Ein gefährlicher Gegner?

Iran: Die Verfolgung der Sufis

"Die Menschen im Iran fragen sich, ob der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen lediglich hinsichtlich der Aussetzung der Urananreicherung entschlossen und effektiv handelt, während das Leben der Menschen im Iran, deren Grundrechte täglich zunehmend verletzt werden, seitens des Sicherheitsrates nicht als wichtig erachtet wird. Freiheit, Demokratie und Menschenrechte sind selbstverständliche Rechte der iranischen Nation. Wir Iraner hoffen, dass die Vereinten Nationen sowie sämtliche Menschen und Institutionen, welche die Demokratie und die Menschenrechte verteidigen, ihre Unterstützung der Bewegung der iranischen Nation für Freiheit und Demokratie nicht vorenthalten." Der Ruf nach Freiheit kommt von Akbar Ganji und richtet sich an Ban Ki-Moon, den UN Generalsekretär.

Freiheit ist dieser Tage ein seltenes Gut. Manche sind überzeugt davon, dass in der Islamischen Republik Iran dieses Gut fehlt. Die Regierung Ahmadinedschad trat 2005 mit dem Versprechen an, mehr Möglichkeiten zu schaffen und die wirtschaftliche Situation für die Mittellosen zu verbessern.

Mitte Dezember 2007 bat Ahmadinedschad seine Wähler öffentlich um Entschuldigung dafür, dieses Wahlversprechen nicht eingelöst zu haben. Seine Bewegung wird vor allem von den Basitschi und den Pasdaran, den Revolutionswächtern, aus unterschiedlichen Gründen getragen. Die Basitschi hatten sich bei der Wahl strengere islamische Sitten und mehr Geld auf dem Tisch erhofft. Basitschi-Einheiten und Pasdaran haben viel Zuwendung vom Präsidenten im Gegenzug erhalten. Die Pasdaran durften sich immer mehr Kuchenstücke der Öl-, der Bau- und der Telekommunikationsindustrien einverleiben.

Doch viele Wähler Ahmadinedschads zeigen sich bitter enttäuscht von der Politik ihres Präsidenten. Zu Hause kommt nichts auf ihren Tisch von den geschätzten 160 Milliarden Dollar Öleinnahmen. Ganz nach dem Geschmack derer, die strengere islamische Sitten gefordert haben, dürfte die Regierungszeit Mahmoud Ahmadinedschads aber schon sein. Wenn sich Frauen für Frauenrechte zu offensiv einsetzen, finden sie sich schnell im Gefängnis oder mit Peitschenhieben abgestraft. Gefängnis und Gewalt erwartet Studenten, die aufmucken. Der Gewerkschaftsführer der Teheraner Busfahrer, Mansour Osanloo, wurde im Juni 2007 geschlagen und verhaftet. Zuvor hatte er in Brüssel bei der EU vorgesprochen und seinen unfreundlichen Empfang in der Heimat vorausgesagt. Religiöse Minderheiten haben laut Innenminister Pour-Mohammadi im Iran keine Rechte.

Ob sie nun Bahai, Sufis oder Sunniten sind, im Zentrum des Schia-Islam scheinen sie nicht willkommen zu sein. Die Liste der Betroffenen hört bei den Journalisten sicher nicht auf, aber sie gelten als Symbol für Meinungsfreiheit und ihre Arbeit wird von Ahmadinedschad zwiespältig gewertet. Solange sie seinem Meinungsstrom, seinen Ideen und Interpretationen folgen, lobt er sie, aber wehe sie werden kritisch und weisen mit der Feder auf Missstände hin. Viele Zeitungen wurden verboten, erschienen unter anderem Namen und wurden erneut versenkt. Kein ganz neues Spiel im Iran, aber seit die Hardliner an der Macht sind, werden die Daumenschrauben für freie Denker wieder enger gezogen. Nur ein kleines Beispiel ist Emadeddin Baghi. Adnan Hassanpur wurde sogar zum Tode wegen Spionage verurteilt vom Samstag 10.November 2007.

Das Prinzip ist immer gleich: die Vorwürfe reichen meist von Beleidigung islamischer Werte über Geheimnisverrat an die Feinde bis zu Systemdestabilisierung. Trotz vieler Hindernisse und Einschüchterungen finden sich immer noch Journalisten und Schreiber, die vor allem auf neue Medien ausweichen und ihre Eindrücke, Gefühle, Meinungen und Hoffnungen schriftlich weiterverbreiten. Im Nahen Osten führt der Iran die Zahl derer an, die das Internet nutzen.

"Die gefährliche internationale Situation des Iran und die Auseinandersetzung zwischen dem Iran und dem Westen haben die Weltöffentlichkeit und insbesondere die Vereinten Nationen von den unerträglichen Verhältnissen, welche das Regime für die Menschen im Iran geschaffen hat, gänzlich abgelenkt", so Akbar Ganji, der seinen Brief an Ban Ki-Moon im September schrieb. Der Casus Belli scheint zwar abgeschwächt, aber die Stoßrichtung scheint eine andere zu sein. Das Wort von der sanften Revolution im Iran, die das System beenden soll, macht schon länger die Runde.

Das Regime im Iran achtet auf solche Signale ganz genau und greift sie sofort als Spielball gegen seine inneren Gegner auf. Alle die jetzt mehr Freiheit fordern, laufen Gefahr als Gegner der Nation, des Islam und der Werte des Velayat-e-Faghi-Systems bezeichnet zu werden. Mögliche Folgen: Gefängnis, um für eine Weile aus dem Weg zu sein; Tod, um ganz aus dem Weg zu sein und andere deutlich vom Widerstand abzuschrecken.

Apokalyptische Dimensionen

Das prinzipientreue Regime steht auf dem geistigen Fundament, das sehr radikal denkende Ayatollahs aufgestellt haben. Sie vertreten eine sehr eng ausgelegte apokalyptische Interpretation des schiitischen Islam. Sie sehen es als Aufgabe der Regierung die Nation auf die physische Wiederkunft des Messias, den verborgenen 12. Imam Muhammad al-Mahdi, vorzubereiten. Teil dieser Vorbereitungen ist die "Säuberung der Gesellschaft von unreinen Elementen". Ein weiterer Teil ist das Hervorrufen von Chaos, um damit die Bedingungen für die Wiederkehr selbst zu schaffen und nicht wie andere glauben, darauf zu warten (siehe Messianische Entschlossenheit). Diese Ayatollahs erlassen Fatwas, Rechtsgutachten, die es der Regierung erlauben, gegen ihre Gegner vorzugehen.

Ein gefährlicher Gegner im Iran scheint der Nematollah Gonabadi Sufi Orden zu sein (vgl. Der iranische Mythos). Dieser spirituelle Orden bekommt angeblich immer mehr Zulauf von jungen Iranern, die genug haben von intoleranten Auslegungen des Islam und unter der Atmosphäre von Unterdrückung im Land leiden. Sie nehmen also teil an den Veranstaltungen des Ordens, beschäftigen sich mit friedliebenden Auslegungen des Korans, beschäftigen sich mit Musik und Poesie, beschäftigen sich mit ihrer persönlichen spirituellen Schulung und bringen ihren religiösen Obolus, Zakat, den Sufis.

Ayatollah Nouri Hamedani hat eine Fatwa erlassen, die eindeutig die Sufis als gefährlich für den Islam brandmarkt. Konkurrenz sehen die Fundamentalisten gar nicht gern. Und schon gar nicht, wenn das liebe Geld mit ins Spiel kommt. Um diese Gefahr für das Regime abzuwenden, sind im ersten Schritt vor allem die Basitschi-Mitglieder ideologisch darauf eingestellt worden, die Sufis nicht als Moslems, sondern als unrein und als Säule der Feinde aus dem Ausland zu betrachten. Im zweiten Schritt haben vor Ort Mullahs ihre Basitschi angestachelt, die Gebetshäuser der Sufis zu zerstören und die Sufis aus dem Ort zu vertreiben.

Im Februar 2006 sind mehr als 1000 Sufi in Qom ernsthaft verletzt und festgesetzt worden, als sie sich der Zerstörung ihres Gebetshauses zu widersetzen suchten. In Boroujerd sind im November 2007 mehr als 500 Sufis in gleicher Weise aus ihrem Gebetshaus vertrieben worden.

Widerstand um der Freiheit willen

Die Kalkulationen der radikalen Ayatollahs in aller Ruhe in einer Stadt nach der anderen die Basitschi zu mobilisieren, um sie von den Sufis zu säubern, haben sich bislang nicht erfüllt. Die Sache mit den Sufis schlägt immer höhere Wellen. Mehdi Karroubi schrieb nach den Ereignissen von Boroujerd als erster einen offenen Brief an Innenminister Pour-Mohammadi, bat um Aufklärung der Vorfälle und nahm die Sufis in Schutz. Der Philosoph Javad Amoli und Ayatollah Fazel Meybodi erhoben ihre Stimmen für die Sufis:

Eine Petition zur Unterstützung der Sufis, die über tausend Unterschriften bekannter und hochrangiger Politiker, Denker und Reformkleriker versammelt hat, kursiert im Iran. Sie liest sich wie eine Versammlung reformorientierter Kräfte.

Die Unterzeichner sind keine Derwische und möchten auch keine werden. Ihr Interesse gilt der Freiheit. Sie wollen ein Ende der Ära Ahmadinedschad einläuten. Dr Sadr Haj Seyed Javadi und Hashem Sabbaghian sind prominente Mitglieder von Nehzat-e-Azadi, sie stehen hinter der Petition.

Der ehemalige Sicherheitsberater von Khatami und Mitglied im Teheraner Stadtrat, Saeed Hajjarian, der maßgeblich zur Aufklärung der Ketten-Morde beigetragen hatte, findet sich unter den Unterstützern. Yousefi Eshkevari, Mohsen Kadivar, Fazel Meybody, Ahmad Ghabel sind reformorientierte Geistliche und Schriftsteller, die sich in die Petition neben vielen anderen eingebracht haben und nach Freiheit rufen. Sie alle sind Teil der Reformbewegung im Iran.

Doch Aufmerksamkeit für die Vorgänge im Iran kommt auch aus dem Ausland. Eine 11 köpfige Delegiertengruppe der EU machte sich auf den Weg in den Iran, unter anderem auch mit dem Thema Menschenrechte im Gepäck. Die Vorfälle in Boroujerd kamen zur Sprache und es war auch möglich, mit betroffenen Derwischen zu sprechen.

Der Druck auf die Regierung war stark. Man möchte im Ausland gerne als gerecht gelten. Das erste politische Opfer des Drucks kommt aus dem Innenministerium: Mohammad Bagher Zolghadr, stellvertretender Innenminister, wurde als Verantwortlicher für die Vorfälle in Boroujerd entlassen. Kommentatoren sehen diese Maßnahme von oberster Stelle als Ausgleich, um der Sufiangelegenheit den Wind wieder aus den Segeln zu nehmen, die sich nun in der ganzen Welt Gehör verschaffen und sich über das Verhalten der Verantwortlichen in der Islamischen Republik Iran beklagen.

Die überwiegende Mehrheit der Delegierten plädiert dafür, die Sanktionsschraube gegen den Iran nicht noch fester zu ziehen. Sie befürchten eine Verschärfung der Repressalien gegen religiöse und ethnische Minderheiten.

Das "Herz der Kultur-NATO"

Die Hardliner im Iran beobachten die Aktivitäten der Opposition akribisch und versuchen, jegliche Kritik als Verrat an der Islamischen Republik Iran zu diskreditieren. Kontakte ins Ausland werden als Spionagetätigkeit gewertet. Jetzt, kurz vor den Wahlen zur Majles, scheinen die Hardliner ihre Gegner einschüchtern oder zu Fehlern verführen zu wollen. Das Sprachrohr der harten Positionen ist Kayhan, eine Zeitung, die von Dr Hossein Shariatmadari herausgegeben wird. Sie soll ausgesprochen gute Kontakte zum iranischen Geheimdienst unterhalten.

Anfang Dezember 2007 veröffentlichte Kayhan einen ganzseitigen Artikel über die Gefahren für die IRI. Es heißt, der Artikel enthalte das Material von zwei Jahren Recherche. Die Hauptthese des Artikels bezeichnet die Holländische Regierung als das "Herz der Kultur-NATO". Damit wird Holland als führende europäische Nation betrachtet, die gegen den Islam und gegen die IR Iran vorzugeht. Der holländischen Regierung wird vorgeworfen, einen westlichen Kulturstrom in den Iran einzuschleusen, um die Werte der Islamischen Republik zu zerstören und sie durch billige und substanzlose westliche Werte zu ersetzen.

Hauptwerkzeug der Holländischen Regierung sei das aus Amsterdam seit 2006 sendende Radio Zamaaneh(Neue Zeiten). Farahnaz Karimi; eine iranisch stämmige Abgeordnete der holländischen Grünen wird beschuldigt, im Auftrag des holländischen Geheimdienstes Radio Zamaaneh aufgebaut zu haben. Kayhan benennt alle Mitarbeiter des Senders, veröffentlicht die Adresse und beschreibt minutiös, wie tief der holländische Steuerzahler in die Tasche greifen musste, um diesen Kulturfeldzug zu führen.

Es ist die Rede von 15 Millionen Euro, die sich Radio Zamaaneh noch mit anderen Initiativen teilen muss. Mehdi Jami, Exiliraner mit Wohnsitz in Holland, ist Schriftsteller und Filmemacher. Er leitet Radio Zamaaneh mit dem Anspruch, freien professionellen Journalismus unter Mitarbeit von Laien aus dem Iran zu bieten. Zum Beispiel organisiert er einen Schreibwettbewerb unter jungen Iranern. Kayhan bezeichnet ihn als Marionette der holländischen Regierung. Manche Exiliraner halten Radio Zamaaneh vor, nicht wirklich freien Journalismus zu betreiben. Sie werfen Jami vor, zu wenig kritisch der Regierung im Iran gegenüber zu sein, zu undeutlich auf Einschränkungen der Freiheit hinzuweisen und ganz auf der Linie des Systems zu bleiben, wenn auch eher reformorientiert. Kayhan sieht das anders.

In dem besagten Artikel wird ein Vergleich mit anderen Sendern, die in den Iran senden, gezogen. Der entscheidende Unterschied für Kayhan ist, dass die Sendungen von Radio Zamaaneh nicht die Absicht verfolgen, ihre Hörer durch Kritik an diesem oder jenem zu überzeugen, wie Radio Farda, Radio BBC und Deutsche Welle das tun, sondern schlichtweg westliche Kultur in den Iran einzuführen und damit junge Iraner von der rechten Lebensführung abzubringen. Mehrere Aspekte werden dafür angeführt: ein bestimmter westlicher Musikstil, die Kontaktmöglichkeit zwischen Männern und Frauen und das offene Reden über Sex. Den Aufruf an die Bevölkerung im Iran sich bei der Gestaltung des Programms zu beteiligen, kommentiert Kayhan als Spionage und Möglichkeit für Dissidenten, mit Auslandsgeheimdiensten in Kontakt zu stehen.

Schließlich kommt der auch der verborgene Imam wieder mit ins Spiel. Nach den Vorfällen in Boroujerd sendete Radio Zamaaneh ein Interview mit Dr Nour Ali Tabandeh, dem Oberhaupt des Nematollah Sufi Ordens über die Dämonisierung der Sufis und über die vergangenen Zerstörungen ihrer Gebetshäuser durch die Basitschi. Der Kayhan Artikel führt dazu aus, dass der Nematollah Orden der schlimmste aller Sufi Orden sei, der behaupte ein schiitischer Orden zu sein.

Radio Zamaaneh habe Dr Tabandeh ermöglicht, sich wichtig zu machen, außerdem würde er sich als Stellvertreter des Verborgenen Imams betrachten. Der Verborgene Imam ist ein brisantes politisches Thema im Iran, da sich die Legitimation die Gemeinschaft der Rechtgläubigen zu führen im Zusammenhang mit ihm ableiten lässt. Neulich wurden bei den Freitagsgebeten in Teheran Broschüren verteilt, die eine frappierende Ähnlichkeit zwischen Präsident Ahmadinedschad und den alten Beschreibungen über das Aussehen des Verborgenen Imams bei seiner Wiederkehr nahe legen. Hier versucht wohl jemand die starke Autoritätsgläubigkeit im Volk auf eine subtile Weise zu steuern.

Kayhan hält Radio Zamaaneh durch die oben angeführten Punkte für die Speerspitze der niederländischen Regierung gegen die Islamische Republik. Neben Radio Zamaaneh haben die Niederlande noch weitere Islamfeindliche Ereignisse zu bieten, erfahren wir aus dem Artikel. Der Film "Submission" von Theo van Gogh und Ayaan Hirsi Ali und der nachfolgende Film "Submission 2" beschäftigen sich mit der Situation von Frauen in islamischen Gesellschaften und zeigen kritische Szenen.

Auch der Fall der Exiliranerin Sooreh Hera, die seit sieben Jahren in Holland lebt und Fotografien von homosexuellen iranischen Flüchtlingen mit Masken von Mohammed und Ali ausstellen wollte, zählt für Kayhan zu den unterminierenden Vorgängen der Niederlande gegen den Islam und gegen Iran. Wenn wir alle diese Vorwürfe ernst nehmen, so ist hier ein klares Feindbild herausgearbeitet. Wem also Kontakte zu diesem Feind nachgewiesen werden, könnte leicht in die Schusslinie der Hardliner geraten. (Helmut N. Gabel)