"Eine Lieferung ist nicht möglich"

Erreur tragique

Ich ist ein anderer: Nachrichten aus dem Leben eines Filmliebhabers in drei Abteilungen - Folge 3

Folge 2: "Sie konnten Ihre Identität nicht nachweisen"

Was bisher geschah: Der Verfasser bestellt per Post französische Stummfilme aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die von der FSK nie freigegeben wurden und darum - im Einklang mit den Bestimmungen des Jugendschutzgesetzes - nur nach einer Identitäts- und Altersprüfung übergeben werden dürfen. - Die Chefin der Postfiliale verweigert die Herausgabe des Pakets, weil es an "Hans Schmid" adressiert ist, im Ausweis des verhinderten Abholers aber der Vorname "Johann" steht. - Der Verfasser beschwert sich schriftlich bei der DHL und harrt einer Antwort, während sein Paket als "unzustellbar" zurück an den Absender geht.

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Selbstverständlich will auch ich die Jugend schützen. Im digitalen Zeitalter aber schützt man bei uns in erster Linie ein System von vorgestern und die Erbhöfe von Funktionären. Wenn man mit den althergebrachten Mitteln des Verbietens und Reglementierens nicht verhindern kann, dass Kinder Sachen sehen, die man für ungeeignet oder gar gefährlich hält, braucht man eine Alternative. Das Stichwort dazu heißt: Medienkompetenz. Doch wie fördert man sie, die Kompetenz im Umgang mit Medien, die man von den Kindern nicht fernhalten kann, auch wenn es wünschenswert wäre? Man könnte damit anfangen, dass man ihnen solche Filme aus der Frühzeit des Kinos zeigt, wie sie in "Le cinéma premier" versammelt sind, der schönen DVD-Box der Gaumont. Man kann dort dem Film, wie wir ihn heute kennen, beim Entstehen zusehen und lernt wie nebenbei, dass er das Produkt einer durch Zensur, Kommerz und Ideologie gelenkten Entwicklung ist und keineswegs "naturgegeben", wie uns die Unterhaltungsindustrie glauben machen will.

Wer sich auf den frühen Film einlässt macht eine Erfahrung, die ich mit dem Erlernen einer fremden Sprache vergleichen würde. Man lernt dabei automatisch etwas über die eigene Muttersprache, über die Bedeutung der Worte, über ihre Grammatik und über die sonstigen Regeln, denen sie folgt. Beim frühen Kino ist es ganz ähnlich. Weil es anders ist als die genormten Produkte der späteren Jahrzehnte wird man unweigerlich damit konfrontiert, dass das, was wir für normal halten, ein von Interessen bestimmtes Konstrukt ist und das Resultat von Sehgewohnheiten, die erst eingeübt werden mussten, um zu funktionieren. Das hilft beim genauen Hinschauen, fördert die kritische Distanz und schützt vor Manipulation. Kinder sind beim Erwerb solcher kultureller Kernkompetenzen besonders fix und zeichnen sich durch eine Neugier auf das Fremde aus, die man den meisten Erwachsenen längst ausgetrieben hat.

Streng genommen darf man den Kindern aber die Blumenkohlfee von Alice Guy, Feuillades Historien- und Bibelfilme oder die Komödien von Léonce Perret gar nicht zeigen, weil sie von der FSK nie geprüft und darum auch nicht freigegeben wurden. Man wird nun vielleicht einwenden, dass sich ein halbwegs vernünftiger Mensch dafür entscheiden wird, Bestimmungen zu ignorieren, wenn sie unsinnig sind. Nur: Wozu braucht eine freie Gesellschaft eine Form des Jugendschutzes, der zur Domäne für autoritäre Charaktere, chronische Bedenkenträger und Regelfetischisten geworden ist, oder zum Instrument für das Eintreiben von Prüfgebühren? Ich will hier nicht zu polemisch werden und mich darüber auslassen, warum für mich der Schutz der Jugend mit dem Kampf gegen die Kinderarmut beginnen müsste, die im neoliberalen Deutschland von Angela Merkel weiter wächst, weil soziale Regeln zum Bändigen des Kapitalismus abgeschafft werden, während das Jugendschutzgesetz die Einnahmequelle der FSK schützt. Lieber möchte ich in einem Bereich bleiben, von dem ich mir einbilde, mich dort besser auszukennen als bei Wirtschaft und Soziales. Ich spreche von Europa als einem Raum der kulturellen und ideellen Werte, nicht der Finanzmärkte. Die Stärkung dieses Teils von Europa ist für mich immer noch die beste Form des angewandten Jugendschutzes.

Die Europäische Union, das wissen wir alle, steckt in einer tiefen Krise. Neulich empfahl der italienische Schriftsteller Mario Fortunato in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung den europäischen Spitzenpolitikern, zur Vorbereitung auf den nächsten Krisengipfel nicht nur die Dossiers ihrer Referenten zu lesen, sondern auch mal Shakespeare und Goethe, Ovid und Freud, sich Bilder von Michelangelo, Gauguin und Francis Bacon sowie Filme von Fellini, Jean Renoir und Ingmar Bergman anzusehen, Barockmusik zu hören und das Bauhaus schätzen zu lernen (die von Walter Gropius gegründete Schule und ihren Einfluss auf Kunst, Architektur und Design, nicht den Verkäufer von Mährobotern und Hochdruckreinigern). Und wozu das alles?

Damit die Damen und Herren, die auf diesen Gipfeln mehr als Politfunktionäre denn als Staatsmänner (und -frauen) agieren, sich selber kennenlernen und erfahren, was die europäische Identität ausmacht, die nicht durch die Ausgabe bunter Euro-Scheine erschaffen wurde, sondern durch die Künstler dieses Kontinents. Europa tue sich schwer damit, eine echte politische Gemeinschaft zu werden, so Fortunato, weil sich seine führende Klasse nicht bewusst sei, "dass Europa das Produkt einer jahrhundertealten Zivilisation ist, in der die Kultur immer wichtiger war als es die Kriterien von Maastricht, die Börsen in Mailand und Frankfurt oder auch die EZB je sein können". Hat er damit so unrecht? Warum nicht mal was für das zivilisatorische Bewusstsein tun? Als bekennender Nicht-Politiker will ich keinen Verdienstorden dafür, dass ich mich für eine europäische Kultur interessiere, zu der die frühen Stummfilme wie jene in "Le cinéma premier" unbedingt mit dazu gehören. Aber wenn einem keine Steine in Form antiquierter und darum unsinniger Regeln zum sogenannten Jugendschutz in den Weg gelegt würden, das wäre was.

Zwischen dem Eintreten meiner persönlichen Identitätskrise und der Niederschrift dieser Notizen aus Kafkas Welt starben vier sehr unterschiedliche Vertreter des europäischen Geisteslebens, denen ich hier die Referenz erweisen will. Der erste ist Jacques Rivette, der Schöpfer von Meisterwerken des europäischen Kinos wie L’Amour fou, Out 1 und Céline et Julie vont en bateau. Rivette (gestorben am 29. Januar) ist einer der ganz Großen. Ohne ihn und seine Filme wäre Europa tatsächlich ärmer. Von den Anfängen der Kinematographie zu Rivette gibt es eine direkte Verbindungslinie. Bei ihm war das Programm. "Man macht keine Filme im Abstrakten", schreibt er in einem seiner Texte. "Man projiziert keine innere Vision, die man im Kopf hat, das gibt es nicht. So etwas ist falsch. Man macht Filme in Bezug auf das, was bereits gemacht wurde von den großen Cineasten der Vergangenheit, jene, die das Kino begründeten, und in Bezug auf jene, die unsere Zeitgenossen, unsere Nachfolger sind."

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Die Rede ist da von einer identitätsstiftenden Kontinuität, die kaum ein deutscher Filmemacher mehr auf dem Schirm zu haben scheint, wenn er (oder sie) den nächsten Krimi, die nächste Komödie dreht, die im Ausland keiner sehen will, weil sie so wenig zu sagen haben und man aus ihnen nichts über das Land lernt, in dem sie entstanden sind. Vielleicht ist die verloren gegangene Kontinuität ein Grund dafür, dass diese Krimis und Komödien im luftleeren Raum schweben und das Gefängnis der ewigen Selbstbespiegelungen nicht mehr verlassen können. Rivette dagegen ist es besser als allen anderen gelungen, in seinen Filmen etwas vom Zauber der Pionierzeit zu bewahren, von dem Abenteuer, das darin besteht, das Leben so wie es ist einzufangen und dieses Leben mit all seinen Unwägbarkeiten auch zuzulassen, ohne dabei je zu vergessen, dass die Welt eine Bühne ist. Man kann da Traditionen und Fortentwicklungen entdecken und auf diese Weise etwas über die europäische Identität erfahren. Voraussetzung ist natürlich, dass man Filme wie die in "Le cinéma premier" versammelten auch sehen darf und einem nicht die Herausgabe verweigert wird, weil man seine persönliche Identität nicht nachweisen konnte.

Rivette steht in dem Ruf, kompliziert und schwer zugänglich zu sein, weil er das Korsett des herkömmlichen kommerziellen Kinos sprengt. Dabei ist er eigentlich der ideale Regisseur für das Zeitalter des Internets und des binge watching amerikanischer Serien. Out 1, 1970 in sechs Wochen gedreht und 1990 endlich fertiggestellt, ist 13 Stunden lang und wurde ursprünglich als Fernsehserie konzipiert (die 1970 kein Sender haben wollte). Man kann den Film in acht Teilen sehen oder, einer Empfehlung Rivettes folgend, an zwei Tagen, mit ein paar Pausen für die alltäglichen Verrichtungen dazwischen. Jean-Pierre Léaud spielt eine Figur, die glaubt, einem Komplott auf der Spur zu sein und geradezu auf die Erfindung des World Wide Web zu warten scheint. Wie in anderen Werken des Regisseurs kommt der Verschwörung eine zentrale Rolle zu.

Rivettes Vorbild ist Louis Feuillade, in dessen Episodenfilmen geheime Botschaften und Kryptogramme entschlüsselt werden müssen, um Fantômas zu entlarven oder eine verbrecherische Organisation namens "Die Vampire" unschädlich zu machen, die in allen Bereichen der französischen Gesellschaft ihr Netz ausgeworfen hat (Fritz Lang nannte die Geheimorganisation mit gutem Grund "Die Spinnen", als er sie nach Deutschland holte). Die Verschwörung, die bei Feuillade noch sehr konkret ist und sich an Figuren wie der Femme fatale Irma Vep festmachen lässt, verlagert Rivette Stück für Stück in die Köpfe seiner Protagonisten. Die Elemente einer in ihrer Widersprüchlichkeit als ungeordnet, verwirrend und beängstigend empfundenen Welt werden so kombiniert, dass das Durcheinander einen Sinn ergibt (oder zumindest die Illusion davon) und man entsprechend handeln kann. Die Paranoia wird so zum Heilmittel für die von Jacob Horner erlittene Cosmopsis, mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Rivette war der Meinung, dass er 13 Stunden und nicht die üblichen 90 Minuten brauchte, das adäquat zu erzählen. Diese Freiheit nahm er sich.

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