"Ein unwiederbringlicher Verlust für die Menschheit"

Die mit den Bränden in der Amazonas-Region in Brasilien zusammenhängenden CO-Emissionen vom 8. bis 22. August. Bild: Nasa/JPL-Caltech

Der Regenwald brennt weiter, aber Brasilia lehnt Hilfsgelder für Löschflugzeuge ab

Über die dramatische Zahl von Waldbränden in Südamerika in diesem Jahr haben wir ja bereits mehrfach berichtet. In Brasilien und zahlreichen anderen Ländern hat es wegen der offensichtlichen Zusammenhänge mit der Politik der brasilianischen Regierung inzwischen zum Teil große Proteste gegeben.

Dabei ist der Widerspruch durchaus nicht auf die Industrieländer beschränkt, wie man nach der Lektüre des hiesigen, meist nicht sehr weit über die Landesgrenzen hinausschauenden linken Feuilletons meinen könnte. In einer gemeinsamen Erklärung zahlreicher mexikanischer Gewerkschaften, linker Parteien und anderer Organisationen heißt es zum Beispiel:

Auch wenn die Zerstörung des tropischen Regenwaldes am Amazonas schon seit vielen Jahrzehnten eine alarmierende Frage ist, so ist die Beschleunigung dieses Prozesses nicht nur eine Folge von Nachlässigkeit seitens der Regierung des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro, sondern auch seiner direkten Komplizenschaft mit der Agrarindustrie, den Rinderzüchtern und den Bergbauunternehmen.

Erklärung von über 40 mexikanischen Gewerkschaften, Umweltorganisationen, linken Parteien und Gruppen kritischer Wissenschaftler

Die Unterzeichner weisen auf die Konsequenzen der Brände insbesondere für die meist indigenen Bewohner der Wälder sowie die Menschen in den angrenzenden Regionen hin und rufen zur internationalen Solidarität auf. Der Kampf gegen die Vernichtung der Wälder sei auch ein Kampf um das Land, ein Kampf gegen dessen Zerstörung durch Ausbeutung, der auch in Mexiko geführt werde.

Hintergrund dieser Aussage ist der seit der Kolonialzeit oft gewaltsam ausgetragene Streit, ob Privatpersonen und Unternehmen sich Agrarland und Wälder im großen Stil aneignen können oder ob Land und Wälder jenen gehören, die das Land bebauen oder seine Produkte ernten.

Eine umfassende Landreform ist in vielen Ländern Lateinamerikas eine der drängendsten ökonomischen wie sozialen Fragen, da der Großgrundbesitz nicht nur zur großen Armut im ländlichen Raum führt, sondern auch durch seine Exportorientierung erheblichen Druck in Richtung Freihandelsregime erzeugt, die die industrielle Entwicklung unmöglich machen oder zumindest stark behindern.

Dabei ist es im Übrigen nicht so, dass der Regenwald bisher nicht von Menschen wirtschaftlich genutzt würde. Vielmehr wird er seit vielen Jahrhunderten von seinen Bewohnern extensiv bewirtschaftet. Einige Wissenschaftler vertreten die Ansicht, dass die enorme Artenvielfalt des Waldes erst eine Folge dieser Nutzung ist, weshalb der Wald alles andere als ein Urwald sei.

Die mit den Bränden in der Amazonas-Region in Brasilien zusammenhängenden Kohlenmonoxidemissionen in einer Wolke über Südamerika vom 8. bis 22. August. Bild: Nasa/JPL-Caltech

Nicht nur Brasilien

Derweil ist es nicht nur der Dschungel im Amazonasbecken und nicht nur brasilianischer Wald, der brennt. Betroffen sind außerdem einige Nachbarländer und auch von anderen Kontinente gibt es dramatische Satellitenaufnahmen: Sibirien ist zum Beispiel immer noch nicht zur Ruhe gekommen, in Südostasien sorgt unter anderem die große Nachfrage nach Palmöl für den Verlust der letzten Reste tropischen Regenwaldes und auch im südlichen Afrika lodern ebenfalls Tausende Brände.

Ein zwei Wochen altes Satellitenbild des National Snow and Ice Data Centers der USA zeigt dutzende Brandherde hauptsächlich in Zentralsibirien und Rauchwolken, die sich über weite Teile Nordasiens und den angrenzenden arktischen Ozean ausbreiten.

Die Wissenschaftler hoffen allerdings, dass diese wegen der jahreszeitlich bedingt abnehmenden Sonnenkraft keinen größeren Einfluss auf das Meereis mehr haben werden. (Davon abgesehen ist dort die Eisfläche ohnehin extrem dezimiert und die Nord-Ost-Passage schon seit mehreren Wochen frei, wie die an der Uni-Bremen aufgearbeiteten Satellitendaten zeigen.)

Doch zurzeit blickt alles und sicherlich mit gutem Grund auf Brasilien. Die ARD-Tagesschau sprach zu Beginn der Woche von "täglich hunderten neuen Feuern im Amazonas-Wald" und Die Zeit, dass Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro die von der Gruppe der Sieben (G7) auf ihrem Treffen im französischen Biarritz angebotene Soforthilfe abgelehnt habe. (Die Diskussion über Amazonas und Klimakrise - die Staatschefs werden es blumiger umschrieben haben - hatte US-Präsident Donald Trump übrigens geschwänzt, wie die britische Zeitung Guardian berichtet.)

Bolsonaros Kabinettschef Onyx Lorenzoni habe verkündet, die unter anderem für Löschflugzeuge zugesagten 18 Millionen Euro sollten lieber für die Aufforstung Europas ausgegeben werden. Die Zeitung zitiert darüber hinaus das unter Druck der Regierung stehende Institut für Weltraumforschung INPE wonach es in Brasilien seit Jahresbeginn bereits 80.000 Brände gebe (Aufregung über die Tausenden von Waldbränden in Brasilien).

Die deutsche Sektion des World Wild Fund für Nature (WWF) sieht in dem G-7-Beschluss eher einen Versuch, sich frei zu kaufen, auch wenn deren Beschäftigung mit dem Thema die Dramatik der Lage unterstreiche.

Brandbekämpfung und Wiederaufforstung sind gut, sie bleiben aber nur Symbolpolitik, wenn die Ursachen der Entwaldung nicht angegangen werden. Der Schlüssel zur Bekämpfung des Problems liegt in Brasilien, aber wir haben eine Mitverantwortung.

Roberto Maldonado, WWF-Südamerikareferent

Die Mitverantwortung sieht der WWF vor allem in den Importen von Futtermitteln und fordert eine Nachverhandlung des Freihandelsabkommens zwischen der EU und dem Mercosur. Allein für die Produktion des hierzulande verwendeten Tierfutters für Schweine, Rinder und sogar Zuchtfische sei eine Anbaufläche von der Größe Hessens nötig.

Kritik auch an Evo Morales

Die linke Zeitung Brasil de Fato schreibt unterdessen, dass allein zwischen dem 17. und 19. August in Brasilien 5253 Feuer in den Wäldern brannten. Dabei war, wie erwähnt, nicht nur der tropische Regenwald im Amazonasbecken betroffen, sondern auch andere Wälder im Südwesten und Süden des Landes. Hinzu kamen im gleichen Zeitraum 1618 bzw. 1116 Brände im bolivianischen und peruanischen Teil des Amazonas-Waldes sowie 465 in Paraguay.

Die Plattform The Conversation schreibt, dass in Bolivien allein in der letzten Wochen 800.000 Hektar (8000 Quadratkilometer) Wald brannten. Betroffen seien auch benachbarte Dörfer und landwirtschaftliche Flächen.

Tausende Menschen hätten evakuiert werden müssen. Entsprechend schlecht gelitten ist bei zumindest einem Teil der Betroffenen der bolivianische Präsident Evo Morales, eigentlich eher ein Linker und nicht unbedingt ein Freund der Großgrundbesitzer, die zumindest in Brasilien meist hinter den Feuern stecken. Die Koordination der Organisation der Indigenen Völker des Amazonasbeckens COICA (Coordinadora de Organizaciones Indígenas de la Cuenca Amazónica) hat ihn und seinen brasilianischen Amtskollegen zur Persona non grata, zur unerwünschten Person, erklärt, wie die Zeitung El Dia berichtet.

In einer letzte Woche im ecuadorianischen Quito veröffentlichten Erklärung der Koordination wird den beiden vorgeworfen, durch ihre Taten und ihr Unterlassen für "unwiederbringliche Verluste für die Menschheit" und für einen "physischen und kulturellen Völkermord" verantwortlich zu sein. Die Situation würde jeden Tag schlimmer.

In Videobotschaften berichten einige betroffene Waldbewohner selbst von ihrem Schicksal. Auch einige Journalisten haben ihre Sicht der Dinge dokumentiert: "Wir sind traurig, weil der Regenwald stirbt. Die Welt braucht ihn. Wir brauchen ihn, und unsere Kinder brauchen ihn", zitiert das österreichische Magazin "Zeit im Bild" einen Brasilianer.

Geleakte Dokumente der Regierung Bolsonaro bezeugen unterdessen, dass seine Ausfälle gegen Nichtregierungsorganisationen und Indigene Minderheiten keiner Laune entspringen, sondern wohl vorbereitet und orchestriert sind. Das Ziel ist es, das Amazonasbecken ganz der Ausbeutung durch Rohstoff- und Energiekonzerne sowie der Agrarindustrie zu unterwerfen und seine Bewohner zu vertreiben und notfalls auch zu ermorden.

Das Ganze hat natürlich eine lange Tradition, die mindestens bis in die Zeit der Militärdiktatur der 1960er und 1970er Jahre zurückreicht, aus dessen Bewunderung der neue Präsident ebenso wenig einen Hehl macht wie aus seinem Neid auf die US-Kavallerie, da diese in der Ermordung von Indigenen viel erfolgreicher als das brasilianische Militär des 19. Jahrhunderts gewesen sei.

Auch unter Bolsonaros beiden linken Vorgängern - die nie über eine eigene Mehrheit im Parlament verfügten und daher mit rechten Parteien paktieren mussten - konnte die Macht des Agrarbusiness nie ganz zurück gedrängt werden. Die Morde an Umweltschützern, Landarbeitern und Indigenen gingen ebenso weiter wie die Zerstörung des Waldes. Letzteres allerdings im deutlich geringeren Tempo.

Der seit mehreren Jahrzehnten mit dem tropischen Regenwald befasste Journalist und Biologe Christian Schwägerl erklärt hier in einem lesenswerten Interview die Zusammenhänge und bietet eine historische Einordnung.

Eines ist jedenfalls ziemlich klar. Im Amazonaswald befindet sich zum einen das weltgrößte Eisenerzvorkommen, von dessen Ausbeutung auch die Industriestaaten und Schwellenländer profitieren. Der deutsche Konzern ThyssenKrupp hätte daran ganz gerne direkt mitgearbeitet, dabei allerdings mehrere Milliarden Euro in den Sand gesetzt, weil er den Markt falsch einschätzte und auch es mit den brasilianischen Umweltvorschriften nicht so genau meinte nehmen zu müssen.

Wichtiger noch ist zum anderen aber die Landwirtschaft. Der Regenwald wird vor allem für die Produktion von Rindfleisch und Soja gerodet, die nach Europa und Ostasien exportiert werden. Mit dem jüngst unterzeichneten, aber noch nicht ratifizierten Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur (Argentinien, Brasilien, Uruguay, Paraguay und das derzeit suspendierte Venezuela) würden diesen Exporte weiter erleichtert.

Entsprechend gibt es angesichts des Agierens Bolsonaros von einigen EU-Regierungen inzwischen Widerstand. Die Bundesregierung hält jedoch, wie berichtet, noch am Abkommen fest.