Eine kleine Aufmunterung an Karfreitag

Bild: Edmundo Sáez/CC BY-SA-4.0

Wie der Gekreuzigte der denkbar größten psycho-terroristischen Vereinigung zur Macht verhalf

Rote, blaue, schwarze, weiße Bi-Ba-Butze-Männer und -Frauen in spitzen Hüten mit Augenschlitzen und Kutten wie Klu-Klux-Clan-Ritter, im Rhythmus der Blaskapelle zögernd voranschreitend, Riesen-Kerzen oder Fackeln in den Händen. Davor eine gigantische Monstranz getragen von unzähligen Füßlein unter weinrotem Samt. Geht's die Treppe von der Kirche hinunter, neigt sich Jesus samt Kreuz oder die Jungfrau gefährlich nach vorne.

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Aber auch dieses Jahr passiert wohl kein Malheur. Von irgendeinem Balkon ertönt eine Männerstimme mit einem Klagelied, der Saeta, der Zug hält inne. Es ist Nacht in der Semana Santa und die Penitentes, die Büßer, gehen um. Und alle Spanier und Touristen - Katholiken wie Scheinheilige - stehen am Rande der Prozessionen und lassen sich willig fallen in diese Büßer-Regression, die erst am nächsten Morgen in einer der vollgestopften und höllisch lauten Bodegas und Bars enden wird.

Und am Abend darauf werden die Sünden der Nacht zuvor von neuem abgebüßt - das wahre Mysterium der Semana Santa. Es gibt viele Mysterien um die Semana Santa, um die Osterwoche, nicht nur in Cadiz.

Das wird im II. Buch Moses genau beschrieben. Zu einer festgesetzten Zeit sollen alle Erstgeborenen sterben. JHWH, der Herr, wollte damit die Freilassung des Volkes Israel aus ägyptischer Gefangenschaft erzwingen.

Die Hebräer selbst konnten sich auf folgende Weise vor diesem grausigen Tod schützen. JHWH, der Herr, hat es Moses genau erklärt. Ein männliches Lamm eines Schafes oder einer Ziege, nicht älter als ein Jahr, musste in jeder Familie geschlachtet werde. Mit dessen Blut sollte der Eingang zum Haus markiert werden, um den Todesengeln das Zeichen zum Weitergehen zu geben. Und weitergehen, auslassen, verschonen heißt auf Hebräisch pessach. Das Passah-Fest hat hier seinen Ursprung. Und JHWH, Gott der Herr, befahl noch mehr: Das Opferlamm sollte bis zum letzten Rest verzehrt, dazu nur ungesäuertes Brot gegessen werden, voll bekleidet sollten alle bleiben, jederzeit bereit, sich auf den Weg ins gelobte Land zu machen.

Und der Pharao gehorchte und ließ die Hebräer ziehen ins Gelobte Land. Und so feiern die Israeliten seitdem sieben Tage im März oder April das Passah-Fest mit leckerer Lammkeule und einem ungesäuerten Zwieback namens Matze, das schmeckt wie das zweite Buch Moses selbst.

Ein Mysterium war geschehen. JHWH, Gott der Herr, nahm das Opfer des Lammes für das Opfern des Erstgeborenen und verschonte alle, die es durch Verzehr in sich aufgenommen hatten.

Niemand weiß so genau, ob das alles so passiert ist. Jedenfalls schrieben es so die jüdischen Gelehrten der babylonischen Gefangenschaft in ihre Torarollen irgendwann im 7. Jahrhundert vor unserer Gemeinsamen Zeitrechnung. Die Autoren wünschten natürlich ihren babylonischen Quälgeistern die Pest an den Hals, konnten das aus naheliegenden Gründen nicht so explizit ausdrücken und erzählten lieber die Geschichte von Moses und dem Pharao.

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Das Abendmahl von Leonardo da Vinci. Bild: gemeinfrei

Und so feierte auch der freischaffende Wanderrabbiner Jesses aus Galiläa etwas mehr als zwei Jahrzehnte nach seiner eigenen Geburt mit zwölf seiner engsten Getreuen am Abend des später als Gründonnerstag bezeichneten Tages das Passahfest - auf jeden Fall mit Wein, knackig-staubigem Matze-Zwieback und hoffentlich genug Lammkeule.

Und alle Anwesenden wünschen natürlich der römischen Besatzungsmacht die Pest an den Hals, konnten das aus naheliegenden Gründen nicht so explizit ausdrücken und erzählten lieber die Geschichte von Moses und dem Pharao und schimpften vielleicht ab und an auf die große Hure Babylon und meinten insgeheim Rom. Johannes, engster Trinkkumpane von Jesses an diesem Abend, wird später in seiner Offenbarung dieses Motiv weiter ausbauen.

Im Nachhinein ist viel hineininterpretiert worden in dieses Abendessen, denn wir alle wissen, welches grausige Schicksal tags darauf am heutigen Karfreitag Rabbi Jesses wird erleiden müssen: Folter, Dornenkrone, mit dem eigenen Kreuz zum Hügel Golgatha und dort - an dasselbe genagelt - jämmerlich verrecken. Jetzt wird im Nachhinein aus dem Passah-Abendessen die neutestamentarische Eucharistie, DAS Abendmahl.

Denn nicht Matze und Wein wurden verzehrt, nein, Leib und Blut des tags darauf ans Kreuz genagelte Jesses. Aus den Lämmern, die in Ägypten für das Überleben der erstgeborenen Hebräer geopfert wurden, wird jetzt Jesus Christus, das Lamm Gottes, wie das später der erwähnte Johannes seinem Namensvetter Johannes dem Täufer in den Mund legen wird.

Aus dem Verspeisen der gegrillten Lämmerleiber in Ägypten wird das Knabbern am Matze-Zwieback in Jerusalem, denn der ist ja jetzt der Leib Christis und aus dem Blut des Lammes - zum Schutz gegen Todesengel auf die Türschwelle geschmiert - wird jetzt Wein als Blut Jesu des später Gekreuzigten zur Abwehr des Todes überhaupt und das Versprechen auf Erlösung. Ein neues Mysterium war geboren - das Pascha-Mysterium, das mystérium paschále "Ostergeheimnis", - die Einheit von Leiden und Kreuzestod Christi, seiner Auferstehung von den Toten und seiner Himmelfahrt und Erhöhung und ihrer Vergegenwärtigung in ewig wiederholter Liturgie.

Denn Nutznießer des Opfertodes des Erlösers war keineswegs die geschundene Menschheit, sondern die Institutionen der dadurch neu geschaffenen Religion, der katholischen Kirche. Das Werkzeug dazu lieferte später der selbsternannte Apostel Paulus, indem er recht dreist behauptete, dass Jesses für unser aller Sünden in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gestorben sei.

Paulus macht also die gesamte Menschheit zur Verursacherin der Kreuzigung. Jesus seinerseits habe durch seine Selbstaufopferung der Menschheit die Gnade der Erlösung von den Sünden gewährt.

Und daran hat die christliche Menschheit bis heute zu knapsen.

Man muss sich das in etwa so vorstellen: Die paulinische Kirche, Oberbuchhalterin des christlichen Gnadenschatzes, ja das heißt wirklich so: Gnadenschatz, erteilt große und kleine Einheiten der Gnade an die, die das bitter nötig haben, an uns, die Sünder. Und Sünder sind wir alle, allein schon, weil wir vom Sünder Adam abstammen, weil wir allesamt keineswegs unbefleckt empfangen wurden und natürlich, weil wir so einiges auf dem Kerbholz haben, der Großmutter die Kaffeemühle geklaut oder unreine Gedanken gehabt haben - etwa.

Findige Dogmatiker wie der Kirchenschriftsteller Tertullian aus dem Karthago des 2. Jahrhunderts oder Augustinus aus Hippo im 4. Jahrhundert behaupteten allen Ernstes, dass die Erbsünde physisch durch Samenfluss übertragen werde und dass nur diejenigen, die völlig unverdient die Gnade Gottes erhielten, dieser Erblast entkommen könnten.

Die Erbsünde war geboren und nahm die Menschheit in den Schwitzkasten. Und Sünder schmoren nach dem Tod erst einmal im Fegefeuer, es sei denn die Heilige Kirche legt ein gutes Wort für sie ein. Aber das will verdient sein

Oder - es sei denn, es sei denn Rabbi Jesses ist gar nicht gestorben an diesem Karfreitag, er wurde also gar nicht geopfert wie die vielen Lämmer in Ägypten. Das behaupten zum Beispiel die Muslime. Für die heißt Jesses Isa, ist zwar Prophet und Messias, aber keineswegs Gottes Sohn und am Kreuz ist er auch nicht gestorben. Vielleicht hing ja ein anderer am Kreuz, vielleicht wurde er nur bewusstlos und später von seiner Freundin Miriam aus Magdala als angeblich Toter weggetragen - so wie das dem Grafen von Monte Christo auf dem Chateau d’If vor Marseille gelungen ist.

Vielleicht - und wir können nur hoffen, dass es den beiden gelang - schlugen sie sich nach Beirut durch und ergatterten eine Galeere nach Cadíz im heutigen Andalusien. Und wenn das so war - und wir zweifeln jetzt keine Sekunde mehr daran -, hatten die beiden dort einen Stall voll Kindern. Das mit dem Stall war für Jesús, wie er sich jetzt nannte, gewiss jahrzehntelang der Running Gag, von wegen Bethlehem, Ochs und Esel und den drei Weisen aus dem Morgenland.

Und ganz gewiss steckt unter dem einen oder anderen Penitente-Bi-Ba-Butzemann-Kittel der heutigen Umzüge ein zu allem aufgelegter Nachkomme von Macarena y Jesús, der sich schon auf die Fiesta in den Bars von Cadiz heute Nacht freut. (Jörg Albert)

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