"Eine Arbeitswelt inszenieren, in der sich Sklaverei wie Freiheit anfühlt"

Berthold Seliger über Popkultur und "Kreativwirtschaft" als Gentrifizierung

Mit seinem Buch Das Geschäft mit der Musik - Ein Insiderbericht hat der Tourneeveranstalter Berthold Seliger eine umfassende und grundlegende Abrechnung mit dem Musikbusiness vorgelegt. Er nimmt den Leser mit hinter die Kulissen des Kulturbetriebes und zeigt, wie die Musik von einigen wenigen Multis degradiert wird und gleichzeitig als "Staatspop" zum ideologischen Instrument in einer durchökonomisierten Gesellschaft degeneriert.

Herr Seliger, die "Kreativwirtschaft" spielte Ihren Ausführungen zufolge eine Türöffnerrolle bei neoliberalen Arbeitsverhältnissen. Können Sie uns das erläutern?
Berthold Seliger: Die Künstler und Kulturarbeiter stehen als flexible und selbstverantwortliche Subjekte Modell für eine Neuorganisation der Gesellschaft. Man kann das sehr genau an der gängigen Narration in der Musikindustrie beobachten. Im Kern sind die meisten in der Kreativindustrie tätigen Menschen ja "Arbeiter", wenn man diesen altmodischen Begriff wieder einführen möchte, nämlich "Kulturarbeiter", ein Begriff, den zu verwenden ich bevorzuge - ob Aufnahmeleiter oder Arbeiterin im Presswerk, ob die Verkäufer in den Plattenfirmen, die sich so gern als "Produktmanager" bezeichnen, in Wahrheit aber natürlich alles andere als Manager sind, sondern Verkäufer eines industriell hergestellten Produkts, bis hin zu den Komponisten und Interpreten, die ja nach dem Stand der kulturellen Produktionsverhältnisse am ehesten privilegierte produzierende Facharbeiter im Sektor Dienstleistungen sind, wenn man sie soziologisch einordnen möchte, und keineswegs Unternehmer.
Sich selbst würden aber all die lohnabhängigen Arbeiter und Manager, die in der Musikindustrie arbeiten, und all die Künstler jedoch kaum als "Arbeiter", sondern eben als "Manager" bezeichnen oder im Fall der Künstler als "Selbständige", als "Unternehmer". Und da sind wir eben mitten in der Ideologie des neoliberalen Kapitalismus - die Zuschreibung ist ja: Selbst schuld, wenn du arm bleibst! Selbst schuld, wenn du einen unattraktiven Job machst! Du bist Unternehmer deiner selbst! Du bist für deine Selbstoptimierung, für dein neoliberales Selbst verantwortlich. Und all die "Kreativen", wie es immer so schön heißt, spielen vergnügt die ihnen vom System zugewiesene Rolle als autarke "Miniaturkapitalisten".
Berthold Seliger. Foto: Laschitzki / Edition Tiamat.
Was bedeutet das konkret?
Berthold Seliger: Zum einen haben wir entsprechend all die wirtschaftlich brutal schlecht bezahlten Jobs - im Extremfall: unbezahlte oder skandalös gering bezahlte Praktika - in der "Kreativwirtschaft", oder Musiker, deren durchschnittliches Jahreseinkommen laut KSK eben nur 12.005 Euro beträgt. Nur etwa 50 Prozent der Beschäftigten in der Kulturbranche haben überhaupt noch einen festen Arbeitsplatz und die Bezahlung liegt oft nur knapp über Hartz IV-Niveau. Und von den anderen 50 Prozent, den Freiberuflern, leben zwei Drittel in prekären Verhältnissen.
Also hat das System im Grunde ein ideologisches Problem, die in der Kulturindustrie Tätigen müssten eigentlich Sturm laufen gegen ihre soziale Marginalisierung. Die "Kreativwirtschaft" hat es aber geschafft, den Menschen vorzugaukeln, dass sie Teil von etwas ganz Tollem sind, im Sinne von "es kommt darauf an, dass man sich selbst optimiert, etwas Interessantes macht, dann zwar schlecht bezahlt wird, aber als Mensch total relevant bleibt". Das ist die Generation, die Thatchers There's no such thing as society verinnerlicht hat. Auf der Homepage des Bundeswirtschaftsministerium prangte 2011 der Slogan: "Die Kreativwirtschaft ist das Leitbild für die Industrie von morgen." Mission accomplished, würde ich sagen.

"Eindimensionalität der kreativen Klasse"

Wenn die Jobs so schlecht bezahlt sind: Wer arbeitet denn überhaupt in der "Kreativwirtschaft"?
Berthold Seliger: Da diese Jobs so gering bezahlt werden, trifft man in der "Kreativwirtschaft" praktisch keine Unterschichts- und Arbeiterkinder mehr, sondern nur noch Vertreter der Mittelschicht, deren Ansichten sich damit immer mehr verselbständigen. Diese Schicht gibt ihren Einfluss nicht mehr her und lässt die attraktiven, aber schlechtbezahlten Jobs von ihren Kindern machen, was die Eindimensionalität der kreativen Klasse vertieft und zementiert. Hier kommt keiner mehr von außen ran, da kommt keiner mehr dazu, das ist eine gated community von Besitzenden.
Diese Leute werden zwar seit Bestehen der Bundesrepublik die erste Generation sein, der es schlechter geht als ihren Eltern, aber die Kinder der Mittelschicht verfügen über einen Distinktionsvorteil, den sich Arbeiterkinder überhaupt nicht mehr leisten können. Das geschieht auf allen Ebenen: In den Kindergärten, Schulen etc., die Leute, die studieren, sind ja auch hauptsächlich Mittelschichtkinder. Fast ausnahmslos entstammen die Popkünstler und Pop-Kulturarbeiter der Mittel- und der Oberschicht, das sind Apotheker- oder Arztsöhne, Lehrer- oder Unternehmertöchter, die mit dem Erbe ihrer Eltern kulturell spannende Jobs machen.
Mittlerweile ist die Popmusik Mittelschichtmusik geworden: Sechzig Prozent der Bands, die in den englischen Charts vertreten sind, haben Privatschulen absolviert, und Privatschulen dort sind noch um einiges kostenaufwendiger als in Deutschland, da gehörst du definitiv als Privatschüler zur Oberschicht. So hört sich die Musik dann leider auch an. Hier greift eines ins andere. Es ist schwer, das alles ganz auf den Begriff zu bringen, aber es ist klar, dass hier eine Entwicklung im Gang ist, die nichts Gutes erwarten lässt.

"Auf Afterwork-Parties mit Chefs wäre unsereiner niemals gegangen"

Wie hängt das mit der bereits angesprochenen Selbstoptimierungsideologie zusammen?
Berthold Seliger: Die Generation, die so schlecht bezahlt wird, aber dafür etwas wahnsinnig Cooles macht und sich obendrein noch so toll mit ihren Chefs versteht, wo es die sogenannten flachen Hierarchien gibt, diese Generation merkt ja nicht, dass es dort natürlich viel brutaler zugeht. Es geht darum, eine Arbeitswelt zu inszenieren, in der sich Sklaverei wie Freiheit anfühlt. Denn diesen Unternehmen geht es ja in Wahrheit darum, die bestmöglichen Kandidaten für die bestmögliche (Selbst-)Ausbeutung zu gewinnen. Ich sage meinen Auszubilden immer, dass sie Reißaus nehmen sollen, sobald sie bei ihrem Bewerbungsgespräch einen Tischkicker erspähen. Ich komme eben aus einer Zeit, da man mit seinesgleichen, niemals aber mit dem Chef Kicker gespielt hat. Auf Afterwork-Parties mit Chefs und Vorgesetzten wäre unsereiner niemals gegangen. Auf so was sollte man nicht reinfallen.

"Das Glücksversprechung der kreativen Klasse"

Wann hat diese Entwicklung stattgefunden?
Berthold Seliger: Das ging wie gesagt in England mit Thatcher in den 80er Jahren los. Thatcher war ja seinerzeit die einzig ernstzunehmende Konservative in ganz Europa. Helmut Kohl hat zwar für sich in Anspruch genommen, die "geistig-moralische Wende" initiiert zu haben, letztendlich hat er aber außen- wie innenpolitisch die Politik der sozialliberalen Koalition weiter betrieben, so dass Sahra Wagenknecht heutzutage im Bundestag zu Recht sagen kann, dass der Staat mit der konservativen Steuerpolitik von Helmut Kohl jährlich 75 Milliarden mehr in der Kasse hätte.
Dann kamen mit Clinton und Blair Sozialdemokraten ans Ruder, die Thatchers und Reagans Politik ausbauten und verfestigten. Mit einigen Jahren Verspätung kamen schließlich hierzulande Schröder und Fischer an die Macht, die dann um so hemmungsloser mit Hartz IV und Steuervorteilen für Unternehmen und für Wohlhabende eine Umverteilungspolitik von unten nach oben durchsetzten.
Überall kommt hier dieselbe Ideologie zum Tragen: Der Arme ist selber schuld, er kann sich aber durch Selbstoptimierung aus seiner Lage retten. Man muss einfach nur besser werden, mehr Fortbildungen machen, hart an sich arbeiten, dann klappt es auch mit dem Job. Es ist das Glücksversprechung der kreativen Klasse, das hierzulande im ersten Jahrzehnt unseres Jahrtausends auch massenpsychologisch die Oberhand gewann. Richard Florida übrigens, der den Begriff der "kreativen Klasse" erfand, musste gerade zugegeben, dass sich die positiven Effekte, die er sich damals erhoffte, nicht eingestellt haben:
Laut Floridas jüngsten Forschungsergebnissen öffnet sich gerade da, wo sich die Kreativindustrie konzentriert, die Schere zwischen Arm und Reich weiter. Überall dort, wo der Wohlstand zugenommen hat, haben einzig die Hochqualifizierten und zum Teil die Chefs und Inhaber der Kreativfirmen von den steigenden Einkommen profitiert. Und gerade in den Boomstädten der Kreativindustrie müssen die Geringverdiener als die eigentlichen Verlierer gelten.

"Den Kapitalismus darf man eben niemals unterschätzen"

Mittlerweile wurde es irgendwie geschafft, einstmals fortschrittliche und emanzipatorische Positionen wie die für Frieden, Menschenrechte, Feminismus, Ökologie so zu entzahnen und umzuwandeln, dass sie sich problemlos in ein neoliberales Konzept einfügen. Mit dem Begriff Independent, der einstmals in der Musik als eine Art Bio-Siegel galt, ist Ähnliches geschehen. Können Sie das erklären?
Berthold Seliger: Ja, wie ein Begriff, der ursprünglich einfach nur Produktionsbedingungen jenseits der Musikindustrie beschrieb, zu einem Verkaufsargument für Konsum heruntergewirtschaftet wurde, das ist schon signifikant. Massen-Indie sozusagen.
Ich glaube, die Kulturindustrie saugt immer alles auf und macht daraus ein eigenes Ding, eine industrielle Ware. Bis Punk mit dem Clash-Stück "Should I Stay Or Should I Go" in der Levis-Werbung angekommen war, hat es noch 10 oder 15 Jahre gedauert, bei Grunge dauerte es nur noch etwa ein Jahr.
Die Perfektion, mit der etwas irgendwie Widerborstiges und Rebellisches zum Teil des Mainstreams gemacht und zu etwas Affirmativen umgebogen wird, nötigt mir Respekt ab. Den Kapitalismus darf man eben niemals unterschätzen, und die Kulturindustrie ist eine Speerspitze des Kapitalismus.

"Die Musik spielt eine besänftigende Rolle"

Welche ideologische und kulturelle Rolle spielt Popmusik in der heutigen Gesellschaft?
Berthold Seliger: Eine meine Thesen ist, dass wir in einer Art Neo-Biedermeier leben. Zumindest ergeben sich einige interessante historische Parallelen: Zum einen der gnadenlose Überwachungsstaat, den es zu Metternichs Zeiten gab, in dem Zensur herrschte, als in Konzertsälen und Theatern alles notiert wurde und Leute wie Beethoven nicht mehr Opern komponieren durften. Dafür gab es dann die von Metternich bevorzugte "leichte" Musik von Rossini. Dasselbe passiert heute auch, nur wird die Überwachung nicht mehr nur staatlich, sondern global und mit Hilfe von Konzernen der Unterhaltungsindustrie bewerkstelligt, die mit den Geheimdiensten eng verbunden sind. Weiter gibt es eine Entpolitisierung der Menschen, die politisch gewünscht ist.
In diesem Konstrukt spielt die Musik eine besänftigende Rolle. Die Musik ist dazu da, die Massen zu befrieden. Es gibt ja den brutalen, aber sehr anschaulichen Satz von Metternich: "Das Volk soll sich nicht versammeln, es soll sich zerstreuen", den man ja durchaus doppelbödig lesen kann, und ich denke, dass heutzutage die Pop-Industrie zu dieser "Zerstreuung" einen massiven Beitrag leistet und rebellische Potentiale der Jugend in passiven Warenkonsum umleitet.
Eva Illouz hat den Begriff "emotionaler Kapitalismus" entwickelt - es geht danach beim Konsum in Zeiten des Spätkapitalismus gar nicht mehr so sehr um die Waren oder Dienstleistungen an sich, sondern um die unverwechselbaren Momente und Gefühle, die mit ihrem Erwerb und Konsum verbunden sind. Daraus konstruiert das neoliberale Selbst dann seine wahnsinnig individuelle Identität.
Es gab unlängst eine Untersuchung von Konstanzer Hochschulforschern, bei der knapp 100.000 Studenten befragt wurden. Hier kam man zu dem Ergebnis, dass für neunzig Prozent der Studenten Freiheit, Freizeit und Selbstverwirklichung den höchsten Stellenwert haben. Laut der Studie hat sich ein Wandel "weg von sozial-ökologischen hin zu konservativ-liberalen Zielen" vollzogen. Rebellion kommt da nicht mehr vor. Das war früher definitiv anders, aber damals musste das Studium auch nicht im Bologna-Stil so schnell und ergebnisorientiert durchgepaukt werden.
Eigentlich sollte die Universität doch, um es mit Paul Feyerabend zu sagen, ein "intellektueller Supermarkt" sein, "wo der reife Student herumwandelt und aufgreift, was ihm gefällt" - während aktuell das Studium eher einer Exerzieranstalt gleicht, bei dem in kürzester Zeit möglichst viel vermeintliches, auf industrielle Verwertbarkeit schielendes Wissen in die Studenten gepumpt wird.

"Pop ist in der aktuellen Ausprägung Weltzustimmungs-Pop"

In den 50er und 60er Jahren traf Popkultur auch auf einen fortschrittlichen Kapitalismus, der aus ökonomischen Gründen ein Interesse daran hatte, dass die Leute nicht monogam leben müssen und auch genug Freizeit haben, um ihre Arbeitskraft regenerieren zu können. Der Kapitalismus hat sich aber gewandelt und das spiegelt sich auch in der aktuellen Popkultur wieder, wobei manche Beobachter meinen, dass das, was früher Popkultur war, heutzutage in die Technik gewandert ist ...
Berthold Seliger: Ich denke auch, dass Popkultur heutzutage keine wirklich avantgardistische Funktion in der Gesellschaft mehr besitzt. Pop ist in der aktuellen Ausprägung Weltzustimmungs-Pop. Adorno hat einmal über Mahler geschrieben, dass dessen Symphonik "gegen den Weltlauf plädiert", heute haben wir das Gegenteil davon.
Nun, ich bin Northern Soul-Fan, was eine Musik ist, die in hohem Maße von Weltzustimmung geprägt ist, aber auf eine kritische, subversive Weise ...
Berthold Seliger: Ich würde das auch ungern immer nur an der Musik festmachen. Für mich ist das Musterbeispiel die Achtziger-Jahre-Friedens-Combo Bots ...
... Gott sei bei uns!
Berthold Seliger: Diese Band ist ästhetisch natürlich so verabscheuungswürdig wie "Pur". - Das was in den Songs passiert, ist nicht immer automatisch das, was wichtig ist. Aber die Haltung, die darüber kommuniziert wird, ist wichtig. Man kann auch eine relativ unpolitische Musik machen und eine anspruchsvolle, rebellische Haltung zum Weltlauf haben. Dissidenz macht sich nicht am Text eines Songs fest.
Können Sie sich das Phänomen erklären, warum heutzutage neunundneunzig Prozent der Achtziger-Jahre-Hippies und -Linksradikalen bemerkenswert reibungslos ihren Weg in die Mitte der Gesellschaft gefunden haben?
Berthold Seliger: Vielleicht hängt das mit dem Distinktionsgewinn zusammen? Man lässt halt ein paar Jahre radikal die Sau raus und macht sich ein alternativbuntes Leben, und nachdem man sich, wie Hegel sagte, "die Hörner abgelaufen" hat, wird man eben ein ganz normal brav-spießiges Glied der Gesellschaft. Das mag grauenhaft sein, aber so funktioniert das Bürgertum.
Zweifelsohne eine Faszinosum, dieses alltägliche Renegatentum. Es ist ja - neben dem unerträglichen Faktum, dass der Kapitalismus immer noch Realität ist - eine der frustrierendsten Beobachtungen, wie weit sich alles, was heute als "alternativ", als irgendwie "progressiv" gilt, von einer substantiellen Kritik des Bestehenden entfernt hat. Herbert Marcuse sprach von der "Hölle der Gesellschaft im Überfluss" und hat auch sehr genau die perverse Dankbarkeit beschrieben, die die Insassen der Hölle derselben entgegenbringen.

"Es geht um eine vernünftige soziale Absicherung der Künstler"

Sie wenden sich in Ihrem Buch gegen die Subventionierung von Popmusik. Anderseits erklärt Owen Heatherley in seinem Buch über die Band "Pulp" den Qualitätsschwund in der britischen Popmusik durch den Umstand, dass der Bezug von Arbeitslosengeld als Haupteinnahmequelle von jungen Musikern durch verpflichtende Arbeitsmaßnahmen ersetzt wurde. Könnten Sie sich nicht vorstellen, dass man mit dem bedingungslosen Grundeinkommen, die hiesige Musikszene einigermaßen aufmischen könnte?
Berthold Seliger: Nun ja, man muss da Äpfel und Birnen auseinanderhalten. Anders als zum Beispiel in Frankreich, wo in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts unter einem sozialistischen Präsidenten dank eines umtriebigen und kompetenten Kulturministers, nämlich Jack Langs, eine wirklich umfassende neue Kulturpolitik auch im Bereich von "Zeitkultur" entworfen und umgesetzt wurde, beschränkt sich deutsche Kulturpolitik, sobald es um Pop und Rock geht, auf bloße Symbolpolitik, auf reine Alibimaßnahmen, da geht es nur um Stadtmarketing und Nation Building.
Im Kern des neuen französischen Modells, das bis heute Bestand hat, stand die soziale Absicherung der Künstler. Man führte Mindestgagen ein, und es gibt eine Art "Arbeitslosengeld" für die meist selbständigen Pop- und Rockmusiker: in Frankreich läuft das so, dass diese Musiker eine bestimmte Mindestanzahl von Konzerten pro Jahr nachweisen müssen, ich glaube aktuell sind das 60 oder 70, und dann bekommen die Musiker auch während der Zeit, in der sie nicht beschäftigt, also ohne Engagement sind, vereinfacht gesagt ihr entsprechendes Durchschnittseinkommen weiter vom Staat. Finanziert wird das unter anderem durch durchaus üppige spezielle Steuern, zum Beispiel auf die Ticketpreise und vor allem auf die Gagen aller Bands. Es ist eine Art Künstler-Sozialversicherung.
Grundgedanke dieses Konzepts ist, dass Musiker eben oft in den auftrittslosen Zeiten nicht von den Gagen ihrer zurückliegenden Konzerte leben können - während diese auftrittslosen Zeiten aber für ihre Musik eminent wichtig sind, da wird geprobt, da werden neue Stücke geschrieben und einstudiert.
Ähnliche Modelle schweben mir auch für Deutschland vor. Es geht nicht um Symbolpolitik, es geht nicht um Alibimaßnahmen, es geht einzig und allein um eine vernünftige soziale Absicherung der Künstler. Damit die Künstler ihre Kunst, damit die Musiker ihre Musik machen können. Vereinfacht gesagt: Die Politik soll gefälligst dafür sorgen, dass Musiker so sozial abgesichert sind, dass sie ihre Musik machen können. Ansonsten lasse man die Popmusik gefälligst in Ruhe, denn die Kunst kommt nun mal vom Rand der Gesellschaft, von outside the society, wie Patti Smith sang.

"Der GEMA-Vorstandsvorsitzende bezog ein Jahreseinkommen von 484.000 Euro, also mehr als 50 mal so viel wie der durchschnittliche junge Musiker"

Das ist aber nicht die aktuelle Situation hierzulande ...
Berthold Seliger: Nein, leider gar nicht. Im Gegenteil. In den Städten werden die interessanten Stadtviertel gentrifiziert, die Politik tut nichts, dass zum Beispiel die Mieten günstig bleiben. Künstler und Musiker aber haben meistens wenig Geld. Wenn es günstige Mieten in spannenden Stadtteilen gibt, ist das schon mal konkrete Kulturförderung. Oder Stichwort Mindestgagen: ich war mal zu einer Anhörung beim Berliner Senat eingeladen, da habe ich eine Mindestgage von 80 Euro pro Musiker und Auftritt wie in Frankreich gefordert, netto wohlgemerkt, also plus Mehrwertsteuer, Künstlersozialkasse und so weiter.
Da haben mich die meisten Politiker komisch angeschaut und gefragt: so wenig? Und ich hab gesagt: Damit wäre wahrscheinlich 80 oder 90 Prozent aller Musiker bereits sehr geholfen, denn die meisten kleinen Bands spielen doch für umme, auf Prozente, oder für skandalöse Minigagen - da merkte man halt, dass die Damen und Herren Kulturpolitiker gleich welcher Couleur keine Ahnung haben, was wirklich "abgeht", wie die Situation für Pop- und Jazzmusiker da draußen wirklich aussieht. Aber das ist ja auch kein Wunder.
Der Berliner Senat zum Beispiel subventioniert regelmäßig auch Veranstaltungsreihen oder Festivals, bei denen Musiker gar nicht oder nur skandalös schlecht bezahlt werden. Nicht wenige staatlich subventionierte Theater, die sich neuerdings Popmusik-Reihen leisten, zahlen sehr kleine Gagen. Und Leute, die das Popmusikprogramm renommierter Berliner Bühnen buchen, zahlen in ihren Firmen Praktikanten dafür, dass die drei oder gar sechs Monate Vollzeit arbeiten, null Euro.
Was die soziale Absicherung von Künstlern und Musikern, aber auch, was die sozialen Strukturen im Kulturbereich insgesamt angeht, ist Deutschland eher auf dem Stand einer Bananenrepublik. In der Realität erleben junge Kulturarbeiterinnen und Künstlerinnen doch oft Ausbeutungsverhältnisse, seien es Minigagen, die nicht zum Leben reichen, sei es, dass viele Kulturbetriebe im Popbereich die Sozialversicherung für ihre Mitarbeiter umgehen und die Leute als freie Mitarbeiter beschäftigen. Da sind wir ein Entwicklungsland, das ist oft Manchesterkapitalismus und 19. Jahrhundert.
Aber warum lassen sich Künstler und Beschäftigte in Kulturbetrieben das bieten?
Berthold Seliger: Ja, das ist natürlich eine gute Frage. Ich glaube, dass eine ganze Generation den Protest, den Widerstand verlernt hat. Oder deutlicher gesagt: einer ganzen Generation wurde der Widerstand gegen die Verhältnisse, sogar schon das Bewusstsein dafür, dass man Widerstand gegen Verhältnisse leisten kann, durch zwei Jahrzehnte Neoliberalismus ausgetrieben. Da geht es einer ganzen Generation heute um eine "ängstliche Vermeidung alles Widerständigen, Risikobehafteten und Unberechenbaren", wie es Cornelia Koppetsch in ihrer Analyse Die Wiederkehr der Konformität formuliert hat. In einer Gesellschaft, in der alles, bis hin zu kulturellen Werten und privaten Beziehungen, einer verqueren Marktlogik unterworfen wird, in einem Kapitalismus, der uns alle zu kommerziellen Objekten macht, wird Eigenverantwortung natürlich nicht goutiert, sondern es geht um Anpassung an die Verhältnisse.
Nun geht es wahrscheinlich darum, dass man den Leuten wieder beibringen muss, dass man für seine Rechte kämpfen kann. Ich spiele, wenn ich im Radio zu Interviews eingeladen werde und paar Stücke Musik mitbringen kann, oder als ersten Song nach meinen Live-Veranstaltungen immer das Solidaritätslied von Brecht/Eisler. Das ist aus den späten 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, und der Text wurde in den 40er Jahren noch mal verändert. Das hört sich nach "alt" an - was kann uns das heute noch sagen? Aber da ist, von großartiger Musik getragen, alles zu hören, worauf es ankommt: Die Solidarität! "Vorwärts und nicht vergessen / worin unsere Stärke besteht". Und: "Unsre Herren, wer sie auch seien / sehen unsre Zwietracht gern / denn so lang sie uns entzweien / bleiben sie doch unsre Herrn."
Und das Lied lehrt, dass man kämpfen muss, wenn man eine andere Welt, wenn man Gerechtigkeit, wenn man Solidarität will. Es schadet ja nie, die Klassiker zu studieren, auch übrigens musikalisch nicht, was Eisler da harmonisch und melodisch macht, mit dem B-A-C-H-Motiv und all den Halbschlüssen und den raffinierten harmonischen Entwicklungen, das ist interessanter als die ganze Jahresproduktion der deutschen Popmusikindustrie. Und man höre sich an, was der geniale Komponist Frederic Rzewski in seinem monumentalen Klavierwerk "The People United Will Never Be Defeated!" aus solchen Zitaten macht.
Manches ist ja so einfach, wie es sich anhört: Das durchschnittliche Jahreseinkommen von Musikern in Deutschland war im Jahr 2012 laut Künstlersozialkasse 12.005 Euro, also etwa 1.000 Euro monatlich. Das durchschnittliche Jahreseinkommen der unter 30jährigen Musiker betrug gar nur 9.430 Euro, also knapp mehr als der Hartz IV-Satz. Während der GEMA-Vorstandsvorsitzende ein Jahreseinkommen von 484.000 Euro bezog, also mehr als 50 mal so viel wie der durchschnittliche junge Musiker. Wer sich diese Ungerechtigkeit gefallen lässt, dem ist im Grunde nicht zu helfen. Und genau diese Fragen stellt ja das Solidaritätslied von Brecht/Eisler eindringlich: "Wessen Morgen ist der Morgen?" Und "Wessen Welt ist die Welt?"