Eine eigene Rechtsordnung und mehr Roboter als Menschen

Neom-Selbstdarstellung. Screenshot: TP

Saudischer Kronprinz plant Zukunftsstadt am Golf von Akaba

Saudi-Arabien will das in dem Wahhabitenkönigreich eingenommene Ölgeld künftig nicht mehr nur für Luxus und die weltweite Förderung des Salafismus ausgeben, sondern vermehrt in Vorhaben investieren, die später Profit abwerfen könnten. Dazu gehört neben Kernkraftwerken zur Meerwasserentsalzung (vgl. Saudis wollen Atomkraftwerke bauen lassen) auch das Vorhaben, am Roten Meer eine neue Stadt namens Neom zu errichten.

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Das verkündete der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman gestern auf einer Konferenz in Riad. Seinen Worten nach wird sich die Stadt, deren Kern in sieben Jahren bewohnbar sein soll, auf einer Fläche von insgesamt 26.500 Quadratkilometern nicht nur auf saudisches Territorium beschränken, sondern auch Gebiete in Ägypten und Jordanien umfassen. Deshalb soll in ihr nicht die saudische Rechtsordnung gelten, sondern eine neue, die der Kronprinz unter Mitwirkung von Investoren so gestalten möchte, dass sie ein Höchstmaß an Innovation erlaubt und die weltweit fähigsten Köpfe anzieht (vgl. "Mit Territorien auswandern").

Über den saudischen Staatsfonds und die Königskasse will Mohammed bin Salman 500 Milliarden Dollar in das Projekt investieren. Die sollen sich später durch Entwicklungen in den Bereichen Energie, Wasser, Mobilität, Biotech, Nahrung, Digitalisierung, "fortgeschrittene Fertigung", Medien und Unterhaltung rechnen. Da die Stadt - wie man früher sagte - "auf dem Reißbrett" (beziehungsweise in Rechnern) entsteht, kann sie dem Kronprinzen nach sowohl effizienter als auch umweltschonender sein als historisch gewachsene Ortschaften mit ihren baulichen und infrastrukturellen Altlasten. Verkehrswege werden für den automatisierten Transport optimiert. Breitbandinternet soll so kostenlos und überall wie "digitale Luft" verfügbar sein. Unterricht soll es für die Kinder der Köpfe aus aller Welt nicht in Koranschulen, sondern online geben. Die Bürokratie soll papierlos funktionieren. Gebäude will man CO2-neutral gestalten. Und alle monotonen und unangenehmen Arbeiten sollen von Robotern erledigt werden, von denen es bin Salmans Vorstellung nach in Neom mehr geben wird als Menschen.

Der 32 Jahre alte Kronprinz überraschte auf der Konferenz zudem mit der Ankündigung, Saudi-Arabien werde zu einem "moderaten Islam zurückkehren", der vor 1979 "offen gegenüber der Welt und allen Religionen" gewesen sei. 1979 - also sechs Jahre von bin Salmans Geburt - hatten Extremisten die Großen Moschee in Mekka besetzt und eine "echt islamischen Regierung" gefordert. Das Königshaus ließ diese Besetzung zwar gewaltsam beenden, schlug danach aber einen Kurs ein, der den Forderungen der Besetzer entgegenkam. Dass der Wahhabismus in Saudi-Arabien vor 1979 "offen gegenüber der Welt und allen Religionen" war, ist allerdings eine Einschätzung, die sich durch einen Blick auf die saudische Geschichte zwischen 1744 und 1979 eher nicht bestätigen lässt.

Nicht ganz zu bin Salmans Worten passt auch die saudische Außenpolitik, die er Beobachtern nach maßgeblich mitprägt. Dazu gehören auch die Bombardements der schiitischen Huthi-Milizen im Jemen, die viele zivile Opfer zur Folge hatten, und die Regime-Change-Bestrebungen in Syrien, wo das Königreich sunnitische Extremisten unterstütze, die mit der syrischen al-Qaida-Filiale Fatah asch-Scham zusammenarbeiten (vgl. Wikileaks: Saudis wollten syrische Regierung stürzen). Sie begannen allerdings bereits, bevor bin Salmans Vater und Förderer im Januar 2015 den Thron bestieg.

Neom ist Bestandteil der "Vision 2030", mit der Saudi-Arabien seine Abhängigkeit von Erdöleinnahmen reduzieren will. Dazu gehören auch anstehenden Privatisierungen der Strom-, Wasser- und Getreideversorgung, die den Erwartungen des stellvertretenden Wirtschaftsministers Mohammed al-Tuwaidschri nach etwa 200 Milliarden Dollar einbringen und dazu beitragen werden, das saudische Haushaltsdefizit in Höhe von 79 Milliarden Dollar bis 2020 zu schließen (vgl. Merkel besucht Saudis). Das Magazin The Diplomat erkennt darüber hinaus ein Bemühen Saudi-Arabiens, vor allem in den islamischen Ländern Asiens in wirtschaftliche Fußstapfen zu treten, die das seit 2014 etwas schwächelnde China hinterließ. (Peter Mühlbauer)

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