Ein großer Stromausfall könnte eine nationale Katastrophe sein

Dezentrale Energieerzeugung ist eine mögliche Lösung

Ohne Strom geht in einer hochtechnologisierten Gesellschaft, wie wir sie hierzulande haben, nichts mehr. Trotzdem, so kritisiert der Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung (TAB) des Bundestages, hat sich bisher noch niemand wirklich umfassend damit beschäftigt, was passieren würde, fiele der Strom in Deutschland für einen längeren Zeitraum in einem größeren Gebiet aus. Dieses Problem will der TAB angehen - und legt einen über 130 Seiten starken Bericht vor, der die "Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften" durch einen langandauernden Stromausfall aufzeigen soll.

Die Gründe für einen großen Stromausfall können vielfältig sein. Neben Naturereignissen wie Hochwasser und Blitzeis kommt auch menschliches Versagen oder Terrorismus in Betracht, selbst die organisierte Kriminalität könne einen Stromausfall verursachen. Das Risiko eines Stromausfalls wird laut TAB künftig weiter zunehmen, dafür sorge der Klimawandel, der immer mehr extreme Wetterereignisse mit sich bringe, die Möglichkeit, dass Deutschland immer mehr ins Fadenkreuz der Terroristen komme, aber auch die "Zunahme dezentraler und stochastischer Stromeinspeisung", womit der Ausbau der Erneuerbaren Energien umschrieben wird, führe zu einem steigenden Risiko des Netzversagens.

Um einen wirklich langen und flächendeckenden Stromausfall zu erzeugen, müssten allerdings ganz bestimmte Faktoren zusammenkommen. So müssten schwer ersetzbare Schlüsselkomponenten in mehreren Kraftwerken oder im Verteilnetz physikalisch zerstört werden. Sollte dies jedoch eintreten, dann hält der TAB einen Stromausfall auch über mehrere Wochen für denkbar.

Der wirtschaftliche Schaden eines solchen Stromausfalls lässt sich freilich nicht genau beziffern, er hängt von zu vielen Faktoren ab. Allerdings wird aufgrund einer Metastudie geschätzt, dass jede ausgefallene Kilowattstunde Kosten zwischen acht und 16 Euro verursacht. Demzufolge würde ein einstündiger Stromausfall in ganz Deutschland an einem Werktag im Winter einen Schaden in Höhe von bis zu 1,3 Milliarden Euro verursachen. Eine Zahl, die allerdings eher ein theoretischer Wert zur Illustration sein dürfte. So weist der Bericht explizit darauf hin, dass je nach Dauer und Umfang des Stromausfalls auch Folgeschäden auftreten könnten, die dann ebenso zu Buche schlagen würden. Zudem rechnet der TAB mit dem "Versagen des politisch-administrativen Systems", was ebenso zu schwer abschätzbaren Folgeschäden führen würde.

Der TAB-Bericht untersucht für ausgewählte Bereiche die Folgen eines lang andauernden Stromausfalls. Für den Bereich der Telekommunikation sieht das Papier kaum Möglichkeiten, wenigstens ein Mindestmaß an Infrastruktur aufrecht erhalten zu können. "Konzepte, die im Fall eines länger andauernden Stromausfalls zumindest ein definiertes minimales Versorgungsniveau" aufrecht erhalten könnten, seien noch nicht entwickelt. So fielen im Bereich der Festnetzkommunikation zunächst die digitalen Endgeräte, also beispielsweise Telefone und DSL-Modems aus, während die Basisstationen im Mobilfunk wohl innerhalb weniger Minuten überlastet wären oder nur eine kurze Zeit mit Notstrom versorgt werden könnten.

Ausfall der Kommunikation und der Wasserversorgung

Auch die Information der Bevölkerung über die Medien wäre gefährdet. Allerdings verfügten einige Zeitschriftenverlage immerhin über ausreichende Notstromkapazitäten, um die Information der Bevölkerung zumindest teilweise sicherzustellen. Besser sieht es bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten aus. Diese seien "vorbereitet und in der Lage zu senden". Fraglich ist nur, für wen - Fernseher dürften im Falle eines derartigen Blackouts nicht mehr funktionieren. Was bleibt, ist das Radio als Hauptinformationsquelle - hier lassen sich die Empfangsgeräte immerhin sinnvoll über Batterien betreiben.

Dauert der Stromausfall länger, so wird dies auch ein Problem für die Kommunikation des Staates. Zwar verfügt er mit dem Informationsverbund Berlin-Bonn (IVBB) und dem Informationsverbund der Bundesverwaltung (IVBV) über ein eigenständiges Kommunikationsnetz. Jedoch könne dessen Betrieb über Notstromaggregate lediglich etwa zwei bis drei Tage aufrechterhalten. Für eine funktionierende Kommunikation in der Breite sei dies nicht ausreichend.

Möglicherweise gravierender als der Ausfall der Kommunikationssysteme ist der Ausfall der Wasserversorgung. Bei einem großen Stromausfall könne die Infrastruktur zur Wasserversorgung bereits nach kürzester Zeit nicht mehr betrieben werden, so der Bericht - mit katastrophalen Folgen für die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung, betonen die Autoren. Sowohl Wasseraufbereitungssysteme als auch Pumpen würden ausfallen - besonders höher gelegene Gebiete könnten möglicherweise gar nicht mehr mit Wasser versorgt werden. Der Ausfall von Pumpen könnte auch dafür sorgen, dass die Kanalisation nicht mehr funktioniert. Abwasser könne aus den Kanälen austreten und entsprechend Umweltschäden anrichten. Probleme mit der Abwasserentsorgung und fehlende Möglichkeiten zur Hygiene würden zur Ausbreitung von Krankheiten führen. Zudem stiege insbesondere in den dicht besiedelten Städten die Gefahr von Bränden, die infolge der Wasserknappheit nicht ausreichend bekämpft werden könnten.

Probleme bei der Lebensmittelvorsorge und der Massentierhaltung

Die meisten Einrichtungen der Wasserver- und -entsorgung seien nur auf einen Stromausfall von wenigen Stunden eingerichtet, so dass auf Notbrunnen zurückgegriffen werden müsste, von denen es in Deutschland etwa 5.200 gibt. Mobile Notstromaggregate müssten an wechselnden Orten eingesetzt werden, um einen Kollaps im Wasser- und Abwassersystem zu verhindern. Zudem könnte das Trinkwasser in verringerter Qualität angeboten werden, die Abnehmer müssten dann selbst mit "Entkeimungsmitteln" das Wasser trinkbar machen - gerade über einen längeren Zeitraum sind das unpraktikable Maßnahmen, wie der Bericht selbst einräumt.

Große Probleme nennt der Bericht auch im Bereich der Lebensmittelversorgung. Während der Hinweis, dass ohne Strom die Kühlung der Lebensmittel nicht mehr sichergestellt ist, nicht überraschend ist, so zeigen sich auch Probleme, die durch die moderne Massentierhaltung entstehen. Sobald die in den Ställen vorgeschriebenen Notstromanlagen keinen Treibstoff mehr haben, was in der Regel nach einem Tag der Fall sein dürfte, kommt es zu massiven Problemen bei der Versorgung der Tiere mit Wasser, Frischluft und Futter. Manuell sei das nicht zu leisten, heißt es im Bericht. Zahlreiche Tiere dürften schon in den ersten Stunden nach dem Ausfall der Notstromversorgung verenden.

Das schwächste Glied im Bereich der Nahrungsmittelversorgung sei jedoch der Einzelhandel, dort komme es schon nach wenigen Tagen zu "ernsthaften Engpässen". Trotz der Ausgabe von Lebensmitteln aus der staatlichen Notfallreserve, die im Notfall über Sammelverpflegungseinrichtungen ausgegeben werden sollten, sowie der Ausgabe warmer Mahlzeiten durch das Technische Hilfswerk, das Rote Kreuz und die Bundeswehr könnte die bedarfsgerechte Verteilung der Lebensmittel nur ungenügend gewährleistet werden, prognostiziert der Bericht. Erschwert wird dies durch die zusammengebrochene Telekommunikation - es könnte kaum noch koordiniert werden, was wo gebraucht wird. Auch der Zusammenbruch der Finanzwirtschaft bei einem Stromausfall könnte für Unruhe in der Bevölkerung sorgen - immerhin geht den Menschen das Geld aus, um Lebensmittel einzukaufen.

Aufbau einer dezentralen Stromversorgung

Egal ob die Versorgung mit Lebensmitteln, mit Gesundheitsdienstleistungen oder das Funktionieren des Transportsektors: der Bericht das TAB zeigt, dass ohne Strom eigentlich nichts geht - und in den meisten Bereichen noch keine oder nur unzureichende Möglichkeiten vorhanden sind, auf einen großen Stromausfall zu reagieren. Zwar stehen laut TAB im Notfall große Mengen an Treibstoffreserven zur Verfügung, und auch die Raffinerien könnten ihre Produktion zu einem guten Teil aufrecht erhalten. Jedoch bestehen Zweifel, ob der Treibstoff auch dorthin gebracht werden kann, wo er gebraucht wird. Mineralöllager, Tankstellen und Einrichtungen, die auf Notstrom angewiesen sind, müssten miteinander vernetzt werden, um die Kommunikation untereinander sicherzustellen. Dies ist aber derzeit nicht der Fall.

Und so kommt der TAB zu dem Schluss, dass ein großer Stromausfall zwar unwahrscheinlich sei, jedoch eine Versorgung der Bürger mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen schon nach wenigen Tagen nicht mehr garantiert werden könne.

Als Lösung schlägt der Bericht vor, eine "inselnetzfähige" dezentrale Stromversorgung aufzubauen, um wenigstens besonders wichtige Teile der Infrastruktur aufrecht zu erhalten. Krankenhäuser und Lebensmittellager sollten mit Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen oder aber Anlagen zur regenerativen Energieerzeugung ausgestattet und möglichst auch untereinander vernetzt werden.

Die Grünen fühlen sich durch diesen Lösungsvorschlag in ihrer Position bestätigt. "Je schneller wir uns unabhängig machen von fossilen und atomaren Importen, desto besser sind wir gegen die Gefahren eines langandauernden und großflächigen Stromausfalls gewappnet", heißt es in einer gemeinsamen Presseerklärung von Hans-Josef Fell und Konstantin von Notz. (Silvio Duwe)