"Ein unwiederbringlicher Verlust für die Menschheit"

Kritik auch an Evo Morales

Die linke Zeitung Brasil de Fato schreibt unterdessen, dass allein zwischen dem 17. und 19. August in Brasilien 5253 Feuer in den Wäldern brannten. Dabei war, wie erwähnt, nicht nur der tropische Regenwald im Amazonasbecken betroffen, sondern auch andere Wälder im Südwesten und Süden des Landes. Hinzu kamen im gleichen Zeitraum 1618 bzw. 1116 Brände im bolivianischen und peruanischen Teil des Amazonas-Waldes sowie 465 in Paraguay.

Die Plattform The Conversation schreibt, dass in Bolivien allein in der letzten Wochen 800.000 Hektar (8000 Quadratkilometer) Wald brannten. Betroffen seien auch benachbarte Dörfer und landwirtschaftliche Flächen.

Tausende Menschen hätten evakuiert werden müssen. Entsprechend schlecht gelitten ist bei zumindest einem Teil der Betroffenen der bolivianische Präsident Evo Morales, eigentlich eher ein Linker und nicht unbedingt ein Freund der Großgrundbesitzer, die zumindest in Brasilien meist hinter den Feuern stecken. Die Koordination der Organisation der Indigenen Völker des Amazonasbeckens COICA (Coordinadora de Organizaciones Indígenas de la Cuenca Amazónica) hat ihn und seinen brasilianischen Amtskollegen zur Persona non grata, zur unerwünschten Person, erklärt, wie die Zeitung El Dia berichtet.

In einer letzte Woche im ecuadorianischen Quito veröffentlichten Erklärung der Koordination wird den beiden vorgeworfen, durch ihre Taten und ihr Unterlassen für "unwiederbringliche Verluste für die Menschheit" und für einen "physischen und kulturellen Völkermord" verantwortlich zu sein. Die Situation würde jeden Tag schlimmer.

In Videobotschaften berichten einige betroffene Waldbewohner selbst von ihrem Schicksal. Auch einige Journalisten haben ihre Sicht der Dinge dokumentiert: "Wir sind traurig, weil der Regenwald stirbt. Die Welt braucht ihn. Wir brauchen ihn, und unsere Kinder brauchen ihn", zitiert das österreichische Magazin "Zeit im Bild" einen Brasilianer.

Geleakte Dokumente der Regierung Bolsonaro bezeugen unterdessen, dass seine Ausfälle gegen Nichtregierungsorganisationen und Indigene Minderheiten keiner Laune entspringen, sondern wohl vorbereitet und orchestriert sind. Das Ziel ist es, das Amazonasbecken ganz der Ausbeutung durch Rohstoff- und Energiekonzerne sowie der Agrarindustrie zu unterwerfen und seine Bewohner zu vertreiben und notfalls auch zu ermorden.

Das Ganze hat natürlich eine lange Tradition, die mindestens bis in die Zeit der Militärdiktatur der 1960er und 1970er Jahre zurückreicht, aus dessen Bewunderung der neue Präsident ebenso wenig einen Hehl macht wie aus seinem Neid auf die US-Kavallerie, da diese in der Ermordung von Indigenen viel erfolgreicher als das brasilianische Militär des 19. Jahrhunderts gewesen sei.

Auch unter Bolsonaros beiden linken Vorgängern - die nie über eine eigene Mehrheit im Parlament verfügten und daher mit rechten Parteien paktieren mussten - konnte die Macht des Agrarbusiness nie ganz zurück gedrängt werden. Die Morde an Umweltschützern, Landarbeitern und Indigenen gingen ebenso weiter wie die Zerstörung des Waldes. Letzteres allerdings im deutlich geringeren Tempo.

Der seit mehreren Jahrzehnten mit dem tropischen Regenwald befasste Journalist und Biologe Christian Schwägerl erklärt hier in einem lesenswerten Interview die Zusammenhänge und bietet eine historische Einordnung.

Eines ist jedenfalls ziemlich klar. Im Amazonaswald befindet sich zum einen das weltgrößte Eisenerzvorkommen, von dessen Ausbeutung auch die Industriestaaten und Schwellenländer profitieren. Der deutsche Konzern ThyssenKrupp hätte daran ganz gerne direkt mitgearbeitet, dabei allerdings mehrere Milliarden Euro in den Sand gesetzt, weil er den Markt falsch einschätzte und auch es mit den brasilianischen Umweltvorschriften nicht so genau meinte nehmen zu müssen.

Wichtiger noch ist zum anderen aber die Landwirtschaft. Der Regenwald wird vor allem für die Produktion von Rindfleisch und Soja gerodet, die nach Europa und Ostasien exportiert werden. Mit dem jüngst unterzeichneten, aber noch nicht ratifizierten Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur (Argentinien, Brasilien, Uruguay, Paraguay und das derzeit suspendierte Venezuela) würden diesen Exporte weiter erleichtert.

Entsprechend gibt es angesichts des Agierens Bolsonaros von einigen EU-Regierungen inzwischen Widerstand. Die Bundesregierung hält jedoch, wie berichtet, noch am Abkommen fest.