Ein einfacher PC mit Bildschirm verbraucht 19 Tonnen Ressourcen

Jürgen Malley über den Ressourcenfresser PC und eine nachhaltige Informationsgesellschaft.

Über 700 verschiedene Stoffe gehen in einen PC, der Grundlage der angeblich immateriellen und ressourcenschonenden Informationsgesellschaft, ein. Ein einfacher 486er-PC verbraucht zwischen 16 und 19 Tonnen Rohstoffe - fast zwei Drittel so viel wie ein normaler PKW ohne Elektronik. Zu dieser Minimalschätzung gelangte eine Untersuchung der Arbeitsgruppe "Nachhaltigkeit in der Informationsgesellschaft" des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Der Projektleiter war Jürgen Malley, der mittlerweile als Berater für Ressourcenmanagement arbeitet.

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Oft gehen die Verfechter der Informationsgesellschaft davon aus, daß der Einsatz von Computern und vor allem von Computernetzen die Ressourcen besser schonen würde, als dies jemals zuvor in der Industriegesellschaft mit ihren rauchenden Kaminen und dreckigen Abwässern möglich war. Im Vordergrund steht dabei meist die Vermeidung von Verkehr. Stimmt denn diese Behauptung so allgemein?
Jürgen Malley: Ich bin da eher skeptisch. Es bestehen zweifellos große Chancen, aber die entscheidende Frage ist doch, wie die Computertechnologien eingesetzt werden.
Wo liegen denn vor allem Chancen, in der Umweltbilanz etwas zu verbessern?
Jürgen Malley: Die Chancen sehe ich vorrangig in zwei Bereichen. Der eine wäre die Optimierung der technischen Produkte im IuK-Sektor selbst. Hier gibt es aufgrund der derzeit dramatisch schlechten Umweltbilanz erhebliche Verbesserungspotentiale. Selbst ein einfacher PC mit Bildschirm und ohne Drucker beispielsweise verbraucht nach einer ersten Minimaleinschätzung allein rund 19 Tonnen Ressourcen. Das ist dadurch bedingt, daß sehr viel Energie in die Herstellung geht, z.B. für die Reinstluftbedingungen bei der Chip-Produktion, und weil es dabei hohe Ausschußraten gibt. Das kann alles sehr stark optimiert werden.
Der zweite, wichtigere Bereich ist aber der Einsatz der Technik für eine nachhaltige Entwicklung in allen Bereichen der Wirtschaft. Beispielsweise ist ein System zur Erhöhung des Verkehrsdurchflusses, um Staus abzubauen, wenig nachhaltig. Das bringt vielleicht lokal im Staubereich etwas weniger Emissionen und hilft ein bißchen Zeit sparen, aber führt letztendlich dazu, daß mehr gefahren wird, wenn andere Randbedingungen nicht stimmen. Es ginge also eher darum, Systeme zu entwickeln, die den städtischen Wohn- und Arbeitsbereich in eine nachhaltige Beziehung zueinander zu setzen.
Normalerweise ist es ja so, daß zwar auf der einen Seite Energie oder andere Rohstoffe eingespart werden, aber auf der anderen Seite der Konsum ansteigt. In Autos werden so immer mehr Mikroprozessoren zur Optimierung eingebaut oder wird der Benzinverbrauch gedrosselt, aber es kommen gleichzeitig immer mehr Autos auf die Straßen, so daß es zu einem Ausgleich kommt. Gibt es denn tatsächlich irgendwo eine reale Chance, durch den Einsatz der Computertechnologie insgesamt eine Senkung des Rohstoffverbrauchs zu erzielen?
Jürgen Malley: Die Chancen sehe ich durchaus. Digitale Technik ist ohnehin ein Anteil unserer modernen Gesellschaft. Wir können sie so oder so einsetzen. Wenn wir beim Beispiel Auto bleiben wollen, dann reicht es eben nicht, nur das Drei-Liter-Auto zu entwickeln, sondern dann brauchen wir auch den Drei-Liter-Fahrer und die Drei-Liter-Stadt, wie das Prof. Helge Majer mal so schön formuliert hat. Es muß also Rundumansätze geben.
Es ist also nicht die digitale Technik als solche, sondern es geht vornehmlich um den Kontext, in den sie eingebettet ist.
Jürgen Malley: Vor allem geht es auch um nachhaltigen Konsum, und das setzt entsprechende Angebote voraus. Es braucht auch den politischen Kontext, aber an einer Umgestaltung in Richtung auf Nachhaltigkeit müssen letztlich alle mitwirken. Man darf sich sicher nicht nur auf technologische Lösungen beschränken. Der Autokonzern soll sich also nicht darüber definieren, wieviele Autos er verkauft, sondern wieviel Wertschöpfung pro Ressourcenverbrauch er schaffen kann. Das hieße z.B., daß Verbundlösungen angeboten werden, daß man mit anderen Verkehrsträgern zusammenarbeitet, daß man Dienstleistungen für Mobilität anbietet, um die Menschen unter dem jeweilig optimalen Einsatz aller Verkehrsmittel von A nach B zu bekommen und nicht um jedem einfach einen Zweitwagen aufzuschwatzen. Man kann sich sogar fragen, ob die Menschen überhaupt von A nach B müssen, und dann an Alternativen verdienen, die bestimmte Wege überflüssig machen. Müssen die Menschen wie im Großraum Frankfurt in einem Umkreis von über 100 Kilometern vom Arbeitsplatz entfernt leben, und dann jeden Tag zur Arbeit pendeln? Gerade hier könnte die IuK-Technik einen guten Beitrag leisten.
Darin besteht ja auch die Hoffnung derjenigen, die auf Telearbeit setzen. Andererseits werden die Menschen dann wohl auch nicht immer Zuhause sitzen, sondern etwa zur Erholung öfter einmal irgendwohin fahren oder einfach nur, um einmal von Zuhause wegzukommen.
Jürgen Malley: Ja, sicher. Man muß schon aufpassen, daß die Telearbeit nicht noch zur weiteren Vergrößerung der Entfernungen führt. Weil man nur noch einmal pro Woche ins Büro nach Frankfurt muß, kann die Attraktivität, noch weiter weg zu wohnen, steigen, was man sonst nicht machen würde. Man muß im Gegenteil im globalen Dorf auch wieder regionalisieren, also die Arbeit so gestalten, daß die Menschen mit der Hilfe von IuK in Wohnortnähe arbeiten können. Und was die eingesparte Fahrzeit angeht, wäre es allerdings sinnlos, sie für wiederum umweltverzehrenden Freizeitstreß einzusetzen.
Sie haben schon angemerkt, daß Sie eine Abschätzung gemacht haben, wieviele Rohstoffe die Herstellung eines PC benötigt. Sie sagen, daß für einen normalen PC bis 19 Tonnen verbraucht werden. Das kann man sich eigentlich gar nicht recht vorstellen. Was geht denn so alles in einen PC hinein?
Jürgen Malley: Das fängt beim Zinnerz an, das in Malaysia abgebaut wird, weil heute wie vor 50 Jahren alles mit Blei-Zinn-Legierungen festgelötet wird, und hört beim Energiebedarf für die Produktion auf, für den ja auch Stoffe umgesetzt, Erdöl oder Kohle verfeuert werden. Insgesamt enthält so ein PC bis zu 700 verschiedene Stoffe, viele davon sind nicht nur Ressourcenfresser, sondern auch noch giftig. Wenn man aber allein die ganzen Materialumsätze - wir sagen Stoffflüsse dazu - aufaddiert, kommt man zu diesen Summen, die natürlich erschreckend sind. Das Meiste geht gar nicht tatsächlich in den PC, sondern die größten Massen werden umgesetzt, um die notwendige Energie für die Produktion bereitzustellen. Es hängt allerdings nicht alles an der "bösen" Produktion, während der Gebrauch entlastet ist. Wir wissen, daß bei diesen ganzen Geräten durch Stand-by-Betrieb riesige Stromverbräuche entstehen. Von daher ist auch der einzelne Verbraucher gefordert, darüber nachzudenken, was er sich alles anschafft. Eine Kennzeichnung wäre hier auch sehr hilfreich.
Dazu kommt dann wohl auch noch das Transportaufkommen wegen der dislozierten Produktion und dem globalen Markt.
Jürgen Malley: Das Transportaufkommen ist zwar recht gewaltig, weil Teile unter Umständen zwei Mal um die Welt sausen, aber besonders der Seetransport ist in den Massenverbräuchen nicht so aufwendig, wie das an anderer Stelle der Fall ist. Für den PC selbst stellen nach unserer Abschätzung die Energierohstoffe für Produktion und Betrieb die Hauptlast.
Es gibt aber nicht nur den PC, sondern auch die ganzen peripheren Geräte, angefangen vom Scanner und Drucker bis hin zu CD-ROMs oder Disketten ...
Jürgen Malley: Ja, die heute auch überwiegend eine eigene Elektronik haben, zum Teil intelligent sind ...
... und all das unterliegt einer irrsinnigen Innovationsrate.
Jürgen Malley: Das ist ja das Verrückte. Die technische Lebensdauer wäre eigentlich gewaltig. Sie ist für viele Teile ohne weiteres bei 20 Jahren anzusiedeln. Die tatsächliche Lebensdauer wird aber durch die Marktzyklen, im Wechselspiel zwischen neuer Hardware und neuer Software, erschreckend kurz, allenfalls so um die drei bis vier Jahre.
Dann muß das Ganze aber auch noch "entsorgt" werden, d.h. es kommt in den Müll. Wie belastend sind eigentlich die Stoffe, die im PC sind, und kann es ein richtiges Recycling all der vielen Stoffe geben?
Jürgen Malley: Auf dieser konkreten Ebene gibt es ja durchaus schon Versuche von Siemens-Nixdorf und anderen, nicht nur das Recycling selbst zu optimieren, sondern auch das recycelte Material wieder in die Produktion einfließen zu lassen und durch die gewonnenen Erfahrungen auch die neuen Produkte ökologischer zu designen. Das ist auf dem richtigen Weg, auch wenn hier noch sehr viel zu tun ist. Im PC gibt es natürlich die verschiedensten Giftstoffe, die das Ganze zum Sondermüll machen. Insgesamt muß man aber auch hier wieder sagen, daß vieles sich schon im Vorfeld abspielt. So sind beispielsweise die Schwefelemissionen beim Kohleabbau oder bei der Verbrennung zur Energiegewinnung in Ländern, wo es noch keine entsprechenden Filteranlagen gibt, recht beachtlich. Es werden zur Reinigung in der Produktion in Asien nach wie vor FCKW oder bei der Halbleiterproduktion gefährliche Säuren eingesetzt. All das ist nicht nur bei uns im Abfall bedenklich, sondern rund um die Welt.
Gibt es denn auf der Ebene der Politik bereits Anstrengungen, eine Art umweltfreundliche Informationsgesellschaft zu fördern?
Jürgen Malley: Es gibt dafür noch keine wirklich umfassenden Konzepte mit Biß, dafür müssen wir die Regierungen noch in die Pflicht nehmen. Aber es gibt durchaus einige Ansätze, z.B. gibt es im Bundestag zwei Enquete-Kommissionen. Die eine, "Zum Schutz des Menschen und der Umwelt", hat eine Studie über die Stoffströme im IuK-Bereich durchführen lassen, die demnächst veröffentlicht wird. Die andere Kommission "Zukunft der Medien" beschäftigt sich eher mit den verschiedenen sozialen und wirtschaftlichen Facetten der Informationsgesellschaft, aber auch hier spielt Umwelt und nachhaltige Entwicklung eine Rolle. Beide Kommissionen werden 1998 einen gemeinsamen Workshop veranstalten. Es wird in den Endberichten entsprechende Empfehlungen geben. Wieweit die Regierung diesen dann folgt, ist natürlich eine andere Frage. Auch in der EU gibt es im übrigen bei der DG XII einige Aktivitäten im Bereich der Sustainable Information Society.
Früher sprach man ja einmal vom papierlosen Büro, das sich in keiner Weise eingestellt hat. Auch hier wird die Möglichkeit, Papier und anderes einzusparen, durch Mehrverbrauch kompensiert. Das scheint doch fast ein allgemeines Gesetz zu sein.
Jürgen Malley: Da spielen zum Teil technische Hemmnisse herein, die aber für die Menschen im Umgang mit den Medien entscheidend sind. Das kommt dann mit den Wünschen der Papierindustrie zusammen, die sich nach dem Umsatz definiert. Die typische "Stärken" von Informations- und Kommunikationstechnologien - Globalisierung, Rationalisierung, Just-in-time-Produktion - rechtfertigen keine Hoffnung auf Entlastung der Umwelt, solange Unternehmen sie vorrangig zur Erhöhung ihres Ausstoßes an materieller Produktion einsetzen. Den Gesetzen der "economies of scale" und der Effizienzsteigerung durch Arbeitsteiligkeit und Automatisierung folgend, können die geringeren Stückkosten genutzt werden, um preiswerter als andere anzubieten. So steigt die Nachfrage, und theoretisch kann der Marktanteil erhöht werden. Theoretisch deshalb, weil die Mitbewerber nicht verlieren wollen und ihrerseits Zug um Zug nachrücken bzw. überholen. Auf diese Weise wird es erforderlich, den Kuchen zu vergrößern. Es werden nicht mehr länger nur Bedürfnisse befriedigt, sondern es müssen immer neue Bedürfnisse geweckt werden. So steigt dann eben auch der Papierverbrauch weiter.
Es entspricht dem Zeitgeist, daß immer mehr Antworten gegeben werden auf Fragen, die man von sich aus nie gestellt hätte bzw. - wirtschaftsnäher formuliert - immer mehr Angebote gemacht werden, die man so nie nachgefragt hätte. Hier dienen der global vernetzte PC, Telefon und Fernsehen als Katalysator: Hat man noch gestern von der Existenz eines bestimmten Produktes nicht einmal gewußt, ist es heute per globaler Vernetzung einfach zu entdecken, morgen nach Möglichkeit im Besitz einer großen Masse von Individualisten und übermorgen Schnee von gestern. Dieser Effekt spiegelt sich in der PC-Branche selbst: Durch die beliebige Ausbaufähigkeit der heutigen Gerätegeneration und die rasch fortschreitende Digitalisierung im Bereich der Telekommunikation werden immer neue Module hinzugefügt bzw. alte sollen gegen neue ersetzt werden, die umfangreichere oder leistungsfähigere Funktionen bieten. Ausgestattet mit CD-ROM-Laufwerk, Lautsprechern, Videokarte und -kamera, Modem und der entsprechenden Software vermag ein PC im Grundsatz eine große Zahl von anderen Endgeräten zu ersetzen. In der Realität wird aber bisher vor allem komplementär beschafft.
Aber um das zu durchbrechen, müssen die Grundsätze der nachhaltigen Entwicklung erst einmal in sehr viel mehr Köpfen verankert sein. Die Menschen müssen begreifen, aber auch Chancen erhalten, daß durch Dienstleistung und Information Geld zu verdienen ist, und daß die Lebensqualität ab einer gewissen Dichte von technischen Produkten um einen herum eher wieder abnimmt.
Oft fehlt den Menschen wahrscheinlich auch die Information, was etwa für einen PC an Rohstoffen oder durch den Stand-by-Betrieb an Energie verbraucht wird. Andererseits ist sicher auch ein Problem, daß eben verkündet wird, die Informationsgesellschaft sei schon durch ihre Technik ressourcenfreundlicher.
Jürgen Malley: Diese Euphorie teile ich auch nicht. Das ist so wie meistens bei der Technik. Ein Messer kann zum Brotschneiden und zum Töten eingesetzt werden. Die Informationstechnik selbst ist ein Mittel. Wenn man die technologische Innovation mit geeigneter sozialer Innovation und geeigneten Anwendungen verknüpft, dann ließe sich mit einer derartigen Medienkompetenz schon etwas bewirken. Wenn man sieht, was man vor 20 Jahren darüber wußte und wie man damals darüber diskutiert hat, dann hat sich bis heute schon einiges getan. Man muß also keine Untergangsszenarien in den Vordergrund stellen. Einer der entscheidenden Bereich für Ressourcenverschwendung ist beispielsweise Bauen und Wohnen. Wenn hier die IuK-Technik gezielt eingesetzt würde, dann ließe sich auch schon viel gewinnen.
Also nicht gleich das intelligente Haus?
Jürgen Malley: Nein, ich meine nicht unbedingt das nur mit Elektronik intelligent gemachte Haus, sondern es gibt viele passive Lösungen, die weitaus intelligenter sind, was von Wärmetauschern bis hin zu anderen konstruktiven Lösungen gehen kann. Es gibt so etwas wie technische Eleganz, die zwar schwer zu definieren ist, die aber sicher nicht darin besteht, beliebig alles zu computerisieren, was irgendwie geht.
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