Eine Pille gegen Aggression?

Wissenschaftler glauben, einen Schalthebel im Gehirn gefunden zu haben, mit dem sich aggressives oder antisoziales Verhalten blockieren lassen könnte

Wie könnte man Menschen friedlicher machen und Wut- und Gewltausbrüche verhindern? Möglicherweise haben Wissenschaftler nun ein Mittel gefunden, die Aggression in den Köpfen auszuschalten. Das könnte auch insofern ganz interessant sein, um Oppositionelle zu befrieden, würden man den Wirkstoff wie Tränengas verbreiten können. Aber Wissenschaftler haben erst einmal nur einen möglichen Ansatzpunkt gefunden, um Menschen und Mäuse möglicherweise befrieden zu können.

Pathologische Wut oder Aggression in Reaktion auf Stress können angeblich in Mäusen und Menschen verhindert werden, wie italienische und amerikanische Wissenschaftler versprechen. Herausgefunden haben sie, wie sie in ihrem im Journal of Neusoscience erschienenem Artikel schreiben, eine Schaltstelle, die als Umschalter zu dienen scheint und die sich möglicherweise mit Medikamenten so einstellen lässt, dass pathologische Gewalt eingedämmt wird. Das sei auch wichtig, weil reaktive Aggression ein so großes Problem sei. Daher habe man nach Mitteln gesucht, die Veranlagung zu impulsiver Gewalt zu stoppen oder zu reduzieren, wie sie etwa bei Alzheimer, Schizophrenie, Autismus, bipolaren und anderen psychischen Störungen vorkommt.

Wer besonders antisozial oder aggressiv ist, scheint im Gehirn genetisch mit dem Enzym Monoaminooxidase (MAO) vom Typ A, das den Neurotransmitter Serotonin abbaut, nicht ausreichend versorgt zu sein. Das wurde bereits in vielen Untersuchungen bestätigt, schreiben die Autoren. Sowohl Mäuse als auch Menschen, die eine MAO-A-Defizienz aufweisen, reagieren auf Stress mit Gewalt. Bei Menschen würden aber nicht nur das Enzym eine Rolle spielen, sondern dieser genetische Faktor werden durch frühe Stresserlebnisse wie Traumata oder Vernachlässigung verstärkt. Kommen diese beiden Faktoren zusammen, so behauptet Marco Bortolato, der Hauptautor der Studie von der School of Pharmacy an der University of Southern California, so sei dies "tödlich" und führe zu einer konstanten Gewalttätigkeit bei Erwachsenen.

Eine wichtige Rolle scheinen dabei die NMDA-Rezeptoren für Glutamat im präfrontalen Koretx zu spielen. Das haben die Wissenschaftler aber nur an Mäusen beobachten können. Bei extrem aggressiven Mäusen, denen das Enzym MAO A vollständig fehlt, müssen die NMDA-Rezeptoren extrem stark elektrisch stimuliert werden, um sie zu aktivieren. Selbst wenn dies gelingt, so hält dies nur für sehr kurze Zeit an. Die Wissenschaftler vermuten, dass durch die geringen Mengen von MAO A diese Rezeptoren blockiert werden, was wiederum die Aggressivität begünstigt. NMDA-Rezeptoren sind für Gedächtnis und Lernen wichtig und regulieren, so Bortolato, die emotionalen Reaktionen auf soziale und Umwelt-Stimuli. Die Beeinflussung der NMDA-Rezeptoren könnte, so vermuten die Wissenschaftler, für die Herausbildung einer "antisozialen Persönlichkeit" entscheidend sein, weil nach Bortolato das Verhalten trotz aller Einflüsse von der Umwelt und der Persönlichkeit letztlich durch biologische Mechanismen gesteuert werde.

Nebenwirkungen von möglichen anti-antisozialen Medikamenten?

Aus dieser Perspektive ist verständlich, dass der Pharmakologe schon von Profession wegen der Meinung ist, man könne das Verhalten, hier also die Neigung zur Aggression und/oder zum antisozialen Verhalten medikamentös beeinflussen. Alle Strategien, "die aggressiven Verhaltensweisen, die große sozioökonomischen Folgen haben, zu reduzieren", seien "extrem unbefriedigend". Bortolato und seine Kollegen wollen nun näher untersuchen, wie sich pharmakologisch und therapeutisch dieser Rezeptor beeinflussen lassen könnte. Selbst wenn eine Pille gegen Aggression möglich wäre, dürfte man auf die nicht nur physiologischen Nebenwirkungen gespannt sein. Und wie sollten die anti-antisozialen Medikamente dann in die Körper der aggressiven Menschen gelangen? Werden alle dann schon mal auf die MAO-A-Konzentration getestet und dann freiwillig oder zwangsweise mit dem verhaltenskorrigierendem Medikament versorgt?

Die Idee ist nicht neu und auch literarisch schon des Öfteren bearbeitet worden. Beispielsweise von Stanislaw Lem in einem Roman Transfer (1961), in dem ein Weltraumfahrer wieder auf die Erde zurückkehrt, auf der die Menschen durch eine Droge friedlich und aggressionslos gemacht wurden, "betrisiert", wie dies Lem nannte. Konkurrenz, aber auch Leistung sind aus der Gesellschaft verschwunden. Für Lem eine Vision der damals gerne prognostizierten negativen Utopie einer Konsumgesellschaft, in der die Menschen sich nur noch vergnügen und nicht mehr arbeiten müssen, weil die Maschinen und Roboter dies übernehmen.

In der Zeit mitten im Kalten Krieg, in der viele technischen Durchbrüche gelungen sind, die maßlos aufgeblasen wurden, war das Thema der Verhaltenssteuerung akut. So führte der Neurologe Jose Delgado 1963 in einer spektakulären Aktion vor, wie man einen aggressiven Stier in einer Arena lammfromm machen könnte. Er hatte ihm Elektroden ins Gehirn eingepflanzt und konnte so auf Knopfdruck durch Fernsteuerung den auf ihn zustürmenden Stier abbremsen. 1962 ist auch der Roman Clockwork Orange erschienen, den Kubrick 1971 verfilmte. Hier wird der gewalttätige Alex mittels einer Gehirnwäsche zu einem Gutmenschen konditioniert, was natürlich auch nicht gut ausgeht. (Florian Rötzer)