Eine Sammlung nuklearer Blütenträume

Rudolph Herzog über sein Buch "Der verstrahlte Westernheld"

Mit dem denkwürdigen Jubiläum der Katastrophe von Tschernobyl rücken auch zahlreiche weitere Katastrophen und Beinahekatastrophen aus der Geschichte des Atomzeitalters wieder ins Bewusstsein. Eine Sammlung skurriler und bedenklicher Anekdoten hat der Filmemacher Rudolph Herzog in seinem neuen Buch Der verstrahlte Westernheld und anderer Irrsinn aus dem Atomzeitalter zusammengetragen. Über die Recherchen in den geöffneten Archiven und bei Zeitzeugen, den privaten Zugang zum Thema und die mögliche Ausweitung solcher Stoffe sprach mit ihm Telepolis-Autor Stefan Höltgen.

Sie sind bekannt geworden als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent von Filmen und haben ein Buch zum Thema Humor im Dritten Reich publiziert. Nun betreten Sie mit Der verstrahlte Westernheld essayistisch-publizistisches Terrain. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch zu diesem Thema zu schreiben?
Rudolph Herzog: Ich habe in den letzten Jahren eher aus eigenem Interesse skurrile und erschreckende Geschichten aus dem Atomzeitalter gesammelt. Irgendwann war mir klar, dass aus dieser Sammlung nuklearer Blütenträume ein Buch werden wird. Die Lehre aus dem Kalten Krieg ist, dass Menschen (und vor allem Männer!) für jeden gemeingefährlichen Unfug zu haben sind. Techniker entwarfen Atomautos, Ärzte spritzten einem Kind Plutonium, Ingenieure schossen Reaktoren ins All, die dann vom Himmel fielen, Militärs verloren schätzungsweise 40 Atombomben... die Liste des groben Unfugs lässt sich beliebig fortsetzen.
Rudolph Herzog. Foto: © Wolfgang Georgsdorf.
Unglaublich - aber so zum Glück heute kaum noch vorstellbar ...
Rudolph Herzog: Leider gibt es keinen Grund zu glauben, dass Staaten wie Nordkorea und Pakistan heute mit der Atomtechnik verantwortungsvoller umgehen. Das Atomzeitalter geht trotz des deutschen Ausstiegs weiter, und es wird noch reichlich böse Überraschungen liefern. Ob wir Menschen mit einer zukünftigen Technologie besser umgehen würden, ist fraglich. Ich hoffe aber nach wie vor, dass wir aus der Geschichte lernen werden.
Der verstrahlte Westerheld enthält eine ausführliche Bibliografie zum Thema. Sie schreiben im Text selbst immer wieder, dass Sie Informationen aus jetzt erst veröffentlichten ehemaligen Geheimberichten bezogen haben. Wie hat sich die Recherche darüber hinaus gestaltet?
Rudolph Herzog: Besonders eindrucksvoll war mein Gespräch mit Jens Zinglersen, einem der wenigen noch lebenden Augenzeugen des Thule Incident, dem Absturz eines mit vier Wasserstoffbomben bestückten Fliegers der U.S. Airforce vor Grönland. Bis heute wird darüber gestritten, ob die dänischen Arbeiter, die nach dem Unfall aufräumten, verstrahlt wurden. Nach dem Absturz lagen kiloweise Plutonium verstreut auf dem Eis, das in wochenlanger Schwerstarbeit abgetragen wurde - und zwar ohne geeignete Schutzkleidung. Jens Zinglersen ist der Sprecher der Vereinigung ehemaliger Aufräumarbeiter. Er kennt die Materie wie kein anderer, denn er war der erste Mensch an der Unfallstelle. Zinglersen hat dort ein großes, frisch zugefrorenes Loch im Eis gesehen, durch das womöglich Bombenteile ins Meer gerutscht sind.
Im Buch schreiben Sie, dass da immer noch Material verschollen ist.
Rudolph Herzog: Tatsächlich ist der Verbleib einer der Wasserstoffbomben nicht restlos geklärt. Zinglersen glaubt, dass die Bombe - oder Teile davon - auf dem Meeresgrund liegen. Nach dem Unfall wurde die Stelle von einem U-Boot der U.S.-Navy betaucht. Nach was bei dieser Aktion gesucht wurde, ist umstritten. Ich habe im Buch meine eigenen Schlüsse gezogen.
Gab es auch Probleme bei den Recherchen?
Rudolph Herzog: In diesem und anderen Fällen hat mich niemand aktiv an Recherchen gehindert. Allerdings waren manche Quellen nur mit viel Mühe aufzutreiben. Hin und wieder waren Schlüsselstellen der Dokumente geschwärzt. Sofern sich der Inhalt dieser Stellen nicht durch andere Quellen erschließen ließen, musste ich aus dem Kontext heraus interpretieren. Meine Strategie war, offen damit umzugehen. Das heißt: Ich benenne im Buch Graubereiche und Widersprüche und gebe eine klar begründete Meinung dazu ab. Ob sich der Leser meiner Interpretation anschließt, bleibt freilich ihm oder ihr überlassen.
Markant ist der Aufbau des Buches: Sie gehen weniger chronologisch als (im besten Sinne) "anekdotisch" vor und tragen besonders denkwürdige Ereignisse der Zeit des Kalten Krieges zusammen. Bot der Stoff solch eine Sortierung an oder worauf basiert Ihre Entscheidung, das Buch so aufzubauen?
Rudolph Herzog: Ich wollte im Gegensatz zu meinem ersten Buch keine Chronologie schreiben, sondern ein Sittengemälde. Was passiert, wenn wir Menschen eine revolutionäre Technik an die Hand bekommen, einen echten "game changer"? Leider ist die Antwort darauf, dass wir damit Schindluder treiben, und zwar ohne jede Rücksicht auf Moral, Umwelt, Mitmenschen, Ästhetik und gesunden Menschenverstand. Nicht immer war die Absicht dabei schlecht.
Zum Beispiel gab es einen deutschen Wasserbauingenieur, der die Idee hatte, in der Sahara Wasserkraft zu erzeugen. Er wollte eine Senke in Ägypten mit dem Mittelmeer verbinden. Leider versperrte eine Hügelkette den Weg zwischen Meer und Wüste. Er schlug daher vor, einen Kanal mit 200 Wasserstoffbomben freizusprengen. Das Unterfangen hatte viele Anhänger, auch in der deutschen und ägyptischen Politik. Es wäre in den Siebziger Jahren fast realisiert worden - obwohl die Gefahren der Strahlung in dieser Zeit schon hinlänglich bekannt waren.
John Wayne am Filmset im radioaktiven Snow Canyon, Utah. Foto: Galiani.
Sie sind "Jahrgang 1973", wie der Umschlagstext verrät - also ein Kind aus der letzten Phase des Kalten Krieges. Wie viel hat ihre Biografie mit der Wahl des Themas zu tun? Gibt es da Erlebnisse Ihrer Kindheit und Jugend, die eine Faszination des Themas begründen?
Rudolph Herzog: In der Tat spielen Kindheits- und Jugenderinnerungen eine Rolle. Ich habe den letzten Teil des Kalten Kriegs noch mitbekommen, vor allem die frühen Achtziger Jahre waren einprägsam. Da dachten wir oft, dass es knallt. Diese Furcht war keineswegs unbegründet. Wir wussten, dass Deutschland das Schlachtfeld des kommenden Atomkriegs sein würde. Dass wir Deutsche im atomaren Fadenkreuz waren, war kein Geheimnis. Es wurde in den Medien offen thematisiert und ich bekam es in der Schule von einem Abgesandten der Bundeswehr bestätigt. In Filmen wie The Day After und Berichten konnten wir Jugendlichen uns haarklein informieren, was im Falle des Falles passieren würde, und wie wir alle an Strahlenkrankheit verrecken würden. Manche Familienväter legten Atombunker im Garten an, andere horteten Schlafmittel für den gemeinsamen Suizid im "Fall der Fälle".
Über den nuklearen "Testfall" schreiben Sie ja dann auch: Tschernobyl 1986 ...
Rudolph Herzog: Die depressive Stimmung dieser Jahre wurde durch Tschernobyl noch verstärkt. In Bayern, wo ich damals lebte, regnete sich ein Teil des Fallouts ab. Wir Kinder durften keine Milch mehr trinken und in der Schule lief der Rektor mit einem Geigerzähler herum. Tagelang durften wir uns wegen der Strahlung im Schulhof nicht setzen. Ich erinnere mich auch daran, wie ich und mein Schulfreund Dirk auf einem Acker Frisbee spielten. Eine Frau kam auf einem Rad angefahren und schimpfte, dass wir die Saat zerstörten, wir sollten nicht darauf herumtrampeln. Mein Schulfreund erwiderte darauf, die Kartoffeln seien ja ohnehin verstrahlt und nicht mehr genießbar. Darauf ist die Frau wortlos davongefahren. Heute kann man sich kaum mehr vorstellen, dass dies die Realität meiner Jugend war.
Eine Atomtorte zur Feier der Operation Crossroads, durch die das Bikini-Atoll bis heute unbewohnbar wurde. Foto: Galiani.
Sehr deutlich wird, dass Sie nicht bloß Geschichte Revue passieren lassen, sondern die thematische Verstrickung bis in die Gegenwart nachvollziehen: Aus der Logik Harrisburghs, Sellafields und Tschernobyls folgt die Katastrophe in Fukushima. Diese Verknüpfung - insbesondere zu Tschernobyl - findet sich in der gegenwärtigen Kultur vielerorts, was sicherlich mit dem "runden" Jubiläum der Katastrophe zu tun hat. Dennoch gibt das auch Stoff zur Verklärung, schaut man sich etwa den kürzlich angelaufenen Spielfilm Tschernobyl Diaries an. Wie deuten Sie aus Ihrer Sicht solche Verarbeitungen der Geschichte des Kalten Kriegs? Ist die Fiktionalisierung eine legitime Form der Auseinandersetzung?
Rudolph Herzog: Ich habe per se nichts gegen Fiktionalisierung, es kommt auf den Einzelfall an. Die große Stärke der Fiktion ist, dass man dadurch Zugang zu Welten bekommt, die einem Dokumentarfilmer versperrt bleiben. Denke man etwa an das Privatleben der Mafiabosse in den Sopranos - in dieses Paralleluniversum würde ein Dokumentarfilmer nie Zutritt bekommen! Im Falle des Atom-Irrsinns im Kalten Krieg ist meine Erfahrung allerdings, dass die Wahrheit seltsamer, erschreckender, bizarrer ist, als alles, was man sich vorstellen kann.
Das meiste wurde gefilmt, fotografiert, oder in Akten dokumentiert. Mein Instinkt als Autor und Filmemacher ist, da erst mal nicht zu fiktionalisieren und einfach nur Fakten zu präsentieren, von John Waynes Dreharbeiten in einem verstrahlten Canyon bis zu den Herzschrittmachern mit Plutoniumbatterie. Dokumentarisch mit dem Material umzugehen bietet sich da einfach an und dann kommt man gar nicht erst in den Verdacht, zu verklären. Das wäre angesichts der vorliegenden Quellen kaum möglich.
Modell des Ford Nucleon - ein Auto mit einem Reaktor im Heck. Foto: Galiani.
Im kommenden Jahr erscheint die englischen Übersetzung Ihres Buches (A Short History of Nuclear Folly) bei Melville House in den USA. Werden Sie auch weiter an dem Thema arbeiten? Vielleicht selbst sogar filmisch - da sind ja nun auch zahlreiche Archive offen; etwa von Atombomben-Tests und ähnlichem?
Rudolph Herzog: Bei der Recherche bin ich in der Tat auch auf viel obskures, skurriles und erschreckendes Filmmaterial gestoßen dass in der Tat noch niemand kennt. Ich würde mir sehr wünschen, das Thema filmisch umzusetzen. Das Thema schreit ja förmlich danach.
Vielen Dank für das Interview! (Stefan Höltgen)
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