Eine Arche Noah für Pflanzensamen wird eröffnet

Die britische Millenniumssamenbank will die Samen von einem Zehntel aller Pflanzenarten archivieren

Nicht nur Tierarten sterben mit einer großen Geschwindigkeit aus, sondern auch Pflanzenarten. Bis 2050, so schätzen Wissenschaftler, könnte ein Viertel aller Pflanzen verschwunden sein - mit womöglich erheblichen Konsequenzen für das Leben auf der Erde. Eine britische Arche Noah will wenigstens einem Teil das Überleben sichern und hofft auf Nachfolger in anderen Ländern.

So schnell wie in den letzten 10000 Jahren, als die Menschen die Welt zu ihren Gunsten massiv zu verändern begannen, hatten sich die Lebensbedingungen auf der Erde höchstens in Zeiten von globalen Katastrophen, beispielsweise durch den Einschlag eines großen Meteoriten, verändert. Insgesamt nahm in der Geschichte des Lebens der Artenreichtum kontinuierlich zu, Massenaussterben, die schon einmal bis über 90 Prozent aller Arten wie vor 250 Millionen Jahren am Ende des Perm, vernichten konnten, waren freilich nachträglich auch wieder Motoren der Evolution. Ohne den vermutlichen Einschlag des Meteoriten vor 65 Millionen Jahren, der neben Veränderungen der Vegetation das Aussterben aller größeren Tiere und vor allem der Dinosaurier mit sich brachte, hätten die Säugetiere und damit letztlich auch der Mensch keine große Chance gehabt.

Freilich, die Schätzungen der Experten weichen um viele Größenordnungen auseinander. Auch die Schätzungen über die Gesamtzahl der Arten reichen zwischen 10 Millionen und 200 Millionen. Bekannt sind gerade einmal 1,8 Millionen, davon 270000 Pflanzen. Klar ist jedoch, dass die Geschwindigkeit, mit der Arten aussterben, weitaus höher ist als diejenige, mit der neue entstehen.

Weil sich jetzt nicht nur die Zerstörung der Artenvielfalt gesteigert hat, sondern wir die Artenvielfalt auch besser erfassen können sowie Möglichkeiten haben, Samen, Eier oder DNA zu speichern, scheint zumindest auch der Wunsch zu wachsen, das zumindest das verschwindende Leben so zu archivieren, dass es womöglich einmal wieder mit der Hilfe der Menschen zu einer Wiederauferstehung kommen könnte. Haben sich die Lebensbedingungen freilich inzwischen radikal geändert, werden auch ein paar nachgezüchtete Exemplare einer Art kaum eine Chance haben, sich wieder auszubreiten.

Am 25. August jedenfalls wird in Großbritannien eine dieser kryonischen Lebensarchive, eine moderne Arche Noah, eröffnet. Die Millennium Seed Bank (MSB) ist ein Projekt der Royal Botanics Gardens und befindet sich im südenglischen Wakehurst Place. Finanziert wird die Bank, die mehr als 250 Millionen Mark kostet und sich als sicherheitspolitische Maßnahme versteht, zum großen Teil aus Einnahmen der britischen Lotterie, die in einige Millenniumsprojekt gesteckt wurden. Aber auch Orange und der Wellcome Trust haben sich beteiligt. Natürlich können auch von dieser weltweit bislang größten Samenbank nicht alle der bekannten 270000 Pflanzenarten "gerettet" werden. Ziel ist es, bis 2010 die Samen von 24000 Arten einzulagern. Gesammelt wurden bereits die Samen von 1400 in Großbritannien vorkommenden Pflanzen. Insgesamt lagern in der MSB schon 250 Millionen Samen von fast 5000 Arten. Hugh Pritchard, der Leiter der MSB, geht davon aus, dass die Rate des Aussterbens von Pflanzenarten wahrscheinlich höher ist, als wir uns dies vorstellen.

Die Lagerung stellt hohe Anforderungen. Die eintreffenden Samen werden erst einmal bei geringer Luftfeuchtigkeit so lange getrocknet, bis ihre Feuchtigkeit nur noch 5 Prozent beträgt. Die Samen werden dann gereinigt und überprüft, wobei an die 50 Samen einer Art zusätzlich noch zur Überprüfung der Qualität geröntgt werden. Getestet wird auch ihre Keimfähigkeit, was später alle 10 Jahre gemacht werden soll. Die Samen kommen schließlich in Gläser und werden bei einer Temperatur von -20 Grad Celsium in drei unterirdischen Gewölben gelagert. Als Vorsichtsmaßnahme werden "Back-up"-Samen noch in Schottland aufbewahrt. Halten sollen 80 Prozent der Samen unter diesen Bedingungen an die 200 Jahre, manche aber können gefriergetrocknet auch Jahrhunderte oder Jahrtausende überstehen.

Konzentrieren wird sich die Samenbank auf Arten aus Trockengebieten, die ebenso bedroht sind wie die Regenwälder. Mehr als 60000 Quadratkilometer Land sollen jedes Jahr zur Wüste werden. 20 Prozent der Menschen müssen aber von den Erzeugnissen der noch nicht verwüsteten Trockengebiete leben, auf denen viele für Menschen nützliche Pflanzen gedeihen: "Wenn wir an das Bevölkerungswachstum und den Druck, den es auf natürliche Gebiete ausübt, denken, dann werden diese Bereiche weiter abnehmen. Wir werden also Arten verlieren ... Wir haben vielleicht für viele der Arten, die wir gegenwärtig konservieren, noch keinen Verwendungszweck. Doch 30 Prozent der medizinischen Wirkstoffe, die wir gegenwärtig nutzen, basieren auf Erzeugnissen oder Chemikalien, die aus Pflanzen stammen." Untersucht habe man aber erst ein Fünftel der bekannten Pflanzenarten auf mögliche medizinische Anwendungen.

Die MSB soll eng mit den Ländern zusammenarbeiten, aus denen die gesammelten Samen stammen, und ihnen dabei helfen, eigene Samenbanken aufzubauen. Das Sammeln, Lagern und Verbreiten der Samen geschehe nur mit Billigung der Herkunftsländer. Die Erkenntnisse und Einkünfte sollen gerecht aufgrund von Verträgen geteilt werden. (Florian Rötzer)