Einbahnstraße ins Weltwissen?

Anspruch und Weichenstellungen der Wikipedia

Die Wikipedia ist eine der großen Erfolgsgeschichten im Internet: Die Nutzer schreiben gemeinsam und gleichberechtigt eine Enzyklopädie, die die konventionelle Konkurrenz das Fürchten lehrt. Doch kann der Erfolg auf Dauer überzeugen? Ist das Weltwissen in einem Wiki gut aufgehoben?

Seit die Massenmedien Wikipedia entdeckt haben, liest man immer wieder euphorische Artikel über die Mitmach-Enzyklopädie im Internet. Die Rede ist von "Diderots Erben" oder gar vom "Tod von Brockhaus & Co". Die Zahl der Artikel steigt nahezu exponentiell an. Heute sind es über 750.000 Artikel in 60 Sprachen. Doch noch erfüllt Wikipedia die vielfältigen Ansprüche nicht.

Die Erwartungshaltung ist hoch. Immer mehr Nutzer greifen bei Fragen fast automatisch zur Wikipedia und verlassen sich auf die Informationen. Die Inhalte werden automatisch auf immer neue Webseiten übernommen, das freie vermeintliche Weltwissen verbreitet sich unaufhaltsam. Bei Google hat die Wikipedia einen so hohen Rang eingenommen, dass selbst ungeschriebene Artikel unter die Top-Treffer gelangen. Statt Informationen bekommt der Ratsuchende eine Eingabemaske präsentiert.

Doch es gibt auch Kritik an dem Modell. So verkündete im Juni der österreichische Bibliothekar Horst Prillinger in seinem Weblog, dass Wikipedia nicht Wissen, sondern Lärm verbreite. Die Artikel seien oft nur schlechte Abschriften von Webseiten, es fehle die redaktionelle Kontrolle, dafür fänden sich viele fachliche Fehler.

Dem entgegen steht eine Papier von Andrew Lih vom Zentrum für Journalismus und Medien-Studien der Universität Hong Kong. Er untersuchte die Entwicklung der Enzyklopädie und kam zum Schluss, dass die Wikipedia-Artikel immer mehr Medienaufmerksamkeit genießen und die Qualität der Artikel durch die Aufmerksamkeit zunimmt. Die Untersuchung hat einen entscheidenden Schönheitsfehler: eine qualitative Analyse der Wikipedia-Artikel fehlt bisher, Linh untersuchte nur quantitative Aspekte. Je mehr Personen und je mehr Änderungen stattfinden - so seine These -, desto höher ist die Qualität.

Wikipedia ist der zweite Anlauf von Jim Wales, eine kostenlose umfassende Enzyklopädie im Internet zu schaffen (Die Internet-Bibliothek von Alexandrien). Der erste Versuch heißt Nupedia. Diese Projekt orientierte sich an der Produktion klassischer Print-Enzyklopädien: Es gab Autoren, Lektoren und einen ausgefeilten Redaktionsprozess. Doch offenbar war die Schwelle für gleichberechtigte Mitarbeit zu hoch: Nur wenige Artikel sind bei der Nupedia eingestellt worden.

Wikipedia basiert - wie der Name schon verrät - auf einem Wiki-System. Wikis waren ursprünglich recht rudimentäre Redaktionssysteme, die es jedem im Internet ermöglichen, den Inhalt von Webseiten zu verändern. Auf jeder Webseite ist ein Link, der es ermöglicht, die Inhalte der Seite zu verändern. Wikis sind ein beliebtes Medium zur Zusammenarbeit im Internet. Die Schwelle zur Mitarbeit ist denkbar niedrig.

Mit der Wiki-Basis ging das Konzept plötzlich auf. Zuerst waren es die Geeks und Nerds, die massenhaft Artikel bei der Wikipedia einstellten, später wurde es auch für den technisch weniger versierten Anwender schick, sein Wissen mit anderen zu teilen und gemeinsam Lexikonartikel zu erarbeiten.

Andererseits hat die Bekanntheit von Wikipedia auch andere Kreise angezogen. Ein Link in Wikipedia kann den begehrten Pagerank in Suchmaschinen steigern - Spammer suchen besonders die kleinen Wikipedia-Ableger heim. Dazu kommen die Überzeugungstäter, die ihre persönlichen Ansichten, ihre Idole und ihre Ideologien möglichst positiv in Wikipedia erwähnt sehen wollen.

Das führt natürlich zu Konflikten. Das Wiki-Konzept geht davon aus, dass sich letztlich alles zum Guten wendet. Es herrscht sozusagen Waffengleichheit: Jede Änderung wird gespeichert und kann mit wenig Aufwand wieder gelöscht werden. Da einseitige Darstellungen keinen langen Bestand haben, werden sich die Teilnehmer schon auf einen Kompromiss einigen - so zumindest die Theorie. Da dies nicht immer ganz von selbst geschieht, gibt es die Administratoren, Freiwillige, die kostenlos an dem Projekt mitarbeiten. Sie moderieren den Redaktionsprozess. In schwierigen Fällen können sie Artikel sperren oder gar uneinsichtige User ausschließen. Allerdings geht das nur beschränkt - schließlich muss man sich zur Mitarbeit nicht erst authentifizieren.

Relativ unproblematisch ist der ganz gewöhnliche Vandalismus, wenn Artikel schlicht gelöscht werden oder durch offensichtlichen Unsinn ersetzt werden. Die Administratoren halten die letzten Änderungen auf der Plattform immer im Auge und intervenieren in solchen Fällen sehr schnell. Problematischer ist es, wenn fachliche oder weltanschauliche Konflikte auftreten. So ist es zum Beispiel nach zwei Jahren und über 300 Versionen immer noch nicht gelungen, einen Artikel über die Zeugen Jehovas zu erstellen, der alle Beteiligten zufrieden stellt. Wer sich über die Glaubensgemeinschaft informieren will, findet neben dem Hauptartikel einen eigenen Artikel, der sich nur mit einer ausführlichen Kritik an den Zeugen Jehovas beschäftigt. Auch Artikel über streitbare Zeitgenossen wie Roland Schill sind nur schwer in den Griff zu bekommen.

Diskussionen ziehen sich über Monate hin und werden relativ schnell unübersichtlich. Beliebtestes Mittel zur Konfliktklärung ist der Kompromiss. Wiederstreitende Meinungen werden wenn möglich nebeneinander dokumentiert, bei den Definitionen sucht man den größten gemeinsamen Nenner. Doch ist Weltwissen eine Verhandlungssache?

Wikipedia-Benutzer müssen heute viel Medienkompetenz mitbringen. Da jeder zu jeder Zeit Artikel ändern kann, weiß der unbedarfte User nicht, ob der gerade abgerufene Artikel korrekt ist. Erst ein kundiger Blick in die Versionshistorie zeigt, ob gerade ein "Editwar" herrscht, bei dem sich mehrere Nutzer um die alleinseligmachende Fassung streiten oder ob der Artikel seit Monaten immer weiter ausgebaut wird. Problematisch ist es auch, wenn sich zu wenige Interessenten für einen Artikel finden. In dem Fall kann eine aktive Minderheit ihre persönliche Meinung in immer neue Artikel gießen, die als Enzyklopädie-Artikel den Stempel der vermeintlichen Neutralität tragen. Das Beseitigen oder Eingliedern solcher Artikel bindet viel Arbeitszeit. Über 5.000 Änderungen pro Tag sind nicht einfach zu kontrollieren, wenn man alleine auf unbezahlte Freiwillige setzt.

Die Wikipedianer sind sich der Probleme bewusst. Sie versuchen durch verschiedene Projekte wie den Qualitätsoffensiven die Aufmerksamkeit der Mitschreiber auf bestimmte Themenbereiche zu lenken, die dann in einer gemeinsamen Kraftanstrengung kompetent aufbereitet werden sollen. Allerdings sind diese Prozesse zum einen sehr langwierig. Bisher sind in der deutschen Ausgabe erst 150 Artikel als exzellent anerkannt. Sie sind Leuchttürme der Qualität, die sich nicht leicht auf die Breite übertragen lassen. Zwar ist die Wikipedia unerreicht, was die schiere Anzahl der Artikel angeht, einen durchgehenden und verlässlichen Qualitätsstandard hat sie noch nicht erreicht.

Klassische Enzyklopädien hatten oft Jahrzehnte Zeit, einen solchen Qualitätsstandard aufzubauen und ihn als Marke auszubauen. Sie konnten die Zeit nutzen, sich verlässliche Quellen zu suchen und eigene Maßstäbe aufzusetzen, auf die sich der Leser verlassen kann. Bei der Wikipedia muss diese Hürde noch genommen werden.

Zur Zeit führt die Wikimedia Foundation Gespräche mit einem amerikanischen Verlag, der eine Print-Edition der englischen Wikipedia herausbringen will. Doch noch ist unklar, wie der Redaktionsprozess aussehen wird, der dem größten Brainstorming des Internet eine konsistente und lesbare Printform verleiht.

Ohne institutionalisierte Endkontrolle, die zumindest in Streitfällen Experten zu Rate zieht, wird dieser Prozess nicht auskommen. Zwangsläufig werden die Artikel vorher zur Ruhe kommen müssen, also aus der Wikipedia entnommen werden müssen. Ein Ansatz wäre, Wikipedia-Artikel wieder in die Nupedia zu überführen. Dort müssten die Arbeiten der Community sich erst in einem sehr kritischen Redaktionsprozess beweisen. Und die Nupedia müsste beweisen, dass sie ein attraktives Umfeld für Experten schaffen kann.

Jim Wales hat schon mehrfach deutlich gemacht, dass sein Ziel alleine eine freie Online-Enzyklopädie ist, das Wiki-Prinzip ist für ihn kein Selbstzweck. Und so wird die Wikipedia wieder zu dem, was sie ursprünglich sein sollte: "ein Projekt zur Erstellung einer Enzyklopädie". Auf die Enzyklopädie selbst muss man noch warten - man darf aber gespannt sein. (Torsten Kleinz)

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