Ein wenig chauvinistisch ist er schon

Von wegen Hoax: Bigfoot lebt

Im Dezember schien es, als sei das Ende von Bigfoot, dem kalifornischen Yeti, gekommen. Der Sohn des gerade verstorbenen Ray Wallace hatte verkündet, dass das sagenhafte Zotteltier, dessen Spuren man erstmals 1958 entdeckte, bloß ein Hoax seines Vaters gewesen sei. Doch gestandene Bigfoot-Forscher protestieren: Bigfoot ist immer noch irgendwo da draußen.

Bilder: Bigfootmuseum.com

Ray Wallace ging in seiner Freizeit einem seltsamen, aber im Norden Kaliforniens nicht ungewöhnlichen Hobby nach. Er suchte nach dem Bigfoot, einem sagenhaften affenartigen Tier von bis zu drei Metern Größe. Manchmal zeigte er seinen Freunden ein paar verwackelte Fotos und gab abenteuerliche Geschichten zum Besten. Man lachte viel und niemand regte sich über seinen Spleen auf. Doch nun nach Ray Wallace Tod im vergangenen November ist die Aufregung groß. Ein "Schwindler" sei er gewesen, heißt es. Was ist passiert, dass man so das Ansehen eines Toten schmäht?

"Mein Dad war Bigfoot", sagt sein Sohn Michael, während Wallace Neffe Dale in der New York Times mit den übergroßen Holzfüßen posiert, mit denen sein Onkel 1958 das erste Mal durch die kalifornischen Wälder tappte. Damals, als in Humboldt County die Spuren entdeckt wurden, war das eine Sensation. Was für ein Fabeltier lebte da auf großem Fuß? "Bigfoot!" titelte die lokale Presse, und die Meldung raste durchs ganze Land. Seitdem Edmund Hillary und Tenzing Norgay 1953 den Mount Everest bestiegen hatten, war viel von dem mysteriösen Schneemenschen des Himalajas die Rede. In Kalifornien erinnerte man sich plötzlich der alten indianischen Legenden, in denen ein riesenhafter Affe namens Sasquatch sein Unwesen trieb. Auch Amerika hatte seinen Yeti.

Solcher Publicity konnte Ray Wallace nicht widerstehen; immer wieder musste er raus in den Wald, falsche Fährten legen. Gelegentlich steckte er sogar seine Frau in ein Gorillakostüm und scheuchte sie durchs Unterholz. "Es war eine lustige Familie, in der ich aufwuchs", erzählt Michael Wallace. Auch der berühmte Patterson-Film von 1967, das einzige Filmdokument von Bigfoot ( vgl. Der klassische Hoax), zeige in Wirklichkeit seine Mutter, wenn auch reichlich unscharf und stark verwackelt.

Irgendwann aber machte sich Bigfoot selbstständig. Kein Ort in den USA war mehr vor ihm sicher, und auch in den kanadischen Wäldern hinterließ er seine Spuren. Immer mal wieder berichteten aufgeregte Camper: "Nein, es war kein Bär. Es war viel größer - und voller Haare!" Gerade in den letzten Jahren tauchte Bigfoot häufiger auf als Elvis, schrieb die New York Times. Jedes Mal sind sogleich Hobbyforscher zur Stelle, vermessen die Fußabdrücke - im Schnitt sind sie 39,6 Zentimeter lang - und gießen sie mit Gips aus. Für 19,95 Dollar gibt es solche Abdrücke im Bigfoot-Museum www.bigfootmuseum.com als praktisches Geschenk. Auch sonst floriert das Bigfoot-Merchandising. T-Shirts, Kinderspiele und CDs, auf denen Bigfoot klingt wie Homer Simpson - sollte das alles nur auf einem Scherz basieren?

Ray Crowe schüttelt den Kopf. Nein, seine elf Jahre der Suche nach dem Sasquatch kann die Wallace-Enthüllung nicht in Frage stellen. "Wir ahnten, dass Wallace ein Schwindler ist." Auf dem nächsten Kongress seiner International Bigfoot Society im Mai wird man sich mit dem Schaden auseinandersetzen, den die ganze "Bigfoot-ist-tot"-Geschichte angerichtet hat. Schließlich wird sich kein Mensch mehr trauen von seinen Begegnungen der seltsamen Art zu berichten - aus Angst, man halte ihn für einen Trottel.

Auch für die Bigfoot Field Researchers Organization (BFRO) ist klar, dass mit Wallace nicht auch Bigfoot gestorben ist. Wallace sei es allenfalls gelungen, mit seinem Scherz den Namen Bigfoot populär zu machen (und ist das jetzige Geständnis seines Sohns nicht vielleicht auch nur ein Scherz?). Schon viel früher habe es seltsame Begegnungen, Haar- und Fußabdruckfunde gegeben, die zeigen, dass irgendwo da draußen ein großes unbekanntes Wesen existiert. In Arkansas nannte man es das Boggy Creek Monster, in Florida den Skunk Ape. In Vermont glaubte man die Mountain Devils am Werk. Und schon die amerikanischen Ureinwohner erzählten in ihren Legenden von Wendigo oder eben dem Sasquatch. Seit Wallace heißen sie nun alle Bigfoot.

An die Tausend Hinweise hat die BFRO zusammengetragen - und zwar aus allen Regionen der USA (außer aus Hawai und Rhode Island). Diese Masse stimmt auch manchen angesehenen Forscher nachdenklich. "Es gab zahllose Begegnungen in den letzten Jahren", überlegt der Direktor der renommierten Wildlife Conservation Society George Schaller. "Selbst wenn man davon 95 Prozent vergessen kann, sollte es für den Rest doch eine Erklärung geben."

Auch die berühmte Schimpansenforscherin Jane Goodall äußert sich ähnlich. Vom National Public's Radio befragt, ob sie an die Existenz von Wesen wie Yeti oder Bigfoot glaube, verwies sie darauf, mit so vielen Native Americans gesprochen zu haben, die alle die gleichen Bigfoot-Geräusche gehört hatten, dass sie die Frage bejahen müsse. Seitdem gilt Jane Goodall in der Bigfoot-Szene als Kronzeugin. Dabei relativierte sie ihre Aussage: "Nun, ich bin romantisch. Ich wünsche mir, dass sie existieren." Aber natürlich sei da das große Problem: "Wo ist ein Körper? Warum findet man keinen toten Bigfoot? Ich weiß keine Antwort - vielleicht gibt es sie tatsächlich nicht."

In der Tat: Warum gelang es noch nicht einmal ein Skelett zu finden, oder wenigstens ein paar Knochen? (Vielleicht beerdigen Bigfoots ihre toten Verwandten, gibt Ray Crowe zur Antwort) Kryptozoologen, die nach bisher unentdeckt gebliebenen Tierarten suchen, geben zu bedenken, dass auch die Berggorillas erst am Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckt worden seien. Und habe man nicht jüngst im brasilianischen Urwald neue Affenarten und in Vietnam eine neue Rinder-Spezies entdeckt? Könne es nicht sein, dass eine kleine Population des Gigantopithecus blacki, eine gemeinhin als längst ausgestorben geltende Riesenaffenart, in manchen Regionen der Welt überlebt habe? So wie der Quastenflossler im Indischen Ozean?

Doch in den USA soll ein gut drei Meter großes Ungetüm, dessen Gewicht auf rund 500 Kilogramm geschätzt wird, herumtollen? Und niemandem ist es bisher gelungen, ihn wenigstens ordentlich zu fotografieren? Irgendwann muss solch ein Zottelmonster doch vor ein Auto oder einen schießwütigen Jäger laufen, moniert Benjamin Radford im Sceptical Inquirer. Solange es keine handfesten Beweise gibt, sieht sich der Bigfoot also in eine Reihe mit dem Yeti, dem Ungeheuer von Loch Ness und den bayerischen Wolpertingern gestellt. Doch da es für die Bigfootianer auch keine Beweise gibt, dass ihr Idol nicht existiert, wird er wohl ewig leben.

Für weitere Fragen steht Bigfoot übrigens selbst im Internet zur Verfügung. Aber aufgepasst: Ein wenig chauvinistisch ist er schon. Einem Adam, der den Patterson-Film sah, sich in das Bigfoot-Weibchen verliebte und nun um Kontaktaufnahme bat, gab Bigfoot zu bedenken, dass der Film schon 1967 entstanden sei: "Und die wichtigste Sache, die Du über Bigfoot-Frauen wissen solltest, ist, dass sie russischen Frauen sehr ähnlich sind. Mit 18 sehen sie aus wie eine bezaubernde Ballerina, mit 40 wie Boris Jelzin ohne Make-up." Außerdem sei das gar kein Bigfoot-Weibchen gewesen, sondern sein Onkel Leo. (Kai Michel)

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