"Eine ausländische Intervention würde Syriens Armee zusammenschweißen"

Der Politologe Gilbert Achcar warnt vor einem westlichen Schüren des Aufstandes

Der Druck auf Syrien steigt. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan fordert offen den Rücktritt Baschar al-Assads. Dieser erklärt gegenüber der Sunday Times seine Entschlossenheit, bis zuletzt zu kämpfen. Steht ein libysches Szenario bevor? Laut Gilbert Achcar, Experte für internationale Beziehungen, würde dies die Situation der Bevölkerung drastisch verschlimmern. Telepolis sprach mit ihm.

Was halten Sie von der Initiative der Arabischen Liga (AL)? Sie fordert seit Anfang November den Abzug aller Panzertruppen aus den Städten, die Freilassung verhafteter Protestteilnehmer sowie die Entsendung von unabhängigen Beobachtern. Zudem soll die Opposition Kontakt mit dem Regime aufnehmen. Davon ist bislang nichts geschehen. Handelt es sich also nur um ein Spiel auf Zeit - und wenn ja, mit welchen Hintergedanken?
Gilbert Achcar: Die AL weiß genau, dass das Regime sich auf nichts einlassen wird, was seinem politischen Selbstmord gleichkommt. Auch die syrische Opposition weiß das und ich denke, sie hat die AL dahingehend instrumentalisiert, dass sie diese Initiative gestartet hat. Einige taten dies mit der Intention, eine friedlichen Übergang zu schaffen. Andere (siehe Ergänzung d. A. 1) wollen damit eine ausländische Intervention vorantreiben. Zudem besitzt die AL für mich in keiner Weise die moralische Autorität, um sich zur Sprecherin für Menschenrechte aufzuschwingen. Sie besteht selbst aus Despoten.
Halten Sie eine ausländische Interventon für wahrscheinlich?
Gilbert Achcar: Das wäre Spekulation. In jedem Fall wäre eine direkte ausländische militärische Intervention unglaublich gefährlich und würde den Weg ebnen für eine generelle Explosion in der Region - den Libanon, die Türkei, den Iran und den Irak involvierend.
Weshalb? Weil Syriens Geographie eine völlig andere ist als die Libyens?
Gilbert Achcar: Zunächst leben in Libyen sechs Millionen Menschen - in Syrien sind es 23 mit höherer Bevölkerungsdichte. Zudem sind die syrischen Städte nicht in Rebellen und anti-Rebellen einzuteilen, die voneinander mit großen, wüstengleichen Flächen getrennt sind. Das war der Fall in Libyen und so konnte eine Flugverbotszone noch halbwegs funktionieren. Syrien hingegen ist klein und in seinen Städten leben Demonstranten und Nicht-Demonstranten, Mehrheiten und Minoritäten dicht nebeneinander. Angriffe aus der Luft würden unweigerlich weit mehr Menschenleben kosten, als es bislang der Fall war.
Natürlich ist jedes Menschenleben zuviel. Aber man muß auch die Relationen im Auge behalten: Keine syrische Stadt erlebte bislang Opferzahlen, die Bengazi vergleichbar gewesen wären, hätten Ghadaffis Truppen die Stadt erobert. Zudem ist die syrische Armee nicht mit Ghadaffis Brigaden zu vergleichen. Aufgrund ihrer Konfrontation mit Israel ist sie weit größer und besser ausgerüstet. Auch steht das Regime keineswegs so isoliert wie das libysche da: es gibt die Hisbollah, den Iran, Truppen im Irak - und auch Russland.
Ehe wir auf die Rolle der Armee näher zu sprechen kommen, lassen Sie uns auf die Bevölkerung eingehen. Teile von ihr - wieviel es zahlenmässig sind, weiß niemand - demonstrieren für Assad. Geschieht dies wirklich nur, weil sie gezwungen werden? Weil - wie es heißt beispielsweise staatlichen Angestellten mit Kündigung gedroht wird, wenn sie Assad nicht zujubeln?
Gilbert Achcar: Daran mag durchaus Wahres sein. Das Assad-Regime schürt die Angst unter religiösen Minderheiten und präsentiert sich als ihr Schutzschild gegenüber einer Opposition, die es als sunnitisch-fanatisch porträtiert. Es gibt also viele Bestandteile in der Gesellschaft, die Angst vor dem haben, was ihnen nach einem Regimesturz widerfahren könnte.
Das ist auch an der Armee abzulesen. Ihre höheren Ränge sind mit großer Mehrheit von Alawiten besetzt. Auch die gefürchtete vierte Panzerdivision, die in der Niederschlagung des Aufstandes vielfach eingesetzt wird, besteht aus Alawiten. Ansonsten aber reflektieren die regulären Wehrdienstpflichtigen die Zusammensetzung der Bevölkerung. Bislang aber, heißt es, seien zirka 15.000 Soldaten desertiert. Wenn das stimmt, dann sind das von den 200.000 Mann, die in den aktiven Truppen kämpfen, nach acht Monaten Aufstand nicht so viele. Das liegt auch daran, dass es für die Deserteure keine andere Perspektive gab als, sich zu verstecken und die Protestbewegung hier keine organisatorische Unterstützung bot. Aber die Zahl der Deserteure dürfte sich wahrscheinlich erhöhen, da sie sich jetzt besser organisieren und anfangen, gegen Truppen des Regimes zu kämpfen.
Sie kritisieren Riad al-Asaad, den Anführer der Freien Syrischen Armee, die sich aus Deserteuren zusammensetzt. Ihm fehle eine strategische Vision, wenn er von der NATO eine Flugverbotszone und von der Türkei die Errichtung einer Pufferzone entlang der Grenze, auf syrischem Terrain, fordert. Aber würde das nicht doch mehr Soldaten zum Desertieren ermutigen?
Gilbert Achcar: Es könnte ebensogut das Gegenteil eintreten. Es würde sie wieder zusammenschweißen, denn die Vorstellung, mit dem Westen zu kollaborieren, steht unter Syriens Soldaten nicht hoch im Kurs. Der Westen ist vielen einfach zu verhasst. Daher halte ich auch eine Einmischung Israels für sehr unwahrscheinlich. Das Regime selbst würde einen solchen Angriff nur begrüßen, weil es weiß, dass dies den Zusammenhalt der Soldaten verstärken würde. Riad al-Asaad bedenkt all dies offensichtlich nicht - ebensowenig wie die Befindlichkeit der Kurden (Weshalb beteiligen sich Syriens Kurden nicht an der Revolte?). Würden sie, angesichts des Umgangs der Türkei mit den dortigen Kurden, an der Seite türkischer Truppen kämpfen? Wohl kaum.
Sie werfen auch den sogenannten "Facebook-Aktivisten" mangelnde Strategie hinsichtlich ihres Umgangs mit der Armee vor. Weshalb?
Gilbert Achcar: Sie haben es von Anfang an versäumt, ihre Netzwerke zu multiplizieren und auch Armeeangehörige einzubinden, so dass sich einzelne Soldaten oder kleinere Gruppierungen absetzen. Das Problem ist: Die Demonstranten hielten zu sehr am Prinzip des friedlichen Protests fest. Grundsätzlich unterstütze ich das bei Massendemonstrationen. Aber es war freilich eine Illusion zu glauben, das syrische Regime würde ebenso "friedlich" fallen wie das tunesische oder ägyptische.
Meines Wissens ist dies recht schwierig, da die Soldaten sich quasi gegenseitig überwachen und selbst der Griff zum Mobiltelefon beobachtet wird. Aber welcher Weg wäre für die Syrer Ihres Erachtens nun gangbar?
Gilbert Achcar: Was die in Massen Demonstrierenden bisher taten, war im Prinzip richtig. Nach wie vor geht ihre überwältigende Mehrheit friedlich vor. Die Menschen versammeln sich vor allem am Freitag in den Moscheen, weil der Polizeiapparat hier Massenversammlungen schwer unterbinden kann. Oder sie gehen zu ihrem eigenen Schutz nach Einbruch der Dämmerung auf die Straße. All das ist die richtige Taktik, auch wenn sie mühselig und langwierig ist. Worauf zu hoffen ist, ist dass immer mehr Soldaten desertieren, so dass die Armee in sich selbst auseinanderbricht. Die Fälle scheinen sich zu häufen. Vor einigen Monaten wussten diejenigen, die desertierwillig waren, noch nicht, wohin sie mitsamt ihren Familien fliehen sollen. Indem sich immer mehr Zellen bilden, finden sie jetzt eher sichere Verstecke.
Die einzige Möglichkeit, einen umfassenden Bürgerkrieg zu vermeiden, wäre eine Abspaltung in den höheren Rängen. Aber, es ist schwer abzuschätzen, wie die Entwicklung weitergeht, und ob nicht doch so mancher alawitische General über einen Putsch nachzudenken beginnt - allein schon um die eigene Macht zu retten.

Gilbert Achcar (*1951) ist ein libanesischer Politologe und Journalist, der sich bereits gegen den seit 2003 geführten Irakkrieg engagiert hat. Seit August 2007 arbeitet er als Professor für Entwicklungsstudien und internationale Beziehungen an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London.

Kommentare lesen (25 Beiträge)
Anzeige