Eine Kritik an der Kritik an der Bild-Zeitung

Warum Medienschelte in Deutschland zu traditionell und zu ritualisiert ist

Am 23. Juni will der Axel-Springer-Verlag zum 60. Jubiläum der Bild-Zeitung ein Exemplar seines Zugpferdes in jeden deutschen Briefkasten stecken. Schon die Ankündigung dieses Vorhabens löste einen Sturm der Entrüstung aus, der bei näherem Hinsehen allerdings reichlich ritualisiert ist und eher Reflexe aus den 1960er Jahren wiederholt, statt sie mit aktueller Analyse zu unterfüttern.

Denn seit den 1960er Jahren hat sich in der deutschen Medienlandschaft einiges verändert. Das wissen jüngere Menschen offenbar besser als ältere: Unlängst schimpfte ein ZDF-Mitarbeiter bei einer Presseveranstaltung der Piratenpartei mit der Bräsigkeit eines Beamten über das "Scheiß-Internet" [sic] und beklagte, dass die jungen Leute in den Journalistenschulen keinen Unterschied mehr zwischen der Glaubwürdigkeit einer Nachricht im Spiegel oder in der FAZ und in einem Blog machen würden.

Eine Nachricht ist für diesen ZDF-Mann nach eigenen Angaben nämlich dann glaubhaft, wenn sie sowohl im Spiegel als auch in der FAZ steht. Dass man beim ZDF solch ein Meinungskartell mit der Wahrheit verwechselt, das bewies man unter anderem in der Berichterstattung zum Kosovokrieg, zur Privatisierung, zur Einführung des Euro oder zur Deregulierung der Finanzmärkte. Möglicherweise liegt es ja auch an diesen jetzt für jedermann sichtbaren historischen Irrtümern, dass die jungen Journalistenschüler den öffentlich-rechtlichen Sendern nicht mehr so viel blinden Glauben schenken wie früher.

Kritisiert man einseitig die Bild-Zeitung, nicht jedoch den Spiegel, die FAZ und das ZDF, dann billigt man Letzteren eine unangemessene Glaubwürdigkeit zu: In all diesen Medien stand in den vergangenen Jahrzehnten sowohl Richtiges als auch Falsches: Der grobe Unfug, den die Bild-Zeitung über die "Teufelsdroge Haschisch" schrieb, findet seine Entsprechungen in der ZDF-Berichterstattung über den Hufeisenplan, in den ARD-Kampagnen gegen "Killerspiele" und für eine Vorratsdatenspeicherung und im weitgehend unkritischen Abdruck von Geheimdienstkolportage im Spiegel. Einem dieser Medien mehr Glauben zu schenken als dem anderen und deshalb auf Quellenkritik zu verzichten, wäre (zumindest angesichts heutiger Informationsmöglichkeiten) eine unnötige Unterwerfung.

Foto: Noebse. Lizenz: Public Domain.

Gegenüber dem ZDF oder der FAZ hat die Bild-Zeitung allerdings den Vorteil, dass die Meldungen dort manchmal weniger dröge formuliert sind. Nicht nur wegen der Überschriften wie "Wir sind Papst!", mit denen man Axel Springers Idee einer explizit "antikonventionellen Zeitung" umzusetzen sucht, sondern auch wegen der Respektlosigkeit, mit der man manchmal über Prominente schreibt. Peter Sloterdijk beschrieb die Bild-Zeitung beispielsweise mit dem Satz "Deutschlands bekanntester Philosoph war seit 40 Jahren nicht mehr beim Friseur" und Arthur Schopenhauer charakterisierte sie kurz und bündig wie folgt: "Galt als Pessimist, sah eine ungerichtete Kraft (Wille) als Quelle allen Leidens. Lebte mit seinem Pudel zusammen."

Bereits 1982 kam Andreas Banaski in Sounds zu dem Ergebnis, dass Bild die "Reichen, Schönen und Erfolgreichen", die "Royals" und "Promis" mit den "Waffen des kleinen Mannes" beschießt: "Klatsch und Häme". Das gilt allerdings nur, solange sie nicht gerade Teil einer Jubelkampagne sind - wie etwa die Guttenbergs. Noch problematischer waren Kampagnen mit nicht oder nicht ausreichend offen gelegten geschäftlichen Interessen, zum Beispiel bei der Privatrente oder bei der Briefzustellung. Diese Unsitte hat die Bild-Zeitung inzwischen mit großen Teilen der deutschen Print-Landschaft gemeinsam. Im Zusammenhang mit dem irreführend "Leistungsschutzrecht" betitelten neuen Monopol für Presseverleger ließen die FAZ und das Handelsblatt das Springer-Blatt sogar fast seriös aussehen. (Peter Mühlbauer)