Ein einmaliges Projekt wurde beendet

"Biosphere II" in der Wüste von Arizona sollte ein von Menschen bewohnbares, von der Außenwelt abgeschlossenes Ökosystem schaffen. Nach Problemen mit den ersten Versuchen wurde es als einzigartiges wissenschaftliches Ökolaboratorium fortgeführt, mit dem Ausstieg der Columbia University geht vielleicht auch eine optimistische Vision vom Ende des letzten Jahrhunderts zu Ende

Es war ein wagemutiges Projekt, einer Zukunft zugewandt, die entschlossen auf Wissenschaft und Technik setzt und selbst neue Lebensräume für den Menschen zu schaffen vermag. Noch träumte man auch von bemannten Raumfahrten und von Kolonien auf dem Mond oder dem Mars. 1984 wurde mit dem Bau von "Biosphere II" in der Wüste von Arizona begonnen, um ein von der Außenwelt völlig abgeschlossenes Ökosystem zu schaffen, die zu neuen wissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen, aber auch zu autonomen Biosystemen führen sollte, die Leben auf anderen Planeten ermöglichen. Das Geld für diese geplante Miniaturwelt, die von Menschen bewohnt werden kann, kam von dem Milliardär Edward Bass. Nach dem Scheitern des großen Experiments Mitte der 90er Jahre wurde Biosphäre II als wissenschaftliches Laboratorium von der Columbia University weiter geführt. Jetzt steigt auch die Universität aus und seit dem 22.12. 2003 steht das Ende einer Vision des letzten Jahrhunderts fest.

Das zentrale Gebäude von Biosphäre II ist ein Dom aus Glas und rostfreiem Stahlgitter, in dem die Wasser-, Luft und Lebensmittelkreisläufe vollständig abgeschlossen sind und innerhalb des Systems recycelt werden. Über 1000 Sensoren überwachen das Klima, die Luft-, Boden- und Wasserbeschaffenheit und liefern diese Informationen an ein zentrales Kontrollsystem. Fünf Ökosysteme: Regenwald, Savanne, Küstenzone, Sumpf und eine Meereszone mit einer Korallenbank gab es in der künstlichen Biosphäre, daneben ursprünglich noch Bereiche für eine landwirtschaftliche Nutzung und Wohn- sowie Arbeitsräume für die Menschen, die Anfang der 80er Jahre begannen, in diesem abgeschlossenen Ökosystem mit einer Gesamtgröße von 2,6 Hektar zu leben (Biosphäre II).

Außerhalb des zentralen Doms befanden sich zwei weitere Dome, die als Lungen fungierten und die atmosphärischen Schwankungen ausgleichen sollten. Die Temperatur wurde von außen durch ein Wassersystem reguliert, auch der Strom kam von außen sowie Licht, auch eine Form der Energie. Die Autonomie war also von Beginn an nur teilweise vorhanden, aber abgesehen von Informationen sollte ansonsten nichts von Außen nach Innen und umgekehrt während der Phase der Abschließung zirkulieren. Intern gab es einen geschlossenen Luft- und Wasserkreislauf, und die Eingeschlossenen sollten sich mit selbst angebauten Lebensmitteln über Monate hinweg selbst versorgen können, alle organischen Abfälle wurden recycelt.

Von 1991 bis 1993 sowie von 1993 bis 1994 hielten sich Gruppen von Wissenschaftlern in der künstlichen Biosphäre II auf. Die erste Gruppe stellte dabei einen Rekord von zwei Jahren Aufenthalt in einer geschlossenen Umwelt auf und demonstrierte nebenbei die Möglichkeit, einer ökologischen Landwirtschaft. Wenig verwunderlich sollte es eigentlich sein, dass nicht alles an diesem Projekt von vorneherein funktionierte (Leben in Biosphäre II). Schließlich war es der erste (und bislang einzige) Versuch, ein weitgehend autonomes, von Menschen bewohnbares Ökosystem zu betreiben. Gleichzeitig war es ein soziales Experiment, bei dem beobachtet werden konnte, wie eine kleine Gruppe von Menschen über lange Zeit in einem von der Außenwelt abgeschlossenen, aber über Informations- und Kommunikationsmedien sowie durch Sichtkontakt mit anderen Menschen verbundenen "Lebenswelt" sich verhält. Untersucht werden konnte also auch, welche Architektur ein abgeschlossener Lebensraum für lange Aufenthalte von Menschen haben sollte.

Natürlich wurde die Idee eines autonomen Ökosystems auch damals schon belächelt und von vielen als wissenschaftliches Projekt nicht ernst genommen. Das schien sich dann auch durch manche Probleme zu bestätigen. So fiel der Sauerstoffgehalt der Luft aufgrund von unvorhergesehenen Entwicklungen drastisch ab und musste von außen wieder erhöht werden. Explosiv sich im Boden vermehrende Mikroorganismen verbrauchten den Sauerstoff, man hätte also die Ökosysteme sich erst eine Zeitland entwickeln lassen sollen, damit sie ins Gleichgewicht kommen. Die Ernährung war zudem weniger kalorienreich, was mit dem höheren Kohlendioxidanteil dazu führte, dass die Eingeschlossenen allmählich müder, kraftloser und dünner wurden. Das erste Team hatte noch Lebensmittel für die Anfangsphase mitgenommen.

Doch gerade deswegen, weil Biosphäre II nicht nur ein wissenschaftliches Projekt war, um in einer kontrollierten Welt die komplizierten Kreisläufe in hochkomplexen Ökosystemen zu untersuchen, sondern auch von der Vision getrieben war, neue Lebensräume für den Menschen schaffen zu können, war das Vorhaben faszinierend. Das eigentliche Ziel war es, Ökosysteme auf kleinstem Raum so einzurichten, dass sie sich erhalten und weiter entwickeln können, was nur auf der Grundlage einer engen Verzahnung von Bio- und Technosphäre gelingen kann. Weil die Systeme von Außenwelt abgeschlossen sind, hätte man die komplizierten Wechselwirkungen zwischen biologischen, geologischen und chemischen Komponenten unter kontrollierten Bedingungen studieren können.

Nachdem allerdings Probleme auftraten und die Medienbegeisterung für das 150 Millionen US-Dollar teuren Projekt abnahm, zog sich der Milliardär Edward Bass aus diesem zurück. Biosphere II wurde schließlich 1996 von der Columbia University übernommen und sollte als wissenschaftliches Experimentierfeld für den Einfluss globaler Veränderungen auf Ökosysteme dienen. Untersucht werden sollte beispielsweise, wie ein steigender Kohlendioxidgehalt der Luft oder Klimaveränderungen Systeme beeinflusst. Dafür bot Biosphere II mit seinen geschlossenen Ökosystemen (Biomen) eine einmalige Gelegenheit.

Zudem wurde Biosphere II für Besucher geöffnet, um auch mit den Eintrittsgeldern für die Aufrechterhaltung des Betriebs zu sorgen. Seitdem wurden keine Experimente unter geschlossenen Bedingungen durchgeführt. An sich hatte die Columbia University sich bis 2010 verpflichtet, Biosphere II zu betreiben, doch Lee Bollinger, der neue Präsident der Universität, stellte am 22.12.2003 die Kooperation ein, was gleichzeitig das Ende von Biosphere II als wissenschaftliches Projekt bedeutet, da auch das Energieministerium nicht bereit zu sein scheint, die Anlage zu unterstützen. Auch die Universitätskurse für die Studenten werden eingestellt, aufgrund derer über 1.400 Studenten aus der ganzen Welt ihre Abschlussarbeit schrieben. Es gab auch zahlreiche Kurse für Schüler. Erst im Frühjahr 2002 war ein neues Studentendorf für 10 Millionen Dollar fertiggestellt worden.

Die Betreiberfirma Decisions Investment Corp., die Ed Bass gehört und die jetzt das gesamte Areal übernimmt, hat nun vor, Biosphere II profitabal zu machen. Der Firma gehören zusätzlich zum Grundstück noch weitere 1.400 Hektar im Umland, die möglichst schnell erschlossen werden sollen, um Wohnanlagen zu errichten. Man werde zwar weiterhin Besichtungstouren des Doms und der Umgebung organisieren, aber alle Aktivitäten im Hinblick auf Wissenschaft und Ausbildung einstellen. Die Firma des ehemaligen Gönners hatte gegen die Columbia University wegen Vertragsverletzung im März des Jahres geklagt. Die Universität hatte nicht die ausgehandelten Investitionen geleistet. Es wurde ein Übereinkommen erzielt, das eben darin bestand, dass sich die Universität zurückzieht, um nun die einst in ein spannendes Zukunftsprojekt investierten Gelder wieder hereinzuholen. (Florian Rötzer)