"Eine Zivilisation, deren Entwicklungsmöglichkeiten sich erschöpft haben"

Das Geheimnis des Kapitalismus ist, die (ökologische) Rechnung nicht zu bezahlen

Als Umwelthistoriker beschreiben Sie die bisherigen Weltwirtschaftskrisen immer zugleich als "ökologische Krisen" - als Phasen, in denen sich für das System die Schwierigkeiten häufen, die nötigen Input-Faktoren zu einem vertretbaren Preis bereitzustellen. Haben Sie dafür Beispiele?
Jason Moore: Seit dem 16. Jahrhundert ist das kapitalistischen Weltsystems periodisch in große Krisen geraten, wie die Weltsystem-Theorie zeigt. Eine entscheidend wichtige war die Krise der atlantischen Welt im späten 18. Jahrhundert unter der Hegemonie Englands. Nach einer sehr erfolgreichen Agrarrevolution verlangsamte sich das Wachstum. Die Landwirtschaft stagnierte und die Energiepreise stiegen, weil alle Wälder abgeholzt worden waren, die billig verwertbar waren.
Heute ist viel und missverständlich die Rede vom "Peak Oil", damals gab es einen "Peak Holzkohle". Wenn etwa Richard Heinberg (Autor von "Peak Everything", MB) vom Peak spricht, denkt er nur an die physische Knappheit. Die Spitze der Ölförderung wäre demnach erreicht, wenn die größtmögliche Menge gefördert wird. Ich dagegen meine mit Peak den Moment, wo aus "billiger Holzkohle" eine "etwas teurere Holzkohle" wird. Es gab noch Bäume, aber um sie zu fällen und zu verarbeiten, war mehr Arbeitskraft nötig. Es war eine Energiekrise im Sinne einer "Krise billiger Energie".
Gelöst wurde diese Entwicklungskrise des frühen Kapitalismus durch eine charakteristische Mischung aus "Plünderung und Produktivität". Einerseits wurden neue Gebiete erschlossen, so dass die Londoner ihr tägliches Brot aus Indien, dem Mittleren Westen der USA und Argentinien bekamen. Andererseits konnte durch die Erfindung von Dampfmaschinen, Eisenbahnen, Dampfschiffen und Fabriken die Produktivität gesteigert werden. Die historische Industrialisierung war der Ausweg aus der damaligen ökonomisch-ökologischen Krise.
Plündern und die Produktivität steigern, das gehört zusammen. Nötig sind eine "unerschlossene Wildnis" und neue Technologien. Dass die kapitalistische Entwicklungsgeschichte von Beginn an auch eine der Aneignung und des Verbrauchs von ökologischem Reichtum war, wird oft vergessen. Aber alle großen technologischen Innovationen waren letztlich Mittel, mit denen sich der Kapitalismus natürlichen Reichtum einverleiben konnte, ohne dafür aufzukommen. Das Geheimnis des Kapitalismus ist, die Rechnung nicht zu bezahlen. Solange da ein Fluss ist, kann man den Giftmüll hineinkippen. Heute spielt die Atmosphäre der Erde die Rolle einer Müllhalde.

Heute gibt es kein unberührtes Grenzland mehr

Von solchen Entwicklungskrisen wie der englischen im 18. Jahrhundert, die Sie gerade beschrieben haben, unterscheiden Sie "epochale Krisen" - solche, die ganz neue Produktionsverhältnisse und Produktionsformen nötig machen und eine neue Epoche der menschlichen Geschichte einläuten. Angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen halten Sie es für möglich, dass das kapitalistische Weltsystem keinen Ausweg mehr findet. Ist das nicht sehr hoch gegriffen?
Jason Moore: Mit "epochaler Krise" bezeichne ich beispielsweise den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus. Das Weltsystem heute sieht dem des mittelalterlichen Europas im frühen 14. Jahrhundert sehr ähnlich. Im frühen 14. Jahrhundert war die agrarische Produktivitätssteigerung, die auf landwirtschaftlichen Innovationen seit dem 8. Jahrhundert beruhte, zum Stillstand gekommen. Eine umfassende Wirtschaftskrise setzte ein, ab 1315 gab es schreckliche Hungersnöte. Die Pest tötete zwischen einem Viertel und einem Drittel der Bevölkerung. Das Klima veränderte sich, die sogenannte "Kleine Eiszeit" begann. Auch die sozialen Widersprüche wurden schärfer: Statt den Reichtum zu vermehren, kam es zu einer Umverteilung von unten nach oben, von den Bauern zur Aristokratie.
Ich sehe da eine Menge Parallelen zu unserer Epoche. Auch heute zeigt das Agrarsystem deutliche Stagnationstendenzen. Globale Krankheitsströme werden zu einer wachsenden Gefahr. Und auch der Neoliberalismus war ein System der Umverteilung bei stagnierender Produktivität: Er nahm von den Armen und gab den Reichen, "Robin Hood rückwärts" sozusagen. All das sind Zeichen einer Zivilisation, deren Entwicklungsmöglichkeiten sich erschöpft haben. Merkwürdigerweise glauben die meisten Menschen dennoch, es werde schon irgendeine technische Lösung geben.
Aber es gibt natürlich auch Unterschiede, etwa in Bezug auf den Umgang mit dem ökologischen Reichtum. Die Moderne bewegt sich viel schneller, der Kapitalismus ist eine Art ökologischer Raubüberfall. Immer wenn die Händler und andere kapitalistische Akteure unberührten Boden betraten, sahen sie sich um und sagten: "Wir können den natürlichen Reichtum hier günstig haben!" Das geschah in Brasilien, wo es im 16. und 17. Jahrhundert eine massive Entwaldung gab, oder zur gleichen Zeit in Polen und Norwegen.
Noch einmal: Historisch hat der Kapitalismus seine Krisen immer dadurch gelöst, dass er neue Sphären erschlossen hat. Er musste ein Grenzland (frontier) erobern, das bisher nicht oder kaum Teil der Warenproduktion war, und damit meine ich die Ausbeutung neuer menschlicher Arbeitskraft ebenso wie die nicht-menschliche Natur. Heute gibt es kein unberührtes Grenzland mehr. (Matthias Becker)