Eine Darpa für die Geheimdienste

Weil die amerikanischen Geheimdienste in Gefahr seien, den neuen Bedrohungen durch globale terroristische Netzwerke technisch und medial nicht gewachsen zu sein, wurde eine Forschungsbehörde für die Geheimdienste gegründet

Die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA), die Forschungsbehörde des Pentagon, die u.a. das Internet erfunden hat, ist bekannt und auch berüchtigt, weil sie mitunter exotische und verwegene Science-Fiction-Projekte ausschreibt und fördert. Gegründet nach dem Sputnik-Schock, als die USA in den Wettlauf zur (bemannten) Raumfahrt gegen die zunächst vorne liegende Sowjetunion antrat, sollten auch verrückt erscheinende Ideen ausprobiert werden, ob sie technisch umsetzbar sind, um nichts zu verpassen und militärisch dominant zu bleiben. In diesem Jahr hat die Darpa Konkurrenz durch die neu gegründeten Intelligence Advanced Research Projects Agency (Iarpa) erhalten.

Die terroristische Bedrohung hat in den USA bereits zur Gründung eines neuen Ministeriums geführt, dem Heimatschutzministerium, das natürlich auch seine eigene Forschungsabteilung hat, um den Sicherheitskräften die denkbar besten und angeblich erforderlichen Technologien zur Überwachung und Vorsorge sowie zur Katastrophenbewältigung zur Verfügung zu stellen.

Aber der oberste Geheimdienstchef Mike McConnell ist, angestoßen durch einen Bericht des Intelligence Science Board, der Überzeugung, dass mit dem islamistischen Terrorismus auch eine neue Gefahr aufgezogen ist, deren Bekämpfung nach neuen Ansätzen und Mitteln bei den Geheimdiensten verlangt. Auch wenn die Darpa vielfach die Techniken wie unbemannte Drohnen und andere Roboter sowie alle möglichen Überwachungs- und Data-Mining-Tools mit entwickelt hat, soll nun Iarpa, spätestens Ende 2008, damit beginnen, Konzepte zu entwickeln und deren Entwicklung zu fördern, die für die in aktuelle Aufgaben verstrickten Geheimdienste zu entfernt sind. Fantasie ist also wieder einmal gefragt, weil man Angst hat, überholt werden zu können. Dieses Mal nicht von anderen Militärs und Geheimdiensten, sondern von terroristischen Netzwerken

Nach dem derzeitigen Iarpa-Direktor Steve Nixon haben die Feinde herausbekommen, "was wir machen. Sie wissen, dass wir von ihnen Bilder aus dem Weltraum machen, und kennen unsere anderen Möglichkeiten. Anstatt so weiterzumachen, müssen wir sie mit überraschend neuen Vorgehensweisen schlagen. Daher brauchen wir eine Organisation, die diese Durchbrüche, die das Spiel verändern, erfindet." Wie viel Geld Iarpa wirklich zur Verfügung steht, ist natürlich nicht bekannt. Angeblich soll sie Mittel erhalten, die zuvor dem Disruptive Technology Office (früher NSA, jetzt DNI), dem Intelligence Technology Innovation Center der CIA und dem National Technology Alliance zugeflossen sind.

Shane Harris sind aber Teile des Berichts für den Director of National Intelligence (DNI) zugespielt worden, den der Intelligence Science Board im November letzten Jahres verfasst hat, der zur Gründung der Geheimdienstforschungsbehörde führte. Sie schreibt darüber in der Zeitschrift National Journal. Danach hat man in den Gremium Sorge, dass die USA ihre technische Vormachtstellung allmählich verliert, weil nun auch die Gegner dieselben technischen und wissenschaftlichen Innovationen einsetzen – oder noch bessere entwickeln können.

Das Zurückfallen der Geheimdienste gegenüber neueren Entwicklungen könnten auch die Terroristen zur "Erreichung ihrer Ziele des radikalen Islam" ausnutzen, heißt es. So würden sie das Internet ausbeuten, das zu einer "weltweiten Verbreitung" des Wissens und zur Übermittlungen technischen Know-Hows geführt habe. Man müsse zu "einem ganz neuen Ansatz" kommen, um Wissenschaft und Technik für die Geheimdienste nutzbar zu machen. Das sei aber bislang nicht geschehen.

Nach Harris geht es dabei weniger um die Perfektionierung der Satelliten oder anderer bekannter Überwachungs- und Lauschtechniken, man will Sensoren und Kommunikationsmittel entwickeln, die menschlichen Spionen genauere Informationen über Individuen oder Gruppen liefern. Die Iarpa will schließlich dasselbe wie die Darpa, wenn sie anstrebt, dass man damit präventiv erkennen will, was die Verdächtigen in der Zukunft machen werden. Man würde also gerne aus der Gegenwart in die Zukunft schauen. Um nicht überrascht zu werden, will man die Gegner überraschen.

Die terroristischen Netzwerke gleichen im Gegensatz zu den zentralisierten und hierarchischen Truppen und Geheimdiensten des Kalten Kriegs, wie es im Bericht heißt, "den Metastasen eines Krebses, der sich im Weltkörper verbreitet hat". Daher sind Terroristen schwerer aufzuspüren, weswegen man viel genauere Mittel benötige. Aber dazu müsse man, wie Nixon meint, auch stärker die kaum bewältigbare Flut an nicht geheimen Informationen verwerten und analysieren, also all das, was im Internet, in den anderen Medien oder in den wissenschaftlichen Netzwerken zirkuliert. Nach dem Bericht ist die Situation der Geheimdienste bislang düster:

The government now has far less control than before over the problems addressed, the selection of personnel to perform the work, and the locations where the work is carried out, and less knowledge than ever before of what work is actually being done.

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