"Eine dunkle Zukunft vor sich zu sehen, ist gut fürs Überleben"

Psychologen haben untersucht, wie realistisch Vorhersagen über die Lebenszufriedenheit sind

Eigentlich sollte man annehmen, was auch viele tun und auch als Ideologie die herrschende Selbstoptimierungsideologie beherrscht, dass "positiv zu denken" der Gesundheit und dem Wohlbefinden besser tun sollen, als pessimistisch in die Zukunft zu schauen und immer mit Negativen zu rechnen.

Ein Psychologenteam aus Deutschland und der Schweiz kommt überraschenderweise in einer Studie, die in der Zeitschrift Psychology and Aging erschienen ist, zu einem anderen Ergebnis. Zumindest bei älteren Menschen, die sich sehr optimistisch äußern, was ihre Zukunft anbelangt, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie im Jahrzehnt danach gestorben oder behindert sind.

Die Psychologen haben für ihre Studie Daten des Sozio-ökonomischen Panels von 1993 bis 2003 ausgewertet. Hier werden jährlich um die 40.000 Menschen im Alter zwischen 18 und 96 Jahren befragt. Unter anderen auch danach, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind und wie zufrieden sie vermutlich in 5 Jahren sein werden. Das eröffnet auch die Möglichkeit zu sehen, wie sich die Zustandsbeschreibungen und Vorhersagen individuell in dem Zeitraum verändert haben und welche Vorhersagen sind. Verwendet wurden die Ergebnisse von mehr als 6.400 Menschen aus dem SOEP. Ausgangshypothese war u.a., dass sich das Alter in den Vorhersagen niederschlägt, also die jungen Menschen deutlich optimistischer sind, während die Älteren in Anpassung an die Umstände realistischer und/oder pessimistischer werden.

In allen drei Altersgruppen (18-39, 40-64, über 65) war die Lebenszufriedenheit im Durchschnitt etwa gleich hoch, nur minimal nimmt sie mit zunehmenden Alter ab. Bei der Zukunftserwartung sind die Unterschiede jedoch deutlicher. Die jungen Erwachsenen blicken deutlich optimistischer in die Zukunft, "erwarten eine kontinuierliche Zunahme der Lebenszufriedenheit und halten positive Illusionen über ihre Lebenssituation in der Zukunft aufrecht". Die älteste Gruppe hat, wie erwartet, am wenigsten Optimismus.

Mit zunehmendem Alter werden die Menschen realistischer. Bei der jüngsten Altersgruppe zeigt sich, dass hinsichtlich der Zukunftserwartung zuviel Optimismus im Spiel ist, vergleicht man die Erwartung mit der Selbsteinschätzung nach 5 Jahren. Die mittlere Altersgruppe ist einigermaßen realistisch, die Über-65-Jährigen neigen zum Pessimismus. 43 Prozent unterschätzen in der Vorhersage ihre tatsächliche Lebenszufriedenheit, 25 Prozent sagen diese richtig voraus, 32 Prozent sind zu optimistisch. Wer zu optimistisch ist, ist gegenüber den Realisten und Pessimisten in dieser Altersgruppe auch innerhalb des von der Studie untersuchten Zeitraums mit einem höheren Sterberisiko innerhalb von 12 Jahren, aber auch mit einem erhöhten Risiko des Eintritts einer verminderten Erwerbsunfähigkeit bzw. einer Behinderung innerhalb von 11 Jahren konfrontiert. Je größer die optimistische Überschätzung desto höher das Risiko.

Die Psychologen erklären dies damit, dass ein höherer Grad an Pessimismus im höheren Alter die Menschen dazu anhalten könnte, vorsichtiger und gesünder zu leben. Eine dunkle Zukunft vor sich zu sehen, sei, so eine Folgerung, gut fürs Überleben. Ein höheres Risiko, eine Behinderung zu erleiden haben auch diejenigen, die ein höheres Einkommen haben. Das könnte aber auch damit zu tun haben, so vermuten die Autoren, dass sie beim offiziellen Melden einer Behinderung mehr Geld erwarten können (Florian Rötzer)

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