"Eine Arbeitswelt inszenieren, in der sich Sklaverei wie Freiheit anfühlt"

"Auf Afterwork-Parties mit Chefs wäre unsereiner niemals gegangen"

Wie hängt das mit der bereits angesprochenen Selbstoptimierungsideologie zusammen?
Berthold Seliger: Die Generation, die so schlecht bezahlt wird, aber dafür etwas wahnsinnig Cooles macht und sich obendrein noch so toll mit ihren Chefs versteht, wo es die sogenannten flachen Hierarchien gibt, diese Generation merkt ja nicht, dass es dort natürlich viel brutaler zugeht. Es geht darum, eine Arbeitswelt zu inszenieren, in der sich Sklaverei wie Freiheit anfühlt. Denn diesen Unternehmen geht es ja in Wahrheit darum, die bestmöglichen Kandidaten für die bestmögliche (Selbst-)Ausbeutung zu gewinnen. Ich sage meinen Auszubilden immer, dass sie Reißaus nehmen sollen, sobald sie bei ihrem Bewerbungsgespräch einen Tischkicker erspähen. Ich komme eben aus einer Zeit, da man mit seinesgleichen, niemals aber mit dem Chef Kicker gespielt hat. Auf Afterwork-Parties mit Chefs und Vorgesetzten wäre unsereiner niemals gegangen. Auf so was sollte man nicht reinfallen.

"Das Glücksversprechung der kreativen Klasse"

Wann hat diese Entwicklung stattgefunden?
Berthold Seliger: Das ging wie gesagt in England mit Thatcher in den 80er Jahren los. Thatcher war ja seinerzeit die einzig ernstzunehmende Konservative in ganz Europa. Helmut Kohl hat zwar für sich in Anspruch genommen, die "geistig-moralische Wende" initiiert zu haben, letztendlich hat er aber außen- wie innenpolitisch die Politik der sozialliberalen Koalition weiter betrieben, so dass Sahra Wagenknecht heutzutage im Bundestag zu Recht sagen kann, dass der Staat mit der konservativen Steuerpolitik von Helmut Kohl jährlich 75 Milliarden mehr in der Kasse hätte.
Dann kamen mit Clinton und Blair Sozialdemokraten ans Ruder, die Thatchers und Reagans Politik ausbauten und verfestigten. Mit einigen Jahren Verspätung kamen schließlich hierzulande Schröder und Fischer an die Macht, die dann um so hemmungsloser mit Hartz IV und Steuervorteilen für Unternehmen und für Wohlhabende eine Umverteilungspolitik von unten nach oben durchsetzten.
Überall kommt hier dieselbe Ideologie zum Tragen: Der Arme ist selber schuld, er kann sich aber durch Selbstoptimierung aus seiner Lage retten. Man muss einfach nur besser werden, mehr Fortbildungen machen, hart an sich arbeiten, dann klappt es auch mit dem Job. Es ist das Glücksversprechung der kreativen Klasse, das hierzulande im ersten Jahrzehnt unseres Jahrtausends auch massenpsychologisch die Oberhand gewann. Richard Florida übrigens, der den Begriff der "kreativen Klasse" erfand, musste gerade zugegeben, dass sich die positiven Effekte, die er sich damals erhoffte, nicht eingestellt haben:
Laut Floridas jüngsten Forschungsergebnissen öffnet sich gerade da, wo sich die Kreativindustrie konzentriert, die Schere zwischen Arm und Reich weiter. Überall dort, wo der Wohlstand zugenommen hat, haben einzig die Hochqualifizierten und zum Teil die Chefs und Inhaber der Kreativfirmen von den steigenden Einkommen profitiert. Und gerade in den Boomstädten der Kreativindustrie müssen die Geringverdiener als die eigentlichen Verlierer gelten.

"Den Kapitalismus darf man eben niemals unterschätzen"

Mittlerweile wurde es irgendwie geschafft, einstmals fortschrittliche und emanzipatorische Positionen wie die für Frieden, Menschenrechte, Feminismus, Ökologie so zu entzahnen und umzuwandeln, dass sie sich problemlos in ein neoliberales Konzept einfügen. Mit dem Begriff Independent, der einstmals in der Musik als eine Art Bio-Siegel galt, ist Ähnliches geschehen. Können Sie das erklären?
Berthold Seliger: Ja, wie ein Begriff, der ursprünglich einfach nur Produktionsbedingungen jenseits der Musikindustrie beschrieb, zu einem Verkaufsargument für Konsum heruntergewirtschaftet wurde, das ist schon signifikant. Massen-Indie sozusagen.
Ich glaube, die Kulturindustrie saugt immer alles auf und macht daraus ein eigenes Ding, eine industrielle Ware. Bis Punk mit dem Clash-Stück "Should I Stay Or Should I Go" in der Levis-Werbung angekommen war, hat es noch 10 oder 15 Jahre gedauert, bei Grunge dauerte es nur noch etwa ein Jahr.
Die Perfektion, mit der etwas irgendwie Widerborstiges und Rebellisches zum Teil des Mainstreams gemacht und zu etwas Affirmativen umgebogen wird, nötigt mir Respekt ab. Den Kapitalismus darf man eben niemals unterschätzen, und die Kulturindustrie ist eine Speerspitze des Kapitalismus.

"Die Musik spielt eine besänftigende Rolle"

Welche ideologische und kulturelle Rolle spielt Popmusik in der heutigen Gesellschaft?
Berthold Seliger: Eine meine Thesen ist, dass wir in einer Art Neo-Biedermeier leben. Zumindest ergeben sich einige interessante historische Parallelen: Zum einen der gnadenlose Überwachungsstaat, den es zu Metternichs Zeiten gab, in dem Zensur herrschte, als in Konzertsälen und Theatern alles notiert wurde und Leute wie Beethoven nicht mehr Opern komponieren durften. Dafür gab es dann die von Metternich bevorzugte "leichte" Musik von Rossini. Dasselbe passiert heute auch, nur wird die Überwachung nicht mehr nur staatlich, sondern global und mit Hilfe von Konzernen der Unterhaltungsindustrie bewerkstelligt, die mit den Geheimdiensten eng verbunden sind. Weiter gibt es eine Entpolitisierung der Menschen, die politisch gewünscht ist.
In diesem Konstrukt spielt die Musik eine besänftigende Rolle. Die Musik ist dazu da, die Massen zu befrieden. Es gibt ja den brutalen, aber sehr anschaulichen Satz von Metternich: "Das Volk soll sich nicht versammeln, es soll sich zerstreuen", den man ja durchaus doppelbödig lesen kann, und ich denke, dass heutzutage die Pop-Industrie zu dieser "Zerstreuung" einen massiven Beitrag leistet und rebellische Potentiale der Jugend in passiven Warenkonsum umleitet.
Eva Illouz hat den Begriff "emotionaler Kapitalismus" entwickelt - es geht danach beim Konsum in Zeiten des Spätkapitalismus gar nicht mehr so sehr um die Waren oder Dienstleistungen an sich, sondern um die unverwechselbaren Momente und Gefühle, die mit ihrem Erwerb und Konsum verbunden sind. Daraus konstruiert das neoliberale Selbst dann seine wahnsinnig individuelle Identität.
Es gab unlängst eine Untersuchung von Konstanzer Hochschulforschern, bei der knapp 100.000 Studenten befragt wurden. Hier kam man zu dem Ergebnis, dass für neunzig Prozent der Studenten Freiheit, Freizeit und Selbstverwirklichung den höchsten Stellenwert haben. Laut der Studie hat sich ein Wandel "weg von sozial-ökologischen hin zu konservativ-liberalen Zielen" vollzogen. Rebellion kommt da nicht mehr vor. Das war früher definitiv anders, aber damals musste das Studium auch nicht im Bologna-Stil so schnell und ergebnisorientiert durchgepaukt werden.
Eigentlich sollte die Universität doch, um es mit Paul Feyerabend zu sagen, ein "intellektueller Supermarkt" sein, "wo der reife Student herumwandelt und aufgreift, was ihm gefällt" - während aktuell das Studium eher einer Exerzieranstalt gleicht, bei dem in kürzester Zeit möglichst viel vermeintliches, auf industrielle Verwertbarkeit schielendes Wissen in die Studenten gepumpt wird.