

Insbesondere der Bruder des Emirs, Kanzler Nasrullah Chan, war es, der das ausführliche Gespräch mit diesem Mann suchte, der eine Art lebende Bibliothek des Westens darstellte. Nasrullah Chan strebte die Unabhängigkeit Afghanistans bereits zu diesem Zeitpunkt an und forderte eine freiere Geisteshaltung auf Seiten des Islams. Und er war es auch, der von den Gesprächen mit dem deutschen Diplomaten am meisten profitierte. Denn Hentig war nicht irgendwer. Hentig, Jahrgang 1886, der älteste Sohn des früheren "Fürstenanwalts" der Bismarckzeit und leitenden Staatsministers von Sachsen-Coburg-Gotha, war nach erfolgreicher Studien- und Militärzeit in den auswärtigen Dienst getreten und hatte Stationen in China, Konstantinopel und Teheran absolviert. Er war ein Top-Diplomat. Das Wort "Geheimagent" gab es im offiziellen Sprachgebrauch nicht.

Freilich war auch Hentig von seiner Epoche geprägt und in ihr befangen: ein Kind des deutschen Idealismus, bzw. des preussischen Etatismus, glaubte er offenbar an den absoluten Wert einer Idee und an die segensreiche Wirkung einer konstitutionellen Monarchie, eines von oben herabgereichten, wohlwollerischen und vor allem "funktionierenden" Staatsgebildes. Wäre Hentig beispielsweise ein Schweizer gewesen, er hätte vielleicht das Modell einer "Super Schweiz" für dieses Land entwickelt, das in 32 verschiedene Ethnien und vier große Sprachgruppen zerfiel. Ein heutiger Europäer hätte eine Art "kleines Europa" vorgeschlagen, ein Amerikaner vielleicht ein föderatives Modell nach dem Vorbild der USA.

Was bei Hentigs ideeller Entwicklungshilfe ebensowenig zur Sprache kam wie bei den Bemühungen der Russen, Taliban oder Amerikaner unserer Tage, war die Frage nach den eigenen Wünschen der afghanischen Völker. Hentig muss bei seiner Ausmalung eines idealen Staatsgebildes auch die Vorstellung vorgeschwebt haben, dass er, wie einst Bismarck selbst, als "ehrlicher Makler" handelte, und dass Afghanistan nach der Unabhängigkeit ein "ehrliches" deutsches Modell im Gegensatz zu dem eindeutig "verlogenen" britische Arrangement eintauschen würde, das den König nur in einer entwürdigenden Abhängigkeit gefangen hielt.

Emir Habibullah selbst kannte keine solchen Illusionen. Ganz nüchterner Zweckpolitiker, benutzte er die Anwesenheit der deutschen Gäste einzig zu dem Zweck, um mit den Engländern eine höhere "Allowance" auszuhandeln. Tatsächlich erhielt er 1916 eine gewaltige britische Tributzahlung und forderte, sobald dies geschehen war, die Deutschen auf, ihren Aufenthalt unverzüglich abzubrechen. Er hatte keinerlei weiter reichendes Interesse an ihnen. Seine Kenntnisse von der Außenwelt bezog er, wie Hentig anmerkte, größtenteils aus englischen Illustrierten wie dem Tatler, den er sich regelmäßig von seinem Dolmetscher Azimullah Chan übersetzen ließ. Und: "Über die Verhältnisse in Deutschland hatte ihn im wesentlichen eine von dem früheren Krupp-Werkmeister Gottlieb Fleischer zurückgelassene Jubiläumsschrift der Firma unterrichtet." Derart beschränkt und zugleich bruchstückhaft sah die materielle Basis des westlichen Ideentransfers aus.

Amanullah

Und doch wurde nur wenige Jahre später, unter Habibullahs Sohn und Nachfolger, Amanullah, in diesem Land ein umfassendes Reformprogramm eingeleitet. Zu seinen Hauptpunkten zählten: Einführung des westlichen Kalenders und westlicher Kleidung, Abschaffung der Verschleierungspflicht für Frauen, Beendigung der Sklaverei und Zwangsarbeit, Einführung der allgemeinen Schulpflicht ohne konfessionelle Bindung, für Mädchen ebenso wie für Jungen, Alphabetisierung der Erwachsenen, Unterricht auch für Nomaden. Außerdem: eine Reform des Steuersystems, ein erster Staatshaushalt, eine eigene Verfassung samt Parlament, dokumentarische Erfassung und Passpflicht der Bürger, dazu Einführung eines Rechtssystems mit verbrieften Grundrechten, Einrichtung einer ersten Bank, Einführung des metrischen Systems und einer eigenen Währung und nicht zuletzt Kampagnen gegen das Schmuggelwesen und die Korruption.

Dieser, im Detail noch wesentlich umfangreichere, Reformenkatalog Ammanullahs deutet auf einen Plan hin, dem ein komplettes Konzept und das gründliche Studium einer bürgerlichen Gesellschaft zu Grunde lag - und der weit über vergleichbare modernistische Anstriche jener Zeit im benachbarten Persien und in der Türkei hinausging. Von wem aber hätte der junge, hauptsächlich technikbegeisterte König in Afghanistan ein solches Ideenwerk empfangen können? Dieser, auch heute noch utopisch anmutende Entwurf einer afghanischen Zivilgesellschaft trug, bei genauerem Hinsehen, deutliche Züge eines deutschen Musters. Als Indizien mögen hier die Ausweispflicht für alle Bürger dienen, die im benachbarten, englisch regierten Indien unbekannt war und in allen englischsprachigen Ländern bis heute unüblich ist. Ebenso das metrische System, das in England erst 50 Jahre später unter dem Zwang der Zugehörigkeit zur EWG eingeführt wurde.

Die Frage, wie es denn zu diesem Reformschub und ausgerechnet nach dem ersten Weltkrieg zu einer Art Ideentransfer aus Deutschland hätte kommen können, ist selten gestellt und niemals hinreichend beantwortet worden. Die viele Jahre zuvor gelegte Achse von Hentig zu Nasrullah Chan, der später seine Ideen an Amanullah weiterreichte, in Form einer mündlich übermittelten kleinen Staatsbürgerkunde, wurde übersehen. Sie fiel aus der Historie heraus. Hentig selbst war, als Diplomat mit Erfahrung in delikaten Angelegenheiten, viel zu gewieft, um sich jemals direkt oder gar schriftlich zu diesem Thema zu äußern. Dennoch zeigt die weitere Geschichte Afghanistans klar seine Handschrift.

Es mag nicht ganz einfach sein, von einem späten Sean Connery auf den frühen Bond zurück zu schließen, doch Hentigs einzigartige Persönlichkeit war noch deutlich erkennbar als ich selber ihn Mitte der Sechzigerjahre kennen lernte. Er war 80, ich 18. Er lebte in Stuttgart, war aber beruflich in Bonn und wanderte nun die 10 Kilometer zu Fuß zu uns nach Bad Godesberg, um meinen Vater zu besuchen. Beide waren durch eine ausgiebige schriftliche Bekanntschaft verbunden, da sie beide lebenslange Afghanistankenner waren. Hentig lud meinen Vater zu einem Spaziergang ein. Übergewichtig, 68, freute der sich auf ein gemächliches Dahinwandern samt Geplauder entlang der Rheinpromenade mit anschließendem Mittagessen im Rheinhotel Dreesen. Tatsächlich aber zog Hentig stets mit strammem Schritt in zehn Meter Abstand vorne weg, während ich wie ein junger Hund immer zwischen den beiden älteren Herren hin und her rannte. Nach dem Essen zog es Hentig sofort weiter - zu Fuß hinauf auf den Drachenfels am gegenüberliegenden Rheinufer. Dort oben angekommen, ließ er sich nur mit Mühe von meinem völlig erschöpften Vater dazu überreden, kurz zu verschnaufen und den Rückweg mit einem Taxi zu unternehmen, statt wiederum sofort zu Fuß nach Bonn zurück zu laufen.

Hentig hatte, wie mir schien, keinerlei Verständnis für die natürlichen Schwächen anderer Menschen. Was dem 80jährigen wie ein Spaziergang vorkam, war für den 18-Jährigen fast schon ein wenig anstrengend, mit Sicherheit war es für meinen Vater ein Gewaltmarsch. In Hentigs Welt musste jedoch ein einmal gesetztes Ziel erreicht werden, gleichgültig, wie unnötig oder absurd es war. Genau diese prägenden Persönlichkeitsmerkmale sind es, die sich, gewissermaßen noch als Hohlform, also unsichtbar aber dennoch spürbar, in der weiteren Geschichtsschreibung Afghanistans erkennen lassen.

Denn gemeinhin wird angenommen, Amanullah sei eben jung und selber ideenreich gewesen, ein Mann voller Tatendrang. Was zweifellos stimmt. Aber ohne Hentigs Vorarbeit hätten Ammanullahs Ehrgeiz die politischen Zielvorgaben gefehlt, es hätte keinen Drachenfels zu besteigen gegeben. Freilich: Ob Hentig sich den weiteren Verlauf der Dinge so vorgestellt hatte, wie er nachher tatsächlich eintrat, mag man mit Fug und Recht bezweifeln.

Im Februar 1919, kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, wurde zunächst einmal Emir Habibullah, nun wieder ganz der Tradition gemäß, in seiner Winterresidenz in Dschelalabad, nachts, im Schlaf, ermordet. Irgendjemand wurde "zur Strafe" hingerichtet, gewiss nicht der Anstifter - als den wir mit Sicherheit den Bruder des Königs, Nasrullah Chan vermuten dürfen. Ob es Zufall war oder Absicht, lässt sich heute nicht mehr eruieren, jedenfalls aber befand sich Amanullah unterdessen, strategisch günstig, gerade in Kabul. Er war Habibullahs dritter Sohn und eigentlich nicht der Thronprätendent. Trotzdem ergriff er Besitz von der Festungsresidenz und dem Staatsschatz und machte sich, unter Ausschaltung seines Onkels Nasrullah und seines älteren Bruders Inayetullah, selber zum neuen Emir.

Im Mai ließ Amanullah, ohne Kriegserklärung, seine gänzlich unmodernen Truppen in Indien einmarschieren. Beim ersten Zusammenstoß mit einer anglo-indischen Truppenabteilung setzten sich die afghanischen Soldaten ab. Sonst ereignete sich nichts weiter in diesem "dritten britisch-afghanischen Krieg". Afghanistan erhielt die außenpolitische Selbstständigkeit bewilligt, aber im Gegenzug auch keine britischen Subventionen mehr. Die Afghanen betrachteten sich als Sieger.

Die "Unabhängigkeit" erwies sich indessen nicht unbedingt als Segen - vielleicht hätte Afghanistan im Schatten britischer Schirmherrschaft 30 Jahre Chaos vermeiden und dafür 30 Jahre Stabilität dazu gewinnen können. Ohne die Zahlungen der Briten jedenfalls hielt sich Amanullah, wiewohl wesentlich liberaler als sein Vater oder Großvater, nicht einmal zehn Jahre im Amt. Es fehlte ihm, zur effektiven Ausübung der Macht, die militärische Rückhand. Sein umfangreiches Reformwerk blieb letztlich ein Sammelsurium kosmetischer Korrekturen an einem absolutistischen Regime und scheiterte am Widerstand einfacher Räuberbanden und der Geistlichkeit. 1929 war es auch schon aus mit Ammanullahs Herrschaft - er wurde abgesetzt und zog ins Exil nach Zürich. Ganz mittellos war er wohl doch nicht. Außerdem besaß er noch ein paar Villen in Rom. 1960 starb er, vergessen von der Welt.

So bleiben denn die Zwanzigerjahre in Erinnerung als eine Epoche der hochfliegenden Pläne in Afghanistan. 1921, nach der Unabhängigkeit von England, gründete König Amanullah sogar eine eigene Luftwaffe, zunächst nur mit einigen wenigen sowjetischen Flugzeugen und Piloten. Später wurden afghanische Flieger in Frankreich, Italien und in der Türkei ausgebildet. Seine Leidenschaft für den technischen Fortschritt stellte der junge König auch ganz persönlich unter Beweis, als er bei einem Deutschland-Besuch im Februar 1928 mit Reichspräsident Hindenburg in einen modernen AII[A-Zwei]-Zug der Berliner Untergrundbahn stieg und selber das Steuer ergriff. Der Volksmund, der bis dahin spöttisch gereimt hatte, "im Land des Bim-Bam-Bulla / hängt alles noch am Schnulla", war begeistert und nannte diese Wagentype ab sofort den "Amanullah-Wagen". Und nur in Berlin hielt sich, wenn gleich in halbierter Form, Ammanullahs Nachruhm. Die Afghanen-U-Bahn überlebte ihn um fast 30 Jahre - sie verkehrte im Stadtnetz von Berlin-Ost noch bis zum November 1989.

Das war, trotz allem, eine unerwartet billige Entschädigung für den Potentaten aus Kabul. Denn an sich war es ihm bei seiner Berlin-Reise natürlich um Geld gegangen, er war als Bittsteller nach Deutschland gekommen. In das Land, das ihm und seinem Onkel aus Hentigs Erzählungen vorschwebte. Aber das Kaiserreich war zerfallen und in der inflationsgeschüttelten Weimarer Republik war - ein Jahr vor der Weltwirtschaftskrise - leider nichts mehr zu holen.

Was Hentig betraf, so war er 1969, mittlerweile 83 und immer noch gut zu Fuß, noch einmal zu Besuch in Afghanistan, als Ehrengast des amtierenden Königs, Sahir Schah. Er durchwanderte große Teile des Landes, in Pakistan hatte er Einblick in die alten Geheimdienstberichte genommen, er galt in der Region als der Mann, der 50 Jahre zuvor den Anstoß geliefert hatte für die Unabhängigkeit Afghanistans, die ihrerseits für die Unabhängigkeitsbewegungen in Indien und in ganz Asien und Afrika den Impuls gegeben hatte.

In Afghanistan selbst waren seit damals etliche weitere Könige ermordet worden und auch der eben noch herrschende Sahir Schah würde nicht mehr lange etwas zu melden haben. Aber das Königreich Afghanistan war gegenwärtig mit allen Ländern der Welt diplomatisch verbunden, es bezog Entwicklungshilfe von der UdSSR, von den USA und der Bundesrepublik. Afghanische Diplomaten erfuhren Ehrungen bei den Vereinten Nationen und übernahmen die Interessenvertretung von Staaten, die mit anderen Staaten die Beziehungen abgebrochen hatten. In Kabul tobte der Straßenverkehr, langhaarige Hippies aus Europa rauchten Haschisch auf offener Straße und einheimische Mädchen tanzten im Minirock in den Diskotheken. Das Land war modern, es war, so schien es, voll im 20. Jahrhundert angekommen. Es sah so aus, als wäre Hentigs Projektion nun endlich, mit einigen Umwegen, Wirklichkeit geworden.

Aber Hentig ließ sich nicht täuschen: "Die allgemeine Entwicklung", meinte er, "war bis auf den Ausbau des Verkehrs 50 Jahre nicht grundlegend weitergekommen." Mochte er auch blind gegenüber den wirklichen lokalen Bedürfnissen sein, so hatte er doch zugleich mit dem geschulten Klarblick des Diplomaten erkannt, dass das, was hier geschaffen worden war, nach deutschen Kriterien nur Tand und Oberfläche sein konnte, und keine wahre Tiefe in der Struktur besaß. Er sollte Recht behalten: eine Generation später war selbst der Ausbau des Verkehrs nur noch eine Erinnerung.

Tom Appleton, Jahrg. 1948, geb. in Berlin, Kindheit in Teheran, Gymnasial- u. Uni-Jahre in der BRD, war lange Journalist in Neuseeland und lebt heute als Übersetzer in Österreich.

(Tom Appleton)

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