"Eine Zivilisation, deren Entwicklungsmöglichkeiten sich erschöpft haben"

Nahrung, Energie, Rohstoffe und Arbeitskraft werden teurer

2008 kletterten die Preise für Grundnahrungsmittel auf ein historisches Rekordniveau, im Moment steigen sie wieder. Die Zeit der billigen Nahrungsmittel scheint vorbei zu sein. Aber warum glauben Sie, dass deshalb auch die Epoche des Neoliberalismus zu Ende geht?
Jason Moore: Zunächst muss man sehen, dass das eine etwas westliche Sicht ist. In Indien beispielsweise sind die Preise seit 2008 überhaupt nicht gefallen, sondern blieben auf einem sehr hohen Niveau und steigen jetzt noch weiter an. Diese Entwicklung zeigt meiner Ansicht nach, dass die "Signalkrise" der neoliberalen Phase begonnen hat. Die Preise von vier wesentlichen ökonomischen Faktoren - Nahrung, Energie, Rohstoffe und Arbeitskraft - werden teuer, nicht billiger. Diese vier Elemente hängen natürlich eng zusammen: Der Preis von Nahrung bestimmt den Preis der Arbeitskraft. Deren Preis bestimmt die Kosten für die Förderung der Energieträger und Rohstoffe. Wenn Öl teurer wird, müssen die Bauern mehr für Energie und Dünger bezahlen. Heute hängen die Preise der vier wesentlichen Input-Faktoren enger zusammen als je zuvor.
Die Rezession ist noch nicht vorbei, sie könnte meiner Meinung nach noch 20, 30 Jahre dauern. Ein wiederkehrendes Muster in der Krisengeschichte des Kapitalismus ist, dass die Verbilligung von Nahrungsmitteln eine der Voraussetzungen dafür ist, dass das Wirtschaftswachstum wieder anzieht. Das gilt für die Mitte des 19. Jahrhunderts genauso wie für die Ära nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu den 1970er Jahren. Deshalb sage ich, dass zumindest die neoliberale Phase des Kapitalismus zu Ende geht. Denn wo sollen billige Nahrungen heute herkommen?
Das gegenwärtige ökologisch-ökonomische Regime produziert immer größere Unwägbarkeiten. Billiges Wasser wird knapp. Die globale Erwärmung verändert die Muster der Regenfälle und Wasserreserven. Für die Landwirtschaft ist das ein riesiges Problem, weil sie auf einer sehr feinen Abstimmung des Kultivierens mit den Wetterbedingungen beruht.
Und dabei wir haben noch nicht einmal die politische Problematik von all dem erwähnt! Nahrung ist einer der Brennpunkte, an denen sich Revolten entzünden, wir erleben das gerade in den Protestbewegungen in der arabischen Welt. Damit meine ich nicht, dass es den Bewegungen in Ägypten, Tunesien und anderswo nur um Nahrung geht. Aber sie entzünden sich an der Empörung über das Verteilungssystem. Brotrevolten entstehen nicht, weil es zu wenig Brot gibt, sondern weil sich die Menschen in ihrem Gerechtigkeitsempfinden tief verletzt fühlen.

Technische Innovationen sind ebenso wenig zu erwarten wie neue Ressourcen

Ich denke auch, dass eine Zeit schwerer ökologischer und ökonomischer Katastrophen beginnt. Aber wäre es nicht möglich, dass durch eine neue Technologie, durch Erfindungen die "vier billigen Inputs" doch wieder herstellbar werden - und eine neue Epoche der kapitalistischen Entwicklung beginnt?
Jason Moore: Aus historischen Gründen halte ich das für unwahrscheinlich. Denn nötig wäre nicht eine revolutionäre technologische Innovationen, sondern ebenso neue Ressourcen. Seit dem Entstehen der modernen Weltwirtschaft im 16. Jahrhundert waren die Phasen der Prosperität, die "goldenen Zeitalter", immer charakterisiert durch große Sprünge in der Arbeitsproduktivität. Diese Sprünge beruhten tatsächlich auf Erfindungen, auf den Dampfmaschinen oder den Verbrennungsmotoren.
Aber Technik ist keine Alchemie, sie kann nicht aus dem Nichts Etwas erzeugen. Ohne die Energiereserven, die wie das Öl oder die Steinkohle über Jahrtausende entstanden sind, wären die technologischen Revolutionen nicht möglich gewesen. Auf heute bezogen heißt das, für einen neuerlichen Sprung in der Produktivität der Arbeit wäre nicht nur eine technische Innovation nötig, sondern es müssten auch neue Energiequellen und Ressourcen erschlossen werden. Welche sollen das sein?