Eine Pille gegen Einsamkeit?

Einsamkeit soll im Zeitalter der Sozialen Netzwerke zu einer Epidemie geworden sein, US-Forscher experimentieren mit einem Prohormon zur Behandlung - soziale Bedingungen bleiben außen vor

Es wird behauptet, dass die modernen Gesellschaften eine Einsamkeitsepidemie ausbrüten, die möglicherweise auch noch ansteckend sein soll und vielleicht mit den sogenannten Sozialen Netzwerken zusammenhängt. Die Einsamkeit betreffe besonders die Älteren (Viele alte Menschen sind chronisch einsam, greife aber auch bei den Jüngeren um sich (In den USA soll die Einsamkeit grassieren). Das zeige sich etwa an der steigenden Zahl der Singles und derjenigen, die alleine, ohne Partner, leben. Großbritannien hat bereits 2018 unter der mittlerweile abgetretenen Regierungschefin Theresa May den Posten einer Staatssekretärin für Einsamkeit geschaffen, ein Fünftel aller britischen Erwachsenen würden sich meistens einsam fühlen. Einsamkeit sei gesundheitlich mindestens so schädlich wie Rauchen oder Fettleibigkeit (Soziale Isolation und Einsamkeit machen krank).

Am Brain Dynamics Laboratory der University of Chicago forscht Stephanie Cacioppo, Professorin für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaft, über eine medizinische Behandlung von Einsamkeit, letztlich an einem Wirkstoff, der Einsamkeit heilen soll. Die ist für sie epidemisch geworden, ein Drittel würde unter Einsamkeit leiden, fast 8 Prozent seien schwer betroffen. Die vorzeitige Mortalität sei bei Einsamen um 26 Prozent erhöht, sie seien depressiv, auf sich selbst konzentriert und leicht reizbar. Und sie glaubt auch, einen Anti-Einsamkeits-Wirkstoff in Pregnenolon, ein Prohormon der Steroidhormone, das aus Cholesterol in der Nebenniere gebildet wird, gefunden zu haben. Das Prohormon gilt als ein Wundermittel gegen psychische Störungen oder Erkrankungen, zumindest gibt es auch viele klinische Studien, sie für die Therapie von Depression, bipolarer Despression, Schizophrenie, Autismus, Posttraumatische Belastungsstörung oder auch einer "Marihuana-Abhängigkeit" zu testen (Literatur).

In einem klinischen Versuch, der im Juni 2019 zu Ende ging, wurde jungen Menschen, die auf dem UCLA Loneliness Scale (ULS-6) bei weniger als 42 Punkten lagen und sich fast immer einsam fühlten, acht Wochen lang eine Dosis Pregnenolon und einer Kontrollgruppe ein Placebo gegeben. Zwei Stunden nach Einnahme wurde den Versuchsteilnehmern beim Betrachten von Bildern von Personen, die Gefühle zeigen, und von neutralen Szenen ein EEG abgenommen und die Augenbewegung verfolgt.

Einsamkeit auf Krankheit getrimmt

Um Einsamkeit zu einem neurologischen Problem zu machen, muss sie als interne und individuelle Befindlichkeit konstruiert werden, entkoppelt vom sozialen Zusammenhang. Cacioppo sieht sie als einen psychischen Zustand, der durch eine Dissoziation zwischen dem, was ein Individuum von einer Beziehung mit anderen wünscht oder erwartet und was sie in dieser Beziehung erfährt. Einsamkeit ist bezogen auf ein Individuum und muss nicht mit einer wirklichen räumlichen Isolation einhergehen.

Sie sei, wie Cacioppo in The Lancet schreibt, nicht mit "objektiver sozialer Isolation, Depression, Introversion oder fehlenden Beziehungsfähigkeit verbunden worden", das habe sich aber als ebenso falsch erwiesen wie Versuche, sie durch Herstellung sozialer Kontakte oder Üben von sozialen Fähigkeiten zu therapieren. Man kann sich einsam fühlen, während man in der Arbeit oder Zuhause Menschen um sich hat. Überdies: "Einkommen, Bildung und ethnischer Hintergrund schützen einen nicht vor Einsamkeit." Sie soll auch ansteckend sein und ist vor allem gesundheitsgefährdend, die Wahrscheinlichkeit eines frühzeitigen Tods ist höher als bei anderen Menschen. Einsamkeit, so Cacioppo mit Kollegen in einer Studie, ist ambivalent. Sie erhöht gleichzeitig den Wunsch, mit anderen in Verbindung zu treten, und den Wunsch nach Selbstschutz. Der Annäherungs- und Vermeidungskonflikt führt zumindest in engeren Räumen zu erhöhter Distanz zu anderen Menschen.

Angst, Depression, Aggression und der Verarbeitung von sozialer Bedrohung

Ein Grund für Einsamkeit könne, wie an Tierversuchen festgestellt worden sein soll, eine mangelnde körpereigene Herstellung von Pregnenolon sein. Einsamkeit, die als Verhaltenseigenschaft bei Tieren und Menschen definiert werden könne, finde sich bei Tieren und Menschen, auch wenn es "spezifisch menschliche Aspekte der wahrgenommenen Einsamkeit" gebe. Verändert würden dadurch das Gehirn und das Verhalten. Bei einem Mangel an dem Prohormon Pregnenolon soll auch die Erzeugung von Allopregnanolon (ALLO), ein neuroaktives Steroid mit Auswirkung u.a. auf die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, sinken.

Der chemisch identische Wirkstoff Brexanolon wurde im Frühjahr in den USA zur Behandlung von Wochenbettdepressionen von der FDA zugelassen. ALLO wird nach Tierversuchen mit zahlreichen Verhaltensstörungen verbunden, mit Angst, Depression, Aggression und der Verarbeitung von sozialer Bedrohung, aber soll eben auch eine wichtige Rolle für soziale Isolation spielen, vor allem was die erhöhte Wahrnehmung von sozialer Bedrohung angeht.

Die Zuführung von ALLO oder dem Prohormon Pregnenolon haben in Versuchen bei Menschen zur Verbesserung unterschiedlicher, mit Stress verbundenen Störungen geführt und könne auch Einsamkeit erleichtern, was bei sozial isolierten Tieren gezeigt worden sei. Hier sei soziale Isolation mit einem Absinken von ALLO-Werten einhergegangen. Auch SSRI-Antidepressiva erhöhen ALLO-Werte, was darauf hinweise, dass das mit der antidepressiven Wirkung zu tun haben könnte. Auf Antidepressiva sprechen aber nicht alle Menschen an, überdies hätten sie starke Nebenwirkungen. Pregnenolon sei hingegen gut verträglich, sagt Stephanie Cacioppo.

Sie hat zur Behandlung von Einsamkeit auch schon mit dem "Glückshormon" Oxytocin gearbeitet. Das Neuropeptid verstärkt die Beziehung von Mutter und Kind und von Geschlechtspartnern, aber auch von sozialen Gruppen durch Vertrauensbildung. Studien haben aber auch gezeigt, dass damit wohl vor allem Gruppen sich intern verbinden und nach außen abgrenzen. Das Vertrauenshormon könnte mithin auch zur Fremdenfeindlichkeit beitragen. Man wird sehen, ob eine pharmakologische Behandlung mit Pregnenolon oder ALLO tatsächlich Einsamkeitsgefühle senken kann, aber auch, falls dies tatsächlich der Fall sein sollte, mit welchen Nebenwirkungen das bezahlt werden muss. (Florian Rötzer)