Ein neuer Mensch aus der Levante

Transparenter Einblick in den Unterkiefer und die Zahnwurzeln des Nesher Ramla Homo. Foto: Ariel Pokhojaev, Sackler Faculty of Medicine, Tel Aviv University

Vor mehr als 120.000 Jahren lebte im Nahen Osten ein archaischer Mensch mit erstaunlichen Eigenschaften

Erneut erschüttert ein neuer Fund die etablierten anthropologischen Vorstellungen von unseren Vorfahren. Immer deutlicher zeigt sich die Vielfalt und intensive Verzweigung des Stammbaums des Menschen. Jetzt gesellt sich ein neuer Typ archaischer Mensch zur immer größer werdenden Schar unserer Ahnen.

Es sind nur Bruchstücke eines Schädels, die kürzlich mitten in Israel gefunden wurden, aber sie zeigen derart spezielle Merkmale, dass der rekonstruierte Kopf des nach seinem Fundort benannten Nesher Ramla Homo die Titelseite der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science ziert.

Gleich zwei Fachartikel im Heft stellen den Menschen von Nesher Ramla vor. Die internationale Forschergruppe um Israel Hershkovitz von der Tel Aviv University berichtet von der Untersuchung der Fossilien, ihrer virtuellen Rekonstruktion und Einordnung. Der Ausgräber der Fossilien, Yossi Zaidner von der Hebrew University of Jerusalem, und ein Team von mehr als zwanzig weiteren Experten berichtet über die Fundsituation und die Datierungen sowie weitere gefundene Artefakte wie verschiedenes Steinwerkzeug und die Erkenntnisse, die sich aus dem archäologischen Kontext ergeben.

Schädelteil, Kiefer und Zähne des Nesher Ramla Homo, dargestellt in ihrer Position an der virtuellen Rekonstruktion des Kopfes. Foto: Tel Aviv University

Urtümlich und doch seiner Zeit voraus

Am Anfang steht ein Steinbruch, um Kalkstein für das Zementwerk namens Nesher zu gewinnen. Bei der Erschließung des Geländes nahe der Stadt Ramla in Zentralisrael wurde ein tiefer Karst-Trichter voller Sedimente aus der Steinzeit entdeckt, der sich als Jackpot für die Archäologen erwies, den in ihm fanden sie sauber getrennte Schichten, in denen nach und nach prähistorische Jäger ihre Reste beim Zerlegen von Jagdbeute hinterlassen hatten.

In acht Metern Tiefe lagen neben Tierknochen und Steinwerkzeugen schließlich auch ein Stück Schädeldecke eines Menschen und ein fast kompletter Kiefer mit Zähnen aus dem Mittelpaläolithikum. Aufgrund der Fundumstände gehen die Experten davon aus, dass es sich um Überreste eines Individuums handelt.

Mittels verschiedener Methoden wie der Elektronenspin-Resonanz-Datierung und Thermolumineszenz ergab sich ein Alter von 120.000 bis 140.000 Jahren für die Fossilien. Aus derselben Ablagerungsschicht wurden mehr als 2.000 Artefakte geborgen, darunter Knochen erlegter Tiere wie Damhirsch, Pferd oder Auerochse.

Der seltene Glücksfall, dass neben menschlichen Fossilien in einem klar begrenzten Fundkontext von ihnen selbst gefertigtes Gerät lag, kam den Archäologen zugute. Die gefundenen Steinwerkzeuge wie Messer, Schaber und Spitzen für Jagdspeere wurden mittels Levalloistechnik, gefertigt, einer besonderen Abschlagmethode für Feuerstein, deren Beherrschung bislang nur sowohl den Neandertalern wie dem anatomisch modernen Menschen, aber keinen älteren Menschengruppen zugetraut wurde.

Feuersteinspitze des Nesher Ramla Homo, die mit Levalloistechnik hergestellt wurde. Foto: Tal Rogovski

Forscherinnen und Forscher aus dem Team um Israel Hershkovitz erstellten hochauflösende Scans der Fossilien und virtuelle Rekonstruktionen des Schädels, zu dem sie einst gehörten. Das so geschaffene dreidimensionale Modell zeigte die erstaunlichen anatomischen Merkmale dieses Wesens, das im Vergleich mit vielen anderen Schädelfunden aus Europa, Asien und Afrika eine wilde Mischung morphologischer Merkmale aufweist.

Das flache dicke Scheitelbein des Schädels entspricht in seiner Form weder Homo sapiens noch Homo neanderthalensis, sondern wirkt viel älter, während der Kiefer mit fehlendem Kinn und sehr großen Zähnen dem eines Neandertalers sehr ähnlich sieht.

Vor mehr als 120.000 lebten allerdings noch keine Neandertaler in dem Gebiet an der östlichen Mittelmeerküste. Der frühe Homo sapiens war dagegen in der Region zu diesem Zeitpunkt nachweislich schon seit mehreren Zehntausend Jahren unterwegs. Israel Hershkovitz sagt dazu:

Die Entdeckung eines neuen Typs von Homo ist von großer wissenschaftlicher Bedeutung. Sie ermöglicht es uns, bisher gefundenen menschlichen Fossilien einen neuen Sinn zu geben, ein weiteres Stück zum Puzzle der menschlichen Evolution hinzuzufügen und die Wanderungen der Menschen in der Alten Welt zu verstehen. Obwohl sie vor so langer Zeit lebten, im späten Mittelpaläolithikum (vor 474.000-130.000 Jahren), können uns die Menschen von Nesher Ramla eine faszinierende Geschichte erzählen, die viel über die Evolution und die Lebensweise ihrer Nachkommen verrät.

Israel Hershkovitz

Vielfalt von menschlichen Ahnen

Aus Fossilien genetisches Material zu gewinnen ist in der Levante wegen der klimatischen Bedingungen meist unmöglich, deswegen bleiben nur die Schlüsse durch äußere Merkmale und Beifunde.

Ihre Analysen bringen die beteiligten Forscher zu dem Schluss, dass sich bei den Überresten des "Nesher Ramla Homo" aus der Mittleren Altsteinzeit um den Vertreter einer letzten Population einer Gruppe handelt, die schon sehr lange in der Region lebte. Sie könnte schon vor 400.000 Jahren im heutigen Israel auf der Jagd gewesen sein.

Nesher Ramla Homo zeichnet sich durch eine charakteristische Kombination von Neandertaler- und archaischen Menschenmerkmalen aus, und erwarb vor Ort im Umgang mit anatomisch modernen Menschen ausgeklügelte technische Fähigkeiten, um feinstes Feuersteingerät herzustellen.

Ausgrabungsstätte Nesher Ramla mit Blick auf die verschiedenen Fundschichten. Foto: Yossi Zaidner

Es muss viele Kontakte zwischen verschiedenen Typen von Menschenformen im Nahen Osten gegeben haben, sie lebten zusammen, trafen sich, kommunizierten miteinander, tauschten technisches Wissen und Fertigkeiten aus und zeugten gemeinsame Nachkommen. Yossi Zaidner ist begeistert:

Das ist eine außergewöhnliche Entdeckung. Wir hätten uns nie vorstellen können, dass neben dem Homo sapiens ein archaischer Homo so spät in der Menschheitsgeschichte in der Gegend umherstreifte. Die archäologischen Funde in Verbindung mit den menschlichen Fossilien zeigen, dass der Nesher Ramla Homo fortgeschrittene Technologien zur Herstellung von Steinwerkzeugen besaß und höchstwahrscheinlich mit dem lokalen Homo sapiens interagierte.

Yossi Zaidner

Vorfahr des Neandertalers

Damit noch nicht genug, die Forscher sind überzeugt, dass sie die Ursprungs-Quelle gefunden haben, aus der sich seit dem Mittelpaläolithikum die meisten Menschen entwickelt haben.

Sie halten Nesher Ramla Homo für die bisher noch gesuchte Menschengruppe, mit der sich Homo sapiens bereits vor mindestens 200.000 Jahren außerhalb Afrikas vermischte, um speziell aussehende Nachkommen zu zeugen, wie sie in der israelischen Misliya-Höhle gefunden wurden: The earliest modern humans outside Africa.

Außerdem sind sie der Meinung, ihre Entdeckung sei die plausible Erklärung dafür, warum die bislang als frühe Homo sapiens geltenden Fossilien, die aus den Höhlen von Skhul und Qafzeh stammen, extrem archaisch wirken: Sie sind auch das Resultat des biologischen Austausches beider Gruppen. Wie auch andere Fossilienfunde von Steinzeitmenschen aus der Region, die verschiedene, starke Varianten aufweisen.

Vor allem zweifeln die Experten durch die neuen Erkenntnisse an der gängigen Theorie über die lokale Entwicklung des Neandertalers in Europa. Israel Hershkovitz erklärt:

Vor diesen neuen Funden glaubten die meisten Forscher, dass die Neandertaler eine "europäische Geschichte" sind, in der kleine Gruppen von Neandertalern gezwungen waren, nach Süden zu wandern, um den sich ausbreitenden Gletschern zu entkommen, wobei einige vor etwa 70.000 Jahren im Land Israel ankamen. Die Fossilien aus Nesher Ramla lassen uns diese Theorie in Frage stellen und legen nahe, dass die Vorfahren der europäischen Neandertaler bereits vor 400.000 Jahren in der Levante lebten und wiederholt nach Westen nach Europa und nach Osten nach Asien wanderten. Tatsächlich deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass die berühmten Neandertaler Westeuropas nur die Überreste einer viel größeren Population sind, die hier in der Levante lebte - und nicht umgekehrt.

Israel Hershkovitz

Steile Thesen, die auf einzelnen Schädel-Teilen beruhen, und unter den Paläoanthropologen sicher stark umstritten sein werden.

Die Fossilien des Nesher Ramla: Kieferknochen mit Zähnen und ein Stück Schädeldach. Foto: Avi Levin and Ilan Theiler, Sackler Faculty of Medicine, Tel Aviv University

Die Nesher Ramla Spezialisten verzichteten bewusst darauf, Nesher Ramla Homo als eigene Art zu klassifizieren, sondern bezeichnen ihn als Menschen-Typ.

Sie gehen davon aus, dass andere Fossilien aus der Region, deren Merkmale sich ebenfalls in einigen Punkten den klassischen Zuordnungen entziehen, zum gleichen Typ gehören. Darunter die versteinerten Knochen aus den Höhlen von Tabun (160.000 Jahre alt), Zuttiyeh (250.000 Jahre) und Qesem (400.000 Jahre). Co-Autorin Rachel Sarig von der Tel Aviv University erklärt:

Menschen denken in Paradigmen. Deshalb hat man versucht, diese Fossilien bekannten Menschengruppen wie Homo sapiens, Homo erectus, Homo heidelbergensis oder den Neandertalern zuzuschreiben. Aber jetzt sagen wir: Nein. Es handelt sich um eine eigenständige Gruppe, mit eigenen Merkmalen und Eigenschaften.

Zu einem späteren Zeitpunkt wanderten kleine Gruppen des Nesher-Ramla-Homo-Typs nach Europa - wo sie sich zu den uns bekannten 'klassischen' Neandertalern entwickelten - und auch nach Asien, wo sie zu archaischen Populationen mit den Neandertalern ähnlichen Merkmalen wurden. Als Kreuzungspunkt zwischen Afrika, Europa und Asien diente das Land Israel als Schmelztiegel, in dem sich verschiedene menschliche Populationen miteinander vermischten, um sich später in der gesamten Alten Welt zu verbreiten.

Rachel Sarig

Nesher Ramla Homo könnte ein weiterer Cousin des modernen Menschen sein, der zu den heutigen Populationen unserer Art genetisch beigetragen hat - wie der Neandertaler oder der Denisova-Mensch. Auf jeden Fall bleibt es spannend, die Blätter an den verschiedenen Zweigen des Stammbaums rauschen weiterhin laut.

"Die Interpretation der Nesher-Ramla-Fossilien und der Steinwerkzeuge wird unter Paläoanthropologen auf geteilte Reaktionen stoßen. Ungeachtet dessen machen das Alter des Nesher-Ramla-Materials, die nicht übereinstimmenden morphologischen und archäologischen Ähnlichkeiten und die Lage des Fundortes an der Kreuzung von Afrika und Eurasien diesen Fund zu einer bedeutenden Entdeckung", schreibt Marta Lahr von der University of Cambridge in einem die neuen Studien einordneten Artikel in Science.

Die Forscher erklären in einem kurzen Video ihren Nesher Ramla Homo: Tel Aviv University: Dramatic discovery in Israeli excavation: A new type of Homo unknown to science.

(Andrea Naica-Loebell)