Ein "eigenes Zollsystem, das auf die britische Wirtschaft zugeschnitten ist"

Grafik: TP

Nach der nächsten Ausstiegsetappe aus der EU will das UK den Anteil der zollfrei eingeführten Güter von 47 auf 60 Prozent steigern

Gestern stellte die britische Handelsministerin Liz Truss ein neues Zollsystem mit dem Namen UK Global Tariff (UKGT). Es soll am 1. Januar 2021 die EU-Außenzollregeln ablösen, die noch bis 31. Dezember 2020 in Großbritannien und Nordirland gelten. Damit, so Truss, hätten die Briten "das erste Mal in 50 Jahren" wieder ein Zollsystem, "das auf die britische Wirtschaft zugeschnitten ist".

Kern des UKGT ist, dass die Zölle für Güter im Wert von etwa 62 Milliarden Pfund sinken oder ganz wegfallen. Letzteres gilt zum Beispiel für die auch in Deutschland im Fokus von Aktivisten stehenden Tampons, aber auch für Produkte, die in Großbritannien zu wertvolleren Waren weiterverarbeitet werden: Etwa Glasfasern, Röhren aus Kupferlegierungen (bei deren Einfuhr derzeit 5,2 Prozent auf den Preis aufgeschlagen wird) oder importierte Schrauben (die 3,7 Prozent mehr kosten).

Weniger kompliziert

Eine dritte befreite Kategorie sind landwirtschaftliche Produkte wie Kakao, Reis und Oliven, die das UK selbst nicht produziert, eine vierte "grüne" Güter wie LED-Birnen, Stoffbeutel und Gasturbinen und eine fünfte Waren wie Feuerlöscher, Fahrradpumpen und Bleistifte. Sie haben gemeinsam dass ihr Zollsatz bislang unterhalb von zweieinhalb Prozent lag, weshalb ihn Truss streicht, um das System einfacher und weniger bürokratisch zu machen. Mit diesem Anspruch werden auch die Zollsätze für andere Güter auf zwei, fünf oder zehn Prozent abgerundet. Komplizierte Berechnungsinstrumente wie der Meursing-Code sollen dann der Vergangenheit angehören.

Durch diese Maßnahmen soll der Anteil der zollfrei in das UK eingeführten Waren von 47 auf 60 Prozent steigen - aber nicht auf jene 87 Prozent, die die Regierung im letzten Jahr für den Fall eines No-Deal-Ausstiegs aus der EU in den Raum gestellt hatte. Der Financial Times nach könnte das damit zusammenhängen, dass britische Regierungspolitiker ihre Verhandlungsmasse für den Abschluss neuer Freihandelsabkommen mit Ländern wie den USA, Japan, Australien und Neuseeland nicht in so großem Umfang aus der Hand geben wollen.

Autos und Fleisch

Zölle, die auch nach dem 31. Dezember 2020 aufrechterhalten bleiben, sollen Produzenten in England, Schottland, Wales und Nordirland vor kostengünstigerer Konkurrenz schützen. Das gilt für Rindfleisch, Lammfleisch und Hühnerfleisch, aber auch für Automobile. Denn auch nach dem Ende von Morris Motors und Triumph werden in Großbritannien in insgesamt 35 Werken immer noch Automobile produziert. Auch wenn Jaguar und Land Rover heute der in der ehemaligen britischen Kolonie Indien ansässigen Firma Tata Motors gehören.

Einigen sich die Vertreter des UK und der EU bis Jahresende nicht auf Ausnahmen, trifft der zehnprozentige Zoll auf Automobile auch deutsche Hersteller wie Audi. Weniger Sorgen müssen sich Firmen wie Opel, Honda, Nissan und Toyota machen: Sie produzieren viele Fahrzeuge für den britischen Markt vor Ort: Opel den Astra und den Vivaro in Ellesmere Port und Luton, Honda den Civic, den Jazz und den CR-V in Swindon, Nissan den Qashqai, den Juke, den Leaf und den Note in Sunderland und Toyota den neuen Corolla in Burnaston. Volkswagen und BMW fertigen dagegen mit ihren britischen Zukäufen Bentley und Rolls Royce eher Fahrzeuge mit hoher Gewinnspanne, aber begrenztem Absatzpotenzial. In geringerem Umfang gilt das auch für die BMW-Erwerbung Mini.

Andere EU-Länder, denen ein britischer Autozoll potenziell schaden könnte, wären Frankreich mit seinen Marken Renault, Peugeot und Citroën, Italien mit seinem Fiat-Konzern und Schweden mit Volvo. Aber auch mittel- und osteuropäische Länder, in denen nicht nur Zulieferbetriebe, sondern auch komplette Werke westeuropäischer Hersteller stehen, würden womöglich darunter leiden.

Gove: EU soll bei den Verhandlungen flexibler und weniger "ideologisch" sein

Zölle auf Rindfleisch würden unter anderem den britischen Nachbarn Irland treffen. Große Länder wie Frankreich und Deutschland produzieren zwar mehr Rindfleisch als die Insel und stehen auf Platz acht und zehn der Weltrangliste der größten Erzeuger - aber mit ihren Bevölkerungen von 67 und 83 Millionen Einwohnern verbrauchen sie auch sehr viel davon selbst. Ein Zoll auf Lammfleisch könnte dagegen außer Irland auch Ländern wie Spanien und Griechenland schaden, in denen die Schafzucht eine wichtige wirtschaftliche Rolle spielt. Und bei der Hühnerfleischproduktion führt in der EU das auf Platz sieben der Weltrangliste stehende Polen.

EU-Verhandlungsführer Michel Barnier zeigte sich trotzdem öffentlich zufrieden mit den UKGT-Plänen, die seinen Worten nach für "Transparenz" sorgen. Nun müsse man in der nächsten Verhandlungsrunde in zwei Wochen "auf allen Feldern greifbare Fortschritte" erzielen. Weniger optimistisch äußerte sich der britische Kabinettsminister Michael Gove, der von "erheblichen Differenzen" sprach und die EU-Vertreter öffentlich dazu aufforderte, bei den Verhandlungen flexibler und weniger "ideologisch" zu sein. (Peter Mühlbauer)