Ein neuer, sicherer Zaun für das Weiße Haus

Der Zaun um das Weiße Haus soll sicherer gemacht werden. Bild: Kačka und Ondra/CC-BY-SA-2.0

Der Sitz des US-Präsidenten soll eine Festung sein, die nicht als solche wirkt und "ästhetisch akzeptabel und politisch korrekt" ist

Regierungssitze sind auch in demokratischen Ländern zu Hochsicherheitsorten geworden. Die Stellvertreter des Volkes kapseln sich damit auch von diesem ab. Das Weiße Haus ist wohl einer der am besten gesicherten Orte der Welt. Gerade wird überlegt, wie man die Zäune verbessern könnte, nachdem im September des letzten Jahres trotz der hohen Sicherheitsmaßnahmen ein ehemaliger US-Soldat über den Zaun kletterte und in das Weiße Haus eindringen konnte. Das Weiße Haus war kurzzeitig evakuiert worden, die Menschen wurden Lafayette Square vertrieben.

Dass Regierungssitze geschlossene Orte sind, war nicht immer so. Das Weiße Haus war einst ein offenes Haus, die Anlagen waren dem Volk zugänglich - ein unzugänglicher Präsidentenpalast wäre als undemokratisch empfunden worden. Thomas Jefferson wollte ein "Haus des Volkes", umgeben wurde es durch einen hohen Steinwall wegen der Tiere. Jahrzehntelang konnten die Menschen das Grundstück betreten und auch in das Haus gehen, um es sich anzuschauen, allerdings erst ab späteren Vormittag, da Jefferson in der Früh seine Ruhe haben wollte. Jefferson begann auch damit, das Haus für ein Fest nach der Amtsübernahme zu öffnen.

Das konnte zwar schon mal ungemütlich werden, beispielsweise als es Präsident Andrew Jackson 1829 vorzog, lieber schnell wieder in sein Hotel zu flüchten, als 20.000 Bürger ins Weiße Haus stürmten, um seinen Amtsantritt zu feiern. Es kamen nicht nur wie üblich die gut gekleideten Angehörigen der Mittelschicht, sondern auch viele einfache Menschen in gewöhnlicher Kleidung, die Jackson feiern wollten. Niemand war auf den Andrang vorbereitet, es kam Panik auf, Jackson wurde von der Menge gegen eine Mauer gedrückt und konnte dann von Mitarbeitern außer Haus gebracht werden. Um das Haus zu leeren, wurden keine Polizei und keine Armee eingesetzt, wie das heute der Fall wäre, die Angestellten offerierten den Besuchern vor dem Haus große Mengen an Whiskey, womit sie nach und nach das Weiße Haus leeren und die angerichteten Schäden wieder herrichten konnten. Beklagt wurde etwa von Besuchern der besseren Klasse, dass die "Majestät des Volkes" schnell durch einen Mob ersetzt worden sei.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde, so ein Regierungsbericht über die Sicherheit, nachdem 1994 ein Cessna im Südgarten abgestürzt war, der Zugang zum Weißen Haus restriktiver behandelt, aber bis zum Zweiten Weltkrieg konnte das Gelände tagsüber frei betreten werden, abgesehen vom Garten im Osten, der für den Präsidenten reserviert war. Um 8 Uhr wurden das große eiserne Tor geöffnet, das James Monroe hatte bauen lassen, da der Steinwall den Blick auf das Weiße Haus behinderte, allerdings beschäftigte er bereits Wachen. Nach und nach wurde der Steinwall durch einen Eisenzaun ersetzt. Unter der Präsidentschaft von James Tyler (1841-1845) wurde, nachdem Angriffe erfolgt waren, offiziell eine Schutzwache eingerichtet. Franklin Pierce (1853-1857) führte zusätzlich zu den Wachen um das Grundstück noch den Fulltime-Job eines Bodyguard ein. Abraham Lincoln war dann schon von einer Gruppe von Bodyguards umgeben, die Anlage schützten bewaffnete Wachen, während des Bürgerskriegs waren auch Soldaten zum Schutz vor Ort.

Obgleich Lincoln durch ein Attentat 1865 starb, wurden die Sicherheitsvorkehrungen erst einmal wieder heruntergeschraubt, außerhalb des Weißen Hauses bewegten sich die Präsidenten meist ohne Bodyguards, die Anstellung von Privatdetektiven zum Schutz des Präsidenten verbot der Kongress 1893 in einem Gesetz. Erst ab den 1890er Jahren wurden unter Grover Cleveland die Sicherheitsmaßnahmen hochgefahren und der Secret Service mit wenigen Agenten inoffiziell zum Schutz des Weißen Haus und des Präsidenten beauftragt, die Polizei unter dem Kommando des Leiters der Metropolitan Police bewachte den äußeren Perimeter. Bis zum Ersten Weltkrieg waren damit nur 27 Polizisten beschäftigt. 1922 wurde schließlich eine eigene Polizeieinheit für das Weiße Haus geschaffen, die aber weiterhin unabhängig vom Secret Service war. Erst als 1930 von den Polizisten ein Mann ohne Kontrollen durchgelassen wurde, den sie für einen Geheimdienstagenten hielten, und bis in den Speiseraum des Präsidenten gelangte, erhielt der Secret Service die Aufgabe, für den ganzen Komplex verantwortlich zu sein. Nach dem tödlichen Anschlag auf den Präsidenten William McKinley 1901 war überlegt worden, den Präsidenten durch das Militär zu schützen, das wurde aber wieder abgelehnt, weil es den "Geist der Demokratie" verletze. Ab 1906 war der Secret Service dann offiziell zuständig, allerdings nur für das Gebäude und den Präsidenten.

Das Weiße Haus wird zur Hochsicherheitszone

1935 waren aber erst 35 Mann für den Schutz des Weißen Hauses zuständig. Im Zweiten Weltkrieg stieg die Zahl vorübergehend auf 140, in den 1970er Jahren waren es dann bereits 1200 Mann. 1974 hatte ein Mann, der sich als Messias ausgab, mit seinem Auto ein Tor durchbrochen. 1976 wurden alle Tore ausgewechselt und verstärkt. In den 1980er Jahren wurde dann nach dem verheerenden Bombenanschlag auf einen US-Stützpunkt in Beirut der gesamte Komplex mit Betonbarrieren geschützt, die man in den 1990ern durch Betonpoller ersetzte. 1995 wurde nach dem Attentat in Oklahoma die ersten Straßenabschnitte vor dem Weißen Haus für den Verkehr gesperrt, 2001 kamen nach 9/11 weitere hinzu. Auf dem Dach des Weißen Hauses sind Scharfschützen, es gilt ein striktes Überflugverbot, Soldaten mit Luftabwehrsystemen halten ebenfalls Wache.

Aber es gab auch immer wieder Vorfälle, wo Menschen den etwa 3 m hohen Metallzaun mit den Gitterstäben und einer Spitze überklettern konnten, wie dies vergangenen September geschehen ist. Normalerweise werden die Eindringlinge schnell gefasst, dieses Mal kam der unbewaffnete Mann bis zum Weißen Haus und wurde erst nach einer Eingangstüre festgenommen.

Der ganze Vorgang dauerte gerade einmal sieben Sekunden, doch nun steht der Secret Service wieder einmal unter Kritik. Der hatte schon, wie die New York Times berichtet, dutzende Male Veränderungen des Zaunes mit den besten Athleten unter den Agenten getestet. Die erste Idee, den Zaun einfach höher zu machen, erwies sich als nicht praktikabel, weil er sich dann aufgrund der Stangen, die einen besseren Halt böten, noch leichter übersteigen ließe. Bis zum Sommer will man eine Lösung gefunden haben, ein neuer Zaun sollte dann 2016 errichtet werden. Problematisch scheint zu sein, weil mindestens ein Dutzend Behörden und Organisationen für die Anforderungen zuständig sind, die sich teils wiedersprechen. Der Zaun selbst gehört zur Zuständigkeit des National Park Service, der mit der Polizei von Washington auch einige Bereiche bewacht, einige Teile des Zauns unterstehen dem Finanzministerium und der General Services Administration. Der Secret Service ist nur für die Sicherheit zuständig.

Allein drei Kommissionen sind für die Ästhetik verantwortlich. Thomas Luebke, der die Kommission für die Bildenden Künste leitet, ist besorgt, dass ein neuer Zaun wie eine Festung aussehen könnte, die Sicherheitsmaßnahmen sollen aber nicht die öffentliche Wahrnehmung stören. Das Publikum soll sich nach Luebke trotz aller Sicherheitsmaßnahmen "willkommen und sicher" fühlen. Auch das Historic Preservation Office verlangt, dass Touristen weiter bis zum Zaun gehen können sollen. Das wurde seit dem Vorfall im letzten September durch Fahrradwege verhindert, um die Fußgänger nicht näher als 3 Meter kommen zu lassen.

Selbst der Secret Service räumt ein, dass man den Zaun nicht ganz sicher machen könne, wenn er nicht "ästhetisch inkzeptabel und politisch inkorrekt" werden sollte. Auch einen Graben oder scharfe Kanten oder andere Vorkehrungen wie Stacheldraht, an denen sich Besucher verletzen könnten, werden ausgeschlossen. Es geht also darum, den Anschein des Offenen zu wahren und gleichzeitig größtmögliche Sicherheit zu gewähren. Letztlich gehe es darum, es Zaunübersteigern so schwierig zu machen, dass die Agenten und ihre Wachhunde ein paar mehr Sekunden haben, ihn festzunehmen, bevor er das Haus erreicht. Überlegt werden auch Veränderungen der Topographie oder der Gestaltung des Südrasens, um den schnellen Durchlauf zu erschweren.

Um noch besser üben zu können, will der Secret Service übrigens 8 Millionen US-Dollar, um auf dem Trainingsgelände eine genaue Nachbildung des Weißen Hauses zu bauen. Gefährlicher als Menschen, die den Zaun überspringen, könnten aber Drohnen werden. Im Januar stürzte eine Drohne vor dem Weißen Haus ab. Da hilft kein neuer Zaun und auch kein Radarsystem, die Scharfschützen haben sie nicht bemerkt. (Florian Rötzer)