Eine Welt ohne Zahlen und ohne Farben

Apaitsiiso - die Sprache, die aus dem Kopf geboren ist

In der Linguistik besagt die Sapir-Whorf-Hypothese, dass es bestimmte Gedanken in einer Sprache gibt, die von jemandem, der eine andere Sprache spricht, nicht verstanden werden können. Der Denkprozess, so die Argumentation, wird wesentlich durch die Muttersprache und ihre Besonderheiten beeinflusst.

Der zentrale Gedanke dieser Hypothese ist die Idee von der linguistischen Relativität: die Bedeutungsunterschiede zwischen verwandten Begriffen in einer Sprache gelten nur für diese Sprache. So heftig die Hypothese zunächst abgelehnt wurde, so scheint sie inzwischen doch wieder an Bedeutung zu gewinnen.

Sie brauchen keine Zahlen

Was, wenn eine Sprache weder Zahlen noch Farben kennt? Diese Frage stellte sich Peter Gordon von der Columbia Universität in Sciencexpress. Durch den Kontakt mit D.I. Everett, der seit den 80er-Jahren die Sprache der Pirahã studiert, besuchte er die Menschen am Maici-Fluss im Amazonasgebiet.

Die Pirahã (oder Muta-Pirahã) bilden eine Gruppe von 200-300 Menschen, die sich weder als Indianer noch als Brasilianer sehen. Ihre Sprache, Apaitsiiso, zeichnet sich durch den Mangel an Zahlwörtern aus. "Eins", "zwei" und "viele" sind die Begriffe, mit denen sie den jeweiligen Zustand beschreiben. Selbst der Verdacht, es handle sich um die binäre Computersprache mit ein und aus (0 und 1), lässt sich nicht aufrecht halten, weil es keine daran anschließende Zahlenfolge gibt. Tatsächlich wird "eins" auch für eine kleine Zahl von 2-3 Stücken benutzt, und "zwei" steht für eine größere Anzahl, die wiederum im Unterschied zu "vielen" gesehen wird.

Ein Pirahã versucht die Batterien auszurichten (Bild: Peter Gordon)

Die Experimente von Peter Gordon beziehen sich auf Untersuchungen mit sieben Teilnehmern, davon eine Frau. Dabei geht es um Gedächtnisübungen und Versuche zur räumlichen Vorstellung, die anhand von Stöcken, Nüssen und Batterien geprüft wurden. Die wesentlichen Aussagen sind, dass die Teilnehmer bei kleinen Zahlen und dann wieder bei 7-10 hinreichend rechnen, weil die größere Zahl eine Trennung in kleine Abschnitte ermöglicht. Versuche mit einer Vorlage von Strichen, die zu zählen und nachzuzeichnen sind, scheitern dagegen völlig. Zwei Tests mit Nüssen oder Bonbons, in denen die zeitliche Abfolge geprüft wurde, sind bei mehr als 3-4 Vorgaben unbrauchbar.

Die Pirahã sind keineswegs "zurückgeblieben". Ihre Sprachkenntnis, ihr räumliches Vorstellungsvermögen und ihr Umgang beim Fischen und Jagen sind bemerkenswert. Die Zuordnung zu Zahlen spielt für diese Menschen offenbar keine Rolle. Die Fische, die gefangen werden, sind entweder wenige oder viele. Bei der Jagd wird nur ein Tier, bestenfalls zwei Tiere erlegt. Im Krieg sind die Feinde ein, zwei oder viele Angreifer. Dass Zahlen für den Bewohner des tropischen Regenwaldes keine Bedeutung haben, liegt in den natürlichen Lebensbedingungen begründet.

Ein anderer Lebensrhythmus

Die Aufgabe des Mannes ist "das Fischen" für die Frauen. Zusätzlich gliedert sich sein Leben in die Trocken- und die Regenzeit. Während der Trockenzeit findet das Leben an den Stränden des Flusses statt. Das sind die Zeiten, in denen die Nahrung gesammelt und Feste gefeiert werden. In der Regenzeit verlagert sich das Leben in das Hochland. Damit verbunden ist die Auftrennung in Familiengruppen, die selten mehr als 10-20 Personen umfassen. Jetzt beginnt die Zeit der Jagd, bei der ein Mann mit dem Pfeil dem Tier nachstellt, während die Frauen mit den Hunden kleinere Tiere aufspüren. Allerdings, so weiß D.I. Everett zu berichten, ist das Leben der Pirahã keineswegs von der Jagd oder dem Sammeln angefüllt. Das liegt an den wiederholten Schlafperioden. Sie finden mehrfach am Tag und in der Nacht statt, jeweils nur bis zu zwei Stunden. Deswegen sind die Übrigen nicht untätig: sie reden miteinander oder beschäftigen sich mit anderen Dingen. Auch wird für den Fischfang oder das Sammeln von Nüssen selten mehr als ein bis zwei Stunden täglich vertan. Selbst der Bau einer Hütte braucht wenig mehr als einen Tag.

Rückkehr vom Fischen (Bild: Peter Gordon)

Ihre Sprache, die noch vor einem Jahrzehnt als aussterbend angesehen wurde, ist seit 1991 durch die FUNAI (Fundacao Nacional do Indios) und CIMI (Conselho Indigenista Missionario) gefördert worden. Während die Bevölkerung 1979 von einem Missionar noch mit 107 Mitgliedern angegeben wurde, ist die Zahl heute auf 200-300 Personen angestiegen. „Apaitsiiso" nennen sie ihre Sprache, weil sie "direkt aus dem Kopf geboren ist" und sich sowohl vom Portugiesischen der Brasilianer als auch den Sprachen der übrigen Indianer unterscheidet. Ihre Kinder bekommen bereits vor der Geburt ihren ersten Namen, der zur "Ausbildung ihres Körpers" notwendig ist. Während ihres Lebens erhalten sie weitere Namen, sei es durch den Glauben an ihre Umgebung, sei es von den Feinden, die sie besiegt haben.

Die Pirahã haben sich viel zu erzählen. Dennoch läuft ihr Gespräch in anderer Weise ab, als es bei uns üblich ist. Nicht geordnet wie im Deutschen oder Englischen. Die Texte geben eine aktuelle Situation oder ihre Erfahrung wider. Ihre Worte stehen nebeneinander und sind niemals in einen größeren Zusammenhang eingebettet. Farbempfindungen sind ebenfalls unbekannt.

Peter Gordon mit einem Pirahã-Mann und seinem Bogen (Bild: Peter Gordon)

Auch in der Gebärdensprache unterscheiden sie sich von uns: sie zählen nicht mit den Fingern und benutzen die Finger nicht, um etwas zu zeigen. Dafür werden Hände, Füße und der Körper für die Orientierung verwendet. Und noch etwas bestimmt ihre Welt: sie bleiben seit 200 Jahren monolingual. Sie haben keinen Grund, eine andere Sprache zu lernen als die, "die aus dem Kopf geboren ist". Dafür eignet sich ihre Sprache sowohl zum Pfeifen wie auch zum Brummen. Eigenschaften, die beispielsweise im Krieg oder bei Auseinandersetzungen mit anderen Menschen eine Rolle spielen.

Englisch ein Esperanto?

Mark Abley hat unlängst in seinem Buch Spoken Here: Travels Among Threatened Languages berichtet, dass 6.000 Sprachen auf der Welt gesprochen werden und statistisch alle zwei Wochen eine Sprache verschwindet. Englisch wird als neue Lingua Franca angesehen. Dennoch beginnt die englische Sprache, dem Latein der Römerzeit zu ähneln: In den südlichen Staaten der USA setzt sich das Spanische durch und in Kanada gibt es eine neue Auflage des Wörterbuchs zum kanadischen Englisch, das sich vom britischen und amerikanischen Englisch unterscheidet. Zudem fördert der allgemeine Widerstand gegen die USA die arabische und chinesische Sprache. In Deutschland und China beginnt dagegen die Rückbesinnung auf die alte Rechtschreibung, weil die neue nicht in das Leben mancher Bürger passt. (Herbert Hasenbein)