"Ein heute 18-Jähriger ist körperlich so weit entwickelt wie ein 22-Jähriger um 1800"

Auch die Jungen werden immer früher geschlechtsreif, wie nun eine Studie belegen kann

Schon lange bekannt ist, dass Mädchen immer früher ihre Menstruation bekommen, gelegentlich bereits mit sieben Jahren (Pubertät bei Mädchen beginnt immer früher). Ob auch die Jungen früher in die Pubertät gelangen, ist schwieriger nachzuweisen und bislang nicht gelungen. Josuah Goldstein, der Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock (MPIDR), hat nun versucht, den Eintritt in die Geschlechtsreife ausgerechnet durch Sterblichkeitsdaten nachzuweisen. Danach werden auch die Jungen seit dem 18. Jahrhundert, also seit Beginn der Aufklärung und der Industrialisierung, früher geschlechtsreif.

Goldstein verwendete für seine Studie, die in der Open Access Zeitschrift Plus ONE erschienen ist, den sogenannten "Accident Hump", ein gut belegtes Phänomen, das es nicht nur bei jungen Männern, sondern auch bei männlichen Affen gibt. Bei Mädchen lässt sich dergleichen nicht feststellen. Schießt mit der Pubertät Testosteron in die jungen männlichen Körper, steigt bei den Männern die Neigung zum riskanten Verhalten. In der Zeit der größten Ausschüttung des männlichen Sexualhormons, nach Erreichen der Geschlechtsreife und des Stimmbruchs, werden die jungen Männer gewaltbereiter, riskieren sie mehr, um Aufmerksamkeit zu erhalten und zu imponieren, und werden unvorsichtiger. Dann steigen die Todesfälle durch Unfälle oder Gewalt sprunghaft an, während sie nach dem "Accident Hump" wieder zurückgehen. Der Anstieg ist zwar relativ klein, aber deutlich zu erkennen. So lag 2009 die Sterbewahrscheinlichkeit eines 13-jährigen Jungen in Deutschland bei 1:10.000, bei einem 18-jährigen jungen Mann aber bei 5:10.000. Goldstein benutzte für seine Studie Sterblichkeitsdaten aus einigen europäischen Ländern, ob dies in Entwicklungsländern, in denen die Ernährungs- und Gesundheitsbedingungen anders sind, auch gleichermaßen zutrifft, wäre interessant zu wissen. Allerdings gibt es hier meist keine demografischen Daten, die so weit zurückreichen.

Geht man von dieser erhöhten Sterblichkeit in der späten Pubertät aus, dann lässt sich nach Goldstein feststellen, dass die Geschlechtsreife seit Mitte des 18. Jahrhunderts jedes Jahrzehnt um etwa 2,5 Monate pro Jahrzehnt früher eingetreten ist. Das ist erstaunlich schnell. Möglicherweise ist seit den 1950er Jahren aber der Trend abgebrochen, zumindest scheint es hier eine Stagnation zu geben, was auch einleuchten würde, weil sonst vielleicht gar schon Kleinkinder in die Pubertät geraten würden.

Grafik: MPIDR, Human Mortality Database, www.mortality.org

Den Trend zur früheren Geschlechtsreife führt Goldstein auf die seit dem 18. Jahrhundert besser gewordenen "Ernährungs- und Gesundheitsbedingungen" zurück, wobei die sexuelle Reife bei Frauen "plastischer" gegenüber veränderten Umweltbedingungen zu sein scheint, weil sie noch früher als die bei den Jungen einsetzt. "Ein heute 18-Jähriger ist körperlich so weit entwickelt wie ein 22-Jähriger um 1800", sagt Goldstein, der sich auch sicher ist, dass technische oder soziale Veränderungen ansonsten keinen Einfluss auf den "Accident Hump" besitzen. So habe sich durch die Verbreitung von Autos oder Schusswaffen die Sterblichkeit während der hormonell riskanten Jahre des männlichen Geschlechts nicht erhöht, was man gemeinhin vermuten würde, weil dadurch riskantes Verhalten doch in seinen Folgen erleichtert werden sollte. Aber vermutlich findet man immer etwas, um sich und andere zu gefährden. Und eigentlich sollte man auch annehmen, dass sich die Jungen, je früher sie in die Pubertät eintreten, desto riskanter verhalten würden, aber dies scheint auch nicht der Fall zu sein, es sei denn, sie überleben ihre Unfälle dank besserer medizinischer Versorgung eher als in vergangenen Zeiten oder sie können, weil sie jünger sind, von ihren Eltern besser ausgebremst werden.

Für Goldstein werden durch die frühere Geschlechtsreife die Menschen zwar früher biologisch erwachsen, gesellschaftlich würden sie jedoch immer später erwachsen werden, was sich am Alter zeige, in dem sie heiraten und Kinder kriegen, zu arbeiten beginnen und von ihren Eltern finanziell unabhängig werden. Während auf der einen Seite also das jugendliche Dasein und damit oft auch die Abhängigkeit von den Eltern durch veränderte Ausbildungsanforderungen und Arbeitsmarktbedingungen verlängert werden, könnten die früher einsetzenden sexuellen Bedürfnisse aber vielleicht zu Konflikten zwischen biologischer Reife und sozialer Reifeverzögerung führen. Goldstein meint, dass etwa "wichtige Entscheidungen im Lebenslauf mit immer größerem Abstand zur Sorglosigkeit der Jugend gefällt" werden. Das würde dann wieder zur Aufklärung passen. Die Menschen kriegen nicht mehr im jugendlichen Alter ihre Kinder, sondern immer später. Sie wären dann immer weniger Zufallsprodukte sexueller Begierde, sondern Ergebnis bewusster Entscheidungen. (Florian Rötzer)