Ein diffuser Krieg ohne Entscheidungsschlacht

Zur Lage in Afghanistan - Die Interventionseuphorie ist vorbei. Gespräch mit Herfried Münkler Teil 1

Wenngleich die Teilnehmer der Bonner Afghanistan-Konferenz von Dezember 2011 sich Mut und Hoffnung auf zukünftig blühende Landschaften am Hindukusch zugesprochen haben, gilt der Einsatz unter Kennern der Materie seit langem als weitestgehend gescheitert.

Schon im Sommer 2011 fasste Matthias Gebauer die nun geltende Afghanistan-Strategie Deutschlands mit den Worten "Augen zu und raus" pointiert zusammen. In Oktober des selben Jahres griff General a.D. Harald Kujat, ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr, ungewöhnlich scharf in die Debatte ein und gab zu bedenken, dass "dieser Einsatz gescheitert [sei] (...). Wenn wir 2014 aus Afghanistan rausgegangen sind, dann werden die Taliban die Macht in wenigen Monaten wieder übernehmen".

Auch Michael Naumann, der Chefredakteur des Politmagazins Cicero, stellte Anfang Dezember unverblümt und niederschmetternd fest: "Der Krieg ist verloren." Und der Hessische Rundfunk schloss sich Ende Februar 2012 dieser Meinung an, indem er die Niederlage in einer einstündigen Sendung regelrecht sezierte, denn "nun ist es womöglich an der Zeit, dass noch mal jemand Tacheles redet: Dass dieser Krieg verloren ist".

War dieser Krieg eigentlich zu gewinnen - und wenn überhaupt, wofür? Telepolis hat darüber mit Herfried Münkler, Politikwissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität, gesprochen.

So wird für den Isaf-Einsatz geworben. Bild: USAF/CC BY 2.0

Dieser Krieg ist im Verlauf ihrer Anwesenheit entstanden

Herr Münkler, nach einer Dekade Krieg in Afghanistan scheint die Endzeitstimmung nun erdrückend zu sein. Sind die westlichen Mächte in einen Krieg gelockt worden, der nicht zu gewinnen war?
Herfried Münkler: Man muss zunächst festhalten, dass in Deutschland der Einsatz in Afghanistan lange nicht als Krieg wahrgenommen und wohl auch strategisch nicht so konzipiert worden ist. Man ist davon ausgegangen, in ein Land zu gehen, das nach einem mehrere Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg mitsamt der sowjetischen Intervention friedenswillig und friedensreif war, um dort entsprechende Absicherung für die Aufbauhilfe zu leisten.
Dann aber hat sich im Laufe der Zeit die Situation verändert und aus dem, was als militärische abgesicherte Aufbauhilfe konzipiert war, wurde mehr und mehr ein Kampfeinsatz. Aus heutiger Sicht betrachtet hätte man das natürlich im Voraus wissen können. Aber aus der damaligen Perspektive ist man davon ausgegangen, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen im Lande Frieden will - und dazu wollte man seinen Beitrag leisten.
Ich glaube also nicht, dass die westlichen Mächte in einen Krieg "hineingelockt" worden sind, sondern dieser Krieg ist im Verlauf ihrer Anwesenheit entstanden, nicht zuletzt auch durch die Fehler, die sie dabei gemacht haben.
Welche Fehler waren das? Haben die Politiker und das Militär, von Hybris, Unwissen oder Illusionen geleitet, die Lage falsch eingeschätzt bzw. die Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit des Feindes völlig unterschätzt?
Herfried Münkler: Ja, Unwissen und Illusionen haben bei diesem Fehlschlag eine Rolle gespielt, ganz zweifellos aber auch die Unterschätzung der Wandlungsfähigkeit des Feindes. Gehen wir das der Reihe nach durch.
Erstens: Man ist davon ausgegangen, dass man in ein Land mit klaren Grenzen hineingeht. Dass gerade die Grenzen zu Pakistan, was ja eigentlich ein Verbündeter der westlichen Mächte ist, diffus und offen waren und von hier wie bereits in der Zeit des Krieges mit den Sowjets permanent Waffen und Kämpfer einsickerten bzw. sich in die pakistanischen Gebiete auch wieder zurückzogen, hat man ganz offensichtlich unterschätzt. Es ist nicht gelungen, den Konflikt so zu lokalisieren, dass man die verbliebenen Gegner stellen konnte.
Zweitens: Sodann ist das ganze Projekt zu aufwändig geplant und über einen zu langen Zeitraum angelegt worden. Das Konzept der Afghanisierung hat viel zu spät begonnen. Damit hätte man gleich beginnen müssen. Mit jedem Jahr, das die westlichen Streitkräfte weiter im Land blieben, erhöhte sich nicht nur ihre Angreifbarkeit, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie durch unangemessenes Verhalten oder massive Fehler (vom Urinieren auf getötete Gegner über die Verbrennung von Koranexemplaren bis zum Amoklauf eines US-Soldaten) den Zorn der Afghanen wecken würden.
Drittens: Offenbar hat man sich unter dem Einfluss der recht starken afghanischen Exilgemeinde in den westlichen Ländern falsche Vorstellungen von dem Zustand des Landes und der Mentalität der Bevölkerung gemacht (Wer sind die Taliban?).

Normative Überfrachtung - die Demokratisierung konnte nicht funktionieren

Sie sagen, dass der Prozess der Afghanisierung, also der Etablierung ökonomischer und politischer Strukturen, zu lange gedauert hat. Bedenkt man aber den Umfang der Wahlfälschungen bei den Präsidentschaftswahlen von 2009, dem Symbol des Afghanisierungsprozess, hat sich der Anspruch eine Demokratie westlichen Musters in Afghanistan einführen zu wollen, als Blamage für die NATO-Länder herauskristallisiert. Wie sollte Afghanistan nun regiert werden, damit das Land auch zufriedenstellend funktioniert?
Herfried Münkler: Vermutlich war das Projekt einer Demokratisierung Afghanistans überzogen, wie überhaupt eines der großen Probleme des Einsatzes seine normative Überfrachtung gewesen ist. Schon bald ging es nicht mehr bloß darum, eine gewisse Stabilität zur Entfaltung der Friedensökonomie herzustellen, sondern die Gleichberechtigung der Frauen, den Schulbesuch der Mädchen und vieles mehr durchzusetzen.
Diese normative Ausgestaltung des Einsatzes, an der die innenpolitische Diskussion in Deutschland wesentlich mitgewirkt hat, um auf diese Weise die Unterstützung eines Großteils der Bevölkerung zu gewinnen, ist sicherlich auch ein Grund des Scheiterns: Es wurden zu viele Ziele gleichzeitig verfolgt und dadurch dehnte sich der Einsatz immer länger aus. Außerdem ging es plötzlich nicht mehr um die Gewährleistung von Sicherheit, sondern um die Transformation der afghanischen Gesellschaft.
Karsai war von Anfang an der Kandidat der Amerikaner, sie haben ihn 2001 in Petersberg1 unbedingt gewollt und durchgesetzt. Damit war der natürlich in einer schwierigen Situation, auf der einen Seite seinen eigentlichen Protektoren zu Willen zu sein und auf der anderen Seite sich Mehrheiten in der afghanischen Bevölkerung zu besorgen, was dann offenbar nur noch mit Wahlfälschungen möglich war.
Die lange Dauer der Anwesenheit von Interventionstruppen und Wahlen innerhalb dieses Zeitraums mit der Möglichkeit eines Machtwechsels passen nicht zusammen. Insofern konnte die Demokratisierung auch nicht funktionieren, selbst dann nicht, wenn man, was realistisch ist, nicht die Anforderungen einer westlichen Demokratie an eine entsprechende politische Partizipation in Afghanistan anlegt.

Nach 2014

Die weiterhin sehr problematische Lage der Menschenrechte (besonders von Frauen), die allgegenwärtige Korruption und die Drogenökonomie gelten heute schon als die größten Probleme Afghanistans, obwohl die NATO-Soldaten das Land größtenteils kontrollieren und für eine gewisse Ordnung sorgen. Man kann sich deshalb des Eindrucks kaum erwehren, dass, sobald diese Soldaten 2014 abgezogen werden, das Land in ein dramatisches Chaos oder gar in den Bürgerkrieg stürzen wird. Ist ein solches Szenario noch abwendbar?
Herfried Münkler: Vermutlich wird 2014 nach dem Abzug der westlichen Truppen Afghanistan wieder seiner eigenen Rhythmik folgen, d.h. Korruption wird nicht länger als solche wahrgenommen, sondern als eine Form von Klientelismus und Loyalitätspflege und natürlich als die wahrzunehmende Chance, zu Macht, Einfluss und Geld zu kommen. Dabei spielen die Drogenökonomie und das System der Warlords, das sich zu einem erheblichen Teil auf sie stützt, eine erhebliche Rolle. Ob das zu einem Bürgerkrieg führt, bleibt abzuwarten.
Es kann auch sein, dass sich die verschiedenen "starken Männer" darüber einigen, wie das Land aufgeteilt wird bzw. wer an einer wie auch immer dastehenden Zentralregierung beteiligt wird. Ich will also nicht ausschließen, dass alternativ zum Bürgerkrieg eine Situation entsteht, wie sie im Prinzip der afghanischen Geschichte bis in die 1960er Jahre entspricht. Eine schwache Regierung in Kabul mit einer eher symbolischen Integrationsfigur, die Macht bei den Stämmen und deren "Chefs", die gemäß Gewohnheiten und Konventionen regieren, sich also wesentlich auf eine Autorität stützen, die den Gebrauch von Gewalt in Grenzen hält.
Aber seit den 1970er Jahren ist Afghanistan, zunächst durch Putsche seines eigenen Militärs, dann durch Einflüsse von außen in einen Prozess der Modernisierung hineingezogen worden, der diese traditionelle Autorität aufgelöst hat. Es ist unwahrscheinlich, dass es eine Rückkehr zu den damaligen Verhältnissen gibt. Aber es könnte zu einer ähnlichen Konventionalisierung der Machtverhältnisse kommen, bei der offene Gewaltandrohung allmählich in Autorität transformiert wird. Man sollte diesen Zustand nicht idealisieren, aber er wäre vorerst wohl das Beste, was dem Land widerfahren kann.

Bin Laden und die mediale Konstruktion

Das hochstilisierte Kriegsziel der Amerikaner, war es Osama Bin Laden festzusetzen und Rache für den Anschlag gegen den World Trade Center zu nehmen. Nun wurde bin Laden am 2. Mai 2011 von einem amerikanischen Kommando in seinem pakistanischen Versteck exekutiert. Eine zumindest rechtlich höchstfragwürdige Aktion für einen demokratischen Staat, aber damit wurde das offenkundige Kriegsziel der USA erreicht. Dennoch hat sich die Lage in Afghanistan keinen Deut verbessert. Wie ist das zu erklären? Hat bin Laden, doch nicht die herausragende Bedeutung gehabt, die ihm verliehen wurde oder hat sich der Krieg in Afghanistan mittlerweile verselbständigt?
Herfried Münkler: Ich würde immer zwischen der Festsetzung oder Tötung Osama Bin Ladens und der Stabilisierung Afghanistans unterscheiden. Dass beide so gerne miteinander verbunden oder vermischt werden, hat damit zu tun, dass im Jahr 2001 bin Laden sich mit großer Wahrscheinlichkeit in Afghanistan aufgehalten hat und sich das dortige Taliban-Regime weigerte, ihn an die USA auszuliefern.
Von da an, bzw. nachdem bin Laden aus der Bergfestung Tora Bora2 entkommen war, trennten sich die Wege des Afghanistan-Einsatzes und der Jagd auf bin Laden. Um Bin Laden schließlich zu stellen und zu töten, bedurfte es nicht zigtausender Soldaten in Afghanistan, sondern das war mit etwas geheimdienstlicher Arbeit und einer Gruppe leichter Infanterie zu erledigen.
Überhaupt beobachten wir hier seit geraumer Zeit die Entwicklung einer anderen, womöglich sehr viel effektiveren, aber humanitär wenig ansprechenden Strategie der Bekämpfung terroristischer Gruppen, nämlich den Gebrauch von Kampfdrohnen mit Hellfire-Raketen3 und auch gelegentliche Kommandoaktionen. Diese seit zwei bis drei Jahren verstärkt geführte Form des Kampfes gegen terroristische Gruppen ist, jedenfalls was die Ausschaltung, sprich Tötung, hoher al Qaida-Führer anbetrifft, recht effektiv und schließlich ist auch bin Laden auf diese Weise getötet worden.
Das Afghanistan-Projekt hatte ab einem bestimmten Zeitpunkt, sagen wir 2003/2004, nicht wesentlich mehr mit al Qaida zu tun und schon gar nicht mit Bin Laden. Wenn man über die Bedeutung Bin Ladens als Legitimation des Einsatzes nachdenkt, so muss man zunächst feststellen, dass es sich bei ihm um eine mediale Konstruktion gehandelt hat. Der alte Mann, der in Pakistan erschossen wurde und der offenbar damit beschäftigt war, sich Videos anzuschauen, welcher Art auch immer, hat ja wenig mit dem Bild des Terrorfürsten zu tun, das in den Medien gezeichnet worden ist.
Bin Laden hatte die Funktion, dem weithin unsichtbaren bzw. sich nur in Anschlägen zeigenden Terrorismus ein Gesicht zu verleihen, den "Mastermind" im Hintergrund zu visualisieren, was natürlich der zugleich kommunizierten Gruppenstruktur vom Netzwerk widersprach.
Ein Netzwerk ist ja mithin dadurch definiert, dass es diesen "Mastermind" nicht gibt, also Bin Laden nie eine solche zentrale Funktion hatte bzw., wenn er sie gehabt hätte, hätten wir es nicht mit einem Netzwerk, sondern mit einer Hierarchie zu tun. In der Begrifflichkeit der Köpfe bzw. deren Visualisierung in den TV-Sendungen sind offenbar Vorstellungen von der Struktur terroristischer Gruppen generiert worden, die diese falsch gezeichnet haben.

Professor Herfried Münkler (60) lehrt Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Bücher "Die neuen Kriege" (2002), "Der neue Golfkrieg" (2003) (Für den amerikanischen Weg gibt es in Europa keine Mehrheiten, nirgendwo!) und "Der Wandel des Krieges : von der Symmetrie zur Asymmetrie" (2010) gelten als Standardwerke der deutschen Konfliktforschung.

Verletzte und Verlassene auf den Feldern Afghanistans, Teil 1 bis 5

(Laurent Joachim)